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Zur Relevanz professioneller Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit

05.02.2018    Petra Gregusch, Wolfgang Widulle

Die Auseinandersetzung mit professioneller Gesprächsführung hat in der Sozialen Arbeit lange Tradition. Ihre Blütezeit erreichte sie parallel zu jener der Einzel(fall)hilfe. Das "helfende Gespräch" oblag Grundhaltungen, denen wir auch in der aktuellen einschlägigen Literatur immer wieder begegnen:

„Du sollst

  1. jeden Klienten als ganzen Menschen behandeln, d.h. als Leib-Seele- und Geist-Einheit
  2. seine Selbsthilfekräfte entdecken und fördern
  3. ihn zum Partner am Hilfsvorgang werden lassen
  4. jeden Klienten so akzeptieren, wie er ist und ihm Grenzen setzen, die er braucht
  5. nicht voreingenommen urteilen
  6. mit jedem Klienten dort anfangen, wo er steht
  7. mit seinen Stärken arbeiten
  8. es jedem Klienten ermöglichen, sich frei zu äußern
  9. ihm helfen, sein Recht auf Selbstbestimmung und seine Pflicht zur Selbstverantwortung zu verwirklichen
  10. ihm helfen, sich selbst und seine Lage besser zu verstehen“ (Herbert Lattke, 1969).

Weshalb besteht dennoch Bedarf, sich mit professioneller Gesprächsführung zu befassen? Aus unserer Sicht sprechen verschiedene Fakten und Gründe dafür, etwa

  • die Verdrängung der Gesprächsführung zugunsten von Beratung, Coaching, Therapie etc. Als Lehrende wissen wir, dass häufig erst Beratung als ein 'echtes' professionelles Gespräch aufgefasst wird. Wir stellen zudem fest, dass Gesprächsführung aus den Curricula an Fachhochschulen zunehmend verschwindet – dies zugunsten spezifischer Gesprächsformate, die professionelle Statuserhöhung in Aussicht stellen
  • die Verunsicherung über den sozialarbeitsspezifischen Charakter professioneller Gespräche und Gesprächsführung in Abgrenzung zu anderen psychosozialen Professionen
  • gesellschaftliche Veränderungen, die zu neuen gesellschaftspolitischen Fragen führen (z.B. Umgang mit Medien/Digitalisierung; Umgang mit Multi-/Inter-/Transkulturalität; Umgang mit Kinder- und Jugendgewalt; Umgang mit Extremismus) und damit verbunden auch zu neuen Kommunikations- und Gesprächsformen und -methoden, z.B. Online-Beratung, transkulturelle Beratung, Motivierende Gesprächsführung, Konfrontative Pädagogik
  • die Ökonomisierung Sozialer Arbeit, die oftmals verschlechterte Rahmenbedingungen personeller, zeitlicher oder räumlicher Art für professionelle Gespräche, aber auch – als positive Folge – Nachweise über wirksame Gespräche nach sich zieht und schließlich
  • das vielzitierte Technologiedefizit psychosozialer Professionen,das Methodisierbarkeit im psychosozialen Handeln – und so auch Gesprächsführung – für nicht möglich hält.

Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind insofern gefordert, das Professionelle des Gesprächs im Allgemeinen und in unterschiedlichen Gesprächsformaten differenzieren zu können. Im Zuge der Professionalisierung von Kommunikation und Gespräch mit Klienten und Fachkräften gilt es Klarheit zu gewinnen, was die Identität sozialarbeitsspezifischer Kommunikationsformen ausmacht. Dass Gespräche ein zentrales Interventionsmedium sind und wirken, dürfte inzwischen unhinterfragt sein. Indes besteht zur Frage, wie und wodurch sie in sozialarbeiterischen Kontexten wirken, erheblicher Forschungsbedarf. Mut und Kreativität zu neuen Gesprächsformen und methodischen Konzepten wie auch zur Forschung für evidenzbasierteres Handeln im Gespräch sind gefragt.

Die Website Gesprächsführung.info richtet sich an PraktikerInnen und Studierende Sozialer Arbeit sowie Interessierte aus Forschung und Lehre. Sie stellt die Gesprächsführung als zentrale Funktion in Hilfe- und Kooperationsprozessen in der Sozialen Arbeit in den Mittelpunkt.

Ausgehend von den Herausforderungen erachten wir es nicht nur für die professionalisierte Gesprächsführung, sondern für die Professionalisierung Sozialer Arbeit schlechthin als wesentlich, Orientierung über Abgrenzungen zu anderen psychosozialen Professionen zu schaffen.

Grundlagentexte sollen Identitätsfragen (professioneller) Sozialer Arbeit im Kontext des professionellen Gesprächs bedienen. Zwecks Orientierung werden sie sich insbesondere mit Systematiken zur Gesprächsführung und dem Verhältnis zu speziellen Gesprächsformaten befassen. Darüber hinaus werden sie das in den letzten Jahren gesteigerte Interesse an der Gestaltung der professionellen Interaktion mit der Klientel, aber auch im Kontext von sozialen Organisationen und gesellschaftlichen Institutionen behandeln.

Die Rubrik Gespräche mit KlientInnen Sozialer Arbeit wird Wissenswertes hinsichtlich verschiedener Gesprächsformen im Hilfeprozess, zu Zielgruppen und Problemlagen in der fallbezogenen Sozialen Arbeit beinhalten, während in der Rubrik Gespräche in der Kooperation mit Fachpersonen settingbezogene Aspekte der Gesprächsführung thematisiert werden. Weitere Rubriken bilden Theoretische Ansätze und Methoden der Gesprächsführung sowie Arbeitshilfen. LeserInnen sollen sich entsprechend mit spezifische Denk- und Handlungsweisen vertraut machen und darüber hinaus konkrete Anleitungen zur professionellen Gesprächsführung finden können.

Die Website verfolgt drei Ziele:

  1. Jene sollen profitieren, denen an hilfreichem, aktuellem Wissen, Tools und Materialien zur professionellen Gesprächsführung als Methode der Sozialen Arbeit gelegen ist.
  2. Die Website dient der Bekanntmachung von interessanten Publikationen zum Themenbereich.
  3. Sie greift aktuelle und innovative Trends zum Themenbereich in der Professional Community auf.

Wir erhoffen uns Eingaben von PraktikerInnen, Studierenden, Lehrenden und Forschenden zu aktuellen, brisanten Themen und freuen uns auf eine Professional Communitiy, die an Diskurs und Innovation zur Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit interessiert ist. Wir wünschen uns auch eine Vernetzung der Nutzenden, aus der sich Ideen für gemeinsame Forschungsprojekte und ihre Durchführung entwickeln können.

Das Angebot wird in den nächsten Wochen zügig ausgebaut. Neue Beiträge finden Sie über die gleichnamige Rubrik in der rechten Spalte. Aktuell bietet die Website einen Beitrag Erstgespräche in der Sozialen Arbeit - ein Steckbrief.

In diesem Sinne warten wir gespannt auf Ihre Beiträge und freuen uns auf Ihren Besuch bei Gesprächsführung.info!

AutorInnen

Dr. phil. Petra Gregusch
Dipl.-Päd.
Dozentin ZHAW Soziale Arbeit, Institut für Sozialmanagement, Zürich

Dr. rer.soc. Wolfgang Widulle
Dipl.-Päd.
Dozent FHNW Soziale Arbeit, Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement, Olten

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