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Soziale Ungleichheit, Rassismus und Vorurteile in der Sozialen Arbeit

18.05.2017    Claus Melter

In Deutschland besitzt die eine Hälfte der Bevölkerung 0,9 Prozent des Geldes und die andere Hälfte 99,1 Prozent des Geldes (vgl. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2017, S. 506). Männer haben ein durchschnittlich höheres Einkommen als Frauen und Personen „mit Migrationshintergrund“ haben ein wesentlich erhöhtes Armutsrisiko. In diesen Rahmenbedingungen erleben wir gegenwärtig wieder einmal, dass geflüchtete Personen, als „Migrant_innen“, als „nicht-weiß“ oder als „Muslime“ kategorisierte Menschen abgewertet und physisch angegriffen werden. Wir beobachten, das Gesetze für geflüchtete Personen im Asylverfahren menschenrechtswidrig eingeschränkt werden, z.B. das Recht auf Bewegungsfreiheit, auf Gesundheitsversorgung, das Recht auf Familienzusammenführung und es werden Menschen in Länder, wo Verfolgung und massive Armut drohen, abgeschoben.

Den Perspektiven und der Unterstützung sowie der Selbstorganisation der Opfer von Rassismus und nationalstaatlicher Diskriminierung kommt dabei in den Medien wenig Aufmerksamkeit zu. Auch in der pädagogischen Praxis stellen Studien fest, dass Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen sowie die Perspektiven der als „Andere“ angesehenen Personen oftmals vernachlässigt werden.

Vorurteile und das Nicht-Ernst-Nehmen von Diskriminierungserfahrungen haben eine gesellschaftliche Funktion und werden bewusst oder unbeabsichtigt eingesetzt, um Unterscheidungen und Diskriminierungen und damit verbundene soziale Ungleichheit durchzusetzen und beizubehalten. Daher genügt es nicht, „durch Erziehung und Bildung an den individuellen Vorurteilen anzusetzen. Denn so lange diskriminierende Strukturen und Praktiken wirksam sind, entsteht auf Seite der Privilegierten ein Bedarf an Vorurteilen und befinden sich die Benachteiligten in einer Situation, in der ihre Möglichkeiten der Gegenwehr beschränkt sind.“ (Scherr 2015: 15)

Soziale Arbeit ist Teil und Akteurin in diesen Gesellschaftsverhältnissen und hat im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Bündniskooperationen mit Adressat_innen und sozialen Bewegungen das Potenzial, Diskriminierungspraxen und -strukturen tendenziell zu bestätigen, zu verschärfen oder in Frage zu stellen und zu verändern.

Nun arbeitet Soziale Arbeit grundlegend mit Unterscheidungen, stellt Unterschiede her oder geht von bestehenden Unterschieden aus, um Menschen in (nicht) zu unterstützende, in (nicht) zu fördernde, in (nicht) berechtigte oder in (nicht) zu verändernde Personen einzuteilen. Lebenspraxen werden notwendig, in (nicht) akzeptabel, in (nicht) gesetzwidrig, in (nicht) Kindeswohl gefährdend eingeteilt.

Die Frage ist, ob und wie Unterscheidungen mit Benachteiligungen verbunden sind. Unterschieden wird auch gesetzlich und sozial in Menschen mit und ohne „Migrationshintergrund“. Studien zeigen, dass bei gleichen Phänomenen Personen, denen ein „Migrationshintergrund“ zugeschrieben wird, anders und oft benachteiligend von Pädagog_innen „behandelt“ werden gegenüber als „einheimisch“ angesehenen Personen (vgl. Melter 2006; Jagusch u.a. 2012; Amirpur 2006).

Soziale Arbeit soll, ja muss sich laut Grundgesetz, Sozialgesetzbüchern und dem Ethik-Codex der Sozialen Arbeit gegen Benachteiligung und Diskriminierung sowie für die Menschenrechte aller Menschen einsetzen. Viele pädagogische Theorien und Praxen sind jedoch anschlussfähig an Ideologien und Praxen der Ungleichwertigkeit. Demgegenüber stehen zunehmend mehr politisch-emanzipatorische pädagogische Ansätze der Selbstbemächtigung und der diskriminierungs- und rassismuskritischen Bündnisangebote durch die Soziale Arbeit (Eggers 2005; Prasad 2011; Madubuko 2016; Mecheril 2016; Gebrande/ Melter/ Bliemetsrider 2017).

Für Studierende, Hochschullehrende, Praktiker_innen und Adressat_innen der Sozialen Arbeit bedarf es somit einer grundlegenden diskriminierungskritischen und machtreflexiven Befragung der Inhalte und Praxen Sozialer Arbeit und gegebenenfalls einer Neuorientierung. Und es braucht mehr Praxen, die erproben und untersuchen, ob und wie auf die gleichen Rechte aller Menschen abzielende pädagogische Konzepte in Verhältnissen sozialer Ungleichheit umgesetzt werden.

Prof. Dr. Claus Melter
Fachhochschule Bielefeld
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Literatur

Amirpur, Donja (2016): Migrationsbedingt behindert? Familien im Hilfesystem eine intersektionale Analyse. Bielefeld: transcript. Rezension bei socialnet.

Eggers, Maisha (2005): Rassifizierung und kindliches Machtempfinden. Wie schwarze und weiße Kinder rassifizierte Machtdifferenz verhandeln auf der Ebene der Identität. Diss. Kiel: Universität Kiel Philosophische Fakultät.

Gebrande, Julia/ Melter, Claus/ Bliemetsrieder, Sandro (Hrsg.) (2017): Kritisch ambitionierte Soziale Arbeit. Intersektionale praxeologische Perspektiven. Weinheim/ München: Beltz/ Juventa. Rezension bei socialnet in Vorbereitung.

Jagusch, Birgit/ Sievers, Britta/ Tepe, Ursula (Hrsg.) (2012): Migrationssensibler Kinderschutz. Werkbuch. Frankfurt/M.: IGFH-Eigenverlag. Rezension bei socialnet.

Madubuko, Nkechi (2016): Empowerment als Erziehungsaufgabe. Praktisches Wissen für den Umgang mit Rassismuserfahrungen. Münster: Unrast-Verlag. Rezension bei socialnet.

Mecheril, Paul (2016) (Hrsg. unter Mitarbeit von Veronika Kourabas und Matthias Rangger): Handbuch Migrationspädagogik. Weinheim/ Basel: Beltz/ Juventa. Rezension bei socialnet in Vorbereitung.

Melter, Claus (2006): Rassismuserfahrungen in der Jugendhilfe. Münster u.a.: Waxmann. Rezension bei socialnet.

Prasad, Nivedita (2011): Mit Recht gegen Gewalt, Opladen/Farmington Hills: Barbara Budrich. Rezension bei socialnet.

Scherr, Albert (2015): Diskriminierung. Wie Unterschiede und Benachteiligung gesellschaftlich hergestellt werden. 2. Auflage. Wiesbaden: VS-Verlag, S. 42.

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