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Wann kommt E-Learning?

13.03.2013    Christian Koch

Viele Innovationen machen eine ähnliche Entwicklung durch:

  1. Zuerst erregt eine neue Idee viel Aufsehen, es entsteht ein medialer Hype und einzelne Unternehmen stürzen sich hoffungsvoll und mit umfangreichem Ressourceneinsatz auf die neue Idee.
  2. In einer zweiten Phase werden die Erwartungen weitgehend enttäuscht. Die Akzeptanz der neuen Idee fällt bei den Kunden und Mittelgebern viel geringer aus als erwartet. Es treten unerwartete Umsetzungshindernisse auf. Der Hype bricht zusammen und die Idee verschwindet fast vollständig aus der öffentlichen Aufmerksamkeit.
  3. Über einen sehr viel längeren Zeitraum als die beiden ersten Phasen findet die Idee nach und nach Einzug in den Alltag. Dies kann durch ein sehr langsames Wachstum einzelner Pioniere erfolgen, die den Zusammenbruch überlebt haben. Oder ein anderes Unternehmen unternimmt einen neuen Anlauf, ggf. mit einer modifizierten Version der ursprünglichen Idee. Diese Umsetzung der Idee stellt eher selten einen spektakulären Durchbruch dar, sondern meist eine kaum öffentlich wahrgenommene, langsame Durchdringung des Marktes.

Gründe für das Scheitern im ersten Anlauf sind meist

  • überzogene Erwartungen an den Nutzen der Idee für die Kunden
  • fehlende Voraussetzungen im Umfeld, z.B. geringe Verbreitung von Breitband-Internetanschlüssen
  • geringe Experimentierfreudigkeit breiterer Nutzerschichten
  • frühe Kinderkrankheiten bei der Umsetzung
  • fehlende Kompetenzen oder Ressourcen bei den Pionieren.

Ein Beispiel für diese Entwicklung stellt webbasierte Software dar, die nicht auf dem lokalen Rechner installiert, sondern bei einem Provider über das Internet genutzt wird. Die lokale Installation von (geschäftlich genutzter) Software sollte weitgehend durch Dienstleister abgelöst werden, die die Nutzung vergleichbarer Software über das Netz anbieten.

Ende der neunziger Jahre wurde dieses Konzept als neue, revolutionäre Idee unter dem Begriff Application Service Provider (ASP) gefeiert. Die Idee war weder neu - die DATEV bietet diesen Service den ihr angeschlossenen Steuerberatern seit Jahrzehnten an - noch wirklich erfolgreich.

Aktuell werden ähnliche Konzepte wieder vermehrt öffentlich beworben, vorzugsweise in Verbindung mit dem wolkigen Begriff des cloud computing. Mittlerweile werden zunehmend sowohl Privatanwender wie auch Firmenkunden von netzbasierten Lösungen überzeugt. Bei Privatpersonen handelt es sich z.B. um Terminkalender, Textverarbeitung, Bildarchiv oder E-Mail-Verwaltung. Firmenkunden siedeln schon lange die Website inklusive Onlineshop, vermehrt aber auch Dokumentenmanagement und Rechnungswesen im Netz an. Zunehmend bieten nicht nur Pioniere, sondern auch die Marktführer onlinebasierte Lösungen an.

Ein weiteres Beispiel für diesen typischen Innovationszyklus stellt das E-Learning dar.

Auch hier hat sich nach größerer Begeisterung vor zehn Jahren zwischenzeitlich die mediale Aufmerksamkeit gelegt. Ein zügiger Durchbruch von E-Learning als Basis lebenslanger Fort- und Weiterbildung scheiterte u.a. an

  • fehlenden Online- und EDV-Kompetenzen der Zielgruppe
  • fehlenden Breitbandzugängen
  • fehlende didaktische Kompetenzen bzw. unreflektierte Übertragung vorhandener Inhalte auf das neue Medium.

Inzwischen haben sich unterschiedliche Angebote etabliert, darunter sowohl Akteure der ersten Stunde wie neue Anbieter. Dazu einige Beispiele:

  • Akademie.de bietet seit vielen Jahren Lehrmaterialien ursprünglich werbefinanziert, mittlerweile entgeltlich zu den Themen IT und Betriebswirtschaft an. Neben dem reinen Dokumentendownload werden auch persönlich betreute Workshops angeboten.
  • Programmieren lernt man am besten direkt am Computer. Codecademy kann daher als "Programmierschule" die Interaktivität besonders gut in den Lernmodulen nutzen. Schon auf der Homepage wird man zum Programmieren "verführt".
  • Apple bietet unter iTunes U professionell gestaltete Kurse für Schule und Hochschule an. Die graphisch aufwendige Gestaltung bringen hochwertige Ausgabegeräte, vorzugsweise des eigenen Unternehmens, besonders gut zur Geltung. Die kostenlose Abgabe der Inhalte setzt die Schulbuchverlage massiv unter Druck, bindet junge Menschen frühzeitig auf Grund des Anmeldezwangs an den iTunes-Shop und fördert den Absatz von Apple-Hardware im Bildungsbereich.
  • Unter YouTube finden sich "lehrreiche" Videos von der Bastelanleitung bis zur Mathematikvorlesung. Besonders aktiv ist z.B. der Mathematik- und Informatik-Professor Jörn Loviscach, dessen über 2.000 Videos bisher rund 9 Millionen Aufrufe erzielt haben. U.a. äußert er sich in einem Video des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft zum Thema E-Learning - Chancen und Grenzen.
  • Unter Coursera bieten überwiegend amerikanische Universitäten, aber auch die TU München und die LMU München kostenlose Onlinekurse zu einem breiten Themenspektrum an, die zu festen Zeiten durchgeführt werden.

Die Chancen für E-Learning haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert.

  1. Eine gute Internetanbindung ist mittlerweile für Privatpersonen und soziale Einrichtungen selbstverständlich.
  2. Ausreichende Nutzungskompetenzen in Bezug auf Computer, Internet und erforderliche Anwendungsprogramme können überwiegend vorausgesetzt werden.
  3. Junge Menschen sind von Schule und Hochschule gewohnt, dass das Internet selbstverständlich die Basis für persönliche Kommunikation, Koordination von Gruppenaktivitäten, Vermittlung von Inhalten und Steuerung von Prozessen ist.

Auf Grund des föderalen Bildungssystems streut die Nutzung(skompetenz) für E-Learning zwischen den Bundesländern noch deutlich zwischen einer flächendeckenden Nutzung von E-Learning-Software (Moodle) bis zum extrem eingeschränkten Internetzugang überhaupt ("einen Tag im Monat gehen wir in den Computerraum"). Es ist absehbar, dass mit der Zeit die Nutzung von E-Learning-Plattformen für ArbeitnehmerInnen selbstverständlich sein wird, weil sie diese bereits von Schule und Hochschule kennen.

Die größte Einschränkung für die Verbreitung von E-Learning stellt derzeit wohl die Medienkompetenz der "Macher" dar. E-Learning bedeutet mehr, als Aufsätze oder Präsentationsfolien einfach zum Download anzubieten oder diese bestenfalls mit ein paar Videos medial anzureichern. Wesentliche Aspekte sind insbesondere

  • Materialien (Texte, Videos, ...) werden explizit zum Selbststudium aufbereitet. Sie werden z.B. in kleine Lerneinheiten aufgeteilt, Lernziele werden klar kommuniziert, Verweise helfen weiter bei schwierigen Begriffen oder führen zu einer thematischen Vertiefung.
  • Soweit möglich, können komplexe Zusammenhänge an interaktiven Modellen erprobt werden. So könnte z.B. ein simulierter Patient auf eine geänderte Medikation mit neuen Vitaldaten reagieren.
  • Lernende können an Hand von Aufgaben das Erlernte überprüfen und erhalten sofort ein Feedback zum Lernfortschritt.
  • In einer Lernumgebung lassen sich Lernentwicklungen verfolgen, Kontakte mit anderen Kursteilnehmern pflegen und Tutoren in Anspruch nehmen.
  • In virtuellen Schulungsräumen sind Diskussionen und gemeinsame Arbeiten möglich.

Zweifelsohne bieten Präsenzveranstaltungen andere gruppendynamische Entwicklungen und Interaktionsmöglichkeiten. E-Learning wird diese also nicht vollständig verdrängen, aber in vielen Bereichen ergänzen und teilweise auch ersetzen. Bei dieser Entwicklung stehen wir immer noch am Anfang. Insbesondere im sozialen Umfeld werden die E-Learning-Potentiale noch wenig genutzt.

Kennen Sie interessante Ansätze für E-Learning im Sozialwesen? Schreiben Sie uns von Ihren Erfahrungen oder schicken Sie uns interessante Links.

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