Editorial: Sekundäre Traumatisierung – Wenn professionelles Mitfühlen an Grenzen stößt
Soziale Arbeit lebt vom Zuhören, Verstehen und Mittragen. Diese Stärke kann jedoch zur Belastung werden. Wer täglich mit Gewalt, Flucht, Vernachlässigung oder existenziellen Krisen konfrontiert ist, nimmt emotional mehr mit, als es nach außen sichtbar ist. Sekundäre Traumatisierung ist eine Reaktion auf das Leid anderer. Für Fach- und Führungskräfte der Sozialwirtschaft wird der professionelle Umgang damit zur Frage der Qualität und der eigenen Gesundheit.
Was hinter dem Begriff steckt
Sekundäre Traumatisierung bezeichnet das Mitübertragen traumabezogener Symptome, die durch wiederholte Konfrontation mit den Geschichten anderer entstehen.
Zentrale Mechanismen:
- Empathische Resonanz
Die Gefühle und das Leid von anderen werden unbewusst übernommen.
- Identifikation
Eigene Erlebnisse oder Verbindungen zu Angehörigen verstärken die Betroffenheit.
- Übererregung und Innere Bilder
Inhalte aus Gesprächen oder Fallakten bleiben im Gedächtnis haften und lösen weiterhin Stress aus.
Menschen, die sekundäre Traumatisierung erleben, zeigen häufig Symptome wie wiederkehrende belastende Gedanken, Schlafstörungen, emotionale Erschöpfung, Gereiztheit oder den Rückzug von sozialen Kontakten. Studien machen deutlich, dass psychosoziale Fachkräfte einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind.
Im Unterschied zum Burnout, das aus chronischer Überforderung und Arbeitsdruck erwächst, entsteht Sekundärtraumatisierung durch empathische Resonanz auf fremdes Leid. Mitgefühlserschöpfung (Compassion Fatigue) ist oft die langfristige Folge, wenn die Grenze zwischen Mitfühlen und Mitleiden verwischt. Sekundäre Traumatisierung ist meist klar symptomatisch auf traumabezogene Inhalte rückführbar, während Mitgefühlserschöpfung breiter, langfristiger und weniger direkt an spezifische Traumaberichte gebunden ist.
US-amerikanische Studien in der Traumaarbeit zeigen, dass ein erheblicher Anteil der Fachkräfte Symptome sekundärer Traumatisierung entwickelt. Das Phänomen ist real, messbar und bleibt doch häufig tabuisiert. Es deutet weder auf mangelnde Professionalität noch auf eine persönliche Krise hin. Vielmehr ist es eine normale Reaktion auf ein emotional hoch belastendes Arbeitsfeld.
Warum Fachkräfte in der Sozialen Arbeit besonders betroffen sind
Fachkräfte in der Sozialen Arbeit arbeiten dort, wo Menschen ihre verletzlichsten Momente teilen: im Kinderschutz, in Jugend- und Familienhilfe, Schulsozialarbeit, Wohnungslosenhilfe, Migration, Straffälligenhilfe oder Traumapädagogik. Sie tragen Verantwortung für Entscheidungen, die tief in den Lebensvollzug und Lebensläufe ihrer Adressat:innen eingreifen. Gleichzeitig sind sie oft mit folgenden Belastungen konfrontiert:
- hohe Fallzahlen
- wiederkehrende Konfrontation mit Leid
- wenig Regenerationszeit
- begrenzte Handlungsspielräume
Professionelles Engagement ist ihre Stärke und zugleich der Grund, warum emotionale Überlastung entstehen kann.
Risikofaktoren – wenn Engagement zur Gefahr wird
Das Risiko steigt, wenn persönliche, organisatorische und kulturelle Faktoren zusammentreffen:
- Persönliche Disposition
eigene unverarbeitete Traumata, hohe emotionale Empathie, Perfektionismus
- Arbeitsbedingungen
zu hohe Fallzahlen, fehlende Supervision, prekäre Beschäftigung, Zeitdruck
- Teamkultur
Tabuisierung von Belastung, Schuldgefühle bei Überforderung, fehlende Führungssensibilität
Sekundärtraumatisierung ist Ausdruck struktureller Überlastung. Wer Helfende schützen will, muss an Organisationskultur, Führung und Ressourcen ansetzen.
Was in der Praxis hilft – Schutzmaßnahmen
Strukturelle Schutzmaßnahmen:
- Regelmäßige, verbindliche Supervision und kollegiale Fallreflexion
- Fortbildungen zu Trauma, Selbstfürsorge und Distanzierungsstrategien, die fest in die Arbeitszeit integriert sind
- Klare Zuständigkeitsgrenzen: Sozialarbeit stabilisiert, sie therapiert nicht
- Arbeitszeitmodelle, die Erholung ermöglichen, statt Überforderung zu normalisieren
Individuelle Strategien:
- Eigene Grenzen wahrnehmen und benennen, ohne schlechtes Gewissen (Praxisfragebogen zur beruflichen Belastung von Daniels, 2006).
- Ressourcen pflegen: soziale Kontakte, Bewegung, Ruhe, Sinnstiftung außerhalb des Berufs.
- Achtsamkeits- und Körpertechniken zur Regulierung nach belastenden Gesprächen.
- Kollegiale Selbstfürsorge etablieren: Belastung gehört auf den Tisch, nicht unter ihn.
Fazit
Die Gesundheit sozialpädagogischer Fachkräfte ist keine Frage individueller Belastbarkeit. Sie ist eine organisationale und sozialpolitische Verantwortung. Selbstfürsorge bleibt wichtig, kann jedoch fehlende Schutzstrukturen nicht ersetzen. Notwendig sind realistische Rahmenbedingungen, verlässliche Reflexions- und Supervisionsangebote sowie eine Organisationskultur, in der Belastungen offen benannt werden dürfen. Sekundärtraumatisierung ist eine systemische Herausforderung, die verbindlich in Ausbildung, Fortbildung, Qualitätsstandards und Personalplanung verankert werden muss. Professionelle Hilfe braucht professionelle Schutzstrukturen. Denn wer andere schützt und stärkt, muss selbst geschützt und gestärkt werden.
Autor:innen Peter Bremicker, Supervisor, Traumafachberater und Traumapädagoge, Theologe und Transaktionsanalytiker Kathrin Jörns, Sozialpädagogin, Fachbuch-Autorin, Co-Leitung und Kommunikationsreferentin am HISTAP HISTAP – Hamburger Institut für Systemische Transaktionsanalyse und Psychotraumatologie www.histap.de
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