Wer in der Sozialwirtschaft tätig ist, kennt eventuell das Gefühl: Am Ende eines langen Tages ist manchmal nicht nur der Körper müde. Irgendwann kann sich jedoch die Frage stellen, ob es sich um vorübergehende Erschöpfung handelt oder ob etwas Grundlegenderes nicht mehr stimmt. Und ob ein Stellenwechsel in diesem Moment Befreiung bedeutet oder nur die Probleme an einen neuen Ort verschiebt.

Inhalt
  1. Soziale Berufe und Burnout – eine strukturelle Verbindung
  2. Die Warnsignale ernst nehmen
  3. Erst verstehen, dann entscheiden — Woher kommt die Erschöpfung?
  4. Folgende Fragen zur Selbstreflexion können hilfreich sein:
  5. Wann ein Stellenwechsel sinnvoll ist
  6. Was hilft – unabhängig vom Wechsel
  7. Fazit

Soziale Berufe und Burnout – eine strukturelle Verbindung

Burnout ist kein Zeichen persönlicher Schwäche. Aber es ist auch kein Zufall, dass soziale Berufe in der Statistik besonders auffällig sind. Laut dem AOK-Fehlzeitenreport 2024 verzeichneten Berufe in der Sozialarbeit und Sozialpädagogik im Jahr 2023 rund 344 Arbeitsunfähigkeitstage je 1.000 AOK-Mitglieder aufgrund von Burnout-Erkrankungen und gehören damit zu den am stärksten belasteten Berufsgruppen in Deutschland. Ähnlich hoch belastet sind Beschäftigte in der Heilerziehungspflege, der Altenpflege und der Fachkrankenpflege.

Der DAK-Psychreport 2025 bestätigt diesen Trend: Im Gesundheitswesen lagen die psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeitstage im Jahr 2024 um 39 Prozent über dem Branchendurchschnitt. Besonders stark betroffen waren Beschäftigte in der Kinderbetreuung (586 Fehltage je 100 Versicherte) und in der Altenpflege (573 Fehltage je 100 Versicherte).

Die Ursachen sind bekannt: emotionale Dauerbelastung, Personalmangel, Schichtdienst, das Gefühl, nie wirklich fertig zu sein – und der stille Druck, sich für die eigene Erschöpfung zu schämen, weil man doch „für die Menschen da sein will".

Die Warnsignale ernst nehmen

Erschöpfung im Sozialwesen zeigt sich oft schleichend. Viele Fachkräfte berichten rückblickend von Signalen, die sie zunächst übersehen oder verdrängt haben – zum Beispiel:

  • Chronische Erschöpfung, die auch nach dem Wochenende nicht verschwindet
  • Emotionale Distanz zu Klientinnen und Klienten, die sich früher selbstverständlich anfühlte
  • Zynismus oder innere Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Arbeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten und zunehmende Fehler bei Routineaufgaben
  • Sozialer Rückzug – von Kolleginnen und Kollegen, aber auch im Privatleben
  • Körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder häufige Erkältungen

Wer mehrere dieser Punkte über einen längeren Zeitraum bei sich erkennt, sollte das ernst nehmen und nicht warten, bis nichts mehr geht.

Erst verstehen, dann entscheiden — Woher kommt die Erschöpfung?

Bevor die Frage „Soll ich wechseln?" beantwortet werden kann, braucht es eine ehrliche Ursachenanalyse. Denn nicht jede Erschöpfung ist ein Hinweis darauf, dass der Arbeitsplatz falsch ist. Manchmal liegt das Problem an strukturellen Bedingungen einer Einrichtung und die können sich ändern. Manchmal liegt es am Bereich oder an der Zielgruppe. Und manchmal hat es mit der Einrichtung nur wenig zu tun.

Folgende Fragen zur Selbstreflexion können hilfreich sein:

  • War ich in einem anderen Setting, einer anderen Einrichtung oder mit einer anderen Zielgruppe schon einmal zufriedener?
  • Geht es mir primär um die Arbeit selbst oder um das Umfeld, die Leitung, das Team?
  • Habe ich bereits das Gespräch mit Vorgesetzten gesucht? Und wenn ja: Wurde etwas verändert?
  • Würde eine Reduzierung der Stunden, eine andere Aufgabenverteilung oder mehr Supervision helfen?
  • Fühle ich mich nur erschöpft oder habe ich auch innerlich aufgehört, mich für die Arbeit zu interessieren?

Wann ein Stellenwechsel sinnvoll ist

Ein Wechsel kann eine echte Option sein, wenn:

  • Die Ursachen in der Einrichtung liegen
    Führungsstil, Teamklima, fehlende Anerkennung, unzumutbare Personalschlüssel. Was man selbst nicht verändern kann, zermürbt langfristig.
  • Gespräche ohne Wirkung geblieben sind
    Wer das Problem angesprochen hat und keine Veränderung erlebt, darf daraus Konsequenzen ziehen.
  • Der Bereich nicht mehr zu den eigenen Werten passt
    Menschen verändern sich. Wer mit 25 Jahren brennend gern in der Jugendhilfe gearbeitet hat, darf mit 40 Jahren merken, dass ihn die Arbeit in einem Arbeitsbereich mehr erfüllen würde.

Was hilft – unabhängig vom Wechsel

Unabhängig davon, ob ein Stellenwechsel geplant ist oder nicht, gibt es Maßnahmen, die helfen können:

  • Supervision und Intervision aktiv einfordern und nutzen
    sie sind kein Luxus, sondern professioneller Standard
  • Klare Grenzziehung beim Einspringen und Überstunden
    auch im helfenden Beruf ist Nein sagen keine Schwäche
  • Kollegiale Entlastung durch offenes Gespräch im Team
  • Professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen, wenn die eigenen Beschwerden anhalten

Fazit

Wer dauerhaft erschöpft arbeitet, kann die Menschen, die auf professionelle Unterstützung angewiesen sind, nicht so begleiten, wie sie es verdienen. Die Verantwortung gegenüber den Adressat:innen beginnt deshalb mit der Verantwortung gegenüber sich selbst.
Ein Stellenwechsel im Sozialwesen kann eine sehr gute Entscheidung sein, wenn er bewusst getroffen wird. Wer die Ursachen kennt, die eigene Situation nüchtern einschätzt und sich Zeit lässt, trifft die bessere Entscheidung. Der Arbeitsmarkt im Sozialwesen bietet derzeit viele Möglichkeiten. Das ist eine Chance aber keine, die man im Zustand der Erschöpfung überstürzt nutzen sollte.

Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich zur allgemeinen Information und Orientierung. Er ersetzt keine medizinische, psychologische oder therapeutische Beratung. Wenn Sie Anzeichen eines Burnouts bei sich wahrnehmen, wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt, Psychotherapeut:in oder den betriebsärztlichen Dienst Ihrer Organisation.

Quellen

Verfasst von
Cläre McDaniel
Freiberuflerin für Kommunikationsberatung, Text und Design
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