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Die Mär vom Social Entrepreneur

20.01.2014    Christian Koch

Immer wieder tauchen - auch in der Sozialwirtschaft - neue Modewörter auf, mit denen arg Schindluder betrieben wird. In diese Kategorie gehört auch der sogenannte Social Entrepreneur, mit dem besten Falls alter Wein in neuen Schläuchen verkauft wird und der schlimmstenfalls als soziales Deckmäntelchen für fragwürdige Geschäfte gilt.

Sozialer Unternehmer

Wörtlich übersetzt bedeutet Social Entrepreneur einfach nur sozialer Unternehmer. Ein Unternehmer organisiert den Einsatz von Kapital und Arbeit zur Erstellung von Produkten und Dienstleistungen. Damit löst er zugleich immer gesellschaftliche Probleme: Er schafft Arbeit und befriedigt eine Nachfrage. So gesehen gibt es nur soziale Unternehmer.

Beispielsweise würden ohne landwirtschaftliche Betriebe und nahrungsmittelverarbeitende Unternehmen, die sich um Verpackung, Lagerung, Konservierung und Verteilung der Lebensmittel kümmern, die meisten Bewohner Deutschlands schlicht verhungern. Über den gesellschaftlichen Wert einzelner Leistungen kann man trefflich streiten. Sogenannte "Kinderschokolade" als künstlich gesüßtes Lebensmittel ist einer gesunden Ernährung von Kindern vermutlich weniger zuträglich als ein Apfel. Jeder Unternehmer bietet Leistungen an, die je nach Position des Betrachters unterschiedlichen Nutzen stiften und ggf. gesellschaftliche Nebenkosten verursachen, z.B. Karies, Diabetes oder Übergewicht. Die Art der Leistungserstellung kann in unterschiedlichem Maße nachhaltig organisiert sein. Und die Arbeitsbedingungen können z.B. bezüglich existenzsicherndem Lohnniveau, Arbeitsplatzgestaltung und persönlicher Entwicklungsmöglichkeiten unterschiedlich gestaltet werden.

Ein sozialer Unternehmer würde nach diesem Verständnis Leistungen erbringen, deren Nutzen die auf die Allgemeinheit abgewälzten Kosten deutlich übersteigt, attraktive Arbeitsplätze zu fairen Bedingungen anbieten und ressourcenschonend produzieren. Er würde sich für das Gemeinwesen engagieren, von dessen Infrastruktur sein Unternehmen profitiert. Diese Beschreibung dürfte auf einen großen Teil typischer deutscher Mittelständler zutreffen, die als Familienunternehmen ein langfristiges Interesse an der Unternehmensentwicklung haben und sich oft in besonderem Maße mit der Belegschaft verbunden fühlen.

Der gesellschaftliche Nutzen sozial verantwortlich handelnder Unternehmer ist offensichtlich: Schaffen sie doch dauerhaft zehntausende von gut bezahlten Arbeitsplätzen und hochwertige Produkte.

Ist social noch sozialer?

Oder was könnte das besondere eines Social Entrepreneurs sein, der als scheinbare Neuerscheinung seit rund zehn Jahren vermehrt in Publikationen auftaucht?

Auch wenn es an einer allgemein anerkannten Definition für den Social Entrepreneur fehlt, so wird damit in der Regel eine Person bezeichnet, die gesellschaftliche Probleme mit unternehmerischer Tätigkeit lösen möchte, bei der also die Sachzielerreichung über den ggf. vorhandenen Gewinnzielen steht. Der unternehmerische Ansatz soll dann geeignet sein, praktische alle sozialen Probleme von Armut über den Klimawandel bis zum erfolgreichen Betrieb von Gefängnissen zu lösen.

Nun trifft dies praktisch auf alle Nonprofit-Organisationen mit einem eingerichteten Geschäftsbetrieb zu, also u.a. auf die Mitglieder der Wohlfahrtsverbände mit rund 1,5 Millionen Beschäftigten. Allerdings sind diese etablierten Akteure oft ausdrücklich nicht gemeint, so z.B. in Wikipedia (Zugriff am 19.01.2014): "[...] traditioneller Wohlfahrtsverbände, auf deren Ausgründungen in der Rechtsform von Privatunternehmen der Begriff des Entrepreneurship aber nicht zutreffen kann, da sie mit hohen Zuwendungen und geringem Risiko arbeiten." Dabei werden im gleichen Beitrag als Beispiele für Social Entrepreneurship in Form eines Social Franchising die CAP-Märkte genannt, die in der Regel von Mitgliedern der Wohlfahrtsverbände betrieben werden.

Die Lösung sozialer Anliegen mit unternehmerischen Methoden ist, z.B. in Form von Integrationsbetrieben, nicht wirklich etwas Neues.

Als weiteres Merkmal wird oft verlangt, dass die Ansätze innovativ sein sollen. Innovative Ansätze vom Mehrgenerationenwohnen bis zum Hotel als Integrationsbetrieb finden sich schon länger, ohne dass es dafür eines neuen Begriffs bedurft hätte.

Kritischer Blick auf typische Beispiele

Sinnbild für Innovation ist das Internet mit seinen Höhen und Tiefen, von der Dotcom-Blase bis zur Social Media Euphorie. Hier ist eine ganze Reihe von Portalen entstanden - und zum Teil schon wieder verschwunden, die z.B. Auktionen mit sozialer Rendite, die Vermittlung von Ehrenamtlichen oder eine Übersicht über Spendenmöglichkeiten bieten. Dabei handelt es sich in der Regel nur um einfache Variationen bekannter Geschäftsmodelle, z.B. dem Bazar im Altenheim.

Geld verdienen am sozialen Dienstleister? Sofern die Betreiber von diesen Vermittlungsangeboten leben wollen und müssen, handelt es sich um ganz normale Dienstleister für die eigentlich sozial tätigen Organisationen, vergleichbar z.B. mit einen Ausstatter von Kindertageseinrichtungen.

Ob ein Angebot wirklich sozial vorteilhaft ist, hängt von vielen Faktoren ab. Je nach (fehlender) Qualitätssicherung stellt z.B. ein Spendenportal sogar einen Rückschritt gegenüber Spendensiegeln (DZI, Spendenrat) dar. Bei sinnvoller Gestaltung kann es auch die Transparenz erhöhen und gerade kleineren Vereinen den Zugang zu Spendenmitteln und die Organisation der Spenderverwaltung erleichtern. Andererseits kann ein Spendenportal als Intermediär die Kosten (Gebühren, Arbeitszeit für Datenpflege) für die spendensammelnde Organisation erhöhen, so dass weniger Geld für das soziale Anliegen übrig bleibt als vorher.

Zinsgewinne statt sozialer Gerechtigkeit? Besonders hoch gelobt und nobelpreisgewürdigt wurden Mikrokredite als Allheilmittel gegen Armut. Philip Mader, Wissenschaftler am MPI für Gesellschaftsforschung, kommt in seinem Beitrag "Scheitern auf Raten" (MaxPlanckForschung 3/13, Seite 12 ff.) zu einem desillusionierenden Ergebnis: "Insgesamt legt diese Analyse der Mikrofinanz nahe, dass Finanzmärkte die heute bestehende ungleiche Vermögensverteilung tendenziell verschlimmern - selbst dort, wo sie unter dem Vorzeichen der Armutsreduktion arbeiten. Soziale Gerechtigkeit durch Schulden schaffen zu wollen erweist sich als ein kaum zu erfüllendes Versprechen und als äußerst mangelhafter Ersatz für öffentliche Fürsorge oder umverteilende Entwicklungspolitik."

Sozialer Deckmantel statt sozialer Verantwortung? Passend zur neoliberalen Renaissance haben sich internationale Netzwerke gebildet, in der Regel mit Ursprung in den USA, die euphorisch den Nutzen der Verbindung von Unternehmertum mit guten Absichten propagieren.

Beispielsweise bezieht Enactus nach eigenen Angaben über 1.600 Hochschulen 66.550 Studenten in 36 Ländern in seine Aktivitäten ein. Das Board of Directors liest sich fast wie ein Who is Who der umstrittenen Großkonzerne, z.B. Cargill (Vorwürfe z.B. Waldvernichtung und Kinderarbeit), Coca Cola (ungesunde Softgetränke und Verpackungsmüll weltweit, weitere Kritik) und Walmart (schlechte Arbeitsbedingungen).

Für die Konzerne macht es sicher Sinn, unter Einbeziehung der Ressourcen öffentlich finanzierter Hochschulen und dem ehrenamtlichen Engagement von Studierenden soziale Projekte ins Leben zu rufen. So erhalten sie für wenig Geld ein soziales Deckmäntelchen und bauen frühzeitig Beziehungen zu potentiellen Fachkräften auf. Wenn es bei den Projekten auch noch um Lebensmittel geht, werden vielleicht sogar unmittelbar Konzerninteressen verwirklicht.

Was fehlt sieht man nicht!

Soziale Themen aufzugreifen und dabei unternehmerisches Engagement zu zeigen, ist sicher eine gute Sache. Sozial verantwortlich handelnde UnternehmerInnen gibt es seit Jahrhunderten. Soziale Entrepreneure gehören zu den Gründern der Wohlfahrtsverbände.

Die unter dem Begriff "Social Entrepreneur" angepriesenen Geschäftsideen, Projekte und Unternehmen sind nicht immer besonders sozial, häufig bieten sie alten Wein in neuen Schläuchen.

Soziales Handeln lässt sich oft mit wirtschaftlichen Grundsätzen sinnvoll verbinden. Aber es sollte vor allem auf einer klaren Wertebasis erfolgen und seine Wirkung hinterfragen. Wenn große Konzerne Greenwashing betreiben, fehlt es an der Wertebasis. Und gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht.

Vor allem aber ersetzt sozial motiviertes Wirtschaften kein politisches Engagement. Armut beruht oft auf fehlendem Zugang zu öffentlich finanzierter Gesundheitsversorgung, Bildung und Infrastruktur. Mikrokredite erhöhen unter diesen Bedingungen leicht die Abhängigkeit und Verschuldung der Bevölkerung, da sie schlicht für das Überleben statt den "Unternehmensaufbau" eingesetzt werden müssen. Abhilfe schafft hier nur die politische Durchsetzung legitimer Ansprüche, zum Teil auch gegen die Akteure, die sich mit scheinbar sozialen Aktivitäten an der Armut bereichern.

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