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Wie heißt das Zauberwort? Inklusion!

17.03.2015    Christian Koch

Inklusion ist eine prima Sache. Man kann sie gefahrlos in politischen Sonntagsreden fordern, einleitend in Konzeptionen und Satzungen aufnehmen oder als Adjektiv aufwertend hinzufügen, z.B. bei inklusiver Pädagogik. Und schließlich weiß man sich durch die Behindertenrechtskonvention moralisch und rechtlich bestens legitimiert.

Käme es da nicht immer wieder zu der einen oder anderen Irritation. In der gerade erschienen Ausgabe des NDV (Heft 3/2015, Seite 101 ff.) stellt Uwe Becker den Inklusionsbegriff grundsätzlich in Frage. Zwar mögen über Deutungshoheit verfügende gesellschaftliche Gruppen (einkommensstarkes Bildungsbürgertum) andere Gruppen (einkommensschwache, bildungsferne und Menschen mit Behinderung) als Randgruppen der Gesellschaft definieren, aber damit bleiben sie Teil der Gesellschaft. Ohne Exklusion auch keine Inklusion.

Die Irritation, was denn nun genau und von möglichst vielen Akteuren übereinstimmend unter Inklusion zu verstehen sei, begegnet mir auch immer wieder bei Trägern der Eingliederungshilfe.

Wenn nun mit Inklusion Teilhabe an den Errungenschaften der Gesellschaft gemeint ist, weitet sich die Gruppe der Personen ohne umfassende Teilhabe erheblich aus, eben auch auf Langzeitarbeitslose, Asylbewerber, Alleinerziehende und Menschen in weiteren Lebenslagen, die mit einem eingeschränkten Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen verbunden sind.

Der Anspruch auf Inklusion oder vielleicht besser Teilhabe ist dann kein exklusives Lobbyinstrument der in der Regel recht gut organisierten Menschen mit Behinderung bzw. ihrer Angehörigen mehr.

Der Rechtsanspruch auf inklusive Angebote und der moralisch legitimierte Anspruch auf Teilhabe führen in der Praxis zu sehr unterschiedlichen Konflikten.

Inklusion ja, Geld nein. In der gleichen Ausgabe des NDV (Heft 3/2015, Seite123) weist Daniel Heinisch darauf hin, dass es bereits im Jahre 1973 einen Antrag im Bundestag für ein Leistungsgesetz gab. Für das Bundesteilhabegesetz soll zumindest in diesem Jahr ein Entwurf vorgelegt werden.

Wird Teilhabe als Wohlfühlgarantie (Verwahrung in "behüteten" Werkstätten) oder als gleichberechtigte Konfrontation mit allen Errungenschaften eine kapitalistischen Gesellschaft (Arbeitslosigkeit, Altersarmut, Obdachlosigkeit) verstanden?

Wenn die Zusammenführung von Menschen mit Behinderung (oder in anderen besonderen Lebenslagen) in gesonderten Einrichtungen Exklusion darstellt, dann führt Inklusion zu der Auflösung dieser Angebote. Die Idee hat einiges für sich. Die Auflösung großer geschlossener Anstalten für psychisch Kranke dürfte in vielen Fällen zu einer Verbesserung der Lebenssituation geführt haben.

Praktischer Weise gab es bei Kitas schon länger I-Plätze. So lässt der Begriff offen, ob (veraltet) integrative Plätze oder (modern) inklusive Plätze gemeint sind. Aber alleine mit einem Rechtsanspruch auf einen Kindergarten- oder Schulplatz ist es nicht getan, um die bisherigen spezialisierten Einrichtungen abzulösen. Je nach Beeinträchtigung des Kindes bedarf es mehr oder weniger umfänglicher Unterstützung, von der geringer qualifizierten Schulbegleitung bis zur intensiven heilpädagogischen Betreuung und deutlich veränderter Stellenschlüssel. Von den baulichen Anforderungen an oft veraltete Schulimmobilien ganz zu schweigen.

Die politische Forderung nach Inklusion alleine ist nicht glaubhaft, wenn nicht zugleich die erforderlichen Mittel bereit gestellt und sinnvolle Übergangspfade mit entsprechender Qualifizierung und personeller Aufstockung vorgesehen sind.

Ebenso kritisch wird zu hinterfragen sein, in welchen Fällen die räumliche Auflösung vermeintlich exkludierend wirkender Einrichtungen die Teilhabe wirklich verbessert: Ist ein in eine Regelschule integrierter Schulplatz mit schlechter Betreuung wirklich besser, als eine fachlich optimale Förderung in einer Spezialeinrichtung, die ein breiteres Spektrum an Einrichtungen, Fachkräften und Know-how bereithalten kann?

Schließlich stellt sich die Frage nach gesellschaftlichem Bewusstsein. Wenn Eltern Sturm laufen, weil sie die Entwicklung ihres Kindes durch die Aufnahme benachteiligter Kinder in Gefahr sehen, dann helfen auch keine Stellenschlüssel mehr. Dafür bedarf es wohl eher eines gesellschaftlichen Diskurses über Vorurteile und gesellschaftliche Werte.

Spannend wird die Frage nach weiteren Einrichtungsarten und ihrer Zukunft. Während der BeB für seine Mitglieder Veranstaltungen zur Auflösung großer Komplexeinrichtungen anbietet, ist bei anderen Trägern das Konzept isolierten Landlebens auf Hofgemeinschaften noch hoch im Kurs. Wird schließlich die Teilhabe am Arbeitsleben zum Thema gemacht, stellt sich die Frage nach der Abschaffung von Werkstätten für behinderte Menschen, wobei es ja schon länger korrekt "Menschen mit Behinderung" heißt und auch diese Formulierung schon wieder bei vielen Betroffenen auf Kritik stößt.

Wird die institutionelle Inklusion konsequent zu Ende gedacht, folgt also auf die Abschaffung integrativer Kindertagesstätten (I-Plätze kann es künftig in jeder Kita geben) die Abschaffung der Werkstätten. Dann müsste es I-Plätze künftig bei jedem Arbeitgeber geben können. Auch hier spielt wieder das Geld eine Rolle: Es müsste Arbeitgebern ein Ausgleich für zusätzlich Investitionen in den Arbeitsplatz, zusätzlichen Betreuungsaufwand und die meist geringere Produktivität des Arbeitnehmers gezahlt werden. Stattdessen wird aktuell die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung durch erhöhten Kündigungsschutz bestraft.

Ob dann nur noch dezentral betreute Arbeitsplätze - auch heute gibt es schon ausgelagerte Werkstättenplätze in Unternehmen und Arbeitsplätze mit besonderer Betreuung in Integrationsunternehmen - tatsächlich preiswerter oder vielmehr deutlich teurer sind als Werkstättenplätze wird sich zeigen. Und die Funktion der Werkstätten als Betriebe zur Orientierung, Eigungsprüfung und Ausbildung müsste dann in anderer Form weiterhin erbracht werden.

Spätestens bei solchen weitreichenden Veränderungen stellt sich die Frage, wer eigentlich Inklusion will? Die Werkstätten werden ihr angestammtes, teilweise durch faktische Gebietskartelle geschütztes und insgesamt gut finanziertes Geschäft nicht aufgeben wollen. Kostenträger haben sich auf eine weitgehend gut kalkulierbare und steuerbare Finanzierung eingestellt. Viele Arbeitgeber zahlen lieber die Schwerbehindertenabgabe, als sich mit den sehr individuellen Anforderungen von Menschen mit schwereren Formen der Behinderung auseinander zu setzen. Und die Beschäftigten in den Werkstätten haben sich an den geschützten Rahmen gewöhnt.

Vielleicht hilft das Bundesteilhabegesetz über seine Subjektförderung, mehr Bewegung in die Angebotslandschaft zu bringen. Die nächsten zehn Jahre werden es zeigen, hoffentlich.

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