socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Soziale Arbeit 4.0 – oder wie würde Google Soziale Arbeit machen?

11.06.2017    Klaus Schellberg

Mit dem Begriff Industrie 4.0 wurde die Vision einer weltweit vernetzten, digitalisierten und selbstlernenden Industrie geschaffen. „4.0“ ist seither ein Renner, es gibt Versionen für Arbeit, Familie, Hochschule, Politik, Verkehr, Soziale Marktwirtschaft, Pizza und Bier 4.0.

Grund genug, über die Soziale Arbeit 4.0 nachzudenken, deren Vision vielleicht – hier mögen die LeserInnen dem Autor nachsehen, dass er nur ein „Digital Immigrant“ und kein Digital Native ist – aus folgenden Elementen bestehen könnte:

  • IT-Unterstützung steht nicht nur für die Verwaltungen zur Verfügung, sondern auch eine umfassende Unterstützung für die sozialarbeiterischen, pädagogischen und therapeutischen Aufgaben;
  • Selbstverständlich gibt es nicht nur Selbstinformationssysteme, sondern verschiedene dieser Prozesse (oder Ausschnitte hiervon) können über das Internet von den LeistungsempfängerInnen direkt genutzt werden;
  • Natürlich gibt es technikgestützte Wohnformen (Ambient Assisted Living), bei der nicht nur ein umfassendes Hausnotrufsystem, sondern auch Demenzschübe oder manische Phasen erkannt werden können;
  • Durch eine Vernetzung von Leistungsanbietern wird jeweils der optimale Leistungsanbieter mit freien Plätzen und Kapazitäten gefunden und angeboten;
  • LeistungsempfängerInnen können natürlich die Leistungen und Anbieter frei von zuhause aus zusammenstellen, Wohnen zuhause, Nachtwache von der Diakonie, Essen beim Caterer, Tagesstruktur durch die Caritas, Freizeitgestaltung mit der AWO. Für die Anbieter ist Personenzentrierung dank integrierter Prozesssteuerung und gegenseitigem Aktenaustausch kein Problem;
  • Selbstverständlich gibt es integrierte Versorgungssysteme mit Konsumgütern; bei der Online-Buchung des ambulanten Dienstes wird der Einkaufsservice für Getränkekästen mit angeboten, bei der dritten Bestellung eines Bierkastens wird das Online-Tool für „kontrolliertes Trinken“ angeboten.

Doch hat das noch etwas mit Sozialer Arbeit zu tun? Der Sozialen Arbeit, die den Menschen und seine Ressourcen in den Mittelpunkt stellt, die Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen verbessen will und selber auf personenbezogene Arbeit und Reflexionsfähigkeit baut? Der erste Reflex auf die Frage könnte eine allgemeine Ablehnung von entmenschlichter Digitalisierung, der vollkommenen Transparenz und der Kommerzialisierung sein, die natürlich viele bedenkenswerte Aspekte hat.

Beim zweiten Nachdenken könnten wir nicht mehr auf die reine Technik starren, sondern auf die hinter der Technik stehenden Konzepte. „Soziale Arbeit 4.0“ ist dann die Aufforderung, bestimmte Entwicklungslinien zu denken:

  • Der Aufbau eines umfassenden Wissensmanagement für evidenzbasierte Soziale Arbeit bis hin zur Offenlegung der sozialarbeiterischen Intelligenz in Methoden und Herangehensweisen könnte der Professionalität der Arbeit einen Qualitätsschub nach vorne geben.
  • Die Einbeziehung von digitalen und vernetzten Lebenswelten der KlientInnen in die Soziale Arbeit könnte neue Arbeitsweisen und Zugänge zu verschlossenen Zielgruppen ermöglichen.
  • Das Denken in „Shop-Lösungen“ stärkt den Blick auf die einzelne Person und seine Bedürfnisse und Wünsche.
  • Das Zusammenwachsen von Wirtschaftsbereichen mit der Sozialen Arbeit, die Einbeziehung von Social Media, die Übertragung von neuen Geschäftsmodellen – ganz im Sinne von „wie würde Google Soziale Arbeit machen?“ – liefern Ideen, mit denen sich die Soziale Arbeit auseinandersetzen, sie verwerfen oder weiterentwickeln kann.

Eine so verstandene Soziale Arbeit 4.0 ist eine Innovationsoffensive. Die Auseinandersetzung mit den „4.0-Denkweisen“ - wenn sie nicht in pauschaler Kulturkritik endet(1) – wird die Profession der Sozialen Arbeit und die Sozialen Dienstleistungen qualitativ weiterentwickeln. Die Industrie verspricht sich eine „industrielle Revolution“ – ob die Soziale Arbeit diesen Begriff übernimmt, kann sie ja noch überlegen.

Anmerkungen:
(1) Schon im Jahr 1991 gab es hierzu einen interessante Beitrag: Teubner, Ulrike, Computer männlich? - Sozialarbeit weiblich? Computer im weiblichen Lebens- und Arbeitszusammenhang. in: Bernhard Meyer (Hrsg.), Hilfe vom Bildschirm. Computer in der sozialen Arbeit, (S. 54 - 64), Freiburg im Breisgau, 1991

Prof. Dr. Klaus Schellberg
Evangelische Fachhochschule Nürnberg
Homepage www.prof.schellberg.net
E-Mail Mailformular

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!