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Herausforderungen der digitalen Gesellschaft

27.10.2019    Christian Koch

Inhalt
  1. Beruflicher Wandel
  2. Einkommens- und Vermögensverteilung
  3. Transparenz - für alle?
  4. Die Realität virtueller Realität
  5. Demokratisierung vs. Monopolisierung
  6. Transhumanismus

Dieser letzte Teil der dreiteiligen Reihe zur Digitalisierung behandelt nach den Aspekten der Technologie und sozialwirtschaftlichen Bedeutung die Frage nach den gesellschaftlichen Auswirkungen. Digitalisierung muss dabei im Zusammenhang mit der Globalisierung, weiteren wissenschaftlichen (z.B. Genetik, Nanomaterialien) und technologischen (z.B. Robotik, 3D-Druck) Entwicklungen gesehen werden, da sich diese Trends gegenseitig verstärken und beeinflussen.

Beruflicher Wandel

Durch die Digitalisierung werden zahlreiche Berufe wegfallen oder sich grundlegend ändern. Einige Autoren erwarten einen Verlust von bis zu 40% aller Arbeitsplätze. Betroffene Arbeitsfelder reichen von der Sachbearbeitung bei Bank und Versicherung bis zum LKW-Fahrer. Im Gegensatz zur industriellen Revolution und später der Automatisierung der industriellen Produktion sind diesmal überwiegend Dienstleistungen und intellektuelle Tätigkeiten mit geringer bis mittlerer Komplexität betroffen. Während der Wegfall von zumindest einem großen Teil der Arbeitsplätze relativ sicher ist, bleiben wesentliche Fragen offen:

  1. Wie schnell wird der Wandel in den einzelnen Bereichen erfolgen? Werden in zwanzig Jahren 95% der Taxifahrten durch autonome Fahrzeuge (inkl. Flugtaxis) abgewickelt werden, oder schon in zehn Jahren?
  2. In welchem Umfang werden neue Berufe und Arbeitsplätze entstehen? Die industrielle Revolution und die Automatisierung der 70er bis 90er Jahre des letzten Jahrhunderts haben nicht zu dauerhafter Massenarbeitslosigkeit geführt. Werden also auch diesmal die Freisetzungen von Arbeitskräften durch neue Bedarfe (und den demographischen Wandel) kompensiert werden?
  3. Auf welchem Niveau werden wie viele der neuen Arbeitsplätze entstehen? Entstehen überwiegend hochqualifizierte Bedarfe (z.B. QuantenphysikerIn) oder niedrigqualifizierte Bedarfe, bei denen sich eine Automatisierung nicht lohnt (z.B. E-Roller-EinsammlerIn)?

Die Digitalisierung alleine betrachtet fördert einen globalen Wettbewerb um Spitzenkräfte, einen deutlichen Bedarfsrückgang bei mittleren Qualifikationen und einfach zu automatisierenden Tätigkeiten (z.B. KassiererIn). Es ist eine gesellschaftspolitische Frage, ob beispielsweise durch die Akademisierung der Frühpädagogik rund 400.000 bis 600.00 Stellen künftig höher qualifiziert sind. Dies würde dem beschriebenen Trend deutlich entgegenwirken.

Einkommens- und Vermögensverteilung

Digitalisierung bedeutet letztlich wie bei der Automatisierung in der Industrie, dass der Produktionsfaktor Arbeit (auch geistige Arbeit) durch Kapital, gebunden in Soft- und Hadware, ersetzt wird. In der Folge findet eine Verschiebung zwischen Arbeits- und Kapitaleinkommen statt. Langfristig wird die Digitalisierung den aktuellen Trend, dass die Vermögenskonzentration insbesondere bei den "Superreichen" zunimmt, weiter verstärken.

Im Gegensatz dazu sind die auf Arbeitseinkommen angewiesenen Haushalte in besonderen Maße von den beruflichen Umwälzungen durch die Digitalisierung betroffen: Entwertung bisheriger Bildungs- und Berufskompetenzen, ggf. verstärkt geforderte räumliche Mobilität, räumliche und zeitliche Entgrenzung der Arbeit (u.a. Home Office) und prekäre Arbeitsverhältnisse (Mikrojobs).

So wie die industrielle Revolution die Gründung der Wohlfahrtsverbände und die Entwicklung einer Sozialgesetzgebung hervorgebracht hat, bedarf auch die digitale Revolution politischer Reaktionen, z.B. Digitalsteuer, gesetzlich vorgeschriebene offene Schnittstellen und vieles mehr, wenn unerwünschte Folgen abgemildert werden sollen.

Transparenz - für alle?

Alleine das Smartphone und die Internetnutzung liefern umfassende Persönlichkeitsprofile, Satelliten überwachen praktischen jeden Fleck der Erde, dazu kommen detaillierte Protokolle des Fahrverhaltens aus modernen Autos, die Aufnahmen von allgegenwärtigen Videokameras und zunehmend die Daten der IoT-Geräte (Internet of Things), also praktisch jedem weiteren Gegenstand von der Glühbirne bis zur Zentralheizung.

Die Digitalisierung und Vernetzung schafft Transparenz über Ihren persönlichen Herzschlag, während Sie diesen Newsletter lesen, bis zu globalen Truppenbewegungen.

Einerseits bietet dies viele positive neue Möglichkeiten.

  • Unter dem Begriff "Open Data" gibt es Ansätze, staatliche Daten öffentlich zugänglich zu machen und Nutzen stiftend aufzubereiten. Das Informationsfreiheitsgesetz verschafft dieser Bewegung deutlichen Auftrieb.
  • Amnesty International verfügt über eine digitale Forensikgruppe, die Kriegsverbrechen u.a. mit Hilfe von Satellitenbildern und Social-Media-Daten zu dokumentieren versucht.
  • Plagiate bei wissenschaftlichen Arbeiten, z.B. von PolitikerInnen, können leichter entlarvt werden

Andererseits nimmt dank abnehmender Privatsphäre die Macht von Internetkonzernen und diktatorischer Staaten weiter zu.

  • Der Schritt von der personalisierten Werbung bis zum Nudging (Beeinflussung von Verhalten durch individuell zugespielter, ggf. gefälschter Informationen) ist nur ein kleiner, der oft im Verborgenen bleibt. Öffentlich wurde das Risiko durch den Cambridge Analytica Skandal von Facebook.
  • Diktaturen können nicht nur wesentliche Informationsflüsse unterbinden oder überwachen, sondern durch die Zusammenführung zahlreicher Datenquellen die kühnsten Orwellschen Visionen wahr werden lassen und zur sozialen Kontrolle einsetzten, wie dies z.B. beim chinesischen Social Credit Point System aktuell umgesetzt wird.

Die Nutzbarmachung öffentlicher Daten und der Schutz privater Daten sollten ein zentrales Anliegen sozialer Organisationen werden. Künftig könnte "Datenverteilung" für die Lebensqualität ähnlich relevant werden wie die Einkommensverteilung.

Die Realität virtueller Realität

Die Auswirkungen "virtueller" Handlungen sind höchst real. So kann Cyber Grooming das Opfer bis in den Selbstmord treiben.

Augmented Reality blendet virtuelle Elemente in das normale Sichtfeld ein, z.B. die Position eines zu operierenden Tumors für die ChirurgIn. Virtual Reality vermittelt dreidimensionales Erleben vollständig virtueller Räume. Gegenüber zweidimensionalen Internetseiten ist die "Immersion", d.h. dass der Grad des "Eintauchens" in die virtuelle Welt, deutlich höher. Damit dürfte auch das Suchtpotential ungleich höher sein im Vergleich zur Internet- oder Spielsucht bei klassischen zweidimensionalen Computerspielen.

Virtual Reality könnte langfristig unsere Beziehungen zu unserer Umgebung tiefgreifend verändern. So könnten "beste FreundInnen" künftig rein virtuell sein und unliebsame Personen im Sichtfeld ausgeblendet werden. Stellen Sie sich vor, statt des unliebsamen Chefs bzw. der Chefin sehen Sie nur noch einen lustig wackelnden Kaktus, den freundlich anzulächeln Ihnen viel leichter fallen würde.

Der Konstruktivismus geht davon aus, dass jeder Menschen aus seinen Wahrnehmungen ein eigenes Modell von der Welt entwickelt und es keine Möglichkeit gibt, die eine richtige Welt zu erfahren. Künftig könnten Menschen zudem die Wahrnehmung der Welt in nahezu beliebiger Weise für sich (oder Dritte) verändern.

Demokratisierung vs. Monopolisierung

Mit dem Aufkommen des Internets entstanden euphorische Erwartungen bezüglich der Demokratisierung von Kommunikation, Information und Bildung. Jeder kann selber zum Sender von Informationen werden, anstatt nur (Massen-)Medien zu konsumieren. (Fach-)Informationen stehen im Rahmen der Open Access Veröffentlichung frei zur Verfügung. Open Educational Resources ermöglichen unabhängig vom Einkommen und sozialen Status weltweit freien Zugang zu Bildungsangeboten.

Dank 3D-Drucker setzt sich dieser Trend der Dezentralisierung bis in die physische Welt fort. Im Repair Café kann durch preiswerte Ersatzteile die Lebensdauer von Geräten verlängert und der Ressourcenverbrauch vermindert werden.

Auch wenn die Erwartungen teilweise erfüllt wurden, hat die Entwicklung in wesentlichen Bereichen eine ganz andere Richtung genommen. Wenige große Internetkonzerne ("The Big Seven": Alibaba, Alphabet mit Google/YouTube, Amazon, Apple, Facebook mit Instagram/WhatsApp, Microsoft, Tencent mit WeChat) dominieren die Angebote Onlinehandel, Suchen, Social Media (Nachrichten, Bilder, Videos), Browser, E-Mail und Clouddienste. Weitere Bereiche, wie z.B. Onlinebezahldienste, kommen absehbar hinzu. Diese Monopolisierung wird insbesondere durch drei Faktoren begünstigt.

  1. Die Suchmaschine mit den meisten indizierten Seiten und den besten Treffern wird von den NutzerInnen bevorzugt. Damit erzielt sie die meisten Werbeeinnahmen und kann am meisten in den weiteren Ausbau investieren. Analog sind der Online-Shop mit der größten Auswahl und das soziale Netz mit den meisten Bekannten am attraktivsten und werden am schnellsten wachsen.
  2. Bei Onlinediensten sind die meisten Kosten fixe Kosten. Auch wenn meine Suchmaschine nur 5.000 statt 50 Millionen Anfragen am Tag bearbeiten muss, müssen für eine gute Trefferliste gleich viele Seiten vorher indiziert worden sein. Die eigentliche Arbeit steckt in der Entwicklung komplexer Software bzw. den Erstellen großer Datenbestände. Damit sind für Newcomer die Markteintrittskosten sehr hoch.
  3. Ein Austausch von Waren oder die Pflege von Kontakten ist immer dort attraktiv, wo ich viele Händler oder Bekannte antreffe. Ein neuer Anbieter muss daher erst einmal einen entsprechenden Nutzerstamm aufbauen. Ein zweiter Account bei einem neuen Anbieter bedeutet jedoch für die UserIn erst einmal zusätzliche Arbeit; ein Wechsel führt ggf. sogar zum Verlust von Daten und Kontakten. Daher genügt es nicht, wenn ein neu auftretender Konkurrent nur ein ähnlich gutes Angebot bietet, sondern er muss deutliche Vorteile gegenüber dem Marktführer aufweisen, um NutzerInnen gewinnen zu können.

Ohne Frage tragen die kostenlosen oder kostengünstigen Internetangebote der Monopolisten zur Lebensqualität bei. Sie fördern weltweite soziale Kontakte, helfen Fachinformationen zu finden und bieten sozialen Initiativen eine wertvolle Infrastruktur.

Durch die zunehmende Macht der Internetkonzerne wird aber auch die Angebotsvielfalt gefährdet, drohen Zensur und Diskriminierung, werden Steuereinnahmen vermieden, prekäre Arbeitsverhältnisse begünstigt und die demokratische Kontrolle gesellschaftlicher Ressourcen geschwächt.

Eine kritische Vertretung der Interessen von InternetnutzerInnen, das Aufgreifen von gesellschaftlichen Missständen in der virtuellen Welt und Fragen der Internet Governance sollten künftig in den Themenkanon sozialer Organisationen gehören. Internetpolitik ist auch Sozialpolitik.

Transhumanismus

Wer die Digitalisierung als Trend weiter denkt, landet fast automatisch entweder bei der Apotheose der künstlichen Intelligenz oder der Verwandlung des Menschen in einen genetisch-technologisch optimierten Cyborg. So oder so ist Unsterblichkeit eine zentrale Zutat diese (Allmachts-)Phantasien.

Dass es sich hierbei keinesfalls nur um die Ideen zweitklassiger Science-Fiction-AutorInnen handelt, zeigt sich darin, dass erhebliche Investitionen in folgende Bereiche fließen

  • medizinische und genetische Forschung zur Verlangsamung des menschlichen Alterungsprozesses und der Optimierung menschlicher Fähigkeiten
  • Entwicklung immer neuer Anwendungen der künstlichen Intelligenz, um u.a. möglichst autonome Avatare (virtuelle Persönlichkeiten) zu schaffen
  • Einsatz vielfältiger Implantate (auch Exoskelette) zur Erweiterung menschlicher Fähigkeiten.

Dabei wird staatlich finanzierte Forschung teilweise durch die Investitionen der neuen "Internetmilliardäre" abgehängt oder ist stark militärisch geprägt.

Ob es in den nächsten Jahrzehnten wirklich zur Schaffung einer Singularität (künstliche Intelligenz, die die Fähigkeiten eines Menschen übersteigt) kommt, erscheint fraglich, wenn man sich verdeutlicht, dass bisherige Anwendungen sich immer nur auf sehr eng beschränkte, gut strukturierte Aufgaben bezogen haben. Aber immerhin hat Google schon einen Bot entwickelt, der in einem Restaurant anrufen und einen Tisch bestellen kann, ohne dass der Bot - in diesem begrenzten Gesprächskontext - von einem Menschen zu unterscheiden gewesen wäre. Auch werden die individuellen Sprachassistenzen, die schon in mehreren 100 Millionen Smartphones, Smartspeakern etc. zum Einsatz kommen, zwar in kleinen Schritten, aber stetig leistungsfähiger.

Nicht medizinisch indizierte Implantate könnten in wenigen Jahren so selbstverständlich wie ein Piercing oder Ohrring werden. Erste Unternehmen verwenden bereits subkutane Chips bei Ihren MitarbeiterInnen u.a. für die Zugangskontrolle.

Auf Grund des Zusammentreffens der skizzierten Entwicklungen können wir davon ausgehen, dass die längst noch nicht abgeschlossene digitale Revolution mindestens so weitreichende globale Folgen wie die industrielle Revolution haben wird. Dabei ist die Entwicklung für den einen erschreckend, für den anderen verheißungsvoll. Bei nüchterner Betrachtung zeichnen sich erhebliche Chancen und erstzunehmende Risiken ab. Die Entwicklung wird sich nicht verhindern lassen. Aber es können Risiken im Vorfeld abgeschätzt, Entwicklungen kritisch begleitet und politische Rahmenbedingungen gestaltet werden.

Alle sozial engagierten Kräfte sind aufgefordert, sich in die Gestaltung der digitalen Gesellschaft aktiv einzumischen. Dazu bedarf es einer fachlich fundierten Befassung mit Technologien und gesellschaftlichen Folgen sowie ethischer Diskurse. Die Thematik dürfte uns noch mehrere Jahrzehnte begleiten.

Weitere Ressourcen zum Stichwort "Digitalisierung" bei socialnet.

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