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Zwei gute Nachrichten für SozialarbeiterInnen

23.05.2015    Christian Koch

Es kommt – nicht – oder doch

Immer wieder werden technologische Durchbrüche angekündigt, die erstaunlich lange auf sich warten lassen oder im Kabinett futuristischer Kuriositäten verschwinden: das atomgetriebene Auto, der Fusionsreaktor oder das papierlose Büro. Anfängliche Euphorie weicht der Ernüchterung. Vollmundige Versprechen zerplatzen wie Seifenblasen. Mehr Wälder denn je werden zu Papier verarbeitet und neben fast jedem Computer steht ein Drucker, dessen Erzeugnisse Aktenordner, Archive und die Altpapiertonne füllen.

Aber nicht alle Ideen verschwinden endgültig, sondern manche brauchen einfach eine längere Entwicklungszeit. Es fehlt noch an einzelnen Technologien, Infrastrukturen oder Akzeptanz. Oder schlicht an der Verbreitung der Technologie, um überzeugenden Nutzen zu entfalten. Elektronische Zahlungsmittel oder verschlüsselte E-Mail sind nur dann überzeugend, wenn sie universell einsetzbar sind und sich ihr Gebrauch nicht auf wenige Geschäfts- oder Kommunikationspartner beschränkt.

Viele technische Neuerungen verlaufen in den Phasen

  • mediale Euphorie,
  • Enttäuschung der Erwartungen und medialer Absturz,
  • sehr langsame Marktdurchdringung und
  • schließlich starke oder sogar dominante Marktposition.

Diese Entwicklung lässt sich z.B. beobachten beim Online-Banking, bei Tablets oder beim "Smart Home" (Wohnung/Haus mit zahlreichen computergesteuerten Funktionen). Oder eben beim papierlosen Büro.

Nachdem vor ca. zwanzig Jahren die Euphorie groß war und das Verschwinden von Akten innerhalb weniger Jahre prophezeit wurde, wurde es sehr still um das Thema. Inzwischen gibt es nicht nur einzelne Unternehmen von der Versicherung über die Anwaltskanzlei bis zum Journalisten, die vom papierlosen Alltag erfolgreich profitieren, sondern Dokumentenmanagement und elektronische Belege in der Buchhaltung entwickeln sich zum Mainstream.

Der Durchbruch des papierlosen Büros wird durch verschiedene Faktoren gefördert, z.B.

  • immer preiswerterer Speicherplatz für Dokumente
  • bessere Software zur Schrifterkennung (OCR)
  • schnellere, leistungsfähigere und preiswertere Dokumentenscanner
  • höhere Anzahl von primär elektronischen Dokumenten im Posteingang
  • bessere Softwareunterstützung für den Dokumentenfluss z.B. bei Buchhaltungs- oder Dokumentenmanagementsoftware.

Was kommen könnte

Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass in den nächsten zwanzig Jahren weiteren Technologien und Konzepten der Durchbruch gelingen wird. Diese Annahmen beruhen auf

  • weiter fallenden Preisen für Speicherplatz, Rechenleistung und Datenübertragung
  • Weiterentwicklung bestehender und verstärkter Einsatz vorhandener Technologien
  • Weiterentwicklung von Software
  • Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und -prozesse.

Einige aussichtsreiche Technologien und Anwendungsgebiete sollen kurz genannt werden.

Autonome Systeme zeigen sich jetzt noch etwas unbeholfen als Staubsauger oder Rasenmäher, die bereits an kleinen Stolperstellen scheitern. Sie haben aber das Potential durch Vernetzung mit zahlreichen anderen Geräten, verbesserte Sensoren, hochgenaue GPS-Daten, weiterentwickelte Software, gesteigerte Rechenleistung und Verbindung zu selbstorganisierenden Netzwerken ganze Branchen umzukrempeln.

In zehn bis zwanzig Jahren könnten realistisch

  • selbstfahrende Landmaschinen, vom Bauer am Schreibtisch gesteuert,
  • autonome Fahrzeuge als Taxi, LKW, PKW, U-Bahn und Zug ohne Fahrer,
  • Rettungsroboter im Katastrophengebiet und
  • (illegale) Kampfroboter in den Krisenherden dieser Erde

das Bild prägen. Prototypen sind bereits in allen Anwendungsfällen in der Entwicklung. Eine U-Bahnlinie in Nürnberg fährt bereits seit Jahren ohne Fahrer. Vielleicht erzählen Sie einmal Ihren Enkeln "Und 2015 habe ich noch erlebt, wie die Lokführer gestreikt haben" und Ihr Enkelkind fragt "Was sind Lokführer?"

3D-Drucker erleben derzeit eine rasante Entwicklung. Sie decken eine sehr große Anwendungsbreite ab, vom Hobby-Druckerbausatz für wenige hundert Euro bis zur millionenschweren Anlage, mit der Prototypen im Anlagenbau aus Metall "gedruckt" werden. Die Potentiale umfassen u.a. dezentrale Produktion, Einzelfertigung, zeitlich unbefristete Nachlieferung von Ersatzteilen, Druck von maßgefertigten Körperersatzteilen (Zähne, Knochen, Herzklappen, ...) oder mobile Produktion auf dem Weg zum Kunden (Amazon-Projekt).

Sollte etwas überspitzt formuliert wirklich jeder jederzeit an jedem Ort (fast) alles produzieren können, wäre zurecht vom Ende des Industriezeitalters und dem Beginn des Informationszeitalters die Rede, denn dann wären die Produktionsmittel preiswert, allgemein verfügbar und austauschbar, aber die Software bzw. die "Baupläne" und Lizenzen die entscheidende Ressource.

Intelligente Software ist einer der "alten Träume" von Informatikern. Bisher sind alle Prognosen für die Schaffung von Künstlicher Intelligenz nicht erfüllt worden. Allerdings wird Software auf unterschiedlichen Gebieten immer leistungsfähiger. Forschungen an selbstlernenden Systemen, immer ausgefeilterer Mustererkennung und größeren Datenbasen mit formalisiertem Alltagswissen in Verbindung mit leistungsfähigerer Software zeigen laufend zwar kleine, aber stetige Fortschritte.

Siri (von Apple) und Cortana (von Microsoft) erlauben schon die Beantwortung mehr und mehr komplexerer Anfragen per Sprache. Übersetzungsprogramme können den Kontext von Begriffen immer besser erfassen und zutreffende Übersetzungen liefern. Fortgeschrittene Buchhaltungssoftware findet von sich aus alle erforderlichen Daten für die Buchung auf einem eingescannten Beleg. Drohnen können im Schwarm fliegen und kooperativ Aufgaben erledigen.

Was genau Intelligenz ist und ob es sich bei den jeweiligen Systemen um intelligente Systeme handelt, spielt für die Durchdringung des Alltags keine Rolle. Zunehmend werden autonom und flexibel reagierende (oder agierende) Computersysteme unser Leben bestimmen, von der Beurteilung unserer Kreditwürdigkeit bis zur Steuerung der morgendlichen Berufspendler.

Die Liste absehbarer technologischer Entwicklungen wäre noch um einige Punkte zu erweitern, z.B.

  • humanoide und spezialisierte Roboter
  • Wearables (am Körper getragene, in die Kleidung integrierte und mittelfristig auch implantierte oder als Medizin geschluckte/injizierte Computer)
  • Softwareagenten und Avatare (selbständig agierende Software, ggf. als Abbild des Eigentümers im virtuellen Netz).

Aber bereits die ausführlicher dargestellten Entwicklungen lassen die nächste These nachvollziehbar erscheinen.

Die Hälfte der Arbeitsplätze fällt in zwanzig Jahren weg

Buchungsdaten in einem Beleg finden und daraus eine Buchung formulieren ist nichts anderes als Mustererkennung und die Anwendung formalisierter Regeln (HGB, Kontierungsrichtlinie). Leistungsfähige Computer können dies schneller, ausdauernder und zuverlässiger als Menschen. Es ist unwahrscheinlich, dass es in zwanzig Jahren noch Buchhalter gibt. Nur für die Weiterentwicklung der Systeme, komplexe individuelle Sachverhalte und die Gestaltung des Jahresabschlusses sind noch einige Experten erforderlich.

Autonome Fahrzeuge inkl. landwirtschaftlicher Maschinen ersetzen voraussichtlich in den Industriestaaten Landarbeiter, LKW-Fahrer und Lokführer. Autonome PKW reduzieren den Bedarf an Unfallchirurgie, KFZ-Werkstätten und Verkehrspolizisten. Anspruchsvollere Berufe werden sich verändern, aber nicht verdrängt werden. Medizinische Expertensysteme werden Ärzte bei Diagnose und Therapie unterstützen, aber (noch) nicht ersetzen.

Amerikanische Wissenschaftler kommen nach der Analyse von 700 Berufen zu dem Ergebnis, dass 47% der Jobs in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit automatisiert werden können. (Wölbert in c't 2015/7 und Studie von Frey und Osborne).

Die erste gute Nachricht für SozialarbeiterInnen

In der von Frey und Osborne veröffentlichten Studie weist der Beruf der SozialarbeiterIn mit 0,3% eine der geringsten Wahrscheinlichkeiten für den Wegfall durch Automatisierung auf. Sie können also aufatmen: der Computer wird absehbar die Arbeit von SozialarbeiterInnen nicht ersetzen.

Gegenläufige Trends?

Vom Arbeitsplatzverlust sind keineswegs nur gering qualifizierte Jobs, sondern z.B. auch Buchhalter und Zahntechniker betroffen. Dies ist darauf zurück zu führen, dass Computersysteme und Roboter zunehmend anspruchsvollere Aufgaben übernehmen können. Die nächste Generation von Industrierobotern wird bereits mit Menschen Hand in Hand arbeiten und sich verständigen können. Der Wandel am Arbeitsmarkt könnte daher zu weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen, insbesondere zum (weiteren) Abbau der Mittelschicht führen.

Wird also in zwanzig Jahren die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung arbeitslos sein? In dem Ausmaß eher unwahrscheinlich!

2010 sagte das Prognos-Institut in einer Langzeitstudie "Deutschland Report 2035" (Bericht in Spiegel Online) aufgrund des demographischen Wandels einen Rückgang der Arbeitsfähigen um 8 Millionen voraus. Wie bei allen Langzeitprognosen ist die Zahl mit Vorsicht zu interpretieren. Sie hängt von den gewählten Prämissen ab. Wenn die Zuwanderung höher ausfällt, die Beschäftigungsquote von Frauen sowie die Wochenarbeitszeit steigen und das Renteneintrittsalter erhöht werden, steigt das in Stunden bemessene Arbeitsangebot an.

Die Freisetzung von Personal auf Grund der technologischen Entwicklung (eine beschönigende Formulierung dafür, dass Menschen in ihrem angestammten Beruf nicht mehr gebraucht werden) könnte also zumindest teilweise durch den demographischen Wandel und ein generell rückläufiges Arbeitskräfteangebot kompensiert werden.

Der zweite gegenläufige Trend könnte sich aus dem Entstehen neuer Berufe ergeben. Auch bei der bisherigen technischen Entwicklung sind immer wieder Berufe verschwunden und neue entstanden. So gibt es zwar keine Bleisetzer mehr, aber dafür Webdesigner. Bei der Frage, ob der Personalabbau als Folge von Automatisierung durch neue Berufsbilder kompensiert wird, scheiden sich die Expertenmeinungen.

Ein Teil der Forscher geht davon aus, dass dies wie bisher der Fall sein wird. Schließlich haben wir rund 150 Jahre nach Beginn der industriellen Revolution Vollbeschäftigung (zumindest in Deutschland, wenn man eine Erwerbslosenquote bis 5% als Vollbeschäftigung definiert). Aber etwa die Hälfte der Autoren vermutet, dass dieser technologische Umbruch völlig anders verlaufen könnte.

Die neue Generation von Robotern und Computersystemen ersetzt nicht mehr einfache Jobs wie Lokführer oder U-Bahnfahrer, sondern mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% und mehr auch Programmierer, Bibliothekare, Tischler und Rechtsanwaltsfachangestellte.

Es könnte also gut sein, dass wir in zwanzig Jahren in Industriestaaten Vollbeschäftigung ab 30% Erwerbslosenquote definieren, die Mittelschicht deutlich ausgedünnt wurde und die Gegensätze zwischen Arm und Reich weiter zunehmen.

Die zweite gute Nachricht für SozialarbeiterInnen

Die enormen Veränderungen bei den beruflichen Anforderungen und die drohenden sozialen Verwerfungen werden die Gesellschaft vor erhebliche Schwierigkeiten stellen. Daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Bedarf sozialarbeiterischer Tätigkeit abnimmt, eher gering.

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