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Bildung in der digitalen Welt - Dimensionen des Leiblichen

Lehrgang

Call for Papers

Frist: 30.04.2022

Tagung der Kolping Hochschule für Gesundheit und Soziales zur Digitalisierung von Kommunikationsprozessen und Vernetzung in den Disziplinen Gerontologie, Gesundheitspsychologie, Kindheitspädagogik und Soziale Arbeit


Digitalisierung gilt nicht erst seit Corona als Schlagwort, das in alle Lebensbereiche vordringt. Die Begriffe digital und analog werden dabei häufig als Dichotomie einander gegenüber gestellt, ähnlich wie das technische Medium versus dem lebendigen Leib des Menschen. Interessant scheint jedoch zu sein, ob es sich nicht eher um eine (zunehmende) Emulsion oder Verschränkung der beiden Bereiche handelt, die phänomenologisch zu beobachten ist, wenn bspw. das Smartphone zu einer Erweiterung des eigenen Leibes wird. Die Weltaneignung als Ursprung aller Bildungsprozesse ist längst analog/digital verschränkt. Bildung wird geradezu zum Medium, um die von digitaler Technik geprägte Welt zu durchdringen (Kerres 2018). Die/der lebenslang Lernende begibt sich dabei beständig in Auseinandersetzung mit moderner Medizintechnik, mit Geräten zur Unterstützung von Mobilität, mit Computerprogrammen zur Dokumentation von Jugendhilfemaßnahmen, mit Lernprogrammen auf einer elektronischen Lernplattform, usw. Dabei verändert sich die Beziehung zwischen Mensch und Welt - ein Prozess, der durch Bildungsprozesse wiederum begleitet wird. Dabei bleibt der Leib das Medium der Wahrnehmung (Fuchs 2013) und bildet, wie dies die leibanthropologische Theoriebildung nahe legt, die Voraussetzung für psychische und soziale Sinnprozession und Kommunikation (Lehner 2018). So lässt die scheinbare Körperferne von digitalen Medien den Körper nicht vom Computer verschwinden, denn jeder Tastendruck erfordert einen leiblich-somatischen Beweggrund.

Die Fähigkeit zur Konzentration, die Sehkraft, die verstehbare Artikulation von Worten in Sprache und Schrift, die Einleibung mit dem angebotenen Text, Bild, Film, Vortrag oder Gespräch ist auch hier jeweils durch den Körper vermittelt (Schmitz 2005, 27). Sein Hunger und Durst, seine Müdigkeit und Anspannung bestimmen weiterhin die Interaktion mit. Dennoch führen Phänomene wie „Zoom fatigue“ aufgrund der mangelnden leiblich-somatischen und räumlichen Resonanz der bedeutsamen Anderen partiell auch zu einem Verlust an Antrieb und Energie, was die Grenzen digitaler Kommunikation aufzeigt. Handelt die Person also auch in der digital erweiterten Welt in den Grenzen des Körpers, den sie hat und dem Leib, der sie ist, wie Plessners philosophische Anthropologie nahe legt, (Plessner 1975), oder bedarf es neuer Konzepte, welche die Ambiguität des Digitalen im Modus des Leiblichen fassen?

Das Digitale verändert die Beschaffenheit der gemeinsamen Situation (Schmitz 2007) von Lehrenden und Lernenden, Fachkräften und Klient*innen. Die soziale Interaktion (Goffman 1971) ist weniger von einer Ko-Präsenz im selben physischen Raum geprägt, als von einer Ko-Referenz (Houbon 2018), die ebenso Gleichzeitigkeit und Wechselbezug umfasst, aber von unterschiedlichen (virtuellen) Räumen ausgeht. Körperliche Signale, die aufgrund von leiblichem Befinden entstehen, wie etwa Mimik, Gestik, Stimme, Haltung, etc. oder im weitesten Sinne leibliche Anzeichen von Engung und Weitung (Schmitz 2007) erscheinen auf dem Bildschirm in veränderter Intensität und Wahrnehmbarkeit. Stimmungen und Atmosphären (Wolf/Julmi 2020) dringen durch den Filter des Mediums, müssen aber womöglich neu interpretiert werden. Trotz der scheinbar glatten Oberfläche des Bildschirms bleibt die Person davor ein mannigfaltig fühlendes, denkendes und handelndes Wesen, aufgefordert, sich mit neuartigen Affizierungen auseinanderzusetzen.

Die Tagung möchte eine angewandte Phänomenologie bemühen, um die Dimension des Leiblichen am Schnittpunkt von Mensch und virtueller Technik (Digitalität) zu diskutieren. Sie lädt zu einer Diskussion ein, den in der Gegenwartsgesellschaft sich scheinbar auftuenden Widerspruch von analoger und digitaler Kommunikation, von Leib und Körper auf der einen, von digitalen Medien auf der anderen Seite, von synchroner und asynchroner Gestaltung von Situationen aufzugreifen, und Möglichkeiten und Grenzen der Gestaltung analog-digital verschränkter Bildungsprozesse zu beleuchten. Sie möchte gerade nicht bei Kulturkritik stehen bleiben, sondern ausdrücklich eine Plattform anbieten für neue Ansätze, Synthesen und Möglichkeitsräume.
Bitte schicken Sie Ihr Abstract (max. 400 Wörter) bis spätestens 30. April 2022 per Email an Prof. Dr. Barbara Wolf: barbara.wolf@kolping-hochschule.de. Eine Rückmeldung zur Annahme oder Ablehnung Ihres Abstracts erhalten Sie bis zum 15. Juni 2022.

Veranstalter

Kolping Stiftungshochschule gGmbH
St.-Apern-Straße 32
50667 Köln
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