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Klienten stören nur

31.10.2016    Christian Koch

KlientInnen (BewohnerInnen, PatientInnen, ...), so hat man gelegentlich den Eindruck, stören nur den ansonsten reibungslosen Betriebsablauf. "Keine Zeit - nicht zuständig - (irgendwann) später" sind dann die häufigsten Abwehrreaktionen. Umso überraschter war ich kürzlich, als die vorsichtige Anfrage einer Bewohnerin in der stationären Altenhilfe mit einem "Aber dafür sind wir doch da!" aufgegriffen wurde.

Aber es geht mir in diesem kurzen Editorial nicht nur um die - eher oberflächliche - Dienstleistungsorientierung, sondern die Frage inwieweit Träger bereit sind, angestammte Hierarchieverhältnisse in Frage zu stellen und zumindest ansatzweise auf Veränderungen hinzuwirken.

Soziale Arbeit, Assistenzleistungen oder Pflege sind fast immer von Kompetenz- und Wissensgefälle zwischen hauptamtlichen Profis und KlientInnen geprägt. Auch auf verbandlicher Ebene beanspruchen Wohlfahrts- und Fachverbände regelmäßig, sich vorgeblich für die Klientinnen und Klienten einzusetzen ("Anwalt der Armen und Bedürftigen").

Die Forderung "Nicht über uns, sondern mit uns!" bezieht im Bereich der Eingliederungshilfe im Geiste der UN-Behindertenrechtskonvention Position gegen die "Entmächtigung" durch Institutionen und Expertentum. Aber wo finden sich Ansätze, die über eine Alibi-Beteiligung Betroffener hinausgehen?

Beispiel Altenhilfe: Einzelne Heimleitungen oder Träger von stationären Einrichtungen fördern die Bildung und Tätigkeit der Heimbeiräte weit über das übliche, gesetzlich vorgeschriebene Maß hinaus. Dahinter steht die Überlegung, dass es dem Träger mit einer aktiven Selbstvertretung der BewohnerInnen eher gelingen wird, wirklich bedarfsgerechte Angebote zu entwickeln und auf Dauer eine überzeugende Betreuungsleistung zu erbringen. Existenz und Aktivitäten des Heimbeirats können dabei in Bewertungen von Audits ebenso einfließen wie in die Zielvereinbarungen mit der Heimleitung.

Beispiel Eingliederungshilfe: Gliederungen der Lebenshilfe sehen zunehmend einen "Lebenshilferat" in ihren Vereinssatzungen vor, in dem sich von Behinderung betroffene Mitglieder organisieren und ihre Interessen im Verein - in der Regel durch besondere Assistenz unterstützt - artikulieren können. Je nach Ausgestaltung haben sie besondere Informationsrechte bis zur Teilnahme an Vorstandssitzungen und ein eigenes Budget für ihre Arbeit. Diese Möglichkeiten ergänzen die normalen Mitgliederrechte, die ihnen ohnehin zustehen. Damit entwickeln sich die Lebenshilfegliederungen verstärkt von einer Eltern- und Angehörigenorganisation auch zu einer Organisation der betroffenen Menschen selbst.

Beispiel Jugendhilfe: Einzelne - wenige - Träger der Jugendhilfe nehmen den Auftrag der Erziehung zur Selbständigkeit und Mündigkeit wirklich ernst und installieren z.B. einen Jugendbeirat, über den KlientInnen substantielle Mitbestimmungsrechte eingeräumt werden.

In allen Beispielen stehen sich begrenzte Kompetenzen und Ressourcen der Leistungsempfänger einerseits und die konsequente Ausrichtung an den Bedürfnissen der KlientInnen gegenüber. Die Möglichkeiten der Selbstbestimmung sind mit Sicherheit noch lange nicht ausgereizt, auch bei den fortschrittlichsten Trägern nicht. Wo sehen Sie Ihre KlientInnen auf einer Skala von

  • unmündiger Empfänger von Hilfsleistungen über
  • teilsouveräner Konsument von Dienstleistungen bis
  • selbstbewusster Mitgestalter seines Umfeldes?

Und wissen Sie auch, wo sich Ihre KlientInnen selber sehen?

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