socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wer hat Angst vor Transparenz?

23.09.2013    Christian Koch

So manche Nonprofit-Organisation wird noch nach Gutsherrenart geführt. Dabei gilt das Motto "Wissen ist Macht!"

Besonders gerne werden Informationen über die wirtschaftliche Lage zurückgehalten. Bei positiven Ergebnissen könnten z.B.

  • Spender mit Spenden zurückhaltender sein,
  • Zuwendungsgeber die Notwendigkeit einer Unterstützung in Frage stellen,
  • Kostenträger zäher verhandeln,
  • die Belegschaft mehr Lohn erwarten und
  • Mitglieder, Klienten oder andere Anspruchsgruppen umfänglichere Unterstützung einfordern.

Während selbst kleine GmbHs ihren Jahresabschluss veröffentlichen müssen, bestehen entsprechende Pflichten bei Stiftungen und Vereinen nicht.

Beispielsweise veröffentlicht einer der größten gemeinnützigen Arbeitgeber in der Rechtsform des Vereins nur alle vier Jahre einen "Geschäftsbericht", der zwar detailliert berichtet, wie viele Gäste an welchem Empfang oder anderen Veranstaltungen begrüßt werden konnten, aber Aussagen über Vermögen, Umsatz und wirtschaftliches Ergebnis konsequent verschweigt.

Immerhin wird die komplexe Unternehmensstruktur in einem Organigramm dargestellt und die Zahl der MitarbeiterInnen genannt. Vor vier Jahren war die Zahl der MitarbeiterInnen nur im Grußwort und nicht im Bericht über das Unternehmen zu finden, dafür wurden noch die Umsätze einzelner Organisationseinheiten verraten.

Dass gemeinwohlorientierte Organisationen einerseits steuerliche Vorteile und öffentliche Zuwendungen in Empfang nehmen, aber sich andererseits der Öffentlichkeit gegenüber zugeknöpfter geben als viele Wirtschaftsunternehmen ist schwerlich legitimierbar. Menschlich mag es verständlich sein, dass sowohl ein hohes, Begehrlichkeiten weckendes Ergebnis ebenso wie Misswirtschaft und bedrohliche Insolvenznähe gerne versteckt werden. Politisch beschädigt solches Verhalten jedoch das Ansehen des Dritten Sektors und schwächt die Nonprofit Governance der jeweiligen Organisation.

Zunehmend reagieren Mitglieder, Spender, Kooperationspartner und Öffentlichkeit zu Recht kritisch auf die Zurückhaltung belastbarer Informationen. Etablierte Spendensiegel und Regeln für eine transparente Berichterstattung setzen Branchenstandards und werden hoffentlich zunehmend zur selbstverständlichen Messlatte jeder seriösen gemeinnützigen Organisation.

Auch intern gegenüber der Belegschaft, Mitgliedern und Aufsichtsgremien fördert Transparenz eine positive Unternehmenskultur, die auf Vertrauen, Verständnis und Engagement aufbaut.

Dabei sollten MitarbeiterInnen über die Lage ihrer Organisation nicht erst informiert werden, wenn schlechte Ergebnisse Einschnitte bei den Lohnzahlungen erfordern, um die Insolvenz abzuwenden, sondern auch in guten Zeiten, in denen Weitsicht erforderlich ist, um Rücklagen für schwierigere Zeiten zu bilden und in zukunftsfähige Strukturen und Angebote zu investieren. In solchen Fällen erfordert Transparenz zweifelsohne die Bereitschaft zu kritischen Auseinandersetzungen und einem offenen Dialog.

Erst in den letzten Jahren tut sich auch auf Ebene der Spitzenverbände etwas. So wurden z.B. gemeinsame Transparenzstandards vom Deutschen Caritasverband und der Diakonie Deutschland herausgegeben. Die 2010 beschlossenen Transparenzstandards teilen sich in Soll- und Kann-Module auf. "Ziel ist es, die Transparenzstandards in Form einer Selbstverpflichtung der Rechtsträger in der Praxis wirksam werden zu lassen." Verbindlichkeit klingt zwar anders, aber immerhin wird die Diskussion über Transparenz auf oberster Ebene und öffentlich geführt.

Frei von verbandlichen Interessen und offen für Organisationen aller Art sind die Standards der "Initiative Transparente Zivilgesellschaft" von Transparency International Deutschland. Die Initiative wird von bisher neun renommierten Organisationen getragen, vom Bundesverband Deutscher Stiftungen bis zum Zusammenschluss entwicklungspolitischer Organisationen VENRO. Von den Wohlfahrtsverbänden ist bisher leider noch kein Spitzenverband als Träger beteiligt, aber auch soziale Organisationen wenden den Standard bereits an.

Insgesamt gibt es aktuell 461 Unterzeichner, die sich zur Anwendung verpflichtet haben. Der Standard verlangt sehr praxisnah zehn Informationen, die leicht zugänglich und übersichtlich auf der Homepage zu veröffentlichen sind. Dazu gehören auch Angaben zur Mittelherkunft und -verwendung.

Möchten auch Sie mitmachen? Wir wünschen der Initiative rege Verbreitung.

Ihr Christian Koch

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!