Mit Ängsten umgehen!
12.09.2025 Ralf Tönnies
InhaltIch kann mich nicht daran erinnern, dass es im Laufe meines Berufslebens keine Krisen und damit verbundene Ängste gab. Etwas ist immer.
Doch was fällt auf in letzter Zeit – in der psychosozialen Beratung, Supervision und Therapie?
Wir haben es öfter mit einer Paradoxie der Ängste zu tun. Sie sind sowohl konkret als auch unbestimmbar. Sie fußen auf sehr konkreten Gründen, sind dabei gleichzeitig für den Einzelnen im Sinne einer Erwartungsangst nicht wirklich fassbar. Dies macht sie schwerer zu bewältigen.
Drei Beispiele aus der Praxis
- Adressat:innen mit psychischen Erkrankungen berichten von ihren Ängsten vor einer Registrierung, vor Ablehnung, vor Teilhabeeinschränkungen oder Schlimmerem. Zum Beispiel vor dem Hintergrund des Wissens um den Umgang mit Menschen mit Handicaps im Nationalsozialismus oder im Totalitarismus. Dies ist aber (noch) nicht direkt greifbar. Die Begleitmusik sind die allgemeinen Diskussionen um Kürzungen von Leistungen im Bereich der Eingliederungshilfe.
- Arbeitnehmer:innen mit Migrationshintergrund benennen ihre Ängste vor Abschiebung, Gewalt und Stigmatisierung, gerade auch für ihre Familien, aufgrund zunehmend feindlicher Stimmung. Hierbei entstehen erhöhte Ängste sowohl vor Fehlern bzw. Fehlentscheidungen, als auch sich als Person selbst zu präsentieren.
- Bei Führungskräften zeigt sich eine Ambivalenz zwischen Führung und angstbesetzter, unklarer Kommunikation. Auch hier ist dies (noch) – als konkrete Gefahr – für den Einzelnen nur bedingt greifbar.
Diese Ängste führen vielfach zu einer erhöhten Anspannung und ggf. zur Verschlechterung der seelischen Gesundheit. Ein Rezept – man nehme nur dies, dann tritt das Gewünschte ein – gibt es nicht, es gibt aber persönliche und strukturelle Strategien zum Umgang mit diesen Ängsten.
Wie können diese Strategien aussehen?
- Die Angst wahrnehmen
Dies allein fällt der Erfahrung nach vielen Menschen zunehmend schwer, da hierfür Konzentration, Reflektion und Selbstwahrnehmung notwendig sind. - Faktencheck und Differenzierung
Ziel ist es, nicht wie ein Kaninchen gelähmt vor der Schlange zu stehen, sondern aus einer unbestimmten Angst eine konkrete Angst zu machen. Hierbei gilt es, Wahrscheinlichkeiten auszuloten, Gefahren im persönlichen Kontext einzuordnen und daraus bewusst konkrete Schritte ab- und einzuleiten – oder bewusst auch keine. Auch wenn es so klingen mag, dies ist keine einfache Angelegenheit. - Fokus verschieben
Gemäß unseren neurobiologischen Strukturen fokussieren wir eher auf Gefahren und negative Ereignisse. Den Fokus wieder zu verschieben auf sowohl negative als auch positive Lebensaspekte, abzuwägen, zu einer besseren Gewichtung zu kommen, fördert seelische Gesundheit. Es geht nicht um die rosarote Brille, sondern um die Veränderung von Wahrnehmungsmustern und damit verbundener Priorisierungen und Einschätzungen. Dies bedarf des Trainings und des Willens. - Unterstützung
Aus der Traumaforschung wissen wir, wie wichtig soziale Unterstützung zur Verhinderung von Traumafolgestörungen ist. Auch bei den oben genannten Ängsten gilt es, sich Unterstützung zu holen und Unterstützung zu geben. Gerade in Betrieben kann man – um bei den beiden Beispielen zu bleiben – Arbeitnehmer:innen mit Migrationshintergrund oder Menschen mit Handicap solidarisch und gezielt unterstützen. Hierzu gehört z.B. die Förderung eines guten, offenen Betriebsklimas und Partei für Unterschiedlichkeit zu ergreifen, gerade auch durch Führungskräfte. Andere Formen, sich Gehör zu verschaffen, sind spezifische Projekte, wie z.B. die Woche der seelischen Gesundheit. - Hürden beseitigen
Obwohl das Sozial- und Gesundheitswesen erhebliche Probleme hat, Stellen zu besetzen, dauert es z.T. lange, bis Arbeitserlaubnisse für Menschen mit Migrationshintergrund aufgrund von Verwaltungshemmnissen erteilt werden. Diese Menschen erleben erhöhte Ängste, die relativ einfach zu beseitigen wären, auch zur Entlastung aller anderen Mitarbeitenden. Auch hier könnte ein positives, freundlich gesonnenes Signal helfen.
Errungenschaften im sozialen und gesundheitlichen Bereich sind keine Selbstverständlichkeiten, sich zurückzulehnen ist keine gute Option. Engagement und Solidarität zu zeigen, Erinnerungskultur und Gemeinsinn zu pflegen, nimmt nicht alle Ängste, verlagert aber die Gewichte. Dies ist eine Gemeinschaftsaufgabe aller Beteiligten.
Autor
Ralf Tönnies
Leitender Therapeut der Fachklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der DIAKO NF und Supervisor

