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Gendern - auch das noch?

15.11.2020    Christian Koch

Inhalt
  1. Der Geschäftsführer
  2. Kommunikation schafft Wirklichkeit
  3. Gleichberechtigung im Sozial- und Gesundheitswesen
  4. Formen des Genderns
  5. Aktueller Stand bei socialnet
  6. Weiterführende Links

Während sich im Bereich der Hochschulen das Gendern weitgehend durchgesetzt hat, durchdringt es die übrigen Lebensbereiche stetig, aber eher langsam. Auch die Redaktionen bei socialnet setzen sich immer wieder mit der Frage geschlechtergerechter Sprache auseinander. Dabei treffen wir bei AutorInnen und RezensentInnen auf höchst unterschiedliche Reaktionen von engagiertem Einsatz für die jeweils eigene Schreibweise über Anpassung an unsere Vorschläge bis zur Ablehnung einer gegenderten redaktionellen Überarbeitung.

Warum aber werden die - teilweise sehr emotionalen - Diskurse überhaupt geführt? Haben wir nicht längst eine weitestgehende rechtliche Gleichstellung aller Geschlechter erreicht, einschließlich umfassender Diskriminierungsverbote?

Der Geschäftsführer

Zumindest sprachlich ist die Gleichberechtigung in Gesetzestexten noch nicht angekommen. Als Beispiel soll hier die Bezeichnung Geschäftsführer in der GmbH, einer auch im Sozialwesen weit verbreiteten Rechtsform, dienen. Das altehrwürdige GmbH-Gesetz kennt seit 1892 nur den (männlichen) Geschäftsführer, auch in der aktuellen, zuletzt 2017 geänderten Fassung.

Jede GmbH muss einen oder mehrere Geschäftsführer haben (§ 6 Abs. 1). Die Gesellschaft wird durch die Geschäftsführer gerichtlich und außergerichtlich vertreten (§ 35 Abs. 1). Geschäftsführer führen die Geschäfte der GmbH und handeln für die GmbH gegenüber Dritten. Sie sind - neben den GesellschafterInnen = EigentümerInnen - die einflussreichsten Personen in der GmbH. Sie bekommen in der Regel das höchste Gehalt und haben den größten Entscheidungsspielraum.

Während also in Stellenanzeigen das "(w/m/d)" zum Standard geworden ist, ist die Gleichberechtigung trotzt AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) von 2006 in wichtigen Gesetzestexten sprachlich noch nicht angekommen. Aber ist dies wirklich relevant?

Kommunikation schafft Wirklichkeit

"Wir suchen einen Nachfolger für den aus Altersgründen ausscheidenden, altgedienten Geschäftsführer." Assoziieren Sie jetzt als erstes zwei jüngere Frauen, die die Geschäftsführungsaufgabe gemeinsam übernehmen?

Sprache beeinflusst die Wahrnehmung. Kommunikation allgemein dient immer dazu, Einfluss auszuüben, die eigene Sichtweise der Welt anderen Personen zu vermitteln und deren Verhalten dadurch zu beeinflussen. Weitergehend kann Kommunikation als soziale (gemeinsame) Konstruktion von Wirklichkeit verstanden werden (Frindte/Geschke 2019). Es macht also sehr wohl einen Unterschied, ob wir uns über das Profil des künftigen Nachfolgers (Mann, eine Person, möglichst so wie der Vorgänger) oder über die Anforderungen an eine künftige Geschäftsführung (welche - neuen - Qualifikationen, wie viele Personen, Geschlecht, ...) unterhalten.

Gleichberechtigung im Sozial- und Gesundheitswesen

Nun kenne ich aus meiner Beratungstätigkeit durchaus soziale Träger mit mehreren hundert MitarbeiterInnen, bei denen sich die Geschäftsführung aus einer Frau, zwei Frauen oder drei Frauen zusammensetzt. Aber insgesamt mache ich immer wieder die Erfahrung, dass der Anteil der Frauen in Führungspositionen abnimmt, je weiter oben in der Hierarchie die Stellen angesiedelt sind.

Für diesen Newsletter habe ich als - für die gesamte Branche sicher nicht repräsentative - Stichprobe die Besetzung der Geschäftsführung laut Webimpressum der Mitglieder des Brüsseler Kreises betrachtet. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von 13 großen, gemeinnützigen, christlich geprägten Trägern in den Rechtsformen Verein, GmbH, Stiftung und AG.

Das Ergebnis ist unter dem Gesichtspunkt einer ausgewogenen Geschlechterverteilung ernüchternd:

  • an erster Stelle steht immer(!) ein Mann
  • nur bei 3 Trägern kommt wenigstens eine Frau in der Geschäftsführung vor (die Auswertung berücksichtigt keine Tochtergesellschaften)
  • nur in einem Fall ist die Geschäftsführung geschlechterparitätisch besetzt, wenngleich das männliche Mitglied als "Sprecher" an erster Stelle steht
  • von insgesamt 29 genannten Geschäftsführungsmitgliedern sind nur 3 (10,3 %) Frauen.

Zum Vergleich: Der Anteil der Frauen an DAX-Vorständen war im April 2020 14,1 %. Dabei ist zu berücksichtigen, dass im Sozial- und Gesundheitswesen der Anteil der Frauen an den Beschäftigten deutlich über 50% liegt, z.B. in der Pflege bei rund 85%.

Sprache mag nur ein kleiner Baustein sein, um auch im Sozial- und Gesundheitswesen zu mehr Gendergerechtigkeit beizutragen. Aber notwendig ist er auf jeden Fall.

Formen des Genderns

Sie haben bestimmt schon einmal erlebt, dass ein Text durch ungeschicktes Gendern kaum noch lesbar war. Dies ist jedoch kein Grund, vor dem Gendern zu kapitulieren. Dabei gibt es unterschiedliche Ansätze:

  • Geschlechtsspezifische Begriffe werden ersetzt, z.B. Mitarbeiter durch Mitarbeitende oder ggf. besser Belegschaft, Personal. Der Lesefluss wird in keiner Weise gestört und Missverständnisse, ob ggf. nur männliche Mitarbeitende gemeint sind, sowie Diskriminierung werden vermieden.
  • Weibliche und männliche Form werden aufgeführt, z.B. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Text wird deutlich länger und andere Gender (Bisexuell, Transsexuell) werden immer noch nicht erfasst.
  • Die Schreibweise wird modifiziert, z.B. MitarbeiterInnen, Mitarbeiter/innen, Mitarbeiter_innen oder Mitarbeiter*innen. Bei MitarbeiterInnen werden weitere Gender nicht explizit berücksichtigt. In Verbindung mit Adjektiven kann die Schreibweise unübersichtlich werden, z.B. "jede*r Mitarbeiter*in" und "Karriere des*der Mitarbeiters*Mitarbeiterin". Ggf. kommt es zu Problemen bei der automatischen Verarbeitung, z.B. Rechtschreibkontrolle, Suchfunktion, automatische Trennung, Sortierung.

Aktueller Stand bei socialnet

Die Portale von socialnet umfassen ca. 75.000 Seiten, die über zwanzig Jahre entstanden sind.

Bisher haben wir in unseren Texten die Schreibweise mit großem I bevorzugt, weil diese Schreibweise besonders gut für Suchmaschinen geeignet ist und wir darauf angewiesen sind, von Suchmaschinen als Treffer angezeigt zu werden. In "MitarbeiterIn" sind sowohl Mitarbeiter als auch Mitarbeiterin als Zeichenfolge enthalten und sollten zu einem Treffer führen.

Wenn AutorInnen eine andere Schreibweise bevorzugen, lassen wir dies grundsätzlich zu.

Sofern ein Text nicht gegendert ist, regen wir dies zumindest bei Lexikonbeiträgen an, um innerhalb des Werkes ein möglichst einheitliches Erscheinungsbild zu erhalten. Bei Lexikonbegriffen verwenden wir derzeit "weibliche Form, männliche Form", als z.B. "Erzieherin, Erzieher" um - wieder mit Rücksucht auf Internetsuchmaschinen - eine exakte Übereinstimmung mit beiden Suchbegriffen zu erzielen. Die weibliche Form steht an erster Stelle, weil zumindest bei den Berufen die Zahl der weiblichen Berufsangehörigen in der Regel höher ist als die der männlichen Berufsangehörigen.

Sprache lebt und verändert sich laufend. Daher werden auch wir unsere Vorgehensweise immer wieder diskutieren und anpassen.

Unabhängig davon, für welche Schreibweise Sie sich entscheiden, ist alleine schon der bewusstere Umgang mit Sprache, hier Gender, wertvoll. Denn: Sprache wirkt sich auf die gesellschaftliche Realität aus, die wir mit unserem Sprachgebrauch mitgestalten. Für eine genderunabhängige Teilhabe ist allerdings weit mehr als ein reflektierter Sprachgebrauch notwendig.

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