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Zur Entwicklung der Sozialwirtschaft

19.02.2020    Christian Koch

Inhalt
  1. Demografie
  2. Gesellschaftliche Komplexität
  3. Digitalisierung & Gesellschaft
  4. Digitale Leistungserbringung
  5. Neue Wettbewerber - neue Marktstrukturen
  6. Klimawandel und Globalisierung
  7. Rezensionshinweis

Kürzlich wurde ich um einen Impulsvortrag zu aktuellen Entwicklungen in der Sozialwirtschaft gebeten. Lassen Sie mich die Essenz in sieben Thesen darstellen.

Demografie

Auch wenn die demografische Entwicklung kein neues Thema mehr ist, bestimmt sie auch noch über die nächsten zehn bis zwanzig Jahre die Entwicklung unserer Gesellschaft:

  1. Die Nachfrage nach Pflege- und Betreuungsleistungen für ältere Menschen, darunter auch Menschen mit Behinderung, wird noch weiter zunehmen.
  2. Dem gegenüber wird die Kaufkraft für diese Leistungen unterproportional wachsen, weil das Verhältnis von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zu LeistungsempfängerInnen sich verschlechtern wird und die Kaufkraft der Rentenempfänger - nicht nur wegen der langanhaltenden Niedrigzinsphase - abnehmen wird.
  3. Der Fachkräftemangel hat ebenfalls noch nicht seinen Höhepunkt erreicht, sowohl auf Grund erhöhter Nachfrage nach sozialen Leistungen (OGS, U3-Betreuung, Pflege) als auch weil die Zahl der Renteneintritte die Zahl der Berufsanfänger übersteigt.

Gesellschaftliche Komplexität

Früher war nicht alles besser, aber manches einfacher. Alleine die rechtlichen Bedingungen sind so unübersichtlich geworden (Gemeinnützigkeit, Umsatzsteuer, Vergaberecht, ...), dass sich für den (hoffnungslosen) Versuch von Unternehmen, alle Rechtsvorschriften einzuhalten, bereits ein Fachbegriff herausgebildet hat: Corporate Compliance. Die Bindung von MitarbeiterInnen der Generationen X, Y und Z oder die Kommunikation über immer mehr Kanäle (vom Lokalradio über Social Media bis zur Alexa Skill) sind nur zwei weitere Beispiele für die "neue Unübersichtlichkeit". Auch für die nächsten Jahre ist alleine auf Grund der fortschreitenden digitalen Revolution mit weiterhin hohen Wandlungsraten des Organisationsumfeldes und einer stark segmentierten Gesellschaft zu rechnen.

Digitalisierung & Gesellschaft

Basierend auf

  • der weiter fortschreitenden Verkleinerung der Geräte bei gleichzeitiger Leistungssteigerung
  • der Allgegenwart digitaler Technologien, gleichsam von der Fußmatte bis zur Glühbirne
  • der totalen Vernetzung, u.a.von Menschen, von Warenströmen, des Verkehrs, als Smart Home, als Smart City

werden Technologien wie Robotik, virtuelle bzw. erweiterte Realität, künstliche Intelligenz, Profiling und Genetik/Proteomik unser Leben in kaum vorhersehbarer Weise erheblich beeinflussen.

Besonders hervorzuheben sind die Umbrüche in der Arbeitswelt (Wegfall zahlreicher Berufe, kollaborative Roboter), die fortschreitende weltweite Überwachung durch komplexe Software und der unmittelbare Einfluss von autonomen Computersystemen auf unsere Lebensverhältnisse (Kampfroboter, medizinische Diagnose, autonomes Fahren). Damit verbunden sind ethische Fragestellungen, insbesondere inwieweit schwerwiegende Entscheidungen in letzter Instanz Menschen vorbehalten bleiben sollen, auch wenn diese statistisch schlechtere Entscheidungen treffen.

Digitale Leistungserbringung

Ohne Frage werden nach und nach immer mehr Verwaltungsprozesse von der Planung bis zu Leistungsabrechnung und Buchhaltung automatisiert werden. Dies könnte zu einer Entlastung von Fach- und Verwaltungskräften führen, wenn nicht gleichzeitig durch immer komplexere Anforderungen (s.o.) diese Zeitgewinne kompensiert werden.

Die digitale Kommunikation wird sich künftig geschmeidiger in die Leistungsprozesse integrieren. Dazu beispielhafte Anwendungsbereiche, die bereits jetzt technisch grundsätzlich möglich sind.

  • augmented reality: Beim Anblick eines Patienten oder einer Heimbewohnerin werden automatisch oder auf Grund einer Geste Stamm- und Behandlungsdaten in der smarten Brille eingeblendet.
  • Spracheingabe und -ausgabe: Die Kommunikation mit der Branchensoftware erfolgt über ein in die Dienstkleidung integriertes Headset, vgl. mit der aktuellen Ausstattung von SupermarktmitarbeiterInnen. Die Software gibt Auskünfte zu einzelnen KlientInnen, nimmt Eintragungen in die Dokumentation vor und weist von sich aus auf die nächsten geplanten Aufgaben oder notfallmäßig erforderliche Planänderungen hin.
  • Internet of Things: Autonome Softwaresysteme nehmen Vitaldaten, Sturzgefahren, Verhaltensauffälligkeiten, Bewegungsmuster und vieles mehr automatisch auf und leiten daraus Diagnosen, Behandlungs-/Betreuungsempfehlungen oder Notfallmaßnahmen ab.

Basierend auf Big Data und weiteren neuen Technologien (Prothetik, ...) lassen sich dann auch neue Leistungen entwickeln, z.B. adaptive Lernsystem, Ambient Assisted Living und virtuelle Assistenz 24/7.

Neue Wettbewerber - neue Marktstrukturen

Auf Grund der zunehmenden Bedeutung von Daten werden zwangsläufig die großen Digitalkonzerne zu wichtigen Playern auch im Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsmarkt.

Viele technologische Entwicklungen erfordern hohe Investitionen in die Datenbeschaffung, Softwareentwicklung und Marktzulassung. Dies könnte zur Fortführung des Konzentrationsprozesses in der Branche - oder auch zu Franchisingmodellen - führen. Typisch für die schöne neue Digitale Welt sind auch Intermediäre (Plattformökonomie), dies sich zwischen Leistungsanbieter und -empfänger platzieren und bei erfolgreicher Monopolbildung eine erhebliche Rendite erzielen, ohne selber an der eigentlichen Leistungserbringung beteiligt zu sein.

Klimawandel und Globalisierung

Zwei weitere Entwicklungen sind zwar nicht branchenspezifisch, werden aber höchst wahrscheinlich die gesellschaftliche Entwicklung deutlich prägen. Der Klimawandel beeinflusst jetzt schon soziale und medizinisch-pflegerische Leistungen, z.B. bei der Betreuung von MigrantInnen oder dem Umgang mit Hitzewellen in der Altenpflege. Die Globalisierung zeigt sich aktuell in der Verbreitung von Virusinfektionen und der Abhängigkeit von globalen Lieferketten. Nicht nur der globale wirtschaftliche Wettbewerb, sondern auch der Wettbewerb politischer Systeme stellt das Sozial- und Gesundheitswesen immer wieder vor Herausforderungen.

Jede der sieben Entwicklungen ist es wert, in Bezug auf die eigene Organisation und ihre Angebote vertieft analysiert zu werden.

Rezensionshinweis

Siehe auch die aktuelle Rezension zur Arbeit im Digitalzeitalter: Bettina Kohlrausch: Neue Arbeit – neue Ungleichheiten? Rezensiert von Prof. Dr. Werner Sauter

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