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Wirkung ist wichtiger als Profession

17.12.2015    Prof. Dr. Klaus Schellberg

Die Suche nach einer Wachstumsbranche in Deutschland führt schnell zum Sozialsektor und zur Sozialwirtschaft. Die Wohlfahrtsverbände allein – und sie sind ja nur ein Ausschnitt der Sozialwirtschaft - hatten noch im Jahr 1970 0,36 Mio. Beschäftigte, 2012 waren es bereits 1,67 Mio Beschäftigte (Bundesarbeitsgemeinschaft 2014). Es liegt auf der Hand, dass ein solcher Sektor zu groß ist, um gesellschaftlich unbeobachtet zu bleiben. Von Finanzpolitikern wird der Sozialsektor primär als Ausgabe und Kostenfaktor gesehen – eine Diskussion, die wohl so alt ist wie der Sozialstaat selber.

Die zweite Perspektive auf die Sozialwirtschaft ist die als Wirtschaftsfaktor. Soziale Organisationen zahlen Steuern und Beiträge, schaffen Arbeitsplätze und Nachfrage. Die wirtschaftliche Bedeutung der Sozialwirtschaft ist durchaus beeindruckend: So ist sie etwa in Bayern ungefähr so groß wie die Tourismusbranche (Puch/Schellberg 2010).

Doch dies geht am Kern der Sozialwirtschaft vorbei: Ihr Ziel ist die Förderung, Unterstützung, Entwicklung von Menschen, ein Beitrag zu gelingendem Leben. Hierzu erbringt sie ihre Dienstleistungen. Doch wird die Sozialwirtschaft diesem Selbstanspruch gerecht? Und von außen betrachtet: Macht die Soziale Arbeit genug aus den hier eingesetzten gesellschaftlichen Mitteln?

Leider hat die Soziale Arbeit noch wenig gesellschaftlich anschlussfähige Instrumente zur Wirkungsdokumentation entwickelt und verweist viel lieber auf die eigene Profession. Ein solcher Verweis ist eine Konzentration auf den Input – was wenn die Welt die Profession nicht merkt?

Machen wir uns also auf die Suche nach Instrumenten zur Darstellung von Wirkungen.

Das einfachste Instrument sind Leistungsstatistiken, etwa amtliche Sozialstatistiken oder die Gesamtstatistik der freien Wohlfahrtspflege. Sie beschreiben den Umfang der Bemühungen und sind damit ein erstes Indiz für die Erfüllung des sozialen Auftrags. Wenn jedoch Leistungen völlig unterschiedliche Wirkungen haben können und Wirkungen durch völlig unterschiedliche Leistungen erreicht werden können, muss hier noch tiefer gegangen werden.

Der Social Reporting Standard (SRS) versucht die selbst erklärte Wirkung des Sozialunternehmens abzubilden. Dies geschieht durch eine systematische Darstellung der Organisation, der Leistungen, der Vision, der Arbeitsweisen und der Wirkungen. Der SRS ist somit kein Bewertungsinstrument, sondern ein Instrument, das eigene Verständnis von Wirkungszusammenhängen und die Kenntnis der eigenen Wirkungen darzulegen. Diese können und sollten natürlich empirisch fundiert sein, müssen es aber nicht. Es ist ein Instrument, Ansätze transparent zu machen, liefert jedoch keine objektiven Entscheidungskriterien. Eine Entscheidung, ob diese Wirkungen gesellschaftlich akzeptiert werden und insbesondere finanziert werden, trifft der SRS nicht. Dies ist Aufgabe des Betrachters – insofern ein zutiefst pluralistisches Instrument.

Ähnlich funktioniert die Gemeinwohlbilanz. Hier werden die Ergebnisse eines Unternehmens in einem mehrdimensionalen Bewertungsschema verankert, der Gemeinwohlbilanz. Im Gegensatz zum SRS wird hier die soziale Wirkung im Vergleich mit anderen, finanziellen, ökologischen, mitarbeiterbezogenen etc. Wirkungen im Gesamtkontext gesehen. Die Gemeinwohlbilanz geht von Wirtschaftsunternehmen aus und legt einen großen Wert auf die gemeinwohlorientierten Nebeneffekte des Wirtschaftens. Das Kernanliegen des Sozialunternehmens kommt so nur begrenzt zur Geltung. Allerdings rückt es die verschiedenen Dimensionen des gesellschaftlichen Nutzens ins Bewusstsein.

Dem Social Return on Investment (SROI, z.B. Studie der BAG WfBM) liegt ein klares Rechenmodell zugrunde. Er vergleicht die „Investments“ (die eingesetzten Spendenmittel, Fördermittel, Leistungsentgelte der öffentlichen Hand) und die Wirkungen („Returns“). Die Wirkung wird dabei einmal in Form von Rückflüssen und vermiedenen Kosten gemessen, also in Geldgrößen. In einer weiteren Form kann dies in Form von Lebensqualität gemessen werden. Der Social Return on Investment ist insofern derzeit das pointierteste Instrument – allerdings immer in Form einer Gegenüberstellung von Nutzen und Kosten.

Die Kritik an diesen Instrumenten, vor allem am SROI, ist dann immer wieder, dass die an sich selbstverständliche Gewährung von Unterstützung erst begründet werden müsste – im schlimmsten Fall sogar ökonomisch (Vgl. etwa Koch 2014). Doch eine solche Argumentation geht davon aus, dass die optimale Unterstützungsform ja schon längst geklärt und gefunden ist. Entwicklung geschieht durch das Hinterfragen von Existierendem, durch neue Perspektiven und durch die Offenheit von Systemen. Und unser Sozialstaat kann sich noch weiterentwickeln.

Quellen

Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (2014): Gesamtstatistik 2012, S. 16.

Koch, Christian (2014): Wie wirtschaftet die Sozialwirtschaft, Soziale Arbeit kontrovers Bd. 10, Lambertus, S. 34.

Puch, Jochen/Schellberg, Klaus (2010): Sozialwirtschaft Bayern – Umfang und wirtschaftliche Bedeutung, Bay. Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, S. 7.

Prof. Dr. Klaus Schellberg
Evangelische Fachhochschule Nürnberg

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