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Wie kommt das Leben in die Schule?

20.04.2015    Dr. Anke Meyer

Die Schule erscheint vielen Schülerinnen und Schülern als ein endloser, dunkler Tunnel mit sinnlos abgesessenen Stunden. Der einzige Lichtblick sind manchmal die Pausen, in denen man sich mit anderen austauschen kann. Das ganze Jahr über werden Hausaufgaben gemacht, Vokabeln gelernt, Klassenarbeiten geschrieben, die am Ende des Schuljahres zu einzelnen Ziffern kondensieren. Was bleibt von all der Mühe? Und wo soll all die Jahre die Motivation herkommen?

Manchmal kann man sich für Lerninhalte begeistern. Oder es wird eine Form gefunden, die Interesse weckt. Aber je älter die Schülerinnen und Schüler werden, desto größer wird der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun, das über ein schulisches Lernen hinausweist. Das kann, wie Naina es bei Twitter fordert, Wissen über Steuern, Miete und Versicherungen sein. Aber, ich glaube, auch das würde, solange es nicht wirklich gebraucht wird, sofort wieder vergessen und als sinnlos empfunden werden. Genauso wie es sinnlos erscheint ein Gedicht in vier Sprachen übersetzen zu können und die Analyse vom Lehrer mit Rotstift verzieren zu lassen. Geht es nicht vielmehr darum Spuren zu hinterlassen, die Welt mitzugestalten, den Weg ins „richtige Leben“ zu finden?

Seit dem Schuljahr 2014/15 schreiben die Studierenden der Fachschule Sozialpädagogik und die Schülerinnen und Schüler des beruflichen Gymnasiums am Berufskolleg Lübbecke in Kooperation mit socialnet Rezensionen. Sie lesen dazu – kaum zu glauben – freiwillig Fachbücher! Und zwar nicht, um ihre Lehrerinnen zu schocken, sondern um interessierte Fachleute im Internet über das Buch zu informieren.

Ihre besondere Qualifikation ist ihre geringe Erfahrung in der sozialpädagogischen Praxis und ihr begrenzter fachlich-theoretischer Überblick. Sie wählen Bücher aus, in denen Spiele und Übungen für Kinder vorgestellt werden oder praktische Hilfestellungen für die Elternarbeit gegeben werden. Zum Teil haben sie die Möglichkeit Vorschläge aus den Büchern in der Praxis zu erproben, auf dieser Grundlage zu bewerten und so eine für die Praxis relevante Form der Fachlichkeit einzubringen. Sind die Spielanleitungen verständlich, auch wenn man noch keine Routine hat? Ist die theoretische Begründung nachvollziehbar, auch wenn der eigene Kopf noch nicht so viele Schubladen bereithält, um sie einzusortieren?

Vor diesem Hintergrund wird die Inhaltsangabe zu einem Buch eine sinnvolle Hilfestellung für Leserinnen und Leser, die sich zu einem Buch informieren möchten. Es geht nicht mehr darum zu erraten, was die Lehrerin wohl erwartet, sondern man kann sich in seine Leserschaft hineindenken und überlegen, welche Informationen wichtig sind, um zu einer Kaufentscheidung zu kommen. Auch Rechtschreibung und Zeichensetzung bleiben keine akademischen Übungen, sondern man möchte mit seinem Text in einem guten Licht erscheinen und ihn fehlerfrei der Öffentlichkeit übergeben.

Die Rückmeldung der Lehrerin hat nicht mehr das Ziel die Schülerin auf der Leistungsleiter einzusortieren, sondern dient als Unterstützung um im Internet einen präsentablen Eindruck zu machen, der auch bei Bewerbungen genutzt werden kann.

Natürlich, nicht jeder ist ein begnadeter Schreiber. Schülerinnen und Schüler, die sich mit dem Formulieren schwer tun, können sich gegebenenfalls von anderen aus der Klasse helfen lassen. Auch wenn diese das Buch nicht gelesen haben, können sie eine Rückmeldung dazu geben, ob die Rezension verständlich ist, und können helfen, an Formulierungen zu feilen. Darüber hinaus erhält auch die begleitende Lehrerin die Rezension und gibt eine Rückmeldung. Die sich daraus ergebende Überarbeitung riecht nicht mehr nach fader Berichtigung, sonst dient dazu sich mit dem eigenen Produkt besser in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Wie lässt sich ein solches Projekt schulförmig machen bzw. die Schule projektförmig? Am Berufskolleg Lübbecke arbeiten wir mit so genannten Punktekonten, um Anreize für selbstständiges und soziales Lernen zu geben. Außer den allseits bekannten Noten für „Mitarbeit“ und „Tests“ gibt es hier Punkte für „Lernpartnerschaften“ und andere besondere Leistungen wie z.B. Rezensionen. Die Lernpartnerschaften werden häufig dazu genutzt, dass stärkere Schülerinnen und Schüler schwächere, insbesondere bei der Vorbereitung auf Klausuren unterstützen, und so selbst noch einmal den Lernstoff verarbeiten. Sie können aber auch für die Überarbeitung einer Rezension genutzt werden.

Und was sagen die Schülerinnen und Schüler selbst zu dem Projekt? Eine wichtige Motivation ist, das rezensierte Buch anschließend behalten zu dürfen. Sie sind aber auch stolz darauf, dass andere im Internet ihre Meinung zu einem Buch lesen können und sich auf der Grundlage dafür entscheiden, ob sie das Buch kaufen möchten. Obwohl es ein klares Raster für den Aufbau der Rezension gibt, haben sie das Gefühl, dass sie frei entscheiden können, was sie schreiben, dass sie eben nicht nur widergeben, was im Unterricht erarbeitet worden ist, sondern dass sie ihre eigene Meinung formulieren können.

Schwierig finden sie z.T. die fertige Rezension mit einem kleinen Anschreiben versehen an socialnet weiterzugeben. Sie haben Angst, dabei etwas falsch zu machen. Eine gute Motivation, um noch einmal zu gucken, wie man einen Geschäftsbrief schreibt! War da nicht mal was? Im Deutschunterricht vielleicht?

Natürlich: Für uns Lehrerinnen ist es zusätzliche Arbeit. Manche Rezensionen lassen sich leicht korrigieren. Ein paar Hinweise zur Rechtschreibung, ein paar Vorschläge für eine bessere Formulierung. Andere Rezensionen sind dagegen eine pädagogische und fachliche Herausforderung ...

Aber ich denke, dass sich der Aufwand lohnt: Wer mitmacht, hinterlässt eine Spur in der virtuellen Welt, bewährt sich ein wenig im „echten Leben“, sonnt sich einen Lichtblick lang im Lerndschungel.

Dr. Anke Meyer, Lehrerin am Berufskolleg Lübbecke
Kontakt über Mailformular

Beispielrezensionen aus dem beschriebenen Projekt

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