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Internationaler Tag für die Beseitigung der Armut 2015

16.10.2015    Prof. i.R. Dr. Wilfried Hosemann

Am 17. Oktober konzentriert die UN die Aufmerksamkeit auf die Armut. Armut ist ein Begriff, der so Vieles umfasst, dass es notwendig ist, die Anwendung vor dem Hintergrund folgender Bezugsdimensionen zu reflektieren.

1. Armut ist folgenreich.

Mit Armut wird keine aktuelle Knappheit von isolierten Ressourcen gekennzeichnet, sondern ein sozialer Raum mit Konsequenzen für die unterschiedlichsten Lebensbereiche, wie die Gesundheit, die Situation im Alter, die Möglichkeiten zur Solidarität zwischen den Generationen, die Teilhabe an politischer Gestaltung und kulturellem Leben.

2. Armut ist eine erlebte soziale Situation.

Armut wird individuell wahrgenommen, aber in sozialen Situationen erlebt und wirksam. Armut ist ein sozialer Begriff. Kinderarmut ist Folge von Elternarmut. Die Chancen Armut zu überwinden, stehen im Zusammenhang mit dem Verhalten von anderen, z.B. den Familienangehörigen, den Nachbarn, der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der Region. Ob in wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen Armut das ausschlaggebende Kriterium für die weiteren Aktivitäten ist, baut auf sozialen Entscheidungen auf - und entsprechend sind die Folgen auf sozialen, organisatorischen und politischen Feldern.

3. Armut prägt die Horizonte von Möglichkeiten.

Armut prägt nicht nur den aktuellen Horizont von Möglichkeiten, sondern als Teil der eigenen Situation, der Familie, der sozialen Gemeinschaft oder der Region prägt sie Zukunftshorizonte. Sie kanalisiert direkt die Erwartungen an die eigene Zukunft und die der sozialen Umgebung. In der Vorwegnahme der Perspektiven wird sie Teil der eigenen Persönlichkeit.

4. Armut beschreibt einen Unterschied.

Zur Armut gehören korrespondierende Begriffe wie Reichtum und Wohlstand. Armut beschreibt eine Differenz. Diese Differenz produziert Unterschiede, die sich selbst verstärken - in der Umgangssprache heißt es kurz: Reichtum gebiert Reichtum, Armut Armut. Der Armutsbegriff alleine enthält keine Information über die Größe des Abstandes zum Reichtum, die sozioökonomische Ungleichheit nimmt stetig zu - unabhängig von den internationalen Erfolgen bei der Reduktion von absoluter Armut, z.B. Hunger.

5. Armut bringt Verteilungs- und Verhaltensfragen in Beziehungen.

Der Armutsbegriff ist unscharf und lässt sehr unterschiedliche, jeweils stimmige, Perspektiven für Interpretationen zu. Zum einen kann die Verteilung von Ressourcen in den Vordergrund gerückt werden oder die Verhaltensweisen der Armen. Darin enthalten ist das Wechselverhältnis von Person und Umwelt, von Individuum und Sozialstruktur. Armut erklärt sich nicht selbst, sondern ist auf Erklärungen angewiesen. Diese transportieren Verantwortungszuordnungen. Häufig wird Armut auf die Höhe des Einkommens reduziert, wogegen sich prominent und einflussreich A. Sen gewandt hat.

6. Armut ist eine gesellschaftliche Beschreibung für soziale Relationen.

Armut ist ein Name für ein soziales Muster, das wahrgenommen, beschrieben und definiert wird. In diesem Prozess wird Armut immer wieder Teil von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, z. B. bei der Akzeptanz erwerbstätiger Armer. Die Definitionen von Armut sind von Zustimmungen und im politischen Alltag von Übereinkünften abhängig. Die Suggestion massenhaften Missbrauchs sozialer Leistungen funktioniert nur vor bestimmten Armutsdefinitionen.

7. Armut ist ungleich verteilt.

Der Anteil der Armen ist unterschiedlich: zwischen den Geschlechtern, den Alterskohorten, den Familienkonstellationen, den Ländern, den nördlichen und südlichen Regionen auf der Erde. Ob gesellschaftliche Beschreibungsmodelle von Klassen, Schichten oder Funktionen gewählt werden - in jedem Fall zeigen sich gravierende empirische Unterschiede und solche der Erklärungen und Legitimationen.

8. Armut beschädigt alle Mitglieder einer Gesellschaft.

Die ungleiche Verteilung von Armut und Reichtum, und damit von Bildungs-, Gesundheits- und Lebenschancen reduziert nicht alleine die Lebensqualität der Armen sondern beeinträchtigt ebenso die sozialen Probleme eines Landes (Wilkinson/Pickett 2010) wie seine wirtschaftliche Entwicklung (OECD 2015).

9. Armut beinhaltet die Gefahr einer doppelten Demütigung.

Armut geht mit dem zweifachen Risiko einher, zum einen die Verantwortung dafür zu geordnet zu bekommen und zum anderen, dankbar für Hilfe sein zu müssen. Dabei wird abgedeckt, ob gerechte und faire Lebensbedingungen vorlagen und ob für die Hilfe patriarchalische Beziehungen akzeptiert werden mussten.

10. Der Umgang mit Armut ist ein wesentliches Merkmal einer Gesellschaft und ihrer Institutionen.

Wie die Institutionen einer Gesellschaft den Umgang mit Armut und das Verhältnis von Armut und Reichtum gestalten, kennzeichnet ihren umgesetzten Grad der sozialen Gerechtigkeit. Ein Sozialstaat ist, so Margalit (1997), prinzipiell weniger demütigend gegenüber Hilfeempfängern als eine Wohltätigkeitsgesellschaft, in der Leistungen über die Auffassungen von Spendern und Geberorganisationen verteilt werden.

Quellen

Margalit, Avishai (1997): Politik der Würde. Über Achtung und Verachtung. Berlin

OECD (2015): In It Together: Why Less Inequality Benefits All, OECD Publishing, Paris.

Wilkinson, Richard/Pickett, Kate (2010): Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Frankfurt am Main

Prof. i.R. Dr. Wilfried Hosemann

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