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Ehrenamt und freiwilliges Engagement

16.11.2017    Hans-Joachim Puch

Inhalt
  1. Das Ehrenamt bekommt hohe Aufmerksamkeit in der Fachöffentlichkeit
  2. Freiwilliges Engagement wird oft auf das Gute in der Gesellschaft verkürzt
  3. Engagement kann aber auch eine „dunkle“ Seite haben
  4. Gesellschaftskritische Analyse von politischen Verwerfungen und Ungleichheiten
  5. Ethik des freiwilligen Engagements: offene Gesellschaft
  6. Strukturelle Vielfalt als neuer Bezug

Das Ehrenamt bekommt hohe Aufmerksamkeit in der Fachöffentlichkeit

Am 5. Dezember 2017 ist es wieder so weit: Wir feiern den Internationalen Tag des Ehrenamtes. Ein Blick zurück zeigt, dass sich seit dem ersten Jahrestag 1986 viel verändert hat. Das Thema hat in der Sozialwirtschaft, in Verbänden, in der Wissenschaft und Politik viel Aufmerksamkeit erfahren. Einige Beispiel dafür sind der Bericht der Enquete-Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ von 2002, die Freiwilligensurveys von 1999 bis 2014, die Engagementberichte der Bundesregierung (2012/2016) und die Vernetzung der zivilgesellschaftlichen Akteure auf Landes- und Bundesebene. Wie geht es nun aber weiter mit dem Ehrenamt und insbesondere dem (zivil-)gesellschaftlichen Engagement? Ich lege hier den Fokus auf Veränderungen im politischen Engagementverhalten und frage nach dem ethischen Bezug.

Freiwilliges Engagement wird oft auf das Gute in der Gesellschaft verkürzt

Wir haben uns daran gewöhnt, das freiwillige Engagement mit dem „Guten“ in der Gesellschaft zu assoziieren. Bürgerschaftliches Engagement, das bedeutet Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen, nicht nur seine eigenen Interessen zu sehen, sondern auch das soziale Miteinander zu beachten. Freiwilliges Engagement ist der Transmissionsriemen für die Entwicklung und Weitergabe grundlegender Werte des Zusammenhalts. In einer individualisierten Gesellschaft fördert das Ehrenamt den Blick auf das Ganze. Das breite Engagement in den Flüchtlingsinitiativen zeigt dies eindrucksvoll.

Engagement kann aber auch eine „dunkle“ Seite haben

Erweitert man den Blick über das soziale Ehrenamt hinaus und bezieht das gesamte Feld des informellen politischen Engagements ein, dann gerät die populistische Variante des „bürgerschaftlichen“ Engagements („Wutbürger“) in den Fokus. Diese Variante des Engagements hat nicht den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Verbindende als Ziel, sondern das Trennende und Spaltende. Die Montagsdemonstrationen in Dresden zeigen dies deutlich und sind nur ein Beispiel von vielen. Das Nachdenken über den Wandel des Engagements sollte also auch die „dunkle“ Seite eines populistischen Engagements einbeziehen und nach Antworten suchen.

Gesellschaftskritische Analyse von politischen Verwerfungen und Ungleichheiten

Damit dies produktiv gelingt, sollten mindestens zwei Aspekte berücksichtigt werden: nüchterne gesellschaftliche Analyse und ein klar ausgewiesener Wertebezug. Das, was für die Gesellschaft allgemein gilt, gilt auch für das Ehrenamt im Besonderen: es unterliegt einem beschleunigten sozialen Wandel, es oszilliert zwischen regionalen und globalen Bezügen, es schafft Gewinner, weil sie ihr Engagement als Zugewinn an Teilhabe begreifen und es schafft Verlierer, weil Menschen von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen sind. Eine neue, gesellschaftskritische Analyse des Ehrenamtes ist deshalb erforderlich, die auch die aktuellen politischen Ungleichheiten mit in den Blick nimmt und zeigt, warum sich bürgerschaftliches Engagement auch in sein Gegenteil verkehren kann.

Ethik des freiwilligen Engagements: offene Gesellschaft

Freiwilliges Engagement hat immer einen eindeutigen Wertebezug. Dieser ist an dem Ideal einer offenen und toleranten Gesellschaft zu messen. Das strukturelle Merkmal offener Gesellschaften ist die Vielfalt und die Toleranz im Umgang mit ihr. Wie sollte aber mit einem bürgerschaftlichen Engagement umgegangen werden, wenn diese Grundlagen in Frage gestellt werden, wenn Intoleranz und Wut die Triebfeder des Engagements sind? Seien wir ehrlich, Erfolgsrezepte haben wir nicht.

Was zunächst aber erforderlich ist, ist ein Umgang, der frei von Klischees nach den Ursachen für intolerantes Engagement fragt. Wenn die zivilgesellschaftlichen Akteure dabei aber allein gelassen werden, sind sie überfordert. Ein Erfolg dieser neuen Aufgabe wird sich nur dann einstellen, wenn Ehrenamtspolitik auch als Gesellschafts-, Wirtschafts- und Sozialpolitik verstanden wird, die durch flankierende Maßnahmen soziale Ungleichheit reduziert, Ängste vor einer unübersichtlichen Gesellschaft ernst nimmt und dabei hilft, diese Ängste abzubauen.

Strukturelle Vielfalt als neuer Bezug

Weitere Antworten auf die Herausforderungen des freiwilligen Engagements in den nächsten Jahren liefert u.a. der Zweite Engagementbericht der Bundesregierung von 2016. Ein Ausgangspunkt des Berichts der Experten ist hier der Begriff der strukturellen Vielfalt. Er ist aus meiner Sicht in vielfacher Weise hilfreich. Er öffnet den Blick für die Heterogenität, den das freiwillige Engagement in vielen Facetten genommen hat. Gleichzeitig wird aber deutlich, dass nur mit einem klaren Wertebezug zu einer offenen und toleranten Gesellschaft Vielfalt dauerhaft gesichert werden kann.

Prof. Dr. Hans-Joachim Puch
Präsident i.R. Evangelische Hochschule Nürnberg
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Zusammengestellt von Prof. Dr. Hans-Joachim Puch

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