Editorial: Verbitterung
Lieber würde ich über Gemeinschaft, Zukunft oder gute Ideen schreiben, doch leider gibt es ein hochrelevantes Problem, welches in meiner Praxis eine immer größere Rolle spielt. Psychische Erkrankungen erreichen in der deutschen Arbeitswelt neue Höchststände: Laut DAK-Psychreport 2025 verursachten sie insgesamt 342 Fehltage je 100 Beschäftigte, Tendenz weiter steigend. Besonders betroffen sind dabei ausgerechnet jene Berufe, die sich täglich um das Wohlergehen anderer kümmern: Bei Beschäftigten in der Kinderbetreuung entfielen 586, in der Altenpflege 573 psychisch bedingte Fehltage je 100 Beschäftigte.
Hinter diesen Zahlen verbergen sich viele bekannte Diagnosen: Burnout, Depression, Angststörung. Doch es gibt ein Phänomen, das in der Fachdiskussion bislang kaum Beachtung findet, obwohl es in der praktischen Arbeit, Beratung, Supervision und Organisationsentwicklung zunehmend sichtbar wird: Verbitterung. Die Charité schätzt die Prävalenz der klinisch relevanten Posttraumatischen Verbitterungsstörung auf etwa zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung, und damit dürfte Verbitterung in ihrer Häufigkeit und Wirkung weit unterschätzt sein.
Das Thema betrifft:
A. Die Menschen mit Verbitterung selbst, B. die Umwelt der Betroffenen, wie Familie, Arbeitskolleg:innen, Teams, C. die Organisation/die Institution/den Betrieb.
Sicherlich werden die meisten Menschen zumindest Anflüge von Bitterkeit kennen. Sie kann sich in der Intensität und Bedeutung steigern, bis hin zu der Posttraumatischen Verbitterungsstörung (so genannt von Michael Linden). Verbitterung kann auch transgenerational weitergegeben werden. Verbitterung ist kein neues Phänomen, auch wenn es gefühlt aktuell vermehrt auftritt. In der Philosophie wurde sie schon benannt von Mark Aurel, Aristoteles, Kierkegaard und anderen als Krankheit, geistige Trägheit, Genuss am Scheitern, Gift, Rache im Geiste oder als eingefrorener Zorn. In der Literatur, wie bei Shakespeare, T. Storm, J. Zeh und anderen, wurde Verbitterung vielfach beschrieben als Gift, welches zur Rache führt, oder als stilles Erfrieren in der Einsamkeit.
Ausgangspunkt sind ein oder mehrere Erlebnisse, die als Kränkung oder Unrecht wahrgenommen werden und mit Ohnmachts- und Hilflosigkeitserleben verbunden sind. Entscheidend ist die subjektive Bewertung eines Ereignisses. Manchmal gehen der Verbitterung erhebliche Demütigungen, Niederlagen oder Verluste voraus, manchmal sind bereits scheinbar kleine Maßnahmen wie Änderung der Arbeitszeiten oder ein nicht genehmigter Urlaub relevant. Als typische Äußerungen höre ich: „Ich habe alles für den Betrieb getan, und dann …“, „Die befördern mich nicht, weil ich keine Frau bin“, „Die Vorgesetzten/ Kinder sind undankbar“ etc., verknüpft mit der Überzeugung, Opfer zu sein.
Verbitterung ist verbunden mit einem Gefühlskomplex von Scham, Wut, Angst und Trauer. Das Verhalten ist eher offen oder verdeckt aggressiv, abwertend, vermeidend.
Besonders erschwerend ist die Ping-Pong-Kommunikation des „Ja, aber“. Die Betrachtung des Gegenübers als Gegner oder Feind macht ein konstruktives Gespräch oder eine Reflexion oftmals unmöglich. Dies vor dem Hintergrund, dass erst einmal die erlittene Schuld von anderen beglichen werden muss, was in der Realität nicht möglich ist. Für die Betroffenen bleibt das Ausgangsereignis zentral, manchmal mit intrusiven Erinnerungen. So mauern sich die Betroffenen in ein eigenes Gefängnis, was viel Leid bei diesen selbst und bei der sich abwendenden Umwelt verursacht.
Bei der Posttraumatischen Verbitterungsstörung nach M. Linden geht ein schwerwiegendes Lebensereignis voraus, welches als ungerecht und herabwürdigend betrachtet wird. Außerdem leiden die Betroffenen unter wiederkehrenden, sich intrusiv aufdrängenden Erinnerungen und reagieren bei Erinnerung hieran verbittert und emotional erregt. Neben diesen Kernkriterien gibt es eine Reihe weiterer Symptome, wie z.B. dysphorische Stimmung oder unspezifische somatische Störungen.
In der Beratung, Therapie oder in Organisationsprozessen beißt man sich bei Verbitterung die Zähne aus, es gibt keine konstruktive Lösung, kein Vorwärtskommen. Doch nach meiner Erfahrung gibt es gute Wege unter bestimmten Voraussetzungen.
Was hilft?
Verbitterung muss als Erstes thematisiert werden. Oftmals ist die indirekte Kommunikation zu bevorzugen („Ich kenne Menschen, die in so einer Lage verbittern“ etc.), da das Ansprechen nicht als Konfrontation, sondern als Fürsorge verstanden werden soll.
- Es bedarf einer gemeinsamen Übereinkunft, dass Verbitterung das Problem ist und diese der Kern des Leids ist, unabhängig von Ereignissen in der Vergangenheit.
- Hieraus folgt eine schwerwiegende und notwendige Entscheidung über Veränderungsschritte ohne Wenn und Aber.
- Erfolgt sie nur halbherzig oder nicht, gibt es keinen weiteren sinnvollen Klärungsprozess. Es bedarf des eigenen klar formulierten Willens.
- Die Kränkung, das Ausgangsereignis, muss als Tatsache verstanden werden, als Fakt, der in der Vergangenheit liegt und nicht mehr korrigierbar ist.
- Das Ereignis ist einzuordnen auf einer Lebenslinie mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in der dieses Ereignis heute keine bedeutende Handlungsrolle mehr spielen soll. In gewisser Hinsicht ist dies eine Verabschiedung von der Bedeutung dieses Ereignisses für das Heute und ein Verzicht auf Schuldenausgleich.
- Es bedarf zwar der Anerkennung, aber nicht unbedingt der „Aufarbeitung“ des Ereignisses, da diese meist wieder in den alten Teufelskreis des Schuldenausgleichs und der Feindseligkeit führt; Fokus ist die Gegenwart.
- Es bedarf einer strikten Verabschiedung von der „Ja, aber-Kommunikation“ hin zu einem „und“ oder „sowohl, als auch“.
- Es bedarf der Verabschiedung von dem mit der Verbitterung einhergehenden egozentrierten Blicks hin zu einem „Wir“, gerichtet auf einen gemeinsamen Fokus.
- Es bedarf der Veränderung der Gedanken hin zu einem „Ich habe zu geben“ anstelle von „Ich habe erst einmal zu bekommen“.
Aus einer Verbitterung auszutreten bedeutet, wirklich neu sehen zu lernen, die Welt neu zu betrachten. Ein Geschenk ist ein Geschenk, welches man würdigen kann („Danke“), ohne Bezug zu dem Kränkungsereignis („Ja, aber was nützt mir das Geschenk in Anbetracht der schweren Schulden, die noch nicht beglichen sind?“).
Folgen von Verbitterung
Verbitterte Teams oder Mitarbeitende, die mit ihrer eigenen Verbitterung Teams dominieren oder zumindest wesentlich beeinflussen, gefährden Organisationen. Gefährdungsfaktoren sind insbesondere:
- Viele und lange Fehlzeiten einschließlich Frühberentung
- Das Gewinnen oder Halten von neuen Fachkräften, die mit Freude und Lust arbeiten wollen, gelingt in der Regel nicht. Auch ist den meisten Mitarbeitenden ein offenes Gemeinschaftsgefühl wichtig, welches hier nur scheinbar hergestellt wird. Kolleg:innen, die das Verbitterungssystem nicht mitmachen, werden abgewertet oder ausgegrenzt.
- Die Atmosphäre ist offen oder unterschwellig aggressiv, unkonstruktiv und schädigend.
- Konstruktive und notwendige Organisationsprozesse werden verhindert, ein Produktivitätsverlust ist die Folge
- Wer verbittert berät, begleitet oder pflegt, kann die professionelle Haltung kaum aufrechterhalten, die vulnerable Menschen in schwierigen Lebenslagen benötigen. Verbitterung und verantwortungsvolle Fürsorge schließen sich auf Dauer aus.
- Die Organisation kann einen erheblichen Imageschaden erleiden
Dabei wäre es zu einfach, Verbitterung allein als individuelles Scheitern zu betrachten. Arbeitsverdichtung, mangelnde Anerkennung, fehlende Gestaltungsspielräume und intransparente Entscheidungsprozesse sind strukturelle Bedingungen, die Verbitterung begünstigen, und für die Organisationen Mitverantwortung tragen.
Langwierige Prozesse, Klärungen, Beratungen sind dabei meist sinnlos. Auch hier gelten die o.g. hilfreichen Schritte.
Sind diese nicht vereinbar, dann sind weitere Schritte, insbesondere die Veränderung von Arbeitsstrukturen, der Teamkonstellation, die Förderung eines offenen Systems und manchmal auch Trennungen unvermeidbar. Trennungen können nach meiner Erfahrung durchaus eine positive Lösung für beide Seiten sein. Gelingt das neue Sehen, die Betrachtung der Welt mit anderen Augen, die Hinwendung zum Wir, dann ist dies tatsächlich ein Geschenk.
Autor Ralf Tönnies Leitender Therapeut der Fachklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der DIAKO NF und Supervisor
Quellen
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