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Gute Geschäftsführung kann es nur in Teilzeit geben

27.05.2021    Christian Koch

Hätten Sie jetzt „nicht“ statt „nur“ erwartet? Nun, dann bietet dieses Editorial vielleicht speziell für Sie noch neue Aspekte.

Für eine gute Führungskraft sollte eine 30-Stunden-Stelle vollkommen ausreichen:

  1. Eine gute Führungskraft hat nach den ersten 30 Wochenstunden Arbeitszeit das Wesentliche erledigt. Auf das weniger Wesentliche kann dann getrost verzichtet werden. Und wer keine Prioritäten setzen kann, sollte besser nicht Führungskraft werden.
  2. Eine gute Führungskraft vertraut ihren MitarbeiterInnen und muss nicht ALLES kontrollieren. Dies spart Zeit bei der Führungskraft und den MitarbeiterInnen. Wieder ein paar Wochenstunden weniger Führungskräftearbeitszeit.
  3. Eine gute Führungskraft stellt sich ein qualifiziertes Team zusammen. Dann kann sie alle nicht notwendigerweise bei der Führung angesiedelte Aktivitäten nach und nach delegieren. Vielleicht bleiben dann nicht einmal 30 Wochenstunden übrig?
  4. Eine gute Führungskraft weiß, wann sie persönlich in Erscheinung treten muss, weil die Situation den Status, die Autorität oder andere besondere Führungseigenschaften verlangt. In allen anderen Situationen muss sie sich nicht in den Vordergrund spielen, sondern überlässt auch den Außenauftritt der Organisation – zumindest in weiten Teilen – ihren MitarbeiterInnen.
  5. Eine gute Führungskraft nimmt sich selbst nicht wichtiger als den Auftrag der Organisation. Sie vermittelt der Belegschaft den Organisationsauftrag und die konkreten Organisationsziele. Dann müssen die MitarbeiterInnen nicht mehr nachfragen, "wie es die Geschäftsführung gerne hätte", sondern können sich direkt an Auftrag und Zielen orientieren. Dies bedeutet weniger Arbeitsunterbrechungen für die Führungskraft.
  6. Eine gute Führungskraft ist auch in Bezug auf effiziente Arbeitsweise ein Vorbild. Wenn bei einer gut geführten Besprechung alle Fragen in einer halben Stunde geklärt werden können, dauert die Besprechung nicht zwei Stunden, z.B. weil die Führungskraft so gerne redet oder Besprechungen leitet. Vielleicht kann bei effizienter Arbeitsweise in einer 30-Stunden-Stelle sogar mehr geleistet werden als vorher in einer vollen Stelle plus Überstunden?
  7. Für eine gute Führungskraft stellt die Führungsrolle einen Teil ihrer Persönlichkeit dar, aber sie definiert sich nicht ausschließlich darüber. Andere Rollen, weitere Persönlichkeitsanteile und vielfältige Interessen verhindern, dass sich die Führungskraft nur auf Führung fixiert und die Arbeit nicht loslassen kann.
  8. Eine gute Führungskraft hat auch ein schönes zu Hause. Und damit ist jetzt nicht das Home Office gemeint! Sie sollte also aus eigenem Antrieb darauf hinwirken, in 30 Stunden mit ihrer Arbeit fertig zu werden. Sollte sie gerade kein schönes zu Hause haben, wird sich die Situation nicht bessern, wenn die Kraft sich verstärkt auf die Arbeit konzentriert. Im Gegenteil, spätestens jetzt sind eine Teilzeitstelle und ggf. Jobsharing dringend angeraten.
  9. Eine gute Führungskraft terrorisiert ihre MitarbeiterInnen nicht mit Mails am Wochenende und Telefonanrufen aus dem Urlaub. Zur 30-Stunden-Stelle gehört selbstverständlich ein fristgerecht und vollständig genommener Urlaub.

Und hier noch für Freunde der Simplifizierung eine Zusammenfassung als Führungskräfteampel.

  • GRÜN: Ihre Leitungskräfte haben eine 30-Stunden-Stelle und alles läuft rund? Dann haben Sie die richtigen Personen eingesetzt, die zudem einen guten Job machen.
  • GELB: Ihre Leitungskräfte haben eine 40-Stunden-Stelle, klagen maßvoll über Überlastung und gelegentlich werden strategische Ziele aus den Augen verloren? Die Krise zeichnet sich schon ab. Sie sollten jetzt handeln, bevor die Ampel auf rot wechselt.
  • ROT: Ihre Leitungskräfte sind mit ihrer heroischen 60-Wochenstunden-Leistung unersetzlich - alleine um die ständigen Konflikte und Reibungsverluste in der Organisation zu kompensieren? Sie fürchten, dass es zu einer größeren Leitungskrise kommen könnte? Dann lesen Sie das Editorial noch einmal in Ruhe von Anfang an und überlegen, wo wohl die Ursachen liegen. Es liegt ganz an Ihnen, sich für Gelb oder Grün zu entscheiden.

Der Verfasser dieser Zeilen muss jetzt erst einmal über den Punkt 9 nachdenken …