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systemische Beratung

Systemische Beratung – das Schweizer Taschenmesser sozialer Interventionen?

17.08.2022    Farina Eggert

Inhalt
  1. Grundlagen der systemischen Beratung
  2. Systemische Haltung 
  3. Welche Ziele hat die systemische Beratung?
  4. Abgrenzung zur Fachberatung
  5. Zwischen Kritik und Innovation
  6. Systemisch in die Zukunft - auf allen Ebenen

Kaum eine Begrifflichkeit hat in den vergangenen Jahren eine so inflationäre Verwendung in der Sozialen Arbeit verzeichnet wie die der Systemischen Beratung. Grund hierfür ist nicht nur die gesetzliche Ungeschütztheit des Begriffs, sondern auch der steigende Bedarf klientenzentrierter Beratungsformate. Doch was ist die systemische Beratung genau, welche Funktion kann sie übernehmen und welche Vorteile ergeben sich aus ihrer Anwendung?

Grundlagen der systemischen Beratung

Systemische Beratung beschreibt eine methodische Vorgehensweise sowie als Oberbegriff verschiedene Beratungsformate.

Dazu zählen etwa

  • Paarberatung
  • Supervision
  • Coaching
  • Familienberatung
  • Einzelberatung
  • Organisationsberatung.

Ebenso wird die Begrifflichkeit jedoch verwendet, um die methodische Vorgehensweise sowie Grundprinzipien dieser Beratungsform zu verdeutlichen. Dabei stammt das „systemische“ der Beratung vom systemischen Ansatz ab und somit von den drei Entwicklungszusammenhängen des Konstruktivismus, der Systemischen Therapie und der Systemtheorie.

Die Theorie der Systemischen Beratung versteht das Verhalten der Menschen nicht isoliert aus deren Eigenschaften und Charakteren heraus, sondern aus ihren Beziehungen und Interaktionen zu anderen Systemmitgliedern sowie zu ihrer Systemumwelt. Damit wird sie auf nahezu alle Felder der Sozialwirtschaft und sozialen Dienste anwendbar.

Systemische Haltung 

Grundlage bei allen systemischen Beratungen ist die Kooperation der hilfesuchenden und beratenden Person. Im Zentrum der Interaktion steht der offene Dialog, bei dem die beratende Person eine Haltung der Unvoreingenommenheit, Wertschätzung und Interessiertheit einnimmt. Die Grundhaltung in der systemischen Beratung beruht prinzipiell auf Neutralität. Der Beratungsstil bleibt üblicherweise indirekt, sodass der Klient eigene Lösungen erarbeitet und diese nicht von der beratenden Person vorgegeben werden.

Welche Ziele hat die systemische Beratung?

Primär geht es bei der systemischen Beratung darum,

  • Ressourcen und Kompetenzen der zu beratenden Person, Gruppe oder auch des zu beratenden sozialen Systems zu stärken,
  • Möglichkeitsräume zu erweitern,
  • neue Perspektiven zu entdecken und
  • einen Perspektivwechsel zu unterstützen.

Abgrenzung zur Fachberatung

Damit wird deutlich, dass systemische Beratungsansätze in nahezu jeder Organisation und in jedem Handlungsfeld eingebunden werden können. Zweifelsfrei sind systemische Methoden nicht für jedes Beratungsvorhaben zielführend. Je nachdem, für welches Feld die systemische Beratung eingesetzt werden soll, kann beispielsweise ein fachspezifisches Wissen hilfreich sein, es ist jedoch keine zwingende Voraussetzung. Die systemische Beratung verortet sich eher als eine prozessbegleitende Beratung und grenzt sich damit deutlich von der Fachberatung ab. Aufgabe der Fachberatung hingegen ist es, zu einer Sachlage konkret zu beraten und Fachwissen sowie Modelle zu vermitteln. Die Fachexpertise der beratenden Person ist bei der Fachberatung dementsprechend eine zwingende Voraussetzung für einen erfolgreichen Beratungsprozess.

Zwischen Kritik und Innovation

Der systemischen Beratung kann viel vorgeworfen werden: Sie sei wissenschaftlich nicht bewiesen und die Begrifflichkeit sei gesetzlich nicht geschützt. Unzweifelhaft geht mit ihr jedoch eine hohe Innovationsbereitschaft und Klientenzentriertheit einher. Vor allem in der Zeit während und nach Corona etablierten sich vielerorts neue Beratungsformate (wie z.B. Walk-and-Talk, digitale Familienaufstellungen etc.). Sie nutzten systemische Ansätze, um die Kompetenzen der zu Beratenden wieder zu stärken und den Grundsatz der „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu fördern.

Systemische Beratung hat aber auch Grenzen. So ersetzen systemische Beratungsansätze zweifelsfrei keine therapeutischen Maßnahmen. Sie können jedoch zu einer Zeit, die von mangelnden Therapiemöglichkeiten geprägt ist, eine kurzfristige Überbrückungsmöglichkeit zur Stärkung eigener Ressourcen und zur Entwicklung von alltagbewältigenden Lösungen bieten.

Systemisch in die Zukunft - auf allen Ebenen

Auch Organisationen der Sozialwirtschaft nutzen seit einigen Jahren verstärkt systemische Ansätze auf nahezu allen Ebenen. So können Einrichtungen nicht nur systemisch geführt und geleitet werden, sondern auch systemische Elemente für Dienstberatungen und Organisationsentwicklungsprozesse genutzt werden. Zu guter Letzt können Mitarbeiter:innen durch die Förderung von entsprechenden Fort- und Weiterbildungen in systemischen Techniken qualifiziert werden.

Auch wenn der Begriff der systemischen Beratung inflationär verwendet wird, bleibt ein positives Fazit: Die systemische Beratung lässt sich in vielfältigen Kontexten (erfolgreich) einsetzen, behält dabei gesellschaftliche Veränderungen im Blick und kann schnell auf neue Bedarfe angepasst werden. Damit bleibt die systemische Beratung mit ihrer Grundhaltung und Methodik zukünftig ein unverzichtbarer Bestandteil in den Arbeitsfeldern sozialer Arbeit.

Weitere Informationen rund um systemische Ansätze in der sozialen Arbeit finden Sie im Buch „Systemische Sozialarbeit“ von Johannes Herwig-Lempp (2022). Einen ersten Einblick in den Inhalt erhalten Sie in der passenden Rezension dazu von Jan-Peter Domschke.

Falls Sie mehr über den systemischen Ansatz erfahren möchten, empfehlen wir den Lexikonartikel „Systemischer Ansatz“ von Prof. Dr. Christian Paulick.

Autorin
Farina Eggert
Sozialpädagogin B.A., Sozialarbeiterin M.A. & systemische Beraterin (DGSF)
Koordinatorin und Redakteurin der socialnet Rezensionen