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Tagung Alltagswelten von Frauen* im pOST-Sozialismus

Kongress, Tagung

  • 18.–19.11.2022
  • Jena
  • Ernst-Abbe-Hochschule Jena - Fachbereich Sozialwesen, Kooperationsprojektdem Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ und der Landeszentrale für politische Bildung
  • Infos beim Veranstalter

Call for Papers

Frist: 15.03.2022

Alltagswelten von Frauen* im pOST-Sozialismus

Jedes politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche System prägt die Erfahrungen und die Lebenswirklichkeiten von Menschen. Im Fokus der Tagung stehen Alltagswelten von Frauen* im pOST-Sozialismus. Das Konzept der Alltagswelten umfasst sowohl die Strukturen, die Rahmenbedingungen als auch das subjektive Erleben und Erfahrungen dieser Bedingungen (vgl. Göttlich 2015; Thiersch 2012; Yildiz 2016; Unger 1999). Demzufolge gibt die Analyse von Alltagswelten Auskunft über die gesellschaftliche Verteilung von Chancen und Risiken (vgl. Kipp 2015), aber auch von sozialen Vulnerabilitäten (vgl. u. a. Aktas 2020; Lorey 2011; Butler 2010).

Im Rahmen der Tagung wollen wir uns mit Alltagswelten von Frauen* in ehemaligen sozialistischen/kommunistischen Ländern befassen. Gleichzeitig stehen im Fokus unseres Interesses die Transformationsprozesse ab 1989/90 und deren Auswirkungen auf die Alltagswelten von Frauen* sowie die Narrative zu diesen Alltagswelten.

Sie lassen sich mit einer Vielzahl an Themen umschreiben, u.a.: die reproduktiven Rechte und Gesundheit, Care-Arbeit, Mutter*schaft, Sexualitäten, Bildung, Migrationserfahrungen, Erwerbstätigkeit, Rassismuserfahrungen, Armut, Wohnungslosigkeit, sexualisierte Gewalt, Hetero_Seximus, politisches sowie soziales Engagement.

Der Begriff „Postsozialismus“ wird als eine Sammelbezeichnung in Forschungsdiskursen benutzt, die den Wandel der ehemals sozialistischen Staaten untersuchen und betonen, dass die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Systeme und die Alltagswelten bis heute wesentlich und ursächlich durch den vor einem Vierteljahrhundert untergegangenen Staatssozialismus geprägt bleiben (vgl. Stykow 2013). Das Konzept der „Transformation“ oder „Transition“ hat sich zum hegemonialen Deutungsmuster über die Umbruchprozesse seit den Wendejahren Ende der Achtziger des letzten Jahrhunderts in den mittelost-, südost- und osteuropäischen Ländern entwickelt (vgl. Hess 2009: 50; Niedermüller 2000: 294 f.; L. Kürti 1997). Das Präfix „post“ drückt hingegen weniger einen Übergang „vom autoritären Regime zur Demokratie, Transformation von der kommandierten Wirtschaft zur freien Wirtschaft und einen raschen Wandel der gesellschaftlichen Mentalität von kommunistisch zu kapitalistisch“ (Buchowski 2001: 9) aus, sondern steht vielmehr für gewandelte transnationale Aushandlungsprozesse und Machtpolitiken, die „in verschiedenen lokalen Kontexten unterschiedliche Formen annehmen und verschiedene Folgen zeitigen können“ (Vonderau 2010: 19-20 FN 20).

Der Rekurs auf den Begriff „Postsozialismus“ beinhaltet damit auch eine Kritik an Konzepten der „westlichen“ Hegemonie (Rogers 2010: 10 ff.), die einen Raum „Osteuropa in der Transformation“ (Hess 2009: 50) konstruieren. Postsozialismusforschung kann als ein kritisches Projekt verstanden werden, dass zum einen den scheinbar linearen Kontinuitäten dieses Wandels auf die Spur kommt und sich zum anderen kritisch mit den gesellschaftlichen Systemen der sozialistischen Länder befasst. Die sozialistische Tradition in Ost-, Mittel-, Südeuropa mit der sog. Wende der 90er Jahre ist nicht abgebrochen, sondern wird in diffuser, gewandelter Form fortgeführt (vgl. Iorio 2011: 77) und strukturiert damit auch gegenwärtig die Alltagwelten von Frauen*.

Zu betonen ist, dass sich Frauen* in den Umbruchs- und Demokratisierungsprozessen in unterschiedlicher Form engagiert und organisiert haben (vgl. Bock 2020; Kenawi 1995; Miethe 1999; Sänger 2005). Auch gegenwärtig spielen Frauen* eine entscheidende Rolle bei den Protesten für die Demokratie, z. B. in Belarus (vgl. Bota 2021; Shparaga 2021) oder in Polen für die reproduktiven Rechte von Frauen* (vgl. Kowalska/Snochowska-Gonzalez/
Korolczuk/Ramme 2019).

Um die Facetten der Alltagswelten von Frauen* aufzeigen zu können, um die gegenwärtige Debatte um die Un_Zugehörigkeiten, soziale Vulnerabilitäten und die Machtprozesse, die zu Ungleichheiten und Ausschlüssen, Gewalt führen, verstehen zu können, ist es zu verfrüht, den Diskurs über den pOST-Sozialismus vor den noch aufkommenden Gesprächen über globale Zusammenhänge, Kritik und Vergleiche abzuschütteln (vgl. Rogers 2010: 15).

Das Thema „Alltagswelten von Frauen* im pOST-Sozialismus“ stellt ein inter- und transdisziplinäres Forschungsfeld dar. Folgende Themenbereiche und Leitfragen sollen für die geplanten Beiträge hilfreich sein, diese können jedoch auch über das genannte Spektrum hinausgehen:

Themenbereich 1: Alltagswelten und (Erziehungs-)Institutionen

  • Welche Leitbilder von Erziehung prägten Erziehungs- und Bildungsinstitutionen mit Blick auf Mädchen* und Frauen*?
  • Wie wurde mit Abweichungen von gesellschaftlichen und institutionellen Normen umgegangen?
  • Welche Rolle und Funktionen übernahmen hier hauptamtliche Angehörige ‚sozialer Berufe‘ und welche ehrenamtlich Engagierte?
  • Welche Entwicklungen prägten die unmittelbare Umbruchszeit und welche Brüche bzw. Kontinuitäten konturieren die Gegenwart in den Alltagswelten?

Themenbereich 2: Arbeitswelten von Frauen*

  • Wie haben sie gearbeitet?
  • Welchen Berufen konnten welche Frauen* nachgehen?
  • Welche Entwicklungen prägten die unmittelbare Umbruchszeit und welche Brüche bzw. Kontinuitäten konturieren die Gegenwart in den Alltagswelten?

Themenbereich 3: Alltagswelten und kunstschaffende Frauen*

  • Wer waren die kunstschaffenden Frauen*?
  • Welche Themen konnten wie künstlerisch, literarisch, subkulturell bearbeitet werden, welche wurden tabuisiert?
  • Welche Entwicklungen prägten die unmittelbare Umbruchszeit und welche Brüche bzw. Kontinuitäten konturieren die Gegenwart in den Alltagswelten?

Themenbereich 4: Lebensentwürfe

  • Wie haben Frauen* geliebt?
  • In welchen Lebenslagen und -situationen befanden sich Frauen* in ehemaligen sozialistischen/kommunistischen Ländern?
  • Welche Lebensentwürfe wurden wie in den sozialistischen Ländern lebbar?
  • Wie konnten queere Identitäten und Sexualitäten gelebt werden?
  • Wie sah der Alltag von migrantischen Frauen* aus?
  • Welche Familienmodelle wurden staatlich gefördert?
  • Welche Lebensentwürfe wurden marginalisiert oder sogar unter Strafe gestellt?
  • Welche Entwicklungen prägten die unmittelbare Umbruchszeit und welche Brüche bzw. Kontinuitäten konturieren die Gegenwart in den Alltagswelten?

Themenbereich 5: Gleichstellungspolitik

  • Welche Gleichstellungspolitik herrschte in den unterschiedlichen sozialistischen Ländern?
  • Inwiefern und in welchen Bereichen spielte sich die Kritik an patriarchalen und heteronormativen und sexistischen Politiken ab?
  • Wer hat wie die Möglichkeit, Chancengleichheit und Gleichberechtigung zu thematisieren und wem wurde und wird die Möglichkeit verwehrt?
  • Wie wirkt(e) sich die sog. Wende auf die Themen der Gleichstellungspolitik und damit auf die Alltagswelten von Frauen* aus?
  • Welche Entwicklungen prägten die unmittelbare Umbruchszeit und welche Brüche bzw. Kontinuitäten konturieren die Gegenwart in den Alltagswelten?

Themenbereich 6: Oppositionelle und emanzipatorische Frauenbewegungen

  • Welche oppositionellen und emanzipatorischen Frauenbewegungen gab es in den jeweiligen sozialistischen Ländern?
  • Wie haben sich Frauen* in sozialistischen Ländern organisiert? Welche Möglichkeiten hatten sie für die Selbstorganisation?
  • Wie organisierten sich lesbische, feministische, migrantische und queere Frauen*?
  • Welche Themen setzten die Frauen*organisationen auf ihre Agenda? Welche konnten sie (öffentlich?) setzen?
  • Wie wirkte sich die sog. Wende auf oppositionelle und emanzipatorische Frauenbewegungen und deren Organisation aus?
  • Welchen Stellenwert hat der Feminismus in pOST-sozialistischen Gesellschaften heute?
  • Welche Möglichkeiten der Emanzipation und des Empowerments gab es für Frauen* innerhalb sozialistischer Gesellschaft und Politik und wie sehen diese heute in den „postsozialistischen“ Staaten aus?
  • Welche Entwicklungen prägten die unmittelbare Umbruchszeit und welche Brüche bzw. Kontinuitäten konturieren die Gegenwart in den Alltagswelten?

Themenbereich 7: Repressions-, Regime- und Grenzpolitiken

  • Welchen Unterdrückungsmechanismen wurden Frauen* ausgesetzt?
  • Wie sah der politische Widerstand von Frauen* aus und welchen staatlichen Repressionen waren sie dadurch ausgesetzt?
  • Wie hing die Geschlechter- und Migrationspolitik mit dem Grenzregime der sozialistischen Länder zusammen?
  • Welche Entwicklungen prägten die unmittelbare Umbruchszeit und welche Brüche bzw. Kontinuitäten konturieren die Gegenwart in den Alltagswelten?

Themenbereich 8: Erinnerungs-, Gedächtnis- und Archivpolitiken

  • Welche Erinnerungspolitiken werden wie und durch wen praktiziert?
  • Auf welche Archive/Wissensarchive/Wissensbestände wird in den Praktiken des Erinnerns zurückgegriffen?
  • Welche Entwicklungen prägten die unmittelbare Umbruchszeit und welche Brüche bzw. Kontinuitäten konturieren die Gegenwart in den Alltagswelten?

Einreichung von Abstracts

Einreichungen von Abstracts sind für 20-minütige Vorträge und Diskussionsbeiträge sowie für Panels und andere Diskussionsformen zu der im Call umrissenen Thematik möglich. Über das Format der Einzelbeiträge hinaus sind andere Formate erwünscht: Workshops, Berichte aus der Praxis von Nichtregierungsorganisationen und sozialer Einrichtungen, Buchvorstellungen, künstlerische Beiträge, dialogische Formate und Beiträge studentischer Projekte.

Bitte reichen Sie den Abstract (2.000 Zeichen mit Leerzeichen) ein und ordnen Sie ihn einem der acht Themenbereiche zu sowie einem der o.g. Formate. Über Vorschläge von Nachwuchswissenschaftler*innen freuen wir uns besonders.

Gegebenenfalls wird das Tagungsteam an Sie herantreten und alternative Vorschläge für eine Zuordnung oder die Umsetzung machen.

Bitte senden Sie Ihr Abstract per E-Mail bis zum 15. März 2022 an tagung2022.sw@eah-jena.de. Bis Mai 2022 werden wir über die Annahme der Beiträge informieren.

Veranstalter

Ernst-Abbe-Hochschule Jena - Fachbereich Sozialwesen
Carl-Zeiss-Promenade 2
07745 Jena
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E-Mail