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Symbolbild: Change by Design

Change by Design – Warum die Sozialwirtschaft ihre Zukunft aktiv gestalten muss

13.08.2026    Prof. Dr. Jan Tietmeyer

Inhalt
  1. Zwischen Bewahren und Erneuern
  2. Wirkung stärker in den Mittelpunkt rücken
  3. Veränderung bedeutet auch Abschied
  4. Kooperation statt Konkurrenz
  5. Die Formalseite gestalten

Die Sozialwirtschaft steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Fachkräftemangel, veränderte gesellschaftliche Erwartungen, wirtschaftlicher Druck und neue politische Debatten stellen Organisationen vor die Frage, wie sie ihre Mission auch unter veränderten Rahmenbedingungen sichern können. Die zentrale Herausforderung sollte dabei nicht nur lauten: Wie reagieren wir auf Wandel? Sondern vielmehr: Wie gestalten wir Veränderung bewusst?

Ein Ansatz dafür ist „Change by Design" im Kontext von Design Thinking: die Idee, Veränderung nicht erst dann zu beginnen, wenn Krisen unausweichlich sind, sondern Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und aktiv zu gestalten. Dies stellt eine wichtige Komponente einer verantwortungsvollen Sozialwirtschaft dar. Sie sollte dringend neben der Abwehrrolle etabliert werden, die die Sozialwirtschaft in gegenwärtigen sozialstaatlichen Diskursen durchaus zu Recht einnimmt.

Zwischen Bewahren und Erneuern

Die Sozialwirtschaft erfüllt eine zentrale gesellschaftliche Funktion. Gleichzeitig verändern sich die Bedingungen, unter denen soziale Dienstleistungen erbracht werden. Aktuelle Herausforderungen zeigen sich insbesondere in diesen Bereichen:

Der demografische Wandel verschärft den Fachkräftemangel und erhöht gleichzeitig den Bedarf an sozialen Dienstleistungen. Das ist eine im Ergebnis nicht aufzulösende Problematik.
Gesellschaftliche Debatten über Armut, Teilhabe und den Sozialstaat werden insgesamt menschenfeindlicher geführt und verändern die Erwartungen an soziale Organisationen.
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen erhöhen den Druck auf Finanzierung und Effizienz. Dies steht auch im Zusammenhang mit leeren öffentlichen Kassen auf Grund des demographischen Wandels und des nicht mehr funktionalen Exportprinzips der deutschen Volkswirtschaft.
Organisationen der Sozialwirtschaft müssen ihre eigene Legitimation und ihren gesellschaftlichen Beitrag immer wieder sichtbar machen, werden aber selbst gegenwärtig auch kritisch gesehen und bspw. in Sparüberlegungen nicht einbezogen.
Diese Entwicklungen sind nicht voneinander getrennt. Sie beeinflussen sich gegenseitig und machen deutlich: Einzelne Ansätze reichen nicht aus. Gefragt ist eine strategische Weiterentwicklung. Im klassischen Modell des Change Managements von Kotter lässt sich der „Sense of Urgency" (Gefühl der Dringlichkeit) als notwendiger Ausgangspunkt für akzeptierte Veränderungen finden. Die aktuellen Herausforderungen stellen also für einen möglichen Wandel durchaus ein Potential dar.

Wirkung stärker in den Mittelpunkt rücken

Eine wichtige Perspektive für die Zukunft ist die konsequentere Orientierung an Wirkung. Bspw. lenkt die sogenannte IOOI-Logik (Input, Output, Outcome, Impact) den Blick darauf, welche Veränderungen durch Soziale Arbeit tatsächlich entstehen. Dabei geht es nicht nur darum, welche Angebote durchgeführt werden. Entscheidend ist vielmehr:

  • Werden die richtigen Zielgruppen erreicht?
  • Verändert sich deren Situation nachhaltig?
  • Welche gesellschaftliche Wirkung entsteht?

Eine stärkere Wirkungsorientierung kann dabei helfen, Ressourcen gezielter einzusetzen und die fachliche Arbeit gegenüber Politik, Öffentlichkeit und Finanzierungspartnern nachvollziehbarer zu machen.

Veränderung bedeutet auch Abschied

Organisationale Veränderung wird häufig mit neuen Projekten, zusätzlichen Angeboten oder Digitalisierung verbunden. Ein zentraler Bestandteil von Change by Design ist jedoch auch die Frage, was bewusst beendet werden sollte. Exnovation – also das geplante Loslassen nicht mehr sinnvoller Strukturen oder Prozesse – gewinnt deshalb an Bedeutung. Gründe können sein:

  • fehlende Wirksamkeit,
  • veränderte gesellschaftliche Bedarfe,
  • wirtschaftliche Grenzen,
  • technologische Entwicklungen oder
  • organisatorische Altlasten.

Gerade in der Sozialwirtschaft ist diese Perspektive anspruchsvoll. Viele Angebote sind historisch gewachsen und mit großem Engagement aufgebaut worden. Trotzdem braucht nachhaltige Entwicklung die Bereitschaft, auch Bestehendes kritisch zu überprüfen.

Kooperation statt Konkurrenz

Ein weiterer Baustein zukünftiger Organisationsentwicklung ist die stärkere Zusammenarbeit zwischen Trägern und Einrichtungen. Angesichts knapper Ressourcen kann Kooperation von Wettbewerbern – häufig als „Koopetition" bezeichnet – neue Möglichkeiten eröffnen.

Gemeinsame Lösungen können insbesondere in Bereichen wie Digitalisierung, Innovation oder Infrastruktur entstehen. Dadurch bündeln Organisationen ihre Kräfte, ohne ihre fachliche Identität aufzugeben. Dies muss die Sozialwirtschaft intensivieren, denn in den LAGs, den AGs gem. § 78 SGB oder den gemeindepsychiatrischen Verbünden gelingt dies bereits.

Die Formalseite gestalten

Soziale Arbeit lebt von professioneller Beziehungsgestaltung und individueller Unterstützung. Gleichzeitig benötigen Organisationen Strukturen, Steuerung und Management, die Veränderung ermöglichen.

Eine bewusste Gestaltung der Formalseite – etwa durch Qualitätsmanagement, strategische Steuerung und Organisationsentwicklung – kann dazu beitragen, dass fachliche Ziele langfristig umgesetzt werden können.

Die Zukunftsfähigkeit der Sozialwirtschaft hängt damit nicht nur von äußeren Rahmenbedingungen ab. Sie entscheidet sich auch daran, ob Organisationen bereit sind, ihre eigenen Strukturen weiterzuentwickeln.

Change by Design bedeutet letztlich: Die Sozialwirtschaft wartet nicht darauf, dass Veränderung von außen kommt. Sie gestaltet ihre Zukunft aktiv – mit dem Ziel, ihre gesellschaftliche Mission auch morgen noch wirksam erfüllen zu können.

Quellen:

Autor
Prof. Dr. Jan Tietmeyer
Professor für Innovationen in der Sozialen Arbeit an der Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen und Lehrbeauftragter der Hochschule Fulda und FOM Hochschule
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