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Skizze einer Monographie des Sozialschutzsystems in Marokko

31.01.2021    Brahim Labari

Die marokkanische Gesellschaft: Soziodemografische Vorteile und soziopolitische Bechränkungen

Genau wie andere ehemals kolonisierte Länder, hat Marokko, das von 1912 bis 1956 unter französischem Protektorat stand, seit seiner Unabhängigkeit tiefgreifende Reformen eingeleitet, um ein Entwicklungsmodell zu schaffen, das die Treue zu religiösen Traditionen, die Marokkos Persönlichkeit ausmachen, mit der notwendigen Modernisierung der sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen, ja sogar der geistigen Strukturen verbindet.

Schon seit Erlangung seiner Unabhängigkeit war Marokko nämlich von einem doppelten Vermächtnis geprägt: einerseits durch seine Vergangenheit reich an Bräuchen und jahrhundertealten Traditionen mit ihrer Haltung gegenüber Macht, andererseits durch das Protektorat mit all seiner komplexen und in vielerlei Hinsicht fremden Infrastruktur für die marokkanische Bevölkerung. Innerhalb eines halben Jahrhunderts (1960-2010) haben umfangreiche Veränderungen die marokkanische Gesellschaft getroffen. In einer kurzen Aufzählung könnten wir sie folgendermaßen zusammenfassen:

Die soziodemografischen Vorteile sind an einer ständigen Bevölkerungszunahme erkennbar, die sich im Jahre 1981 von 20 Millionen Einwohnern auf 29,6 Millionen 2004, und auf 33,8 Millionen 2014 erhöht. Man muss auch beachten, dass mehr als 60% der Bevölkerung wegen einer beinah permanenten Landflucht städtisch ist. Die aktuelle Demografie hat ein jugendliches Gesicht (mehr als 52% dieser Bevölkerung ist weniger als 25 Jahre alt). Mehr als ein Drittel der Bevölkerung schlägt ihren Wohnsitz in der großen Metropole Casablanca auf, unter dem Protektorat als „Nützliches Marokko“ (le Maroc Utile) genannt - die Achse Casablanca-Kénitra.

Im Anschluss an die Arbeiten von Paul Pascon, einem der berühmtesten Soziologen, lässt sich festhalten, dass die marokkanische Gesellschaft als zusammengewürfelt bezeichnet werden kann; genauer gesagt lässt sie eine Pluralität von Sozialmodellen zusammenwirken. Es handelt sich um eine Gesellschaft, in der mehrere Formen gesellschaftlicher Organisation aufeinandertreffen, die der Autor in dieser Reihenfolge aufführt: patriarchalische Organisation, Stammes-organisation, Bandenführerorganisation und schließlich industrielle Organisation. P. Pascon behauptet anhand von Beispielen, dass jedes Individuum durch sein unterschiedliches Verhalten abwechselnd zu diesen verschiedenen Organisationen gehören kann. Die soziologische Anstrengung von P. Pascon, den Marokkaner hier als einen modularen Menschen und die Gesellschaft als extrem vielfältig zu begreifen, ist lobenswert; aber er hat keine anderen auffälligen Parameter innerhalb dieses marokkanischen Prozesses identifiziert, außer denjenigen, die er in verschiedenen ländlichen Bevölkerungen erforscht hatte. Indem er das Ländliche in einer Zeit in den Vordergrund stellte, in der die marxistische Denkweise in Mode war, hatte der Begriff einer zusammengewürfelten Gesellschaft eher einen deskriptiven als einen resoluten analytischen Wert. P. Pascon war überzeugt, dass importierte Begriffe nicht in allen Zusammenhängen wirksam sein könnten, also bevorzugte er den Ausdruck „zusammengewürfelte Gesellschaft“ anstatt „feudalistische oder asiatische Produktionsweise“, wie man früher sagte. Nach diesen Maßstäben befolgte das Sozialschutzsystem selbst die gleiche Logik:

Die gegenseitige Unterstützung innerhalb der Großfamilie fungierte als Schutzschild für die Schwächsten und versorgte die nächsten Angehörigen mit Nahrung und Pflege in einem Konzept von horizontaler Solidarität. Das Prinzip der Zentralität der Familie im Rahmen der häuslichen sozialen Sicherung war eine Notwendigkeit in einer Gesellschaft, der es an Infrastruktur für Pflegeheime mangelte, besonders in abgeschiedenen Gebieten und weit entfernt von jedem „zivilisatorischen“ Einfluss. Gleichzeitig unterstützt die muslimische Religion die Bedürftigsten bei ihrer Subsistenzsicherung durch die dritte Säule des Islams, nämlich die Zakat (Verpflichtung, einen Teil seines Vermögens für seine Mitmenschen in Not und Schwierigkeit zur Verfügung zu stellen): Die Wohlhabendsten helfen den Ärmsten. Zugleich haben sich lokale Vereinigungen weiterentwickelt, um die Solidarität zwischen Individuen zu unterstützen.

Migrationen: Antrieb der Entwicklung in Marokko?

Im Laufe der Geschichte hat sich die Nomadenkultur, die regelmäßig von Dürrekatastrophen bedroht wird, im Kontext des „Inneren Marokko“ fest verankert: Das Wasser, Freund des Allmächtigen, hat historisch die Binnenwanderungen erheblich bestimmt. Vom Land zur Ebene ist die Migrationsbewegung das Ergebnis einer Familiendynamik, die nach Wohnstabilität und einem vorteilhaften besseren Leben strebt. Vom Land zur Stadt sind Migrationen in erster Linie männlich, ihr bewegendes Hauptmotiv zielt auf die Suche nach Arbeit und bestenfalls einer Anstellung. Der Staat ist der Regulator par excellence der Wanderung der ländlichen Bergbewohner zu den Dörfern der Ebenen: Die fortschreitende Elektrifizierung der Landschaft, die fast allgemeine Schulbildung von Jungen und Mädchen, die Ausdehnung des Ackerlandes machen das Flachland ebenso attraktiv wie die tugendhaften Ökodörfer, die ihrer Zeit voraus waren. Nachdem der marokkanische Staat sehr lange ein Entsendeland von Migranten war – die hauptsächlich in Europa sesshafte marokkanische Diaspora beträgt im Ausland ungefähr 6 Millionen Menschen – wird Marokko seit einigen Jahren mit starken Einwanderungsanträgen konfrontiert.

Marokko wurde gerne als Transitland betrachtet, aber die Realität hat sich grundlegend verändert: Die Gesellschaft ist ein Sammelbecken für Bevölkerungsgruppen geworden, die geneigt sind, sich dauerhaft in Marokko niederzulassen. Gewiss hat die Aktualität in den letzten Jahren die Bevölkerung südlich der Sahara in den Vordergrund gedrängt, aber die marokkanische Gesellschaft umfasste schon immer einen Ausländeranteil. In Marokko gibt es bestimmte Migrationsbewegungen, die erkennbarer sind als andere. Dies gilt zweifellos für die subsaharischen Bewohner im öffentlichen Raum. Ihre drastisch gewachsene Anzahl, ihre ethnische Sichtbarkeit, die periodische Mediatisierung, mit der sie übergeschüttet werden, der Wanderhandel, in dem viele tätig sind; alle diese Gesichtspunkte setzen diese Menschen einer Stigmatisierung aus, die durch die Stimme des Volkes angeheizt wird.

Heutzutage kann man feststellen, dass sich eine große Anzahl der Bevölkerung in einer Weltstadt wie Tanger oder Casablanca niederlassen muss. Weil diese Migration unregelmäßig, spontan und nicht sehr organisiert ist, ist sie vielen Wahnvorstellungen und Fragestellungen ausgesetzt. Doch Marokko war jederzeit die Heimat von weniger sichtbaren und besser organisierten Gemeinschaften. Die immigrierte europäische Gemeinschaft ist die älteste, die chinesische ist die jüngste, ohne die Einwanderer aus Algerien sowie Tunesien zu vergessen, um nur die typischsten Beispiele zu erwähnen. Außer einigen allgemeinen quantitativen Studien, die unter der Führung des Hohen Planungskommissariats (HCP) entwickelt wurden, gibt es nur wenige inspirierende qualitative soziologische Arbeiten. Die Forschungen zu dauerhaft niedergelassenen Ausländern in Marokko zeigen einige konstante Merkmale:

Die ausländische Bevölkerung in Marokko stammt hauptsächlich aus Europa, genauer gesagt aus Frankreich. Diese Ausländer befinden sich vor allem in den landesweit berühmten Ballungsräumen (Casablanca, Rabat, Kenitra). Die Stadt Marrakesch ist seit einigen Jahren eine Ansiedlung für ziemlich wohlhabende Ausländer geworden. Die Bevölkerung ist überwiegend männlich und verhältnismäßig betagt (+ 60 Jahre).

Entgegen den Vorurteilen gehören die ausländischen Einwanderer nicht unbedingt zur Unternehmerschaft oder haben Führungspositionen inne. Hierzu ist zu bemerken, dass Wellen von französischen und spanischen Absolventen, angezogen durch günstige marokkanische Möglichkeiten, immer stärker nach Marokko strömen, um dort zu arbeiten und sich anzusiedeln. Das erklärt sich durch die ebenfalls beachtliche Anzahl von internationalen Unternehmen (multinationale Konzerne oder Standortverlagerungen), die sich auf Marokko stürzen. Angesichts der Bandbreite der Zuwanderung hat Marokko eine Politik an zwei Fronten in die Wege geleitet: Die Bedingungen der Regularisierung sind deutlich benannt, die Regeln für Asylanträge werden ausgearbeitet. All dies erfüllt die internationalen Übereinkommen, sowie die Vereinbarungen mit der Europäischen Union. Diese Politik beabsichtigt, die Menschenrechte der Einwanderer zu achten, ist aber entschlossen, wirksam zu bleiben, was die Legalisierung der Aufnahme und des Aufenthalts betrifft.

Aus soziologischer Sicht wäre es interessanter, gründlichere Nachforschungen zu betreiben, um den Charakter der ausländischen Einwanderung in Marokko mit Hilfe ambitionierter Fragestellungen unter die Lupe zu nehmen, wie zum Beispiel die Vergemeinschaftung der Einwanderung, der Umfang der Internationalisierung der marokkanischen Gesellschaft, den Anteil der Mischung verschiedener Bevölkerungsgruppen in der Gesellschaft und die Unannehmlichkeit des Globalisierungsprozesses in den lokalen Gesellschaften…

Der Sozialraum wird sowohl durch die Jugendarbeitslosigkeit strukturiert, als auch durch die Steigerung des Frauenanteils in unsicheren Lebensumständen und durch ein mehrheitlich entkoppeltes Bildungssystem vom Arbeitsmarkt

Die Jugendarbeitslosigkeit ist nicht nur einer der am schlechtesten geregelten Bereiche in den Entwicklungsländern, sondern auch ein Merkmal für die Unfähigkeit der staatlichen und sozialen öffentlichen Politik, den Arbeitsmarkt zugunsten der Jugendlichen zu regulieren. Dasselbe gilt für Marokko.

Gemäß den Statistiken des Hohen Planungskommissariats hat das Land eine Arbeitslosenquote von 40% bei jungen Städtern und 60% bei Landbewohnern. Einer der oft vorgebrachten Gründe für diese hohen Raten liegt in den Missständen des Bildungssystems. Das Thema Ausbildung ist in Marokko hochaktuell, weil es die strukturellen Probleme ans Licht bringt: Armut, Unsicherheit, Arbeitslosigkeit, einschließlich Hochschulabsolventen, ein relativer Bevölkerungsdruck und Abwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften. Dies alles bringt Marokko auf einen besorgniserregenden Platz auf der Rangliste des Entwicklungsindex. Parallel zu diesen andauernden Schwierigkeiten nehmen Analphabetismus und eine „blinde“ unkritische Nachahmung im Bildungsbereich, die Ineffizienz des Ausbildungsbereichs und die Unangemessenheit bildungspolitischer Politiken zu, die überfordert oder schlicht irrelevant sind. Anhand bedeutender Querindizien kann das dialektische Verhältnis zwischen Erziehung, Bildung und Arbeitswelt analysiert werden, ganz gleich was die staatliche Politik anordnet. Besondere Kriterien dafür sind die Lage der Frauen und die prekäre Situation verschiedener Bevölkerungsteile in einer Gesellschaft, die immer noch als patriarchalisch [1] betrachtet wird. Wenn zu diesen gesellschaftlichen Parametern, die notwendigen Mutationen hinzu kommen, die sich sowohl von innen (der oft gewaltsame „Ausbruch der Straße“ als Quelle oder Bedrohung von Forderungen; die Schwierigkeiten bezüglich der Verwaltung von Staatsgebieten, in denen der Frieden immer schwerer auszubalancieren ist) als auch von außen (strategische Entscheidungen für die Ausbildung im Mittelmeerraum und im globalen Kontext) aufdrängen, dann erscheint die Frage der Bildung ein interessanter Zugang, um die Veränderungen der marokkanischen Gesellschaft zu erfassen und zu begreifen. Dieser Wandel muss mit einer viel geringeren Dynamik rechnen im Vergleich zu den Ansprüche des wohl winterlichen „Arabischer Frühlings“: Diese Gesellschaft braucht wirtschaftlich ersehnte Gleichgewichte, aber ein Gleichgewicht ist nicht möglich ohne geeignete Fähigkeiten, für die, trotz andauernder Anstrengungen oft die Ressourcen nicht zur Verfügung stehen.

Die Frage der arbeitslosen qualifizierten Fachkräfte ist von zentraler Bedeutung. Sie deckt den schwachen Zustand der Bildung und ihre nicht ausreichenden Berufsaussichten auf. Zugleich stellt sie die Fähigkeit staatlicher Maßnahmen infrage, denjenigen, die erfolgreich auf Kosten gewaltiger eigener Bemühungen, ihrer Familien, und auch des Staates einen Abschluss erreicht haben und einer bezahlten Arbeit nachgehen, soziale Anerkennung zu zollen. Deshalb versuchen jeweils die Hochschulabsolventen und ihre regierenden Gesprächspartner eine engagierte „begründete“ und territoriale (im symbolischen und strategischen Sinn) Vision und Definition der beiden Begriffe „Bildung“ und „Ausbildung“ zu geben, die unter Fachleuten konsensfähig scheint. Wenn die Teleologie des ersten Begriffes „bürgerschaftlich“ ist, muss die ultimative Zweckbestimmtheit jeder Ausbildung zu einer Beschäftigung führen, die den sozialen Zusammenhalt und die aktive praxisgerechte Staatsbürgerschaft garantiert angesichts der übersteigerten Anforderungen des Marktes durch den Globalisierungsprozess. Das Bildungsministerium wiederum bleibt wesentlich auf Bildung beschränkt… Zur Veranschaulichung weisen die zurzeit verfügbaren Statistiken einen Anstieg der arbeitslosen Hochschulabsolventen aus. Dabei müssen wir aber aufmerksam bleiben, was diese Statistiken betrifft und ihre Auslegung nüchtern im Hinblick auf ein Umfeld betrachten, in dem der informelle Sektor unumschränkt herrscht.

Eine Wirtschaft dominiert von informellen und populären Beschäftigungen

„Schwarzzigarettenverkäufer, Konditorinnen (Pfannkuchen) und Bäckerinnen (Brot), die am Abend ihre zu Hause erstellte Morgenproduktion vermarkten, Gemüsehändler, Wasserverkäufer, Straßenschuster, Händler von Ray Ban Brillen und anderen Fälschungen auf der Terrasse von Straßencafés, Strickwarenhändler um die Ecke, öffentliche Schreiber, Anstreicher und Glaser, Installateur und Techniker, die sich in der Umgebung von Märkten tageweise vermieten, ein ganzes Volk lebt und überlebt in den Städten der Dritten Welt und insbesondere in Marokko. Ein wenig Schlauheit und viel Kühnheit, nichts zu verlieren haben, Zufall und ein bisschen Glück, ein paar Dirham für die Erstinvestition; das ist alles, was man benötigt, um diese Art von Berufen auszuüben“. (Daoud, 1980, S. 71).

Diese besondere, vielsagende Schilderung der Arbeitsformen innerhalb der marokkanischen Gesellschaft ist heutzutage noch zutreffend. Diese unterschiedlichen aufgelisteten „Berufe“ stellen in Marokko mehr die Regel als die Ausnahme dar. Die Bedeutung der Kategorie „Arbeit“ in der marokkanischen Gesellschaft verdient eine sehr umfangreiche Erforschung. Arbeit kann abwechselnd folgendes bedeuten: Die Fähigkeit, seinen Tag zu schaffen, sich für kommunale Tätigkeiten einzusetzen, seinen Unterhalt im Schweiße seines Angesichts zu verdienen, ohne zu betteln, denn das fällt in den Bereich der Personen mit Behinderung. In allen Fällen setzt die Arbeit eine Gegenleistung voraus: ein Gehalt, eine Gefälligkeit, die Pflege eines Feldes, eine Obsternte usw. Gewiss ist sie Synonym von Beschäftigung, aber eine Beschäftigung, die auf eine Gegenleistung orientiert ist. Der gesunde Menschenverstand nimmt denjenigen, der nicht berufstätig ist, wahr als „einen Hochangestellten des Ministeriums der Ruhe, der Gedankenspielerei und des Schulterschlusses“, um sich über seine Faulheit lustig zu machen und auch, um seine Nutzlosigkeit für die Gesellschaft zu betonen. In diesem Fall wäre die informelle Arbeit die Auswirkung der „Nomadenkultur“ und der ursprünglichen Ländlichkeit einer Vielzahl von Marokkanern.

Große soziale und regionale Unterschiede schwächen die Universalität der sozialen Absicherung und der Chancengleichheit

In der zwangsläufig unsozialen marokkanischen Gesellschaft existiert ein Hang zum Fatalismus (was geschieht, musste geschehen), um nicht zu sagen, er ist sehr prägnant. Es gibt ein Sprichwort: „Wer hat, dem wird gegeben“, aber die Reichen werden gefürchtet, weil sie Freunde der Mächtigen sind und sogar von der Vorsehung begünstigt erscheinen. Der Untergebene nimmt seine Situation an, denn er findet, dass seine Befreiung in den Händen seiner Vorgesetzen liegt. Alles läuft, als ob „sich abfinden“ strategisch gesehen, vielversprechender als „sich dagegen wehren“ wäre. Der gesunde Menschenverstand quillt über vor Anpassung an Fatalismus, als ob er unterstreichen wolle, dass die Personen aus gutem Hause als Erste bedient werden müssen, wenn es um den Zugang zu Reichtum oder eine vorteilhafte Stellung geht: einer hat Beziehungen, die Großmutter eines anderen gehört zum engsten Machtkreis, ein anderer noch ist ein aggouram [2] vom Gott gesegnet… Ein anderer hat die Gunst der Vorsehung und als free rider verfügt er sogar über etliche Vergünstigungen beim Transport. Aus religiöser Sicht bedarf es keiner Reihe von Zitaten, um die Richtigkeit sozialer Ungleichheiten zu untermauern: „Wenn Allah beschließt euch zu bevorzugen, kann keiner das verhindern. Wenn die ganze Menschheit sich mit euch gegen den Willen Gottes verbindet, um euch zu begünstigen, wird es nicht geschehen“, verkündet deutlich ein Hadith.

Eine Reihe von anthropologischen Studien hat gezeigt, wie die Marokkaner, noch mehr die Marokkanerinnen geneigt sind, sich eine Form von Resignation gegenüber der Realität anzueignen, sich eine fatalistische Anschauung der gesellschaftlichen oder kosmischen Ordnung anzueignen, sogar die Konsensverhältnisse und folglich den Autoritarismus zu rechtfertigen, von welcher Seite er auch immer herkommt.

Ernest Gellner [3] auf dem Gebiet der Gemeinschaftsstrukturen, John Waterbury [4] im Bereich der Politik und neuerdings Abdallah Hammoudi [5] aus einem historischen Blickwinkel, haben die Dauerhaftigkeit der segmentären Vermächtnisse im marokkanischen Kontext unterstrichen. Es wird in den Tiefen Marokkos behauptet, dass das Unternehmertum die Emanation der zaouia darstellt. Es wären nämlich die religiösen Führer, die Krieger der guten Stämme, die am besten für die Geschäftsführung geschaffen sind. Aber der Fatalismus und die Resignation vereinigen sich nicht nur mit der Religion, sondern können Ungleichheiten auch aus einer soziologischen Hoffnungslosigkeit entstehen lassen, die sie als unabwendbar erklärt. Meiner Meinung nach, ist das alles auf zwei Lesearten der sozialen Ordnung zurückzuführen: Polarisation gegen Angleichung des Mittelstands in der Gesellschaft. Statt Gleichheit würde nunmehr Rechtmäßigkeit bevorzugt.

Dabei ist zu bemerken, dass die letztere auf jede einzelne Person abzielt, um ihre Erwartungen und Beschwerden aus individuellen Ansprüchen festzustellen, die nicht für die gesamte Bevölkerung verallgemeinerbar sind. Gleichheit ist eine alte politische Forderung, getragen von Arbeiter und- Gewerkschaftsbewegungen. Die Soziologie Marokkos, scheint es mir, hat noch einen langen Weg vor sich, um diese Schattierungen zu beleuchten und darüber hinaus widersprüchliche Auslegungen von unsozialen Zusammenhängen in solchen verschiedenen Bereichen wie Gesundheitswesen, Schulwesen oder noch Statusunterschiede zu erklären.

Die Empörung gegenüber einer ungleichen Gesellschaft

Genau genommen besteht die Empörung darin, „Schluss damit!“ zu so vielen sozialen Ungerechtigkeiten zu sagen! Das ist sogar das Richtmaß, das die bewusste Einsicht der gewöhnlichen Menschen über das Ausmaß der sozialen Ungleichheiten, zu messen erlaubt. Sich empören, bedeutet, eine Diagnose über das Existierende zu erstellen. Die Gefühle der Empörung schlummern intensiv in jedem scharfsinnigen Menschen. Das erklärt außerdem den Erfolg des Abhandlungsbüchleins von Stéphane Hessel [6] und seine Übertragung in der 15. Mai-Bewegung in mehreren „demokratischen“ Gesellschaften. Selbst wenn die Überlegung dieses betagten, erfahrenen Denkers sich der breiten Baustelle der globalen Ungleichheiten widmet, bleibt jedoch, dass die ungleichen Gesellschaften Anlass zur Empörung darin finden könnten: Die überschuldeten Familien, deren Einkommen oft durch die Inflation verschlungen wird, und die ihre Kinder nicht ausbilden lassen können, könnten es zum Maßstab nehmen, um sich zu organisieren und mehr Wertschätzung für die Mittelschicht zu fordern, als echte Schnittstelle zwischen Oberklasse und Arbeiterklasse.

Protestbewegung als laute Entrüstung gegen soziale Ungleichheiten

Die fatalistische Auffassung öffentlich anzuprangern, noch weiter zu gehen als bloß sich zu empören, die Ungleichheiten zu brandmarken, stellt die allerletzte Phase der Protestbewegung dar. In dieser Hinsicht ein egalitäres Gesellschaftsmodell vorzuschlagen, eine andere Gesellschaft zu gründen, die die Meisten zufrieden stellen wird, ist die Sache der protestierenden Vorkämpfer, wie von Marx und den Marxisten geschätzt. Bei näherer Betrachtung können wir begründen, dass sich die Massenbewegungen, die sich hier und da stark vermehren, das Problem der Ungleichheit zu ihrer Hauptaufgabe machen.

Territoriale Ungleichheiten mit dem schweren Vermächtnis vom „Nützlichen Marokko“ und „Nutzlosen Marokko“, wie neulich die Aufstände im Rif es bestätigen; Ungleichheiten in Bezug auf den Zugang zur Kultur und zu einem wirksamen Bildungssystem: Mittelstädte wie Agadir besitzen keine Kinosäle (vor kurzem kursierten dafür virtuelle Petenten Bewegungen); Ungleichheiten gegenüber einem guten, nahen öffentlichen Dienst, weit entfernt von den sehr eifrigen Beamten, oft schlecht ausgebildet, um dem Bürger Dienste zu leisten; derart offensichtliche Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen, besonders angesichts des Gehalts (die berühmte gläserne Decke) [7]; Ungleichheiten wahrgenommen durch die Hogra (sich stigmatisiert fühlen oder gebrandmarkt sein) in Bezug auf kulturelle- und sprachliche Rechte, wie zum Beispiel die Kultur Amazigh; Ungleichheiten der Medien- und Fernsehvertretung in einem pluralistischen Marokko, das seit Jahrhunderten in einer beneidenswerten Harmonie lebte; letztendlich Ungleichheiten bezüglich der politischen Beförderung einer veralteten Führungsschicht, die als korrupt betrachtet wird, denn sie ignoriert das berühmte Kredo „dienen und nicht sich selbst bedienen“ - all diese aneinandergefügten Ungleichheiten hegen Groll und Frust.

In einem heutzutage fast vergessenen Artikel richtete John Waterbury [8], als Politologe und Fachmann für Eliten, seinen Blick auf die Revolution der wachsenden Erwartungen (Revolution of rising expectations), die aus persönlichem Frust entstehen, aus dem heraus jede soziale Gruppe auf die sozialen Ungleichheiten zeigt, die sie beseitigen will. Er ist ein Pendant zur marxistischen Theorie der Ungleichheiten und lädt die politische Macht ein, die Institutionalisierung einer offenen Gesellschaft zu fördern, die auf einem verantwortlichen und dauerhaften Vertrag beruht. Daraus folgen zwei hervorstechende Elemente: als erstes müsste öffentliche Politik empfindsam für menschliche Entwicklungen sein und auf soziale Defizite, auf wirkliche Erwartungen und auf den sozialen und gesellschaftlichen Umbruch antworten. Als zweites ist die Unwirksamkeit der öffentlichen Politik ein Indikator für die schwierige Verwirklichung der menschlichen Entwicklung.

Das Sozialschutzsystem wurde lange von Religiosität durchdrungen, bevor es auf Empfehlungen der internationalen Arbeitsorganisation (IAO) zu einem Modell der Menschenrechte geworden ist

In Marokko mündet allmählich das Sozialschutzsystem von Wohltätigkeit, Fürsorge oder frommen Tätigkeiten in ein Modell, ausgerichtet auf die Anerkennung der Menschenrechte. Dieses Recht ist in den Abkommen der Vereinten Nationen (UNO), der internationalen Arbeitsorganisation (IAO) oder der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verankert. Es wird von wichtigen länderübergreifenden Initiativen getragen, eine der jüngsten ist die Annahme der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) im Jahr 2015. Der Sozialschutz bildet eigentlich die Grundlage des Sozialvertrags und die Bindungen für Gegenseitigkeit und Solidarität, ohne die Gesellschaften unabhängig von ihrem Entwicklungsniveau ihren Zusammenhalt weder gewährleisten, noch florieren oder die Würde ihrer Bürger schützen können.

Die aktuellen Betrachtungen über den Sozialschutz drehen sich, im Rahmen der internationalen Diskussion, um die Frage des universalen bedingungslosen Grundeinkommens. Diese Idee stützt sich auf das Prinzip, dass, wenn der Sozialschutz ein Menschenrecht ist und jeder auf dieser Basis eine Forderung an die Gesellschaft stellen kann, jeder Bürger ohne Gegenleistung Geldmittel für seinen Lebensunterhalt erhalten kann. Auf Anhieb wirft dieser Gedanke eine doppelte Frage auf und findet darin auch seine Grenzen: es geht um die finanzielle Machbarkeit und die gesellschaftlichen Auswirkungen, vor allem bezüglich der Arbeitsverhältnisse. Aber diese Diskussion hat den Vorzug, das Nachdenken sowohl über die Bedeutung des Sozialschutzes in der öffentlichen Politik, als auch über den Wert, den diese Politik dem sozialen Zusammenhalt beimisst, erneut anzustoßen sowie über die Fähigkeit der Politik, Gerechtigkeit bei der Umverteilung des Reichtums zu konzipieren und zu wollen, einschließlich der Finanzierungsmöglichkeiten des Sozialschutzes über Steuern, Einkommen aus Kapital, Vermögen und Arbeit zu reflektieren.

In dieser Hinsicht hat der CESE eine Überprüfung des normativen und konzeptuellen Rahmens des Sozialschutzes durchgeführt, um die intensive Debatte um das Entwicklungsmodell Marokkos, die auf Aufforderung des Königs Mohammed VI. erfolgte, zu erhellen und zu bedienen.

Was beinhaltet das Recht auf Sozialschutz? Um den konzeptionellen Rahmen des Sozialschutzes genauer zu beleuchten, hat der UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte 2007 den allgemeinen Kommentar Nr. 19 verfasst, der den Inhalt des Rechtes auf Sozialversicherung in drei folgende Grundsätzen gliedert:

  1. Die Sozialversicherung ist gleichzeitig ein Grundrecht des Menschen, wie auch eine wirtschaftliche und soziale Notwendigkeit für Fortschritt und die Entwicklung.
  2. Die Sozialversicherung erfüllt eine bestimmte Aufgabe der Umverteilung und fördert die soziale Eingliederung.
  3. Die Verantwortung für die Durchführung des Rechtes auf Sozialversicherung soll im Ganzen hauptsächlich dem Staat zufallen. Für den UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte ist die Sozialversicherung „das Recht auf Zugang zu Leistungen, als Geld- oder Sachleistung ohne Diskriminierung, um eine Absicherung zu gewährleisten, unter anderem gegen:
    1. Verlust des Arbeitseinkommens wegen Krankheit, Mutterschaft, Arbeitsunfall, Arbeitslosigkeit und Alters oder des Todes eines Familienmitglieds;
    2. Unverhältnismäßige Kosten für die Gesundheitsversorgung;
    3. Schlechte Familienbeihilfe, insbesondere unterhaltsberechtigte Kinder und Erwachsene.

Zusätzlich zu seiner normativen Definition stellt das Recht auf Sozialversicherung die Frage nach seiner Umsetzung. Der UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte betonte, wie wichtig es für die öffentlichen Behörden ist, ihre Politik auf konkrete und messbare Handlungsgrundsätze zu stützen, namentlich: Verfügbarkeit eines oder mehrerer Systeme, die sich der Durchführung von Leistungen der Sozialversicherung widmen; Vollständigkeit der abgedeckten Risiken; Angemessenheit der Leistungen; Zugänglichkeit (die Anspruchsvoraussetzungen für Leistungen müssen vernünftig, verhältnismäßig, transparent sein und zu gegebener Zeit erbracht werden); und Teilnahme (die Empfänger von den Sozialversicherungssystemen müssen in der Lage sein, an der Verwaltung des System teilzunehmen).

2015 nahm der UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte eine Erklärung mit dem Titel „Die Grundlagen des Sozialschutzes: ein Hauptprinzip des Sozialversicherungsrechts und der SDGs“ an. Dabei hat er klargestellt, dass die Grundlagen des Sozialschutzes, 2012 durch die IAO erläutert und 2015 durch die SDGs erneut bekräftigt, „einen wesentlichen Baustein der schrittweisen Verwirklichung der Sozialversicherungsrechte“ bilden. Um einen effizienten Zugang zu notwendiger Gesundheitsversorgung und eine grundlegende lebenslange Sicherheit des Lebensunterhalts zu garantieren, müssen mindestens die Grundlagen des Sozialschutzes aus den vier folgenden Gewährleistungen bestehen:

  1. Zugang zu notwendiger Gesundheitsversorgung, einschließlich Mutterschaft.
  2. Grundlegende Einkommenssicherheit für die Kinder.
  3. Grundlegende Einkommenssicherheit für Personen im erwerbsfähigen Alter, die nicht imstande sind, ein ausreichendes Gehalt zu verdienen.
  4. Grundlegende Einkommenssicherheit für Senioren.

Die Abkommen der internationalen Arbeitsorganisation (IAO) konstituieren das Hauptbezugssystem des internationalen Rechts der Sozialversicherung und beeinflussen in dieser Hinsicht die öffentlichen Politiken in den meisten Ländern der Welt.

Zwischen 1919 und 2012 verabschiedete die IAO 31 Übereinkommen und 24 Empfehlungen im Bereich der Sozialversicherung, das heißt, fast 20% der internationalen Abkommen bezüglich Arbeit und 10% der gesamten Anzahl der Ratifizierungen. Das Abkommen Nr. 102, die Sozialversicherung betreffend (Mindestnorm) von 1952 und die Empfehlung Nr. 202, verabschiedet 2012, stellen zwei wesentliche normative Maßstäbe dar. Das Abkommen 102 der internationalen Arbeitsorganisation, die Sozialversicherung betreffend, 1952 verabschiedet und 1957 in Kraft getreten, präzisieren sowohl das Mindestniveau der Leistungen der Sozialversicherung und die Bedingungen für ihre Vergabe, als auch die neun Sektoren, in denen die Absicherung garantiert wird. Die Empfehlung 202 über die Grundlagen des Sozialschutzes liefert eine allgemeine Richtung, um die Systeme der Sozialversicherung durch Einführung nationaler Grundlagen der Sozialversicherung zu ergänzen und zu erweitern, die für jeden Menschen in Not zugänglich sind. Die Idee einer sozialen Grundsicherung will Strategien nach einem zweidimensionalen Modell fördern: eine horizontale Dimension, die die soziale Sicherung für Alle (Männer wie Frauen) verfügbar macht, und eine vertikale Dimension, die das Niveau der Leistungen verbessert.

Die Teilnahme Marokkos am internationalen Recht der Sozialversicherung ist gering im Vergleich zu internationalen Normen. Nachdem Marokko kurz nach seiner Unabhängigkeit als binnenafrikanischer und arabischer Anführer bezüglich der Entwicklung des Rechtsrahmens für Sozialversicherung galt, ist es zu einem der Länder geworden, die die wenigsten Abkommen der internationalen Arbeitsorganisation für Sozialversicherung ratifiziert haben. Das Abkommen 102, dessen Zustimmung zwar im Amtsblatt (n°6140 du 23 Joumada I 1434, 04 April 2013) veröffentlicht wurde, wurde immer noch nicht für Ratifikation bei der internationalen Arbeitsorganisation hinterlegt. Vom 26. April 2018 an hat Marokko 62 Abkommen der internationalen Arbeitsorganisation (von insgesamt 177) ratifiziert, von denen nur 48 in Kraft traten, 11 Abkommen wurden aufgekündigt und 3 außer Kraft gesetzt. Im Laufe der letzten fünf Jahre hat Marokko kein Abkommen ratifiziert. Alles in Allem hat Marokko 42 technische Abkommen der IAO auf dem Gebiet des Sozialschutzes nicht unterzeichnet.

Marokko hat sich ein Sozialschutzsystem gegeben, das Arbeitnehmer sowohl in der privaten als auch staatlichen Wirtschaft abdeckt. Die Absicherung betrifft sämtliche Risiken des Lebens (Krankheit, Mutterschaft, Erwerbsunfähigkeit, hohes Alter, Überlebensfrage, Tod, Arbeitslosigkeit). Dieses System will auch Familienbeihilfe bereitstellen.

Zwei Hauptversicherungskassen teilen sich die Verwaltung des Versicherungssystems für Arbeitnehmer. Es handelt sich um die:

  • Nationalkasse der Sozialversicherungsanstalten
  • Nationale Krankenversicherungskasse

Letztere ist eine staatliche Anstalt, die unter Aufsicht des Ministeriums für Arbeit und berufliche Eingliederung steht. Sie verfügt über Ortsdirektionen und Filialen, die das Krankenversicherungssystem verwalten und de facto die Auszahlung der Leistungen übernehmen. Außerdem hat sie ein Netzwerk von Gesundheitseinrichtungen, wie Polikliniken, aufgebaut. Sie kümmert sich um die gesamten privaten Lebensrisiken.

Das System für medizinische Versorgung (RAMED) für die Schwächsten in allen Gebieten des Königreichs

Das System für medizinische Versorgung ist für die Unterstützung der ärmsten Bevölkerung geplant. Es betrifft Bevölkerungsgruppen, die in Marokko wohnhaft sind und deren jährliches Einkommen nicht 5650 MAD pro Person und Haushalt in einer städtischen Umgebung übersteigt, das heißt 520 Euro. Faktoren, die sich auf die Lebensbedingungen, zu versteuernde Einkünfte und Vermögensanteile beziehen, präzisieren die Anspruchsberechtigung der Haushalte in ländlichen Gebieten. (Artikel 3 und 4, die im gemeinsamen Erlass der Regierungsbehörden von Innen-, Finanz-, Gesundheits- und Agrarministerium festgelegt sind, Nr. 836-08 vom 28. Ramadan 1429 – 29. September 2008).

Die gesundheitliche Fürsorge von RAMED ist mit dem Umfang der Gesundheitsleistungen der öffentlichen Fürsorge identisch, aber sie kann nur in staatlichen Krankenhäusern, Einrichtungen und Gesundheitsdiensten erbracht werden.

Konkret und ohne Statistiken über die Bedürftigen, sind es die mittleren Eliten, insbesondere im ländlichen Raum, die Namen und Kontaktdaten der mittellosen Bevölkerungsgruppen erstellen. Unter mittleren Eliten muss man Bandenführer und amghars verstehen (zwei bevollmächtigte Vermittler des Innenministeriums). Es ist heutzutage schwierig, sich von der Wirklichkeit der medizinischen Versorgung für die Bedürftigen ein Bild zu machen, aber der politische Wille wurde immer wieder bekräftigt, wie König Mohamed VI es in seiner Thronrede vom 29. Juli 2020 anmahnt: „Eine rasche Überarbeitung der Sozialschutzregelung, die noch von einer Zersplitterung der Interventionen, einer schwachen Abdeckungs- und Wirksamkeitsrate geprägt ist… Die Zeit ist gekommen, den Prozess einer allgemeinen sozialen Versicherung für alle Marokkaner im Laufe der nächsten Jahre einzuleiten. Wir empfehlen eine Umsetzung dieses Vorhabens ab Januar 2021, nach einem bestimmten Aktionsprogramm. Dieses sollte sich zuerst auf die allgemeine obligatorische Krankenversicherung (AMO) und Familienbeihilfe konzentrieren. Anschließend wird es auf andere soziale Versicherungen, wie Rente und Arbeitslosigkeit, ausgeweitet“.

Zu dem Zeitpunkt, an dem diese Zeilen geschrieben werden, ist die Rede davon, den RAMED in den Archiven der Geschichte zu verstauen, um eine andere Alternative der Sozialversicherung für die ganze Bevölkerung in Marokko vorzuschlagen.

Zum Abschluss: der ländliche Raum noch weitab der öffentlichen Politik

Abschließend scheint es uns, dass die ländlichen Gebiete weiterhin ein Schwachpunkt sind, weil sie unter einem Mangel an Integration leiden. Die soziale Landschaft ist von einer Investitionslücke der öffentlichen Politik geprägt, die sich durch einen schleichenden Analphabetismus auszeichnet, der hauptsächlich Frauen betrifft: mehr als 50% von Frauen in ländlichen Gebieten verfügen nur über eine unzureichende Schulbildung. Die landwirtschaftliche Selbstversorgung, Hauptbeschäftigung von Privathaushalten, bleibt von Klimaschwankungen abhängig; Krankenhäuser werden kaum in die Pläne zur Entwicklung des ländlichen Raumes integriert, und es fehlt der Landbevölkerung an Informationen über ihre Rechte für eine effiziente Gesundheitsversorgung. Es sieht so aus, als ob die öffentliche Politik einem Unterstützungssystem der Gegenseitigkeit innerhalb der Familie mit einer Art mechanischer Solidarität den Vortritt überlässt, wie sie Emile Durkheim (1893) beschrieben hat.

Literaturhinweise

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Durkheim E., « De la division du travail social », Paris, Félix Alcan, 1893 ; réimpression Paris, PUF. (Über soziale Arbeitsteilung)

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Waterbury 0, « Le Commandeur des croyants. La monarchie marocaine et son élite » (Catherine Aubin, traduction de l’anglais), Paris, PUF, 1975

Autor

Brahim Labari
Soziologieprofessor
Agadir Universität
Herausgeber der Zeitschrift Esprit Critique
Internationale Zeitschrift für Soziologie und Sozialwissenschaft
labarib@gmail.com


Fußnoten

[1] Labari B. „Das Patriarchat auf dem Prüfstand der wirtschaftlichen Globalisierung. Der Fall der Frauenarbeit in französischen verlagerten Unternehmen in Casablanca.“, in Arbeitsmarkt und Genre. Maghreb – Europa, Jacqueline Laufer, Catherine Marry, Margaret Maruani, Danièle Meulders und al., Bruxelles, Brussels Economic Series, DULBEA Verlag, 2004, S. 307-317.

[2] Gehörend zu der Abstammung aus der Zeit des Propheten

[3] Gellner E. (1961) The role and organisation of a berber zawya, Londres. Und seine neue Übersetzung: Gellner, Ernest (2003). Les saints de l’Atlas. Paris : Bouchène Verlag, Koll. « L’intérieur du Maghreb ». Diese konservative anthropologische Theorie weist jede vorgenommene Änderung von der handelnden Einzelperson zurück…

[4] Der Marokkaner, der sich nur integriert in einer Gemeinschaft wohl fühlt, und in einer selbstständigen Handlung sich hilflos fühlt, begreift Macht und Autorität vor allem als defensiv, zu schützen und konservieren eher zu schaffen oder zu zerstören…“, Waterbury, John (1975). Le Commandeur des croyants. La monarchie marocaine et son élite (französische Übersetzung aus dem Englischem Catherine Aubin) Paris : PUF.

[5] Master and Disciple. The Cultural Foundations of Moroccan Authoritarianism, Chicago, The University of Chicago Press, 1997

[6] Hessel, Stéphane (2010). (Empört Euch!) Indignez-vous ! IndigèneVerlag, Koll. « Ceux qui marchent contre le vent ». 32 Seiten

[7] Die gläserne Decke ist ein amerikanischer Ausdruck, der auf die „unsichtbaren Bremsen“ für die Förderung der Frauen in hierarchischen Strukturen hindeuten. Sie ist ein Hindernis für die Weiterentwicklung ihrer Karriere in einer Firma und beschränkt ihren Zugang zur Führungsposition.

[8] (1967). La légitimation du pouvoir au Maghreb : tradition, protestation et répression. Annuaire de l’Afrique du Nord, S. 411-423


Zitiervorschlag
Labari, Brahim, 2021. Skizze einer Monographie des Sozialschutzsystems in Marokko. In: socialnet International [online]. 31.01.2021 [Zugriff am: 01.12.2021]. ISSN 2627-6348. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/international/fachaufsaetze/skizze-einer-monographie-des-sozialschutzsystems-in-marokko.html