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Was ein Sozialwirt den Enkeln schreiben würde

14.02.2017    Klaus Schellberg

Über Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung

In der Entwicklung des Sozialsektors war die Umstellung auf Leistungen und auf Leistungsentgelte ein einschneidender Schritt. Es wurden Leistungen und ihre Vergütung klar bestimmt. Die Koppelung des gesellschaftlichen Subsystems Sozialwirtschaft mit anderen gesellschaftlichen Teilsystemen wurde so klar, die Organisationen einem modernen Management zugänglich, die Finanzierung klar geregelt und dadurch auch sicherer. Es wurde eine Balance zwischen der eigenen Sprache des Subsystems „Soziales“ und den übrigen Subsystemen der Gesellschaft geschaffen.

Die entstandene Komplexitätsreduktion wirkte heilsam – doch sie war eben auch eine Reduktion. Sind die in den vielen Leistungsvereinbarungen beschriebenen Leistungen wirklich diejenigen, die den Sozialsektor ausmachen? Sind sie nicht viel zu fachlich-technisch beschrieben und vernachlässigen die Wirkung am Menschen? Und was ist mit den vielen Nebenwirkungen und Nebenleistungen?

Die Leistungen der sozialen Organisationen enden nicht mit „großer Morgentoilette“ und Medikamentengabe, sondern mit Menschlichkeit, messbar durch Lebensqualität. Und es sind die vielen kleinen Nebenwirkungen, das kleine Beratungsgespräch am Rande, das Gefühl von Vertrauen und Sicherheit, das Signal für Bescheidenheit und Umweltbewusstsein, das mit dem kleinen Elektroauto ausgesendet wird.

In der Wirtschaft hat sich mittlerweile die Ansicht durchgesetzt, dass Unternehmen eben nicht nur an ihrem Gewinn und ihren Produkten alleine gemessen werden können, sondern auch an ihrer sozialen Verantwortung gegenüber dem Personal, der ökologischen Verantwortung und der gesellschaftlichen Verantwortung. Je nach politischer Perspektive wird von ihnen ethische Verantwortung und Corporate Citizenship gefordert oder über eine stärkere staatliche Regulierung nachgedacht.

Die Europäische Union hat mit ihrer „CSR-Richtlinie“ (RL 2014/95/EU), für die vermutlich im März 2017 das Umsetzungsgesetz in deutsches Recht verabschiedet wird, eine Offenlegungspflicht von Unternehmen gefordert betreffend „nichtfinanzieller Informationen und Diversität“. Größere, kapitalmarktorientierte Unternehmen müssen dann über Umwelt-, Arbeitnehmer- und Sozialbelange berichten und sich zur Achtung von Menschenrechten und Korruptionsbekämpfung äußern.

Diese Richtlinie erfasst größere, kapitalmarktorientierte Unternehmen. Die Organisationen der Sozialwirtschaft werden von dieser Berichtspflicht nicht erfasst – zunächst, denn vermutlich wird diese Verpflichtung über kurz oder lang auch auf andere Unternehmen und Organisationen ausstrahlen.

Unabhängig von einer rechtlichen Verpflichtung wird sich die Sozialwirtschaft einer solchen Berichtspflicht auch nicht entziehen können. Wenn Rüstungs-, Chemie- und Stahlunternehmen über ihre gesellschaftliche Verantwortung berichten, werden wohl auch die Sozialunternehmen erklären müssen, ob sie denn ihrem eigenen Anspruch einer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden. Die Sozialwirtschaft ist eben nicht nur eine vernachlässigbare Nische, sondern ihre Bedeutung ist zu hoch, um die Auswirkungen auf die Gesellschaft nicht zu beachten. Über eine Million Menschen arbeiten allein in der Wohlfahrtspflege, ihre Wirkungen erreichen uns von Kinderbetreuung bis Seniorenpflege.

Dabei ist die Frage der gesellschaftlichen Berichterstattung der Sozialwirtschaft weitaus komplexer als in anderen Wirtschaftsbereichen:

Die finanzielle Berichterstattung ist zweischneidig: Einerseits erfasst sie, wie viele öffentliche Mittel in die Sozialwirtschaft fließen, aber auch wie effizient und nachhaltig mit diesen Mitteln umgegangen wird. Die nicht-finanzielle Berichterstattung, die bei Wirtschaftsunternehmen eine „Nebenbedingung“ ist, ist bei der Sozialwirtschaft das Hauptziel. Soziale Organisationen sind nicht in erster Linie wirtschaftlich orientierte Unternehmen, sondern soziale Dienstleister, die die Lebensqualität der Leistungsempfänger und der Gesellschaft verbessern.

Ein allgemein anerkannter Berichtsstandard für die Sozialwirtschaft hierfür steht noch aus. Derzeit sind drei Entwicklungslinien erkennbar:

  • Die Instrumente der Nachhaltigkeitsberichterstattung, etwa der deutschen Nachhaltigkeitskodex, bieten einen Berichtsrahmen, der insbesondere auf ökologische und soziale Fragen ausgerichtet ist. Die soziale (Kern-)Leistung der Sozialwirtschaft muss hier noch geeignet integriert werden. Diese Instrumente sind bereits verbreitet und anerkannt.
  • Einzelne Ansätze gehen von einem Wirtschafts- und Gesellschaftsauftrag aus und bilden diese in einem Berichtsstandard ab. Hier ist insbesondere die Gemeinwohlbilanz (im Rahmen der Gemeinwohlökonomie) als bereits ausgefeiltes Instrument zu nennen. Instrumente, die mit eher gängigen Wirtschaftsformen kompatibel sind und sich z.B. an Wohlstands- oder Lebensqualitätsindikatoren orientieren, sind erst in Entwicklung.
  • In der Sozialwirtschaft werden einzelne Berichtsstandards entwickelt, wie etwa der Social Reporting Standard, die jedoch derzeit hauptsächlich in der Sozialwirtschaft verbreitet sind. Der Social Return on Investment geht hier einen Schritt weiter und sucht hier die Anschlussfähigkeit in Form der Monetarisierung bzw. der Adaption der gesellschaftlichen Kosten-Nutzen-Analysen zu finden.

Wenn wir nun das Ausgangsproblem der vielfältigen Koppelung von gesellschaftlichen Subsystemen in den Mittelpunkt stellen, dann wird die Richtung wohl klar: Wir brauchen ein Berichtssystem, das die Wirkung auch auf entferntere gesellschaftliche Subsysteme beschreibt, ohne jedoch die eigene Wirkungslogik zu verlassen und sich einem Diktat anderer Systeme zu unterwerfen. Hieran werden wir arbeiten müssen und erste Entwicklungen sind hier auch vielversprechend.

Vielleicht kommen wir mit einer kleinen Übung schneller zum Ergebnis: Stellen Sie sich vor, Sie sind verantwortliche Mitarbeiter/in in einer sozialen Organisation. Was würden Sie denn in einem Brief über die Wirkung ihrer Arbeit dem Enkel eines mit ihnen nicht verwandten und nicht bekannten Mitglieds der Gesellschaft schreiben?

Prof. Dr. Klaus Schellberg
Evangelische Fachhochschule Nürnberg
Homepage www.prof.schellberg.net
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Zum Weiterlesen

eignet sich Karl Peter Sprinkart: Nachhaltigkeit messbar machen. Integrierte Bilanzierung für Wirtschaft, Sozialwirtschaft und Verwaltung. Walhalla Fachverlag 2015. Werfen Sie einen Blick in die Rezension durch Prof. Dr. Harald Christa.

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