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Nach der Pandemie ist vor der Pandemie

16.04.2021    Christian Koch

Inhalt
  1. Überlegungen aus organisatorischer Sicht
  2. Merkmale einer Pandemie
  3. Maßnahmen, die langfristig helfen

Vor gut einem Jahr hatte ich in einem Editorial zu Corona meine Fassungslosigkeit zum Ausdruck gebracht, dass in Deutschland so schleppend auf die Pandemie reagiert wurde. Die Einschätzung, dass wir uns auf Einschränkungen über ein Jahr einstellen müssen, hat sich leider bewahrheitet. Auch die Erwartungen zu Homeoffice und Anpassung der Betreuungsangebote haben sich erfüllt. All dies war auf Grundlage der damals bekannten Tatsachen leicht vorherzusehen.

Auch heute können Sie noch viele kurzsichtige Entscheidungen beobachten, die den Anforderungen eines guten Pandemiemanagements wenig gerecht werden. Wie könnte es bei der nächsten Pandemie besser laufen?

Überlegungen aus organisatorischer Sicht

In der Organisationslehre gibt es einen "kontingenztheoretischen Ansatz". Danach gibt es keine optimale Organisation, sondern die Organisationsform muss zur Branche und den sonstigen Rahmenbedingungen des Unternehmens passen, damit dieses Erfolg hat. Es leuchtet sofort ein, dass ein Kleidergeschäft mit saisonal wechselnder Mode anders organisiert werden muss als ein Off-Shore-Windpark mit einer Amortisationsdauer von 20 bis 30 Jahren. Oder um es anschaulicher zu formulieren, wenn Sie einen Großbrand zu löschen haben, können Sie nicht zuerst eine Mitgliederbefragung bei der freiwilligen Feuerwehr durchführen und Anwohnerversammlungen abhalten. Noch anschaulicher beim Postillion.

Merkmale einer Pandemie

Eine Pandemie verfügt über Merkmale, mit der fachliche Laien, die sich durch die Kompetenz auszeichnen, gut Kompromisse zwischen verschiedenen Interessengruppen auszuhandeln zu können (= Politiker), nicht besonders gut umgehen können.

Zunächst handelt es sich bei einer Pandemie um eine Naturkatastrophe. Diese folgt ihren eigenen naturwissenschaftlichen Gesetzen z.B. physikalischer oder biologischer Natur. Dabei ist sie durch politische Interventionen, wie Erklärungen, Apelle, Verhandlungsangebote oder Ultimaten in keiner Weise zu beeindrucken. Auch Kompromissbereitschaft oder Skrupel sollten nicht erwartet werden. Mit einer Pandemie kann man nicht verhandeln! Politische Gremien sind zum konkreten Pandemiemanagement nicht geeignet. Sie sind dafür verantwortlich, entsprechende Strukturen zu schaffen und zu überwachen.

Eine Pandemie ist, wie die Silbe "Pan" schon andeutet, global. Wenn in Afrika nur wenig Impfstoff zur Verfügung steht und in Brasilien ein Pandemiemanagement politisch sabotiert wird, hat die daraus resultierende schnelle Entstehung von neuen Mutationen unmittelbare Auswirkungen auf unsere globalisierte Welt. Daher erfordert die Pandemie zwar lokales Handeln, lässt sich aber gewiss nicht mit Strategien auf kommunaler oder Länderebene eindämmen. Realistischerweise wird ein Pandemiemanagement vorerst nur auf nationaler Ebene möglich sein. Verbindliche nationale Standards sollten einen klaren Rahmen für die lokale Umsetzung bieten! Dabei sollte auf eine europäische und globale Abstimmung hingewirkt werden.

Eine Pandemie zeichnet sich durch eine besondere Dynamik aus. Durch die Inkubationszeit macht sich ein verstärktes Infektionsgeschehen nur verzögert bemerkbar. Ohne Infektionsschutzmaßnahmen steigen die Infektionszahlen exponentiell. Beides zusammen bedeutet, dass bei marginal steigenden Infektionszahlen auf niedrigem Niveau schon längst ein massiver Ausbruch anlaufen kann. Als Laien sind wir nicht gewohnt, auf solche schwachen Signale angemessen zu reagieren. Computersimulationen können für das Verständnis hilfreich sein. Fachleute, die sich seit Jahren mit Infektionsdynamiken befassen, haben gelernt, solche scheinbar harmlosen Signale ernst zu nahmen und angemessen zu interpretieren. Die Entscheidung über einzelne Maßnahmen gehört, wie bei der Brandbekämpfung, in die Hände von Fachleuten und nicht auf die politische Bühne!

Maßnahmen, die langfristig helfen

Durch angemessene gesetzliche Grundlagen sollte die Bundesregierung - analog zum Verteidigungsfall - durch Parlamentsbeschluss (Feststellung einer bundesweiten Notlage) in die Lage versetzt werden, bundesweit einheitliche Maßnahmen verbindlich vorzuschreiben. Da diese mit der Beschneidung individueller Freiheiten verbunden wären und in die Zuständigkeitsbereiche der Länder (Gesundheit, Bildung, Polizei, etc.) eingreifen würden, muss dafür ein geeignetes Governance Modell entwickelt werden. Dazu könnte eine weitgehend unabhängig arbeitende Behörde durch einen Sachverständigenrat begleitet werden. Politischer Einfluss wäre auf den Aufbau der Infrastruktur, personelle Besetzung und Aufsicht beschränkt.

Wir brauchen ein fachlich fundiertes Pandemiemanagement. Viele Aufgaben werden derzeit kompetent und zuverlässig wahrgenommen: Das Robert-Koch-Institut berichtet umfassend und liefert medizinische Empfehlungen ab, das Paul-Ehrlich-Institut beurteilt Impfstoffe und gibt Impfempfehlungen und das BfArM kümmert sich um die zügige Zulassung von Schnelltests. Aber ausgerechnet für das eigentliche Pandemiemanagement gibt es weder eine Behörde noch eine ausreichende gesetzliche Grundlage.

Dabei gibt es seit Jahrzehnten (mit Unterbrechungen und unter verschiedenen Namen) das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Ausgerechnet jetzt, wo es zum ersten Mal eine die gesamte Bevölkerung Deutschlands bedrohende Katastrophe gibt, kommt es nicht in erkennbarer Weise zum Einsatz.

Vom BBK gibt es seit 2015 eine Notfall-App (NINA), die jedoch in Bezug auf Corona nur allgemein auf die jeweiligen Länderverordnungen hinweist. Nicht einmal die in der jeweiligen Kommune geltenden Regelungen werden über die App kommuniziert, geschweige denn ein Hinweis auf die am aktuellen Standort geltende Maskenpflicht. Obwohl es schon eine "Bundeskatastrophenapp" gibt, wurde eine Corona-Warn-App entwickelt und jetzt sollen weitere Apps (Luca und Co) konkurrierend die Nachverfolgbarkeit von Kontakten sicherstellen. Zur Kritik an Luca.

Eine einzige "Bundesapp", die frei von kommerziellen Interessen ist, als Open Source zur öffentlichen Begutachtung zur Verfügung steht und in Abstimmung mit dem BSI und dem Bundesdatenschutzbeauftragten entwickelt wurde, wäre wahrscheinlich kostengünstiger und würde zu einer höheren Akzeptanz führen. Damit ein solches Projekt nicht wie die Gesundheitskarte zum Desaster wird, müsste die Verantwortung dafür z.B. beim BBK liegen und möglichst frei vom Einfluss divergierender Interessengruppen bleiben.

Schließlich benötigen wir eine belastbare und funktionale IT-Infrastruktur. Es ist mir unverständlich, wenn auf öffentlichen Websites keine aktuellen Daten vorliegen (wg. Wochenende, wg. Übermittlungsfehler). Die für Pandemiemanagement zuständige Bundesbehörde müsste berechtigt (und verpflichtet) sein, Kommunikationsstandards bezüglich pandemierelevanter Daten vorzugeben. Vorstellbar wäre z.B., dass Ärzte verschlüsselte Patientendaten an die untersuchenden Labore übermitteln und diese automatisiert den Arzt, das zuständige Gesundheitsamt und das RKI in Echtzeit über das Testergebnis informieren, wobei das RKI keine personenbezogenen Daten bekommt. Durch Einbindung der Notfallapp könnte auch eine Information direkt an die PatientIn erfolgen, wie dies aktuell bei den Schnelltests der Fall ist.

Die von Forschungsministerin Karliczek geforderte staatliche pharmazeutische Innovationsagentur soll die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten beschleunigen. Sie soll dabei die Abhängigkeit von ausländischer Produktion und den kommerziellen Interessen der Pharmaindustrie senken. Sie könnte auch sicherstellen, dass seltene, für die Industrie nicht lukrative Krankheiten erforscht und behandelt werden. Die Bereitstellung von Forschungsergebnissen, z.B. kostengünstige Lizensierung von Impfstoffen, könnte eine globale Pandemiebekämpfung erleichtern und zu mehr globaler Gerechtigkeit führen.

Die nächste "Pandemie" kündigt sich übrigens bereits an. Der Klimawandel hat viele Merkmale einer Pandemie: nicht verhandelbare Naturkatastrophe, globales Phänomen und besondere Dynamik (zeitverzögert, mögliche Kippeffekte). Auch hier zeichnet sich bereits systematisches Politikversagen ab, z.B. Coronazuschüsse für Anbieter von klimaschädlichen Inlandsflügen.

Trotz vieler Ruckeleien sind bisher die meisten Träger des Sozial- und Gesundheitswesens gut durch die Pandemie gekommen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie die nächsten Monate noch gut überstehen und wir im Sommer/Herbst langsam wieder mehr Freiheiten und soziale Kontakte genießen können.