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Mensch Lehrer!

22.08.2014    Dr. Jos Schnurer

Anmerkung des Herausgebers
Der Autor geht nachfolgend in seinen autobiographisch geprägten Überlegungen nur auf den Lehrerberuf ein. socialnet ist Herr Schnurer dagegen bekannt als eifriger Autor politischer Essays, die es auf Sozial.de sogar zu einer eigenen Rubrik Schnurers Beiträge gebracht haben. Von ganz besonderer Schaffenskraft zeugt die beeindruckende Zahl von aktuell 912 ausführlichen Fachbuchbesprechungen (Stand 22. August 2014), die von ihm bei den socialnet Rezensionen erschienen sind. Herr Schnurer wird in diesem Monat 80 Jahre alt. Gerne nehme ich dies zum Anlass, ihm, auch im Namen des socialnet Teams, auf diesem Wege ganz herzlich zu dem runden Geburtstag zu gratulieren, verbunden mit den besten Wünschen für die kommenden Lebensjahre!

Christian Koch, Geschäftsführer

Aus der Erinnerung geplaudert und sich umgeschaut

Es dürfte kaum einen Beruf geben, dessen Angehörige von Mitmenschen so unterschiedlichen Meinungen – Lästerungen, Beckmessereien und Belobigungen – ausgesetzt sind wie der Lehrerberuf. Das liegt zum einen daran, dass jeder Erwachsene einmal die Schule besucht hat und jeweils s e i n Bild vom Lehrer mit sich schleppt und in der nicht immer lupenreinen Erinnerung aufbewahrt; zum anderen aber auch daran, dass Lehrerinnen und Lehrer im allgemeinen auf Heranwachsende Einflüsse ausüben (können), die nicht selten prägend fürs Leben sind.

Rückblicke auf privates und berufliches Leben können Reflexionen und Fälschungsberichte zugleich sein. Hier sollen weder Nostalgie noch Euphorie zu Wort kommen. Vielmehr wird der Versuch unternommen, die eigene pädagogische Tätigkeit als Lehrer, Lehreraus- und -fortbildner zu konfrontieren mit der geschichtlichen und aktuellen Entwicklung des Lehrerberufs. Wenn sich ein 80jähriger daran macht, seine Erinnerungen an seine Lehrerzeit aufzuschreiben, kann er keinesfalls sicher sein, dass diese ebenso lupenrein herüberkommen. Es ist sogar anzunehmen, dass an manchen Stellen Phantasie und Wirklichkeit, Wunsch- und Horrorvorstellungen durcheinander geraten; dies als Warnung und Vorbehalt!

Eine kurz gefasste Lebensgeschichte:
Der 1934 im oberpfälzisch-stiftländischen Waldsassen, nahe der deutsch-tschechischen Grenze geborene Dr. Jos Schnurer, hat die damals achtklassige Volksschule besucht, danach, 1948, Tischler gelernt und die Gesellenprüfung abgelegt. In dem kargen Landstrich, der gekennzeichnet ist durch den Mundartspruch -

Erdepfl in da Fraj (Kartoffel am Morgen),
mitogs in da Braj (mittags in der Suppe),
oms in de Hait (am Abend in der Schale),
Erdepfl in ole ewichkeit -

wurde nicht einmal ein Gedanke daran verschwendet, eine weiterführende Schule in der rund 20 Kilometer entfernten Kreis-, oder gar der 40 Km abgelegenen Bezirksstadt besuchen zu können. Er versuchte, als Tischlergeselle und Fabrikarbeiter sein Brot zu verdienen; das war in der Grenzlandregion, deren wirtschaftliche Entwicklung durch die bayerische Landesregierung im 250 Kilometer entferntem München nicht gerade Priorität besaß, nicht einfach; und die weiteren Lebensperspektiven „vor Ort“ fühlten sich nicht rosig an. Da bot sich , 1954, der Eintritt in den Bundesgrenzschutz am Standort im fränkischen Coburg an. Er leistete dort und zeitweise in Deggendorf eine siebenjährige Dienstzeit ab, wurde als Fernmelder ausgebildet und bewachte die deutsch-deutsche (Zonen)-Grenze. In der Zeit konnte er den Realschulabschluss nachholen. 1960/61 absolvierte er, im Rahmen der Berufsförderung des BGS, die Ausbildung für den mittleren Dienst im Auswärtigen Amt in Bonn. Inzwischen verheiratet, drei Kinder geboren. Von 1962 bis 1966 mit Familie an der nach der Unabhängigkeit der meisten afrikanischen Staaten neu eröffneten Deutschen Botschaft in Niamey / Republik Niger – Westafrika tätig. In diesen Jahren Vorbereitung auf das Abitur durch Fernstudienlehrgänge. Das war auch die Zeit, in der der Wunsch wuchs, den Beruf ergreifen zu können, den er schon immer ausüben wollte. Deshalb Entlassung aus dem AA auf eigenem Wunsch und Beginn des Studiums an der Pädagogischen Hochschule im niedersächsischem Alfeld/Leine. Examen für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen 1969 und wenig später auch für das Lehramt an Realschulen. Unterricht an einer Hauptschule und an der neu eingerichteten Integrierten Gesamtschule (Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim). Dort auch eine vierjährige Zeit-Funktion als Didaktischer Leiter und Mitglied der kollegialen Schulleitung ausgeübt. Danach in der amtlichen niedersächsischen Lehrerfortbildung und als Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim tätig. Zum 31. 8. 1996 pensioniert, und am 13. November 2002 an der Universität Oldenburg promoviert. Zahlreiche Publikationen zu den Bereichen Interkulturelles / Globales Lernen, internationale Bildung, Globalisierung, u. a. auch einen Kriminalroman.

Collage Dr. Jos Schnurer

Collage, zusammengestellt von Dr. Jos Schnurer

Der Lehrer als Erzieher oder als Clown des Volkes

„Also lautet ein Beschluss, dass der Mensch was lernen muss… Dass dies mit Verstand geschah, war Herr Lehrer Lämpel da“. Im vierten Streich der Max- und Moritz-Geschichten von Wilhelm Busch wird ein Lehrerbild vermittelt, das – mit Bedacht – über Jahrhunderte hin gepflegt, karikiert und persifliert wurde, in Erinnerungstreffen bei ehemaligen Schülerinnen und Schülern n immer wieder belacht und nostalgisch bedacht wird, sich in literarischen Zeugnissen wiederfindet und permanent bei Eltern und in der Öffentlichkeit, je nach eigener Erfahrung und Reflexionsvermögen, aufkommt. Betrachtet man die Situation jedoch historisch und global, ergeben sich eine Reihe von Facetten in einem Mosaik von irritieren­den, vielfach interpretierten und nie aufgeklärten Gespüren, Empfindungen, Aktionen und Reaktionen bei Educator und Educandus; eigenartige Liebe-Hass-, Zuneigungs- und Abneigungsgefühle bestimmen dieses schwierige Verhältnis. Und mitten drin der Lehrer, der sein Rollenverständnis definiert aus der historischen wie der aktuellen Situation. Ob er sein berufliches Handeln mehr aus dem "aristokratischen" Lehrertypus schöpft, der sein Erziehungsideal in der körperlichen Durchbildung des Zöglings findet, ob er mehr dem „priesterlich-philophischem“ Typus zuneigt, der in der Vermittlung der intellektuellen Werte seine Aufgabe sieht, oder ob er ein "bürgerlicher" Typus ist, der, entweder als "Mann aus dem Volke" im Lehrerberuf eine soziale Aufgabe erkennt, oder als „gelehrter Lehrer“ die Begabten zu fördern sucht, immer wird sein pädagogisches Handeln von Erfolg und Misserfolg bestimmt sein. In diesem Rollendilemma muss er sich finden und zurechtfinden, es aushalten und gleichzeitig zu verändern versuchen.

In fünfzehn Posten sollen hier Rollenstereotypen aufgelistet werden, natürlich subjektiv ausgewählt und interpretiert, um der Diskrepanz zwischen individuellem Selbstverständnis des Pädagogen und gesellschaftlichem und institutionellem Anspruch, habhaft zu werden.

Der Lehrer als Priester und Vermittler zwischen Gott und den Menschen

Auf den Felszeichnungen und Zeugnissen der prähistorischen Zeit wird deutlich, dass für den Menschen die Jagd und das Töten der Tiere bereits mehr war als nur ein Nahrungserwerb; es war immer auch ein Unter-Beweis-Stellen der menschlichen Herrschaft über das (Raub)Tier. In der ägyptisch-pharaonischen Zeit wird der Mensch in einem symbolischen Kampf Herr über das Tier. Das Ergründen der Geheimnisse der Erde und des menschlichen Daseins erforderte immer auch eine Ortung der individuellen und gemeinschaftlichen Voraussetzungen des Handelnden. Dies aber lässt sich nur mit „Hilfe“ bewältigen. Der Zauberer, der zwischen den Göttern und den Menschen vermittelt, der den Zugang zu ihnen er­möglicht, war immer auch Lehrer mit den je eigenen Methoden, dem Wissen und den Geheimnissen, die er weitergab [1]. Der „Lehrer“, der den Schlüssel zum Geheimnis der Schöpfung hat und den „Suchenden“ den Zugang dazu und die Erkenntnis zu vermitteln vermag, findet sich auch noch in heutigen Kulturen, etwa zwischen dem Mawla, dem Meister und seinem Schüler in der mystischen Muslimbruderschaft der Derwische, sowie zwischen dem Guru und seinem Jünger im Hinduismus. Diese Lehrverbindungen sind vielfach Lebensverbindungen, bei denen der Meister und der Guru nicht lehren zu denken, sondern zu leben.

Der Erzieher der Ideale und Kulturträger

Homer, der mit seiner Dichtung einen enormen Einfluss auf das griechische Denken und die Moralvorstellungen jener Zeit ausübte und den Grundstock für die spätere Paideia (Pädagogik) legte, zeigt mit seinen Werken bereits den Weg der Eingliederung des Einzelnen in die Gemeinschaft auf. Die „Rede des Phönix“, einer Morallehre in 100 Versen, gilt als Schulbeispiel einer Standpauke, die ein Lehrer seinen Schülern hält. Mit den damals formulierten Werten Arete (Tugend), Aristos (aristokratische Gesinnung) und Aidos (Pflichtbewusstsein) wurde der Grundstock für die traditionelle Bildungsauffassung gelegt. Aristoteles (384-322 v.Chr.) propagierte die vier Lerngegenstände, die in den folgenden Jahrhunderten die Lernanforderungen bestimmen sollten: Grammatik oder Lesen und Schreiben, Gymnastik oder Leibesübung, Musik und Zeichnen.

Gegen Ketzer und Heiden

In einem Schreiben des lateinischen Kirchenvaters Eusebius Hieronymnus (340-419/20) an Gaudentius, dem Vater der kleinen Pacatula, rät er dem Freund, das Mädchen möge sich in den Anfangsgründen des Lesens üben, Silben zusammensetzen, Worte lernen und Sätze bilden. Sie solle angeleitet werden, Blumen zu pflücken, mit glänzenden Steinen und mit schönen Puppen spielen; und damit sie dazu auch motiviert würde, sollten die Eltern dem Kind etwas Zuckerwerk versprechen. Der Gefahr, dass das Mädchen den weiblichen Vorlieben für Schmuck und Tand unterliege, könne dadurch entgegengewirkt werden, dass man dem Kind ruhig erlauben solle, sich zu schmücken; denn es sei besser, sie gehe frühzeitig mit diesen Dingen um und sie werden ihr selbstverständlicher, als dass sie sich danach verzehre. In ersterem Fall sei zu erwarten, dass sie bald einen Widerwillen gegen Schmuck entwickle. Alles menschliche Tun, alle Sehnsüchte und Erwartungen müssten, so auch Aurelius Augustinus (354-430), auf einer inneren Wahrheit gründen, die nur dann von den Menschen erfasst werden könne, wenn sie durch Gottes Gegenwart grundgelegt sei.

Humanismus als Weg zur Elite

Lernt die Geschichte! Und lernt sie mit den „schönen Wissenschaften“, wie Griechisch und Latein. Dazu rief Philipp Melanchthon (1497-1560) in seiner Antrittsrede bei der Übernahme des Lehrstuhls für Eloquenz an der Universität Wittenberg auf, und dazu, den Universitätsunterricht zu verbessern. Es ginge nicht weiter an, einen verstümmelten Aristoteles in schlechter lateinischer Übersetzung zu lesen, weil man alles, was man wolle, hineininterpretieren und herauslesen könne. Grammatik, Dialektik und Rhetorik bildeten die Grundlagen jeden Unterrichts. Dazu bedürfe es guter Lehrer, die dafür Sorge tragen, dass die Studenten das Gute in richtiger Auswahl kennen lernten und das Fade von ihnen ferngehalten werde. Es gälte, nicht nur zum eigenen Nutzen zu lernen oder der kommenden Geschlechter willen, sondern auch „zum bleibenden Ruhm unseres trefflichen Fürsten, dem die Pflege der schönen Wissenschaften mehr als alles andere am Herzen“ liege.

Die „Vernunftkünstler“

Immanuel Kant verweist in seinem bekanntesten Werk „Kritik der reinen Vernunft“ (1781) darauf, dass „auf welche Art und durch welche Mittel sich auch immer eine Erkenntnis auf Gegenstände beziehen mag, () doch diejenige, wodurch sie sich auf dieselben unmittelbar bezieht, und wodurch alles Denken als Mittel abzweckt, die Anschauung“ sei. Diese Grundaussage seiner „transscendalen Elementarlehre“ beinhaltet jedoch auch, dass eine sinnliche Wahrnehmung trügen könne, wenn sie diese nicht dem Denken verdankt. Die Morallehre der „reinen Vernunft“ lässt sich mit dem Kantschen Satz verdeutlichen: „Ich setze also Leser voraus, die keine gerechte Sache mit Unrecht vertheidigt wissen wollen“ [2]. Die Jugend solle vor solchen Auseinandersetzungen gewarnt werden, solange ihre Urteilskraft noch nicht gereift sei, damit sie nicht auf Überredungen und Dogmen hereinfallen. Die Pflege der Dialektik sei dazu ein gutes Mittel der Erkenntnisgewinnung.

Das Schulmeisterlein Maria Wuz

Jean Paul Fr. Richter (1763-1825), genannt Jean Paul widmete am 3.Oktober 1806 in „tieffster Ehrfurcht“ Ihrer Königlichen Majestät, der Königin Carolinie von Bayern, seine Erziehlehre „Levana“ [3]" Darin entwickelt er seine Vorstellung von Erziehung: Leben belebt Leben, und Kinder erziehen besser zu Erziehern als alle Erzieher! Lasst die Kinder spielen, und gebt ihnen kein fertiges Spielzeug, sondern Arbeitszeug: Baukästen, Sand…, und sie werden ihre Phantasie entwickeln und lernen. "Nur eines ist dabei zu verhüten, dass sie ihr Spielzeug nicht fressen! „Nicht das Nachsprechen und Nachplappern und das zu frühe Einlernen der alten Sprachen sei gefordert, sondern es gelte, den Idealmenschen, der in jedem Kind umhüllt liege, frei zu machen durch einen "Freigewordenen“, also durch Lehrer, die in der Lage sein sollten, „dass wir alle unsere schweren Aemter leicht und heiter bekleiden – ohne Aufblähen - mit einer gewissen Zuversicht, die nichts zu fürchten braucht…“.

Erziehung in Freiheit

„Unsere schulmeisterliche Lehrsucht will die Kinder immer das lehren, was sie von sich selbst viel besser lernen würden, und vergisst dabei, was wir allein ihnen hätten beibringen können“, so Jean Jacques Rousseau (1712-1778) in seinem utopischen Erziehungsroman „Emile ou de l’éducation“ (1762). Die Quellen der Erziehung seien entweder die Natur oder die Menschen oder die Dinge. Der Zögling solle nur durch Erfahrung lernen. Es müsse eine „negative“ Erziehung sein, bei der nicht Tugend oder Wahrheit gelehrt werden dürfe, sondern das Herz vor dem Laster und den Geist vor dem Irrtum zu bewahren: „Mache deinen Zögling aufmerksam auf die Erscheinungen der Natur, und du wirst bald seine Neugier anregen; um diese aber zu nähren, darfst du dich nie beeilen, sie zu befriedigen. Richte die Fragen nach seiner Fassungskraft ein und lass sie ihn selbst beantworten. Er soll nichts deshalb wissen, weil du es ihm gesagt hast, sondern weil er es selbst begriffen hat“. Seine Zeitkritik mutet modern an: „Der Mensch in der Gesellschaft steckt ganz hinter seiner Maske. Fast nie lebt er in sich selbst, er ist sich immer fremd und fühlt sich unbehaglich, wenn er in sich zurückkehren muss. Was er ist, ist ein Nichts; was er scheint ist ihm alles“ [4].

Bildung für alle

Bereits Johann Amos Comenius (1592-1670), an Michel de Montaine (1533-1592) anknüpfend, forderte, dass nicht nur die Kinder der Reichen und der Vornehmen, sondern alle in gleicher Weise – Adlige und Bürgerliche, Reiche und Arme, Knaben und Mädchen, in großen und kleinen Städten, in Flecken und Dörfern – in die Schule gehen sollten. Simón Rodrígez (1771-1854), ein venezuelanischer Bildungstheoretiker, nahm diese Gedanken auf, als er 1823 mit Hilfe Simón Bolivars in Bogotá/Kolumbien eine Modellschule einrichtet, in der die Kinder der Armen, die Waisen und unehelichen Kinder elementare Fertigkeiten im Lesen, in Grammatik und Rechnen lernen sollten. Die „gute Gesellschaft“ Bogotás lehnte diesen Versuch ab und brachte ihn zum Scheitern. Er ließ sich jedoch dadurch nicht entmutigen und baute 1825 eine neue Schule in Bolivien, in die er in einem Internat erstmals Jungen und Mädchen aufnahm. Die Vorstellung, dass die meisten Gebrauchsgegenstände aus Erde, Holz und Eisen seien, brachte ihn auf die Idee, die Jungen als Maurer, Zimmerleute und Schmiede auszubilden. Die Mädchen sollten einen Beruf ergreifen, der „ihrem Geschlecht entspricht“; sie konnten jedoch auch, wenn sie dazu in der Lage waren, andere Berufe lernen. Später schrieb er für eine Primarschule in Ecuador eine Schulordnung, in der er sich für eine zweisprachige Erziehung, für gemischte, von Weißen und Indianer­kindern besuchte Klassen und für die Abschaffung der „toten“ Sprachen, sowie die Einführung des Quechua einsetzte. Rodríges Reformideen wurden in den späteren Jahrzehnten, bis heute, von vielen Pädagogen aus Lateinamerika (z.B.: Paulo Frei­re), Asien und Afrika aufgenommen und weiterentwickelt.

Vom Geist des Lehramtes

Wilhelm Münch erinnert in seiner „Hodegetik für Lehrer höherer Schulen“ daran, dass „im Ahnensaal des Lehrers ( ) neben den Bildern sehr vornehmer Gestalten, wie die der großen Weisen und der geweihten Priester und der … Gelehrten, auch sehr ärmliche Anverwandte vertreten (sind), wie der als Pädagog fungierende Sklave des Altertums, der agierende und oft etwas bettelhafte Humanist der geringeren Sonte, der hülflos mit der wilden Jugend ringende Schulmeister, der nur vorübergehend zur Lehrtätigkeit sich bequemende Anwärter ansehnlicher geistlicher Ämter, der weltfremde und komisch ungeschickte Büchermensch“. Zu den Haupterfordernissen für eine rechte Amtsverwaltung als „gelehrter Lehrer“ gehörten die Befähigung, die Pflichterfüllung und Pflichttreue, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit – und nicht zuletzt die Unparteilichkeit. Zur Frage des Umgangs und der Art und Weise, wie der Lehrer einer höheren Schule in der Öffentlichkeit auftreten solle, wird bedauernd festgestellt, es sei schade, dass die äußeren Verhältnisse in diesem Beruf nicht den Anschluss an die besten gesellschaftlichen Kreise ermöglichten, wiewohl diesen Kreisen eine gewisse Besserung von innen heraus gut täte. In jedem Fall sei es löblich, solche Kontakte herzustellen. Zu vermeiden sei der Verkehr mit minderwertigen Elementen, saloppe Haltung oder vulgärer Ton, regelmäßiges Hocken im Bierhaus und am Kartentisch, Teilnahme an derben Späßen und lärmendem Treiben, alles Dinge, die in Deutschland zahlreichen Vertretern auch der akademischen Berufsarten nicht fern lägen. Wenn der Lehrer jung sei, könne er getrost an den anständigen Vergnügungen der besseren Gesellschaft teilnehmen, sei es Lawntennisspiel oder Liebhabertheater, das könne ihm sogar für seinen Beruf geschmeidiger machen: „Auf der Grenzlinie sicher einherzuschreiten ist nicht immer leicht, es ist ein Stück der Lebenskunst!“ [5].

Wie der Alte Fritz lebte

Die Analyse von Lesebüchern bringt es an den Tag, welche Themen die Kinder in der Schule zu lesen hatten. Die Kapitel „Am häuslichen Herd“, „Naturleben in der Heimat“, „Deutsches Land und Volk“ und „Sage und Geschichte“ umreißen das Curriculum. Im Brief eines Kammerdieners, abgedruckt im Lesebuch für Mittelschulen [6], lesen wir u.a.:

Liebe Eltern!

Heute will ich Euch erzählen, wie der König seinen Tag verbringt. Der König denkt von morgens bis abends an das Wohl seiner Untertanen. Ich habe einmal gehört, dass er gesagt hat: „Dass ich lebe, ist nicht nötig, wohl aber, dass ich tätig bin“. Und das ist er aber auch. Und ein andermal hat er gesagt: „Nichts gleicht dem Leben mehr als Arbeit, und dem Tode mehr als Müßiggang“. Jetzt, im Winter, muss ich ihn um vier Uhr wecken, im Sommer gar schon um drei Uhr … Um sieben Uhr ist Abendtafel, die bis zehn Uhr dauert. Da kommen dann die gelehrten Herren, und der König unterhält sich mit ihnen so geistreich, dass unsereinem, der so dumm ist, ganz schwindelt. Nur eines gefällt mir nicht. Es sind lauter Ausländer, Franzosen und Engländer, die da kommen. Immer und immer reden sie Französisch. Man sagt, der König verachte die deutschen Gelehrten, die gar keine seien… Nach dem Abendessen liest der König noch lange. Dann schellt er mir, und ich helfe ihn zu Bett bringen …

„Gleichsam als Quintessenz des Mittelschullehrplans kann das Gedicht von Robert Reinick „Deutscher Rat" angesehen werden: Vor allem eins, mein Kind Sei treu und wahr!/ Lass nie die Lüge deinen Mund entweihn!/ Von alters her im deutschen Volke war / der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein. Du bist ein deutsches Kind, so denke dran! / Noch bist du jung, noch ist es nicht so schwer. / Aus einem Knaben aber wird ein Mann, / das Bäumchen biegt sich, doch der Baum nicht mehr. Sprich ja und nein, und dreh’ und deutle nicht! / Was du berichtest, sage kurz und schlicht! /Was du gelobest, sei dir höchste Pflicht! / Dein Wort sei heilig, drum verschwend’ es nicht! Leicht schleicht die Lüge sich ans Herz heran, / zuerst ein Zwerg, ein Riese hintennach; / doch dein Gewissen zeigt den Feind dir an, / und eine Stimme ruft in dir: "Sei wach!" Dann wach’ und kämpf’! Es ist ein Feind bereit, / die Lüg’ in dir, sie drohet dir Gefahr. / Kind, Deutsche kämpften tapfer allezeit; / du deutsches Kind, sei tapfer, treu und wahr!

Das Jahrhundert des Kindes

Ellen Key [7] beschreibt in ihren Studien die Jahrhundertwende aus der Situation eines „nackten Kindleins“, das sich zur Erde herabsenke, sich aber erschrocken zurückzöge angesichts des mit Waffen gespickten Balles. Für die neue Zeit sei hier kein Platz, so meinen die einen, weil die menschliche Natur so sei und so bleibe; die anderen hofften, dass einmal eine lebendige Wirklich­keit in die Seelen der Menschen komme, die sie veranlasste, die Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden. Für Ellen Key ändere sich nur dann etwas, wenn die ganze Menschheit zu einem neuen Bewusstsein finde, nämlich die Erziehung zur „Heiligkeit der Generation“ zu einer zentralen Gesellschaftsaufgabe zu machen. Dazu bedürfe es des „neuen Erziehers“, der durch planmäßig geordnete Erfahrungen das Kind stufenweise belehre, ohne die individuellen Lebensäußerungen zu unterdrücken. Das Einbüffeln des Lernstoffs und Pedanterie beim Unterrichten lehnt sie ab; vielmehr solle das Kind lernen, selbst die Dinge zu kosten, selbst zu wählen und zu unterscheiden. Nicht die Rute, sondern blühende Zweige gehörten in die Schulzimmer. Der Lehrer in dieser von ihr erträumten Schule hätte eine kurze tägliche Arbeitszeit, reichliche Ruhe, einen großen Lohn, die Möglichkeit einer fortgesetzten Entwicklung und Weiterbildung – und eine Dienstzeit von höchstens zwanzig Jahren. Danach solle er als Mentor eingesetzt werden und mit höchstens fünf jungen Menschen einen Sommer im In-und Ausland verbringen, um mit diesem Zusammenleben die Schüler in sokratischer Weise auf die ernsten Fragen und Aufgaben des Lebens vorzubereiten.

Der Volksschullehrer

Aus der „Ordnung der Prüfung für die endgültige Anstellung der Volksschullehrer“ von 1912[8]

§ 7: Die Prüfung ist eine schriftliche und eine mündliche. Der schriftliche Teil der Prüfung besteht in einer wissenschaftlichen Hausarbeit des Lehrers über eine mit Zustimmung des Kreisschulinspektors von ihm gewählte Aufgabe aus dem Bereich der eigenen unterrichtlichen oder erziehlichen Tätigkeit des letzten Jahres. Die Arbeit hat gründliche sachliche Behandlung mit sprachrichtiger, gut geordneter und klarer Darstellung zu verbinden… In deutlicher Reinschrift und geheftet ist sie mit der Meldung zur Prüfung einzureichen…

§ 9: Die mündliche Prüfung gliedert sich in einen praktischen und einen wissenschaftlichen Teil. Der praktische Teil der Prüfung erstreckt sich in der Regel auf drei Unterrichtsfächer für gewöhnlich in der Klasse, in welcher der Lehrer entweder ausschließlich oder doch zumeist unterrichtet hat… Die Prüfung erstreckt sich auf den gesamten Zustand der Klasse, in welcher der Bewerber zumeist unterrichtet hat, und auf die unterrichtliche Behandlung der Fächer. Es ist sowohl die unterrichtliche Befähigung wie die Leistung des Lehrers festzustellen.

§ 10: In dem wissenschaftlichen Teil der Prüfung, der an den praktischen anzuschließen ist, hat der Lehrer nachzuweisen, ob er für seine erziehliche und unterrichtliche Tätigkeit die aus der Psychologie und der Logik sowie aus der Ethik sich ergebenden Grundsätze richtig zu verwenden versteht, ob er eine genügende Kenntnis von der Methode der einzelnen Unterrichtsfächer, von der Geschichte des Unterrichts, vornehmlich von der geschichtlichen Entwicklung der preußischen Volksschule besitzt und ob er in der Verwaltung des Schulamts einige Erfahrungen gewonnen hat, insbesondere mit den Schulverordnungen bekannt ist, die in dem Bezirke gelten…

Die Schule gehört dir

„Einige menschen glauben, erst muss die gesellschaft geändert werden, dann erst kann die schule verändert werden. Sie haben recht“, diese Aussage und auch die „Um die schule zu ändern, muss man die gesellschaft verändern. Um die gesellschaft zu ändern, muss man die schule verändern“, finden wir in "“Das kleine rote schülerbuch" [9], einer Schrift, die in den sogenannten „wilden Sechzigern“ in den Händen der Schülerinnen und Schüler war. Um aber gesellschaftliche Veränderungen durchführen zu können, müssten Lehrer und Schüler zusammenarbeiten, denn „zwischen ihnen besteht kein notwendiger gegensatz. Tatsächlich haben lehrer fast genauso wenig macht wie schüler“. Die Situation der Lehrer wird wie folgt dargestellt: „Ein lehrer ist dazu verpflichtet 23-30 stunden pro woche zu unterrichten. Lehrer an gümnasien haben weniger zu unterrichten, lehrer an realschulen unterrichten etwas mehr und lehrer an volksschulen müssen die meisten stunden geben. Für rund 2000 arbeitsstunden pro jahr in der schule und zu hause bekommt ein gümnasiallehrer ca. 11.-dm pro stunde, ein realschullehrer ca.10.-dm pro stunde und ein volksschullehrer ca.9.-dm pro stunde… der höhere verdienst ermöglicht es lehrern, besser zu wohnen, besser zu essen, mehr zu reisen: also insgesamt besser zu leben, als viele von euch es kennen. Das ist auch einer der gründe warum lehrer euch so schwer verstehen“. Die Arbeitssituation wird folgendermaßen charakterisiert: „Viele lehrer bereiten sich ein paar stunden am tag vor. Andere bereiten sich nie vor…“, und Verständnis wird deutlich: „Nur die wenigsten verdienen mehr, wenn sie tüchtiger geworden sind. Das dasein der lehrer ist nicht ohne probleme…“.

Der „schlechte“ und der „ideale“ Lehrer

Lehrerinnen und Lehrer wollen bei Schülerinnen und Schülern kognitive Lernleistungen bewirken und Verhaltensmuster und Werteinstellungen vermitteln, diese These zu verifizieren, hat sich Hans Thiersch als Gutachter des Deutschen Bildungsrats 1968 aufgemacht [10]. Unter Hinweis darauf, dass in der bisherigen Erörterung des Lehrerverhaltens in Deutschland weitgehend moralisie­rend appellative Verhaltensweisen dargestellt werden, die nur selten berufsspezifisch sind, sondern eher auf allgemeine Men­schentugenden zielen, wählt Thiersch für die Analyse des Lehrerverhaltens einen anderen Ansatz, nämlich die „Betrachtung im Zusammenhang der Theorie des Unterrichts bzw. des Instruktionsprozesses. Man fragt also nicht mehr so sehr nach der Person des Lehrers oder nach dem Lehrer als Repräsentanten eines bestimmten Verhaltensstils, sondern man fragt nach dem Lehrer als Glied des übergreifenden Funktionszusammenhanges des Instruktionsprozesses und gewinnt die Kriterien für sein Verhalten aus den für diesen Zusammenhang notwendigen Aufgaben. Lehrerverhalten muss also als der personale Faktor im Instruktionsprozess verstanden werden“. Die Frage nach der Effektivität beim unmittelbaren Umgang des Lehrers mit den Schülern wird in dieser Studie unter folgenden vier Aspekten behandelt,

durch das Modell des Identifikationslernens: Beeinflusst und motiviert der Lehrer die Schüler durch ganzheitliche Verhaltensmuster?
Durch sanktionierende Maßnahmen: Mit welchen Mitteln beeinflusst der Lehrer das Lernen der Schüler?

Unterrichtsatmosphäre und -arrangement: Welche sachlogische und methodische Mittel setzt der Lehrer im Unterricht ein?
Durch die Unterrichtsform: Findet der Unterricht lehrer- oder schülerzentriert statt?

Um zu einem „guten“ Lehrer zu werden, muss der Lehrer zwei Voraussetzungen erfüllen: „Er braucht wissenschaftlich erwiesene Handlungskriterien… Zum anderen braucht der Lehrer Unbefangenheit gegenüber sich selbst, seinen Vorlieben, Vorurteilen und Affekten, damit er aus der Distanz sein Verhalten und seine Maßnahmen durchschauen kann und mit ihnen der jeweiligen Aufgabe entsprechend unvoreingenommen zu arbeiten imstande ist“.

"Unser Lehrer ist genau so doof wie wir …"

Das Unterrichten ist heute, so die Erfahrung vieler Lehrerinnen und Lehrer, in den westlichen Industrieländern schwieriger geworden. Eine Verunsicherung der Lehrerrolle, angesichts der vielfältigen gesellschaftlichen Veränderungen, wird deutlich. Die beruflichen Bedingungen ändern sich beinahe täglich: Durch die Übermacht der Medien- und Konsumeinflüsse sind Kinder heute oft weniger lernbereit, vielfach unkonzentrierter, und sozial unstabiler. Die Gesellschaft bürdet der Schule, als Reparaturbetrieb, zudem immer mehr Aufgaben auf, die von der Gesellschaft selbst erzeugt werden: Medienerziehung, Drogenberatung, Familientherapie, Aids-und Gesundheitsberatung, usw. Gleichzeitig gerät der Lehrplan durch die „schnellen Verfallzeiten des formalen Wissens“ ins Wanken. Die Lehrerinnen und Lehrer, die heute zumindest auch Sozialpädagogen sein müssten, sind für diese Auf­gaben nicht ausgebildet; „Burn out“, als Symptom einer immer älter werdenden Lehrergeneration, ohne dass genügend junge Lehrerinnen und Lehrer im Kollegium nachrücken, ist eine Folge davon, Resignation eine andere.

In dieser schwierigen Situation erfährt der Lehrer zudem, dass Schüler und Eltern, Politik und Gesellschaft seine Rolle fast immer nur als Negativum wahrnehmen: Der Lehrer, der zuviel Ferien hat, der zuwenig arbeitet, der zuviel verdient… und bei dem man sparen kann: Der Lehrer als Sparschwein der Nation!

Die beiden Figuren, der „Konrad“ aus dem Struwwelpeter, das autoritär gedemütigte, misshandelte und bestrafte Kind, und „Kaspar Hauser“, das verlassene Kind, das sich nur noch mit sich selbst beschäftigt, in ständiger Angst, dass seine eigenen Bedürfnisse unerfüllt bleiben [11], sind heute unsere Zöglinge. Bei ihrer Bildung und Erziehung mitzuarbeiten, das ist unsere Aufgabe, heute und morgen!

Wenigstens mit einigen Punkten soll angedeutet werden, wie eine positive Veränderung der Lehrerrolle und -aufgabe in unserer Gesellschaft möglich sein könnte:

Die Lehrerausbildung müsste sich stärker den gesellschaftlichen Veränderungen stellen. Der Weg von der Schule über die Hochschule in die Schule sollte für die angehenden Lehrerinnen und Lehrer über eine gesellschaftlich relevante Erfahrungsstation gehen: Ein mindestens einjähriges „praktisches Jahr“ mit qualifiziertem Abschluss, z.B. in einem sozialen, therapeutischen oder handwerklichen Beruf.

Die Lehrerausbildung müsste viel breiter angelegt werden, so dass Lehrer mit ihrem Examen nicht nur die Lehrbefähigung für ein bestimmtes Lehramt und für die Schule erwerben können, sondern auch andere berufliche pädagogische Tätig­keiten aufnehmen können, wie das z.B. in Dänemark der Fall ist.

Der Lehrer, als Organisator des Lern- und Bildungsprozesses, als Erzieher und (Schüler-und Erwachsenen)Bildner, muss sich – in der Aus- und Fortbildung – Strategien und Methoden aneignen können, die es ihm ermöglichen, im „Bildungsteam“ tätig zu sein.

Lehrer brauchen, wie jeder andere soziale Beruf, Zeit zur Bewältigung dieser Bildungsaufgaben. Vor- und Nachbereitungszeiten, wie Zeit für pädagogische Beratungen und soziale Aktivitäten, müssen gleichwertig neben der konkreten Unterrichtszeit berücksichtigt werden.

Wie jeder andere Mensch auch ist der Lehrer in seinem Beruf auf gesellschaftliche Anerkennung angewiesen. Sie ist durch Professionalisierung zu ermöglichen, die nicht immer wieder von politischer Seite in Frage gestellt werden darf.

Die Veränderung der Lehrerrolle hin zu einer professionalisierten Berufsausübung wird nur dann möglich sein, wenn zum einen der Wert „Bildung“ als gesellschaftlich und politisch relevant angesehen wird, zum anderen sich auch das System „Schule“ ändert. Das antiquierte vielgliedrige Schulsystem und die daraus sich ergebende unterschiedliche und unge­rechte Status- und Besoldungssituation der Lehrerinnen und Lehrer muss verändert werden. „Schule neu denken“ (Hartmut von Hentig) muss auch heißen: „Lehrer neu denken!“

Der Lehrer als Didaktiker und Methodiker

Die Zeiten des „Nürnberger Trichters“ sind vorbei! Lernpsychologische und zivildemokratische Erkenntnisse haben längst bewiesen, dass Lernen mehr als Stoffvermittlung ist. Dialogfähigkeit und empathische Kompetenz sind Bestandteile des Lehrens und Lernens. Im Fokus von Bildung und Erziehung muss das Wohl der Heranwachsenden stehen und das Zutrauen in ihre Lernfähigkeit. Für die Lehrerin und den Lehrer sind deshalb Lernmethoden und ihre Anwendungen in den jeweils individuellen und kollektiven Lehr- und Lernprozessen von besonderer Bedeutung [12]

Die Internationalität der Bildung?

Die Illusion, es breche in nächster Zukunft die globale Mündigkeit und Emanzipation überall auf der Welt aus, gewissermaßen eine "Vision vom Weltdorf", in der die Menschheit auf der Erde im Zeitalter moderner Medien zusammenrücken werde und sich ein gemeinsames globales Verantwortungsbewusstsein bilde, erhält angesichts der Disparitäten, die auf der Erde herrschen, einen gehörigen Dämpfer: „Das Wohlstandsgefälle zwischen den westlichen Industrieländern und den meisten Entwicklungsländern wie auch vielen Staaten Mittel- und Osteuropas ist noch steiler geworden, obwohl seit den 80er Jahren das Wachstum in den Industrieländern deutlich schwächer geworden ist. Die reichsten 20% der Weltbevölkerung verfügen mittlerweile über mindestens das 150-fache des Einkommens der ärmsten 20%" [13].

Weltweit gibt es derzeit rund 47 Millionen Lehrerinnen und Lehrer, bei 600 Millionen Schülerinnen und Schülern. Die Unterschiede zwischen dem Lehrer aus der Republik Tschad, der, unzureichend ausgebildet, in einer Klasse von 80-100 Kindern unterrichtet, wegen fehlender Unterrichtsräume in einer Vormittags- und Nachmittagsschicht, bei einem Monatslohn von ca. 80.- bis 100.- Euro, und dem Lehrer aus der Schweiz, der vergleichbar ein Monatsgehalt von etwa 4 – 5.000.-Euro erhält, lassen sich nach menschlichem Ermessen kaum erklären, noch ausgleichen. Eines dürfte mittlerweile in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion deutlich geworden sein: Um eine einigermaßen gerechtere Verteilung der Ressourcen auf der Erde zu ermöglichen, bedarf es eines Bewusstseins- und Lebenswandels, wie dies die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ in ihrem Bericht 1995 eindrucksvoll zum Ausdruck bringt: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ [14]. Und es muss dringend darüber aufgeklärt werden, wem die Gemeingüter auf der Erde gehören und wie sie von allen Menschen genutzt werden können; denn: Es wird mehr, wenn wir teilen! [15]

Ich als Lehrer

Welcher Typ Lehrer bin bzw. war ich denn? Ich erinnere mich an eine Unterrichtssituation in einer elften Klasse der Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim. Die Schülerinnen und Schüler waren schon etwas älter und hatten alle schon erfolgreich eine Berufsausbildung hinter sich. Sie wollten das Abitur erwerben, um dadurch ein Studium aufnehmen zu können; entweder als Weiterentwicklung in ihrem erlernten Beruf, oder in einer ganz anderen Richtung. Es waren Schülerinnen und Schüler, die wussten, warum sie noch einmal die Schule besuchen, das heißt, sie waren motiviert und wollten lernen. Für mich war das eine besondere Herausforderung, weil ich viele Hinweise erlebte, wie ich selbst gerne gelernt hätte, wenn es möglich gewesen wäre. Gleichzeitig aber waren diese 21-, 22- bis 25jährigen Schülerinnen und Schüler in vielen ihrer Verhaltensweisen und Situationen nicht wesentlich anders als die viel jüngeren in den Nachbarklassen und Gruppen: Sie ärgerten den Lehrer genau so, versuchten ihn auszutrixen und gingen oft den Weg des geringsten Widerstandes… Es war also nicht immer eitel Harmonie, es gab Stress, Ärger, genau so wie viele Stunden des gemeinsamen Erfolgs und Erlebens. Wir hatten uns in Deutsch/Literatur eine Unterrichtseinheit vorgenommen, in denen Begegnungen und Gespräche mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern vorgesehen waren; und zwischendurch und am Ende standen eigene, freie, kreative Schreibversuche, mit teilweise wirklich bemerkenswerten Ergebnissen. Eine Schülerin widmete mir ein Gedicht, in dem sie meine Verhaltensweisen und Macken gezielt und gekonnt auf die Schippe nahm. Unter dem Gedicht stand: „Für Jos, der es haben soll und der sich redlich bemüht, aber sein Unterricht entspricht nur selten seinen eigenen Erwartungen“.

Ich muss gestehen, dass diese freimütige und sicherlich ehrlich gemeinte Rückmeldung der Schülerin mich erst einmal schockte; war ich doch der festen Überzeugung, dass ich ein guter Lehrer sei, der sein Wissen an seine Schülerinnen und Schüler weitergeben wollte. Ich erinnerte mich, dass ich einmal gelesen hatte, was Bertolt Brecht in einem seiner Dialoge „Über den Unmenschen. Geringe Forderungen der Schule“ [16] schrieb: „Dadurch, dass jeder Lehrer nur ein ganz bestimmtes Quantum Wissen vorzutragen hatte und dies jahraus, jahrein, wurde er gegen den Stoff selber völlig abgestumpft und durch ihn nicht mehr vom Hauptziel abgelenkt: dem sich Ausleben vor den Schülern. Alle seine privaten Enttäuschungen, finanziellen Sorgen, familiären Missgeschicke erledigte er im Unterricht, seine Schüler so daran beteiligend“ – ertappt!

Einmal Lehrer – immer Lehrer!

Dieser vielfach, zu unterschiedlichen (passenden und unpassenden) Situationen benutzte Spruch heißt ja nichts anderes, was für viele andere Berufe auch gilt: Die berufliche Tätigkeit prägt, wenn sie nicht nur pflichtgemäß, sondern auch mit Empathie ausgeübt wird, auch das private, individuelle und gesellschaftliche Leben der Menschen. Das ist gut, und es sollte gelingen, die dabei auftretenden Irritationen und Verwunderungen zu akzeptieren und als Engagement und nicht als Verwundung zu verstehen. „Mein Lehrer ist ein enttäuschter Mann. Die Dinge, an denen er Anteil nahm, sind nicht so gegangen, wie er es sich vorgestellt hatte. Jetzt beschuldigt er nicht seine Vorstellungen, sondern die Dinge, die anders gegangen sind“, diese ebenfalls Brechtsche Einschätzung will ich freilich für mich nicht gelten lassen. Ich war gerne Lehrer und habe mich bemüht, mit meinen Möglichkeiten und den Zeitläufen geschuldeten Imponderabilien, dass Schülerinnen und Schüler ihren eigenen Möglichkeiten auf die Spur kommen können. Wenn jetzt meine beiden Enkelinnen ebenfalls das Pädagogikstudium aufnehmen, bin ich froh und wünsche ihnen, dass es ihnen gelingen möge, „in verantwortungsbewusstem Tun niemals das Recht (zu) vergessen, das dem aus eigenem Grund wachsenden Leben zusteht – in ehrfürchtig-geduldigem Wachsenlassen niemals die Pflicht (zu) vergessen, in der der Sinn erzieherischen Tuns sich gründet“ [17].

Nachwort

(aus: Bertold Brecht, Über meinen Lehrer; in: Gesammelte Werke, 1967, Band 20, S.65f. )

Mein Lehrer ist ein enttäuschter Mann.
Die Dinge, an denen er Anteil nahm,
sind nicht so gegangen, wie er es sich vorgestellt hatte.
Jetzt beschuldigt er nicht seine Vorstellungen,
sondern die Dinge, die anders gegangen sind…
Mein Lehrer muss nicht „ein enttäuschter Mann“ bleiben.
… Ich glaube, er ist furchtlos.
Was er aber fürchtet, ist das Verwickeltwerden in Bewegungen,
die auf Schwierigkeiten stoßen.
Er hält ein wenig zu viel auf seine Integrität, glaube ich.

Autor
Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Fussnoten

[1] Kunstkreis Luzern, in Zusammenarbeit mit dem Weltverband der Lehrerorganisation (WCOTP) und der UNESCO, Hrsg., Der Mensch im Spiegel der Kunst, Bd. 1: Mensch und Tier, 1966, Bd. 4: Lehren und Lernen, 1969, 104 S.

[2] Dr. Karl Kehrbach, Hrsg., Immanuel Kant. Kritik der reinen Vernunft. Text der Ausgabe 1781, mit Abweichungen der Ausgabe 1787, Leipzig, März 1877

[3] Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, 2. Aufl., Leipzig, März 1811

[4] Wilhelm Flitner, Die Erziehung – Pädagogen und Philosophen über die Erziehung und ihre Probleme, Bremen, 4. Aufl., 1965, S. 192

[5] Wilhelm Münch, Geist des Lehramtes, Berlin 1903, 537 S.

[6] E. Görke, u.a., Hrsg., Deutsche Stimmen – Lesebuch für Mittelschulen, 1. Band: Haus und Heimat, Berlin und Leipzig 1926, S. 213 – 216

[7] Ellen Key, Das Jahrhundert des Kindes, Berlin 1908, 391 S.

[8] Min. – Erlass vom 13. Juli 1912, U III C 978.1. Neue Ordnung der zweiten Lehrerprüfung, in: Oskar Löber, Hrsg., Schulrecht für das den Preußischen Regierungen unterstellte Schulwesen, Wiesbaden 1927, S. 187ff

[9] Bo Dan Andersen / Soren Hansen / Jesper Jensen, Das kleine rote schülerbuch, Kopenhagen 1969, dt. Ausg., 3. Aufl., Frankfurt/M., August 1970, 135 S.

[10] Hans Thiersch, Lehrerverhalten und kognitive Lernleistung, in: Heinrich Roth, Hrsg., Begabung und Lernen, Stuttgart, 4. Aufl., 1969, S. 482 – 490

[11] Andreas Flitner, Konrad, sprach die Frau Mama… Über Erziehung und Nicht-Erziehung, Berlin 1982, S. 117

[12] Frank Dammasch / Martin Teising, Hrsg., Das modernisierte Kind, 2013, zur Rezension; Fokus Kind. Impulse für gelingendes Lernen, 2013, zur Rezension; Wulf Schmidt-Wulffen, Die besten Lehrmethoden im sozialwissenschaftlichen Unterricht. Schüler aktivieren – Lernen individualisieren (5. bis 10. Klasse), 2013, zur Rezension

[13] Stiftung Entwicklung und Frieden, Globale Trends 93/94 – Daten zur Weltentwicklung, Frankfurt/M., November 1993, S. 11; die Daten werden weiterhin bestätigt durch die alljährlich erscheinenden Berichte des New Yorker World Watch Institute zur „Lage der Welt“ (vgl. dazu: www.socialnet.de/rezensionen/)

[14] Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, Bonn 1997, S. 18

[15] Elinor Ostrom: Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter. oekom Verlag, München) 2011, 128 S.

[16] Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, Suhrkamp Verlag, 2000, 152 S.

[17] Theodor Litt, Führen oder Wachsen lassen. Eine Erörterung des pädagogischen Grundproblems, Stuttgart 1967, S. 81f

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