socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Loblied auf die Ökonomisierung des Sozialen

17.12.2013    Christian Koch

Dieses Editorial wollte ich schon lange schreiben. Und passt es nicht besonders gut in die kommerzialisierte Heimeligkeit der Adventszeit?

Der Begriff

Zunächst sei vorangestellt, dass "Ökonomisierung" kein Fachbegriff - weder der Betriebswirtschaft, noch der Sozialen Arbeit - ist, sondern nur eine reichlich verquaste Beschreibung für "Nützlichkeit" (laut Duden: Ökonomisierung -> ökonomisieren -> ökonomisch [gestalten] -> mit möglichst großem Nutzen). Wenn Sie auf Beiträge mit "Ökonomisierung" im Titel treffen, können Sie also davon ausgehen, dass es sich weniger um Fachbücher oder -aufsätze, sondern eher um Meinungsäußerungen, häufig auch Polemiken handelt, die sich mehr oder weniger ideologisierend mit dem Verhältnis von Politik, Wirtschaft und Sozialwesen befassen.

Die verbreitete Kritik der Ökonomisierung des Sozialen sei im Folgenden kritisch hinterfragt.

Der Wirtschaftssektor

Sofern mit ökonomisch "die Wirtschaft betreffend" gemeint ist, kann auf die letzten drei bis vier Jahrzehnte bezogen eine geradezu atemberaubende Ökonomisierung des Sozial- und Gesundheitswesens beobachtet werden. Rund 1,5 Millionen Beschäftigte, je nach Abgrenzung dieses Wirtschaftssektors auch deutlich mehr, tragen dazu bei, dass vormals informell geregelte Lebensverhältnisse nunmehr zu Dienstleistungen umgestaltet wurden.

Konnte ich noch als Kind im Garten und auf dem Brachland hinter dem Haus spielen, besuchten meine Kinder schon eine Kindertagesstätte und etwaigen Enkelkindern wird voraussichtlich eine U3-Betreuung mit differenzierter pädagogischer Begleitung zur optimalen Steuerung der frühkindlichen Entwicklung zur Verfügung stehen, vielleicht sogar verbunden mit einer Inanspruchnahmeverpflichtung. Befürworter der Entwicklung können darin die Verwirklichung von Kinderrechten und die Sicherung künftigen Wohlstands der Gesellschaft sehen - Kritiker dagegen z.B. die erbarmungslose Vorbereitung der Kinder auf eine optimale Ausbeutung des Faktors Arbeit in einem kapitalistischen System.

Gegen diese Ökonomisierung des Sozialen lassen sich weitere kritische Fragen vorbringen, z.B. ob die durchgängige Verdrängung informeller Leistungen, von Elternliebe, Nachbarschaftshilfe und unmittelbarer menschlicher Solidarität durch bürokratisierte und kommerzialisierte Leistungssysteme dem menschlichen Glück und sozialer Gerechtigkeit wirklich zuträglich ist, oder zumindest in einigen Bereichen das Optimum professionalisierter Hilfe bereits überschritten wurde. In dieser Hinsicht bedarf der Ökonomisierungstrend immer wieder einer kritischen Überprüfung.

Selbst wenn in einem Lebensbereich professionelle Dienstleistungen oder staatliche Fürsorge grundsätzlich befürwortet werden, ist der im Rahmen eines Ökonomisierungstrends oft kontinuierlich steigende Mitteleinsatz kritisch zu hinterfragen. Wenn wir im Vergleich zu anderen Ländern eine höhere Arztdichte und mehr Krankenhausbetten je Einwohner haben, aber keine Hinweise auf einen besseren Gesundheitszustand der Bevölkerung, z.B. als Säuglingssterblichkeit, Lebenserwartung oder subjektiven Wohlbefinden, vorliegen, dann ist kritisch zu hinterfragen, ob wir den gleichen gesellschaftlichen Wohlstand nicht mit deutlich weniger Ressourcenverbrauch erzielen könnten.

Auch bei 120-Betten-Seniorenkasernen oder gettoisierenden "Anstalten" der Eingliederungshilfe muss die Frage gestellt werden, ob hier nicht die ökonomischen Eigeninteressen der Träger wohnortnahen Lösungen unter Einbeziehung informeller Netzwerke entgegenstehen.

Unbeschadet dieser im Einzelfall bedenklichen Mittelverwendung ist der bis zuletzt zunehmende Einsatz von öffentlichen und privaten Ressourcen für das Sozial- und Gesundheitswesen aber grundsätzlich zu begrüßen. Er bildet die Grundlage für soziale Gerechtigkeit und den Wohlstand unserer Gesellschaft. Sofern Ökonomisierung Ausweitung des sozial(wirtschaftlich)en Sektors meint, halte ich diese keineswegs für kritisch. So setzt sich socialnet ausdrücklich für den Ausbau bestimmter Leistungen und Angebote ein, z.B. auf ErzieherIn.de für eine weitere Qualifizierung der frühpädagogischen Fachkräfte. Bedenklich sind demnach allenfalls Probleme ökonomisch nicht vertretbarer Mittelverwendungen. Auf derartige Problemzonen des Mitteleinsatzes in der Sozialwirtschaft konzentrieren sich die folgenden Ausführungen.

Die Betriebsführung

Wenn sich Elterninitiativen zu Betrieben und alteingesessene Träger zu Unternehmensbünden entwickeln, erfordert ein verantwortungsvoller Umgang mit den Klienten eine veränderte Betriebsorganisation. Dazu exemplarisch einige Beispiele:

  • Wenn ich mehrere Hundert Mitarbeiter beschäftige, haben die Beschäftigen einen Anspruch auf Vertretung ihrer Interessen durch einen freigestellten Betriebsrat, der angemessen informiert und an Entscheidungen beteiligt wird.
  • Wenn ich Millionen Euro in den Bau stationärer Einrichtungen stecke, sollten die Mittelgeber und der Träger eine Planungsrechnung verlangen, aus der hervorgeht, wie die investierten Mittel in den nächsten zwei Jahrzehnten wieder erwirtschaftet werden.
  • Wenn ich Klienten versorge, die von meinen Leistungen abhängig sind, sollte ich Qualitätsstandards entwickeln und gewährleisten, die die Klienten und Kostenträger als angemessen empfinden.

Die von vielen Trägern erreichten Betriebsgrößen verlangen den Einsatz angemessener Managementinstrumente, z.B. Personalarbeit, Controlling und Qualitätsmanagement. Wer dies als Ökonomisierung geißelt und ablehnt, sollte konsequenterweise die Zerschlagung aller Träger mit mehr als fünf MitarbeiterInnen verlangen. Oder er nimmt Gesetzesverstöße, gehäufte Insolvenzen und erhebliche Mängel der Leistungsqualität billigend in Kauf.

An dieser Stelle soll nicht verschwiegen werden, dass die Anwendung betriebswirtschaftlicher Instrumente in der Sozialwirtschaft manchmal zu wünschen übrig lässt: Unzureichende Umsetzung, methodische Fehler und vor allem fehlende Ausrichtung auf die ideelle Sachzielerreichung sind öfters festzustellen. Dies sind aber keine prinzipiellen Schwächen der Betriebswirtschaft, genau so wenig, wie Nahrungsaufnahme zwingend zur Überernährung führt.

Das ökonomische Prinzip

Kommen wir abschließend zum Kern des Begriffs Ökonomisierung: Die Orientierung am ökonomischen Prinzip. Und dieses bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als eine konsequente Nutzenmaximierung. Angesichts stets begrenzter, künftig aus demographischen Gründen je Klient eher noch etwas knapperer Ressourcen stellt der optimale Mitteleinsatz nicht nur ein Gebot der Vernunft, sondern auch eine drängende moralische Forderung dar.

Das ökonomische Prinzip lässt offen, welcher Nutzen optimiert wird. Soll aus Sicht eines Aktionärs die Dividende bzw. der Wertzuwachs der Aktiengesellschaft maximiert werden, bietet sich für einen sozialen Träger die Schaffung optimaler Bedingungen für den Klienten, z.B. als Bildungschancen oder Lebensqualität trotz Behinderung, als Optimierungsziel an.

Mit anderen Worten, die Anwendung des ökonomischen Prinzips ist für soziale Träger Ausdruck einer zutiefst humanistischen (christlichen etc.) Einstellung: Helfen dort wo die Not am größten ist, oder die eigenen Kompetenzen die größtmögliche Wirkung entfalten.

Die ideell motivierte Anwendung des ökonomischen Prinzips kann für soziale Träger - aber auch z.B. Hochschullehrer, Berater etc. - eine zutiefst verstörende Wirkung entfalten: Müssen sie doch etablierte Angebote, Inhalte und Verfahrensweisen immer wieder in Frage stellen, ihre Wirksamkeit bewerten und sich neu am Nutzen der Klienten orientieren. Die radikale Nutzenorientierung wirkt regelmäßig besitzstandsgefährdend - und hat entsprechend zahlreiche Feinde.

Die Nutzenorientierung kann dabei vielfältige Formen annehmen, z.B. als

  • evidenzbasierte Medizin
  • Evaluation von pädagogischen Konzepten
  • Vernetzung im Stadtteil statt Abschieben in Bettenburgen
  • Respektierung von Teilhabewünschen statt Exklusion in Anstalten und "Dörfern".

Der Begriff der Ökonomisierung zeigt sich sehr vielgestaltig, wobei nur einige Facetten der in der Praxis oft ausufernden Verwendung behandelt werden konnten. Trotz kritischer Anmerkungen stellt sich mir der Begriff im Kern positiv dar.

Wenn Ökonomisierung des Sozialen bedeutet, dass

  • das Sozial- und Gesundheitswesen auch künftig ein wichtiger Wirtschaftssektor ist, der wesentlich zur Lebensqualität beiträgt,
  • dieser Sektor wirtschaftlich verantwortungsvoll geführt wird und
  • die Träger sich ernsthaft an der Nutzenoptimierung für die Klienten orientieren,

dann freue ich mich auf die weitere Ökonomisierung.

Sollte der Begriff "Ökonomisierung" - in ausufernder Verwendung - für die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche und die gewinnorientierte, sozial Benachteiligte ausgrenzende Umgestaltung der Branche sowie eine rein marktorientierte, Grundrechte missachtende politische Steuerung steht, hätte ich dazu eine ganz andere Einstellung. Aber das wäre dann ein anderes Editorial.

Ich wünsche Ihnen ein Frohes Fest, ein paar ruhige Tage zum Ausspannen und eine guten Rutsch ins Neue Jahr.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung