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Strasse in der Wüste - © kolibri5 Pixabay

Von der Kunst, etwas zu beenden

12.05.2018    Christian Koch

Inhalt
  1. Liebegewonnene Arbeitsweisen
  2. Bindung von Ressourcen
  3. Kritische Angebote und Einrichtungen
  4. Auf zu neuen Ufern
  5. Nachfolge

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, aber vorher steht die Notwendigkeit des Loslassens. Warum dies ebenso schwierig wie notwendig ist, beleuchten die folgenden Zeilen.

Liebegewonnene Arbeitsweisen

Erstaunlich oft finden sich in Betrieben Vorgehensweisen, "weil es schon immer so gemacht wurde". Gewohnheiten wirken im Alltag entlastend und routiniertes Handeln kann ebenso effizient wie entspannend sein. Aber sie können auch zu sinnentleerten, ritualisierten Abläufen werden.

Ich erinnere mich noch gut an folgende Situation: Jahre nach Einführung der Textverarbeitung habe ich eine Geschäftsstelle erlebt, die immer noch von jedem Schreiben eine "Tageskopie" ausgedruckt und abgelegt hat, damit die Geschäftsführung sehen kann, welche Schreiben während ihrer Abwesenheit herausgegangen sind. Abgesehen davon, dass sich schon damals ein Führungsmodell mit 100%iger Kontrolle der Mitarbeitenden überholt hatte, wäre eine kurze Suche über Windows ausreichend gewesen. Dennoch wurde das gewohnte Ritual des Ausdruckens und Ablegens über Jahre weitergeführt.

Bindung von Ressourcen

Nun könnte man an der Skurrilität mancher altmodischer Verfahren seine Freude haben, würden sie nicht laufend Ressourcen binden. Wenn Sie Ihre Arbeitsabläufe kritisch unter die Lupe nehmen, finden Sie ggf. eine ganze Reihe von Besprechungen, Berichten, Formularen, Genehmigungen etc., die nicht substantiell zur Zielerreichung beitragen oder zwingend zur Erfüllung externer Anforderungen erforderlich sind.

Kritische Angebote und Einrichtungen

Zu ganz anderen Dimensionen der Ressourcenbindung führt das Beibehalten von Projekten, Angeboten und Einrichtungen, bei denen die Potentiale des Trägers nicht optimal zur Geltung kommen.

Die große Kunst der Unternehmensführung besteht nicht nur in der Entwicklung toller neuer Ideen, sondern ebenso in der Fähigkeit, sich von weniger erfolgreichen Aktivitäten konsequent zu trennen: von Projekten ohne überzeugenden Nutzen für die KlientInnen, von Angeboten unterdurchschnittlicher Qualität und von dauerhaft defizitären Einrichtungen, die andere Anbieter mit Gewinn betreiben.

Wo schon die Aufgabe liebgewonnener Gewohnheiten Überwindung kostete, wird die Trennung von Angeboten und Einrichtungen zu einer noch größeren Herausforderung: Es müssen u.a. Aufsichtsgremien überzeugt, für KlientInnen und MitarbeiterInnen Lösungen gefunden und zahlreiche rechtliche Fragen geklärt werden.

Auf zu neuen Ufern

Ähnlich wie bei der Auflösung einer konfliktreichen Beziehung kann auch die Trennung von kritischen Aktivitäten einer Organisation erhebliche Ressourcen freisetzen, um Neues zu beginnen. Bei diesen Ressourcen kann es sich neben finanziellen Mitteln auch um Aufmerksamkeit des Managements, Kapazitäten zentraler Dienste sowie Stabsstellen oder räumliche Ressourcen handeln.

Nur wer sich von den weniger erfolgreichen Aktivitäten trennt, bekommt den Freiraum, neue Chancen zu ergreifen. Allerdings müssen die Ressourcen auch dafür eingesetzt werden. Ohne Investitionen und Risikobereitschaft erfolgt nur ein stetiger Rückbau der Organisation.

Nachfolge

Im Laufe unseres Berufslebens werden wir immer wieder auch sehr persönlich mit dem Thema des Loslassens konfrontiert: Beim Wechsel des Arbeitsplatzes, beim Aufstieg im Unternehmen und schließlich bei der altersbedingten Nachfolgeplanung und -umsetzung.

Beim Aufstieg von der fachlichen Arbeit zur Leitung müssen wir ggf. die "Arbeit mit den KlientInnen" aufgeben, wegen der wir ursprünglich den Beruf ergriffen haben. Mit jeder beruflichen Veränderung verlieren wir gewohnte Routineaufgaben und werden mit Neuem konfrontiert. Dies führt zu mehr Anstrengung, aber auch zur Chance, Veränderungen herbeizuführen.

Bei der altersbedingten Übergabe der Geschäfte an NachfolgerInnen mögen einerseits Erfahrungen und Beziehungen verloren gehen. Andererseits besteht die Chance, dass überholte Sichtweisen und "blinde Flecken" aufgearbeitet werden und andere Fähigkeiten zum Einsatz kommen.

Die Kunst der gelungenen Nachfolge besteht darin, jemanden zu suchen, der/die es künftig noch besser macht. Dies fällt umso leichter, je offener man nicht nur stolz auf die geleistete Arbeit schaut, sondern ebenso die eigenen Schwächen akzeptiert. Auch ist die NachfolgerIn nicht an den Bedingungen der Vergangenheit, sondern den erwarteten Rahmenbedingungen der Zukunft zu messen.

Idealerweise setzt auch hier das Loslassen Ressourcen frei, um sich mit neuen Anliegen im persönlichen Umfeld zu befassen.

Für Arbeitsweisen, betriebliche Angebote und die eigene betriebliche Funktion gilt gleichermaßen: die bisherigen Leistungen würdigen, rechtzeitig ein Ende finden und Neues wagen führen zu einer befriedigenden Balance von Routine und Veränderung.

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