socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wird dies mein letztes Editorial?

31.07.2016    Christian Koch

Inhalt
  1. Schreiben ist out?
  2. Die Renaissance der Kommandozeile?
  3. Lesen ist out
  4. Hören Sie selbst!

Schreiben ist out?

In den ersten europäischen Schulen wird schon keine Schreibschrift mehr gelehrt, weil mit der Hand zu schreiben zur seltenen Ausnahme wird und kaum noch längere Texte betrifft. Selbst die Unterschrift wird zunehmend durch digitale Signaturen und PINs abgelöst.

Spracherkennung ermöglicht bereits seit Jahren das "Diktat direkt in den Computer". Insbesondere spezialisierte Anwendungen für regelmäßige Diktate sind sehr ausgereift. Dies betrifft z.B. das Diktat von Arztbriefen und Befunden in Krankenhäusern. Dank Spracherkennung wird Personal eingespart und die Vorgänge sind wesentlich zeitnäher abgeschlossen. In der Praxis bekommt der Patient den Arztbrief direkt vom Arzt ausgehändigt. Auch das medizinische Personal wird entlastet, da keine erneute Befassung mit dem Vorgang erforderlich wird.

Die Hersteller von Software für das Sozialwesen haben die Möglichkeiten der Spracherkennung noch längst nicht ausgeschöpft. Betreuungs- und Pflegedokumentation könnte, bei mobilen Diensten mittels Smartphone, längst über Spracheingabe statt immer komplexer werdende graphische Oberflächen erfolgen. Dabei können Kontextinformationen (Ort, Zeit, eingeloggter Mitarbeiter) helfen, die Bedeutung der Spracheingabe zu interpretieren.

Die Renaissance der Kommandozeile?

Zu Recht könnten Sie anmerken, dass ganz im Gegenteil immer mehr auf immer kleineren Tastaturen eingetippt, also geschrieben würde. Dass die Tastaturen nicht mehr mechanisch, sondern auf Touchscreens von Milliarden Smartphones, Phablets und Tablets nachgebildet sind, tut dem keinen Abbruch. Und es wird nicht nur immer mehr, sondern auch überall getippt: Schule, Hochschule, Kino, Restaurant, Straßenbahn, Auto, Toilette, ...

Wenn mit Schreiben das Verfassen längerer, komplexer strukturierter Texte gemeint ist, wird zwar mehr an Text eintippt, aber weniger ausformuliert geschrieben. Die neuen Textgattungen sind SMS, Chats, Posts, Tweets, Blogs, wobei letzteres vergleichsweise epische Ausmaße von mehreren syntaktisch korrekten Sätzen in gehobener Ausdrucksweise umfassen kann - nicht muss.

Der technisch bedingte Platzmangel, der kulturelle Kontext und der oft dominierende Dialogcharakter haben dabei zu ganz neuen Ausdrucksformen geführt. Diese umfassen insbesondere Abkürzungen unterschiedlichster Art - wobei RTFM schon historisches Flair genießt und auf die Zeiten verweist, in denen elektronische Kommunikation noch überwiegend technisch orientierten Menschen vorbehalten blieb - und bildliche Darstellungen von den Buchstabensmileys bis zu Emojis mit ungleich größerer Ausdrucksvielfalt.

Aktueller Trend bei den großen Chatbetreibern ist die Ergänzung der menschlichen Kommunikation durch Mensch-Maschine-Kommunikation. Bots (Abkürzung von Robots, Computerprogramme als Gesprächspartner) sollen die persönlichen Chats (offiziell natürlich nur auf Einladung hin) belauschen und auf bestimmte Situationen reagieren. So kann in den Chat während einer Verabredung (Mensch zu Mensch) die Aufforderung zu einer Tischreservierung im Restaurant (Mensch zu Maschine) eingeflochten werden.

Damit werden Chats praktisch zu einer Kombination von schriftlichem Dialog und Kommandozeile. Die textbasierte Befehlseingabe - ursprünglich Standard für die Steuerung von Betriebssystemen und Alltag jedes Computernutzers - dürfte heutzutage jüngeren Menschen nicht mehr geläufig sein. Allerdings werden die kommenden Bots auch wesentlich "intelligenter" und fehlertoleranter als die historischen Kommandozeilen sein. Wesentliche Qualitätsmerkmale sind natürlichsprachliche Eingabe, Erkennung von Bedeutungen und Auswertung des Kontextes. Als Kontext kommen dabei die Gesprächspartner und ihre Beziehung, die gesamte bisherige Kommunikation des Nutzers, Aufenthaltsort, Zeit, Vitaldaten, Terminplan und alle weiteren vorliegenden Daten über den Nutzer in Frage.

Anstatt einen Passanten nach einem Restaurant in der Nähe zu fragen, tippe ich künftig nur "Restaurant" in die universelle Chatschnittstelle und bekomme auf der Basis meiner bisherigen Restaurantbesuche und ihrer Bewertung gewichtete Empfehlungen, die zugleich noch Bewertungen von Dritten, Preisniveau und Öffnungszeiten berücksichtigen.

Während Eliza noch eine - für damalige Zeit verblüffend gut funktionierende - Studie war, dürften künftige Bots als Gesprächspartner immer näher an menschliche Partner heranrücken und ihnen in einigen Merkmalen überlegen sein. Hilfe- und Sozialbots könnten für verschiedenste Aufgaben in Frage kommen: Hinweise zur Notfallhilfe, Vermittlung an passende Beratungsangebote, Übermittlung des Zustand von Freunden (Safety Check von Facebook), Orientierungshilfe für ältere Menschen oder Menschen mit geistiger Behinderung, deutlich vereinfachte Schnittstelle zur Gerätebedienung (Fernsehen, Smart Home, Handy, selbstfahrendes Auto).

Lesen ist out

Konsequenterweise wird diese Chat- oder Kommandoschnittstelle künftig über Sprachsteuerung bedient werden. Nach Amazon will nun auch Google eine Kombination von Lautsprecher und Mikrofon - gedacht für jedes Zimmer der Wohnung - auf den Markt bringen, so dass im Haus jederzeit eine "intelligente" Sprachschnittstelle zur Verfügung steht. Für den Einstieg sind die Steuerung von Smart-Home-Komponenten und die Google-Suche vorgesehen, die Bestellung von Waren und Dienstleistungen wird bald folgen.

Da bedarf es keiner besonderen Phantasie, um den unendlich antiquierten Hausnotruf durch eine Kombination von Vitaldatenmessgerät und akustischer 24-Stunden-Überwachung abzulösen. Dabei würde die Überwachung und Notfallerkennung auf Dauer gegenüber anderen Leistungen in den Hintergrund treten. Möglich wären z.B. Essensbestellungen, Anrufe bei Freunden und Verwandten, Steuerung von Fenstern, Verdunklung, Licht, Heizung und vieles mehr.

Je mehr sich die Interaktion mit Bots an zwischenmenschliche Kommunikation annähert, um so mehr wird sie zu einem Ersatz oder zumindest einer wesentlichen Ergänzung der Kommunikation mit anderen Menschen werden. Der Computer als Gesprächspartner wäre mit dementen Menschen unendlich geduldig und stünde 24 Stunden am Tag zur Verfügung.

Offensichtlich bieten sich vielfältige interessante Entwicklungsperspektiven, wenn

  • Computer für automatisierte, möglichst intelligente Antworten auf natürlichsprachliche Anfragen genutzt werden
  • die Kommunikation von der Tastatur auf Spracheingabe verlagert wird
  • das Computerprogramm über Informationen des Kommunikationskontextes verfügt, insbesondere Profil des Gesprächspartners, Kommunikationshistorie und aktuelle Situation
  • die Software Elemente der realen Umwelt (Internet of Things) beeinflussen kann, z.B. Bestellungen aufgeben oder die Steuerung des Smart Home übernehmen.

Nicht nur aber besonders dann, wenn solche System zur Klientenbetreuung eingesetzt werden, tun sich ganz neue ethische Fragen und Risiken auf: Vom Datenschutz über tödliche Unfälle auf Grund von Softwarefehlern bis zur vorgetäuschten bzw. verdrängten zwischenmenschlichen Kommunikation.

Hören Sie selbst!

Dass Hören gegenüber Lesen wieder auf dem Vormarsch ist, zeigt sich in dem Boom der Hörbücher und dem Vormarsch von Podcasts (im Internet gestreamte Audiodateien mit Wortbeiträgen) als neue Medienform.

Für einzelne Zielgruppen sozialer Arbeit dürfte diese Medienform einen interessanten Kanal darstellen, z.B. für Jugendliche oder Flüchtlinge, aber auch für (jüngere) angehörige sozialer Berufsgruppen.

Vielleicht sollten wir künftig also auf das Editorial verzichten und lieber mit Kapseln werfen (wörtlich "pod cast")? Vorerst können wir Ihnen einen Podcast als Ergänzung des Editorials anbieten:
Auf Irgendwas mit Menschen - IWMM, einem Podcast-Kanal zum Thema Soziale Arbeit und Medien, wurde ich von dem Herausgeber Benedikt Geyer über das geplante socialnet Lexikon interviewt. Passend wurde das Interview auf der socialnet Arbeitstagung am vorletzten Samstag in Fulda geführt, bei der die Vorarbeiten für das Lexikon im Mittelpunkt standen.

Lesen Sie noch, oder hören Sie schon? Hier geht es zum Podcast ...

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!