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Altenarbeit und Altenhilfe

Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s

09.11.2022    Prof. Dr. Christian Bleck

Inhalt
  1. Gegenstand Sozialer Arbeit
  2. Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s
  3. Empfehlungen und Forderungen an Politik
  4. Weitere Informationen: Positionspapier „Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s“

Aufgrund der Alterung unserer Gesellschaft stoßen Herausforderungen und Potenziale des Alter(n)s auf ein zunehmendes öffentliches, politisches und fachliches Interesse. Zugleich haben sich die Bedingungen des Alter(n)s in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert, etwa durch andere Altersbilder, plurale Lebensformen und -stile, Verschärfungen sozialer Ungleichheit oder digitalisierte und technisierte Umwelten. Auch für die Soziale Arbeit gewinnen Fragen des Alter(n)s an Bedeutung: Sowohl innerhalb der Altenarbeit und Altenhilfe, in denen ältere Menschen originär Adressat*innen Sozialer Arbeit sind, als auch in anderen Praxisfeldern Sozialer Arbeit, in denen Fragen des Alter(n)s vermehrt ins Blickfeld rücken. Allerdings scheinen die Wahrnehmung und Relevanz der Sozialen Arbeit in Kontexten des Alter(n)s immer noch weitgehend diffus und marginal.

Gegenstand Sozialer Arbeit

Was ist die originäre Funktion von Sozialer Arbeit? Gegenstand Sozialer Arbeit sind die Prävention, Bearbeitung und Bewältigung sozialer Probleme, die sich etwa in ungleichen Möglichkeiten zur Lebensführung, unterschiedlichen Teilhabechancen am gesellschaftlichen Leben sowie Ungleichheiten in Bezug z. B. auf Bildung, Gesundheit, Beschäftigung, Einkommen, soziale Beziehungen und Zugänge zu gesellschaftlichen Ressourcen zeigen (z. B. DGSA 2016; Engelke et al. 2016). Diese Gegenstandsbezüge sind auch für die Bestimmung der Sozialen Arbeit in Kontexten des Alter(n)s zentral.

Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s

Welche Rolle spielt die Profession Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s? Charakteristisch für die Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s ist die große Heterogenität der Adressat*innengruppe, für die es eines differenziellen Alter(n)sbildes sowie vielfältiger adressat*innen- und nutzer*innenorientierte Konzepte, Methoden und Angebote bedarf. Das spezifische Profil Sozialer Arbeit ist auch in Kontexten des Alter(n)s durch einen generalistischen Blick gekennzeichnet, der innerhalb des professionellen Handelns ganzheitlich die jeweiligen individuellen und kontextuellen Bedingungen, die persönlichen und sozialen Ressourcen der Adressat*innen bzw. Nutzer*innen zur Lebensführung und gesellschaftlichen Teilhabe berücksichtigt und fördert. 

Dabei agiert Soziale Arbeit auf der Mikroebene (z. B. mit den älteren Menschen, ihren An- und Zugehörigen), auf der Mesoebene (z. B. mit Organisationen und Institutionen) und auf der Makroebene (z. B. bezogen auf gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen). Auf allen drei Ebenen kooperieren Fachkräfte der Sozialen Arbeit mit anderen Professionen und zivilgesellschaftlichen sowie politischen Akteuren, vermitteln zwischen diesen und unterstützen eine Vernetzung der Angebote und Aktivitäten für alte Menschen sowie ihrer An- und Zugehörigen, auch unter Beachtung der sozialräumlichen Perspektive.

Für die Soziale Arbeit ergeben sich daher in Kontexten des Alter(n)s u. a. folgende Voraussetzungen, inhaltlichen Bezüge und Orientierungen. Die Profession Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s:

  • benötigt einen eindeutigen und verlässlichen gesetzlichen Rahmen,
  • erfordert sowohl die Verortung gerontologischer Inhalte und entsprechender Denominationen als auch spezifische Bezüge der Sozialen Arbeit auf Kontexte des Alter(n)s im Studium,
  • erfasst und beachtet Bedürfnisse und Bedarfe der Adressat*innen, um ihre Selbstbestimmung und Autonomie zu ermöglichen, Angebote weiterzuentwickeln und politische Anliegen zu lancieren,
  • beachtet ein differenzielles, ressourcenorientiertes Alter(n)sbild, tritt Altersdiskriminierung entgegen und macht auf (strukturelle) Ursachen sozialer Ungleichheit aufmerksam,
  • berücksichtigt berufsethische Prinzipien, um Freiheits-, Schutz- und Teilhaberechte alter Menschen zu fördern und zu sichern,
  • orientiert sich an professionstheoretischen und handlungsmethodischen Zugängen Sozialer Arbeit,
  • schärft ihr Profil an den Schnittstellen zu anderen Professionen sowie gegenüber Adressat*innen bzw. Nutzer*innen und der Politik.
  • etc.!

Empfehlungen und Forderungen an Politik

Welche Rolle hat die Politik? An Politik gerichtet ist für die Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s u. a. zu empfehlen und fordern:

  • Eine einheitliche gesetzliche Grundlage zu schaffen (vergleichbar mit SGB VIII): der vage § 71 SGB XII reicht nicht,
  • auch im SGB XI (Soziale Pflegeversicherung) die Expertise Sozialer Arbeit zu verankern,
  • auf Landesebene neben Projekt- und Programmförderung vor allem auf Nachhaltigkeit ausgelegte Förderstrukturen und Strukturfinanzierungen einzurichten,
  • in Landesrahmenvereinbarungen (z. B. Heimgesetze) Aufgaben Sozialer Arbeit in Pflegeeinrichtungen zu verankern,
  • kommunale Strukturen zu entwickeln, die eine sektorenübergreifende, vernetzte und integrierte Soziale Arbeit im Gemeinwesen verlässlich ermöglichen,
  • etc.!

Die Relevanz der Sozialen Arbeit in Kontexten des Alter(n)s wird immer noch zu wenig erkannt und berücksichtigt, obwohl sie über spezifische Gegenstandsbezüge und Kompetenzen verfügt, die dort vielfältig benötigt werden. Soziale Arbeit sollte daher auch von Politik stärker in Kontexten des Alter(n)s mitgedacht und einbezogen werden.

Das betrifft nicht nur Sozialpolitik auf den verschiedenen Ebenen, sondern auch Fach- und Berufspolitik sowie Hochschul- und Forschungspolitik. Neben der Aufnahme Sozialer Arbeit in politischen Gremien zu Themen des Alter(n)s gilt es, die Rolle Sozialer Arbeit in Kontexten des Alter(n)s auch in Positionierungen und Stellungnahmen der Fachgesellschaften, Fach- und Berufsverbände deutlicher hervorzuheben. Außerdem sollten in der Wissenschafts- und Hochschulpolitik sowohl Möglichkeiten der Drittmittelforschung zu Themen Sozialer Arbeit in Kontexten des Alter(n)s als auch die wissenschaftliche Qualifizierung von Fachkräften der Sozialen Arbeit für Kontexte des Alter(n)s gestärkt werden.

Weitere Informationen: Positionspapier „Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s“

Nähere Ausführungen und weitere Aspekte zum Thema sind in einem umfassenden Positionspapier festgehalten, das kürzlich von der Fachgruppe „Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s“ der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) veröffentlicht wurde und aus dem hier gekürzte Auszüge wiedergegeben wurden.

Autor
Prof. Dr. Christian Bleck
Hochschule Düsseldorf und
Redaktion altenarbeit.info
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