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Theorie

Prof. Dr. Helmut Lambers

veröffentlicht am 30.09.2025

Etymologie: gr. theoria Betrachtung

Englisch: theory

Theorie ist eine Form des Wissens, die als wissenschaftliche Erkenntnis konzipiert ist und sich insofern von Alltagswissen unterscheidet. Wissenschaftliche Theorie hat die Funktion, wahrheitsfähige und überprüfbare Aussagen über einen gewählten Gegenstand zu erzeugen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Wissenschaftliche Theorie
  3. 3 Theorieformate
    1. 3.1 Erkenntnistheorien
    2. 3.2 Wissenschaftstheorien
    3. 3.3 Supertheorien
    4. 3.4 Metatheorien
    5. 3.5 Objekt-, Handlungs-, Praxistheorien
  4. 4 Wissenschaftliche Schließverfahren
  5. 5 Kulturrelativismus und Grenzen von Großtheorien
  6. 6 Wissenschaftliche Theoriebildung
  7. 7 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Der Begriff Theorie ist in der deutschen Sprache im 18. Jahrhundert aus dem lateinischen Wort theoria und dieses aus dem griechischen Wort theōría (Anschauung, Betrachtung) entlehnt (Kluge 1989, S. 728). Wissenschaftstheoretisch sind Theorie und Praxis kein Gegensatzpaar, „denn alle Praxis ist an vorgegebene Bedingungen gebunden und in eine vorgegebene Ordnung hineingestellt, mit der sie rechnen und die sie im Voraus erkennen muss, soll sie nicht scheitern“ (Brugger 1976, S. 402). Demzufolge ist das Verhältnis von Theorie und Praxis durch einen wechselseitig verknüpften Modus der wissenschaftlichen Tätigkeit gekennzeichnet. Theorie führt zu einem wissenschaftlichen Lehrgebäude (z.B. Theorie der Bildung, Theorie der Sozialen Arbeit usw.). Eine wissenschaftliche Theorie ist somit ein Verbund wissenschaftlich begründeter Aussagen zur Erklärung und Vorhersage bestimmter Tatsachen oder Erscheinungen und der ihnen zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten. Unterschieden werden Theorieformate, Denkpositionen und Bestimmungen des wissenschaftlichen Gegenstandes. Theoriebildung ist an die Erfüllung bestimmter wissenschaftlicher Kriterien gebunden. Jede Form von Theoriebildung muss sich mit der Frage nach ihren jeweils eigenen Limitationen auseinandersetzen.

2 Wissenschaftliche Theorie

Eine Theorie im wissenschaftlichen Verständnis ist eine Lehre oder ein System von Lehrmeinungen über einen bestimmten Gegenstand. Theorien im engeren Sinn, d.h. einer positiven, erklärenden Wissenschaft, sind Aussagensysteme über einen bestimmten Ausschnitt der Welt (Materialobjekt) und den ihm zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten. Um zu Theorien über einen wissenschaftlich abgrenzbaren Gegenstand zu gelangen, braucht Wissenschaft eine präzise Bestimmung ihres Gegenstandes, über den wissenschaftlich begründete Aussagensysteme hergestellt werden können. Hierbei wird in der scholastischen Erkenntnistheorie zwischen zwei Formen der Gegenstandsbestimmungen unterschieden: Materialobjekt und Formalobjekt (Brugger 1976, S. 122). Das Materialobjekt soll den konkreten Untersuchungsgegenstand beschreiben (Das Was!), das Formalobjekt hingegen beschreibt die spezifische Perspektive, Methode oder den theoretischen Rahmen, durch den das Materialobjekt betrachtet wird (Das Wie!).

Die Bestimmung eines Materialobjekts trifft zumindest in der Sozial- und Geisteswissenschaft auf Schwierigkeiten. Ein Materialobjekt lässt sich als solches nur dann bestimmen, wenn es als eigenständige Einheit (Entität) objektiv erkannt und unterschieden werden kann. Beobachtung – auch wissenschaftliche – ist hingegen immer ein Vorgang des gleichzeitigen Unterscheidens und Bezeichnens. Diese Selbstreferenzialität von Beobachtung lässt sich nicht umgehen und in objektive Letztbeobachtung überführen. Aus dieser Perspektive liegt es nahe, sich auf das Formalobjekt, statt auf das Materialobjekt der wissenschaftlichen Beobachtung zu fokussieren. Am Anfang stünde dann die Bestimmung eines Bezugsproblems, aus dem, je nach theoretischer Rahmung, die Bestimmung eines Formalobjekts erfolgen kann.

Nach der Bestimmung des Untersuchungsgegenstandes wird dieser mit wissenschaftlich bewährten Untersuchungsmethoden untersucht. Das Spektrum der Forschungsmethoden reicht von datenbasierten, empirischen bis hin zu hermeneutischen und phänomenologischen (d.h. interpretierenden, verstehenden, nachvollziehenden und abstrahierenden) Verfahren. Die Unterscheidung von wahr/unwahr geschieht mittels empirischer Überprüfung nachvollziehbarer Aussagen und/oder Hypothesen durch geeignete Methoden der Erkenntnisgewinnung. Ein anderer Weg der Sozialforschung ist an Hypothesengenerierung interessiert, entweder final oder progressiv im laufenden Forschungsprozess.

Anders verhält es sich hingegen mit den Theorien, die sich grundsätzlich mit Fragen von Erkenntnis und wissenschaftlichen Wahrheitsaussagen befassen. Das sind Theorien, die als Grundlagentheorien für alle weiteren, hierauf aufbauenden Theorien dienen. Gemeint sind hier Erkenntnistheorien, Wissenschaftstheorien, Metatheorien und sogenannte Supertheorien. Wenn über Theorie im wissenschaftlichen Kontext gesprochen werden soll, müssen demnach unterschiedliche Theorieformate voneinander unterschieden werden.

3 Theorieformate

Allgemein kann zwischen den nachfolgenden Theorieformaten unterschieden werden: Erkenntnistheorie (Epistemologie), Wissenschaftstheorie, Metatheorie, Supertheorie, Objekttheorien, Handlungs- und Handlungsfeldtheorien sowie Praxis- und Praxisfeldtheorien.

Die Theoriebildungen oberhalb der letztgenannten Kategorie können auch als Großtheorien („Grand Theories“, Mills 1959) bezeichnet werden. Unter Grand Theories versteht Mills umfassende, hochabstrakte Erklärungsrahmen. Diese ordnen und deuten Realität für ein gesamtes Fachgebiet oder einen großen Ausschnitt; eine Funktion also, die die hier angesprochenen Erkenntnis-, Wissenschafts-, Super- und Metatheorien erfüllen wollen. Diese geben der Forschung Orientierung und Systematik, erfordern jedoch zur konkreten Forschung in der Regel einer Ausdifferenzierung bzw. Translation in Objekt-, Handlungs-, Handlungsfeld-, Praxis- oder Praxisfeldtheorien. Eine Großtheorie, die sich hiervon explizit ausnimmt, ist die Theorie sozialer Systeme von Niklas Luhmann (Luhmann 1990, S. 49).

3.1 Erkenntnistheorien

Erkenntnistheorie (Epistemologie) überschneidet sich mit den philosophischen Nachbardisziplinen, sprich der Ontologie und Metaphysik, der Wissenschaftstheorie, der Logik, der Philosophie des Geistes und der Kognitionswissenschaft (Schurz 2021, S. 2). Erkenntnistheorie befasst sich mit den Grundlagen, Voraussetzungen und Grenzen von Erkenntnis. Sie fragt: Was ist Erkenntnis und wie ist menschliche Erkenntnis möglich? Was können wir mit Gewissheit erkennen und damit wissen, und was sind die Bedingungen für gültiges Wissen? Es geht hier also um Wahrheit und Geltung sowie Grenzen der Erkenntnis. In der Frage, was Erkenntnis ist und wie sie möglich wird, werden verschiedene Denkpositionen eingenommen. Das führt zu einer Reihe von verschiedenen Erkenntnistheorien. Die aus historischer Sicht gängigsten – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – sind in der folgenden Tabelle aufgeführt (Schurz 2021; Seiffert 1983; Singer 2005).

Tabelle 1: Erkenntnistheorien im Überblick
Erkenntnistheorien Denkposition Vertreter:innen
(Radikaler) Skeptizismus, Relativismus Erkenntnis ist nur in der Beziehung der Dinge zueinander (relativ), aber nicht in den Dingen selbst möglich. Pyrrhon von Elis, David Hume
(Klassischer) Rationalismus Erkenntnis erwächst aus dem Zusammenwirken der Sinne und des Verstandes. Einzige Quelle der Erkenntnis sind die Vernunft und die angeborenen Ideen, die unabhängig von Erfahrung gültig sind. René Descartes, Baruch Spinoza, Gottfried Wilhelm Leibniz
(Klassischer) Empirismus Sinnliche Wahrnehmungen und Erfahrungen sind der einzige Zugang zu Erkenntnissen. John Locke, George Berkeley, David Hume, Thomas Hobbes
Philosophischer Materialismus Alle Erkenntnisse und alles Wissen sind auf materielle, physikalische Grundlagen zurückzuführen. Alles Sein und Bewusstsein sind auf materielle Prozesse zurückzuführen. Thomas Hobbes, Daniel Dennett, Paul-Henri Thiry d‘Holbach
Kritizismus, Transzendentalphilosophie Erkenntnis ist nur durch erfahrungsunabhängige Intuition (a priori) in der Wechselwirkung von Sinneseindrücken und den Kategorien des Verstandes möglich. Immanuel Kant
Idealismus Die Grundbausteine der Welt sind nicht materieller, sondern geistiger Natur. Gottfried Wilhelm Leibniz, George Berkeley
Historischer/​dialektischer Materialismus Gesellschaftliche Phänomene können durch materielle Bedingungen (Produktionsverhältnisse, ökonomische Strukturen) erklärt werden. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Karl Marx, Friedrich Engels
Fallibilismus Absolutes Wissen gibt es nicht. Wissen mit Gewissheit ist nicht möglich, da sich Irrtümer niemals vollständig ausschließen lassen. Charles S. Peirce, Robert Audi, Karl R. Popper
Pragmatismus Wahrheit und Erkenntnis ergeben sich aus der Praxis. Was dort funktioniert, ist wahr. Charles S. Peirce, William James, John Dewey
Korrespondenztheorie der Wahrheit, analytische Philosophie Eine Aussage ist wahr, wenn sie mit einem bestehenden System von Aussagen zusammenhängend übereinstimmt. Bertrand Russell
Phänomenologie Erkenntnis ist nur über das Verstehen der hinter den sinnlich erfahrbaren Dingen und Erscheinungen gegebenen Seinsordnung möglich. Edmund Husserl, Alfred Schütz, Peter L. Berger, Thomas Luckmann
Symbolischer Interaktionismus Welt wird durch soziale Interaktionen und darin enthaltenen Bedeutungszuweisungen konstruiert. Wissen entsteht durch soziale Prozesse und gemeinsam geteilte Symbole. George Herbert Mead, Herbert Blumer
Theorie der Sprachspiele, linguistic turn Wissen und Erkenntnis sind ausschließlich mit dem Gebrauch der Sprache verbunden Ludwig Wittgenstein
Evolutionäre Erkenntnistheorie (Erkenntnistheoretischer Naturalismus) Die natürliche Welt und die Naturwissenschaften gelten als alleinige und hinreichende Basis zur Erklärung aller Dinge. Donald Campbell, Konrad Lorenz, Rupert Riedl, Franz Wuketits
Kulturrelativismus Wissenschaftliche Regeln, Wahrheitsmaßstäbe und Fortschrittsbegriffe erweisen sich als kontingent, kulturell und sprachlich situiert. Thomas S. Kuhn, Paul Feyerabend, Richard Rorty
Radikaler Konstruktivismus Wirklichkeitsbeschreibungen sind das Konstrukt einer nicht in objektiv allgemeingültigen Kategorien fassbaren Welt. Erkenntnis ist ein durch individuelle Wahrnehmung und Interpretation hervorgebrachtes Konstrukt. Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld
Relationaler Konstruktivismus Wirklichkeit wird subjektiv konstruiert, ist aber von materiellen und sozialen Umwelten nicht unabhängig. Björn Kraus
Feministische Erkenntnistheorien Wissensproduktion wird in den Kontext von gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnissen gestellt. Wissen gilt als sozial und historisch situiert. Sandra Harding, Donna Haraway, Patricia Hill Collins

Das hier nur ausschnitthaft dargestellte Spektrum vorhandener Erkenntnistheorien verweist auf ein Problem ihrer Leistungsfähigkeit (siehe Kapitel 5).

Nicht jede:r Urheber:in oder Vertreter:in einer Denkposition lässt sich problemlos in eine erkenntnistheoretische Kategorie einordnen, dafür ist die Thematik zu komplex. Einige Vertreter:innen treten entwicklungsbedingt in verschiedenen Kategorien auf (Meidl 2009; Schurz 2021). Einige der genannten Erkenntnistheorien nehmen heute eher einen historischen Rang (z.B. klassischer Rationalismus und Empirismus, strenger Kantianismus, logischer Positivismus, radikaler Skeptizismus) als den einer aktuellen Denkrichtung ein. Aber auch aus diesen historischen Ansätzen werden – so wie aus den anderen genannten – unterschiedliche Aspekte erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch weiterentwickelt und modifiziert, ohne dass allerdings ein Ansatz bisher eine dominierende Position erlangt hätte. Die bisher einflussreichste Erkenntnistheorie scheint der Kritische Rationalismus zu sein.

Erkenntnistheorie zerfällt offenbar in eine „unversöhnliche Spaltung […] in transzendentalphilosophisch-noetische und naturalistisch-genetische Formen“ (Meidl 2009, S. 219). Das liegt darin begründet, dass beide Richtungen unterschiedliche Frageinteressen verfolgen. Die transzendentalphilosophisch-noetische Richtung fragt nach der Erkenntnis, die durch den Geist erlangt wird und nach den grundlegenden Bedingungen von Erkenntnis, die Erkenntnis möglich machen. Die naturalistisch-genetische Richtung fragt hingegen nach den natürlichen Ursachen und Prozessen der Entstehung eines Phänomens und der Entwicklung des Wissens im historischen und biologischen Kontext: „Diese beiden Ansätze unterscheiden sich also grundlegend in ihrer Zielsetzung: Der eine sucht nach universellen Prinzipien und Bedingungen des Erkennens (transzendental), der andere erklärt das Erkennen durch natürliche Prozesse und Entwicklung (naturalistisch). Trotz dieser Unterschiede gibt es heute Bestrebungen, beide Perspektiven zu integrieren oder miteinander in Dialog zu bringen“ (a.a.O., S. 219 f.). Aktuelle, moderne Erkenntnistheorie tendiert zu einer integrativen Sichtweise, die sowohl rationale als auch empirische Quellen integriert. Der „meliorativen (d.h. Verbesserung anstrebenden) Epistemologie“ geht es um ein Programm, das sich „auf logische und erfahrungsgestützte Argumente stützt und, wo diese nicht ausreichen, sie durch epistemische Zwecksetzungen ergänzt“ (Schurz 2021, S. 9).

Erkenntnistheoretische Übereinkunft scheint darin zu bestehen, dass Wahrheitsansprüche der Wissenschaft nicht auf einem letzten, ontologisch gesicherten Fundament ruhen, das für alle gleichermaßen Sinn und Geltung ergibt. Daher sind empirische Wissenschaft und philosophische Reflexion zu verbinden, mindestens aber in einen komplementären Austauschprozess zu bringen. Erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Verortungen finden heutzutage weniger als Übernahme einer reinen Lehre der o.g. Denkrichtungen statt. Vielmehr bewegen sie sich in einem für die jeweilige Wissenschaftsdisziplin geeigneten Zusammenspiel verschiedener Ansätze.

3.2 Wissenschaftstheorien

Wissenschaftstheorie ist ein Teilgebiet von Erkenntnistheorie. Sie befasst sich mit den Methoden, Strukturen und Prinzipien von Wissenschaft. Sie fragt: Was ist wissenschaftliche Erkenntnis und wie ist wissenschaftliche Erkenntnis möglich? Welche Methoden sind zuverlässig, um gesichertes Wissen zu erlangen? Wie können wissenschaftliche Theorien entwickelt, überprüft und bewertet werden? Es geht hierbei also auch um methodologische Fragen. Wie bei den Erkenntnistheorien handelt sich bei der Wissenschaftstheorie um ein plurales Gebilde. Zudem sind die Grenzen zwischen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie nicht immer scharf umrissen, oft gehen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie ineinander über. Die gängigsten Wissenschaftstheorien sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst (Meidl 2009; Schurz 2021).

Tabelle 2: Wissenschaftstheorien im Überblick
Wissenschaftstheorien Ansatz Vertreter:innen
(Logischer) Positivismus Wissen entsteht allein durch werturteilsfrei gewonnene empirische Fakten. David Hume, Auguste Comte, (Émile Durkheim)
Hermeneutik, Philosophie des Verstehens Wissenschaftliche Auslegung von Zeichen geschieht im engeren wie im weiteren Sinn (Texte, Symbole, Produkte, Verhalten, Erleben). Zentral ist das Verstehen von subjektiven Sinnzusammenhängen (Sinnverstehen) in ihrer Eingebundenheit des Objektiven. Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Wilhelm Dilthey, Hans-Georg Gadamer
Pragmatismus Die Wahrheit einer Theorie hängt von ihrer praktischen Anwendbarkeit und Nützlichkeit ab. John Dewey
Kritischer Rationalismus (Falsifikationismus) Weiterentwicklung des Fallibilismus, der die Bedeutung kritischer Prüfung und ständiger Überprüfung wissenschaftlicher Theorien betont, die durch potenzielle Beobachtungen widerlegbar sein sollen. Karl Popper
Naturalistische Wissenschaftstheorie (Naturalismus) Philosophische Probleme können mit empirischen Methoden und Methoden der Naturwissenschaften bearbeitet werden. Willard Van Orman Quine, Richard Dawkins, Donald Cambell

Zu nennen sind in diesem Kontext noch Gesellschaftstheorien, die wissenschaftstheoretisch anschlussfähig sind, aber nicht primär als Wissenschaftstheorien entwickelt wurden. Teilweise decken sich diese mit den Supertheorien (siehe Kapitel 3.3). Sie beziehen sich häufig kritisch auf erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Konzepte und den darin eingelassenen wissenschaftlichen Schließverfahren.

3.3 Supertheorien

Über die genannten Erkenntnis- und Wissenschaftstheorien hinaus, gibt es sogenannte Supertheorien (Jahraus 2001). Im Kontext der Kultur- und Gesellschaftswissenschaften sind Supertheorien universale, selbstreferentielle Theorien, wie die Theorie der Postmoderne, darunter die Methode der Dekonstruktion von Jacques Derrida (1967) und die Kritik an großen Erzählungen von Jean-François Lyotard (1979), und die Systemtheorie Niklas Luhmanns (1984). Sie verstehen sich nicht als eigene Erkenntnistheorie oder wissenschaftstheoretisches Programm, sondern vielmehr als philosophische Kritik an ihnen, da sie den Anspruch universeller oder objektiver Wahrheitsansprüche für unmöglich erachten. Insofern stehen sie nicht als eigene Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie im Raum, aber doch in einem engen Zusammenhang mit ihnen, da sie sich in ihrer Fundamentalkritik an ihnen in gewisser Weise als Alternative verstehen. Supertheorien versuchen, umfassende Beschreibungsmodelle für menschliches Verhalten, gesellschaftliche Strukturen und kulturelle Phänomene zu entwickeln. Bekannte Beispiele hierfür sind in der anschließenden Tabelle aufgelistet.

Tabelle 3: Supertheorien im Überblick
Supertheorien Denkposition Vertreter:innen
Kritische Theorie Die Kritische Theorie tritt als Kritikerin bestimmter erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Positionen auf, besonders der des Positivismus und des Kritischen Rationalismus. Sie analysiert die Bedingungen von Wissenschaft sowie die Rolle von Ideologie, Macht und Herrschaft. Sie ist eine kritische Gesellschaftstheorie, die eine reflexive Wissenschaftstheorie enthält, da sie die Bedingungen und auch die Folgen wissenschaftlicher Erkenntnisse analysiert. Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Jürgen Habermas
Theorie der Postmoderne Die Theorie der Postmoderne wird häufig als eine philosophische und kulturelle Strömung verstanden, die sich kritisch mit den Annahmen der Moderne auseinandersetzt. Sie hinterfragt Konzepte wie objektive Wahrheit, universelle Werte und große Erzählungen (Meta-Erzählungen). Jacques Derrida, Jean-François Lyotard
Theorie sozialer Systeme Die Systemtheorie beschreibt Gesellschaft als eine Ausdifferenzierung von komplexen, selbst erzeugenden (autopoietischen) Funktionssystemen und darin inkludierten Organisationen, die ausschließlich durch Kommunikation und eigene Entscheidungsprogramme operieren und durch ihre Operationsweise eine sinnspezifische Grenze zwischen sich und der Umwelt ziehen. Niklas Luhmann
Habitustheorie Die Habitustheorie stellt mit ihren Konzepten von Habitus, Kapital und Feld ein Rahmenwerk zur Analyse sozialer Ungleichheiten und der Reproduktion sozialer Strukturen zur Verfügung. Pierre Bourdieu

3.4 Metatheorien

Ähnlich wie mit den Supertheorien verhält es sich mit den sogenannten Metatheorien. Allerdings beziehen sich diese eher auf ein bestimmtes Forschungsfeld, als auf eine umfassende Universaltheorie. Metatheorien sind Theorien über Theorien. Nach diesem Verständnis bewegen sie sich auch im Feld der klassischen Wissenschaftstheorien. Allerdings analysieren, reflektieren und bewerten Metatheorien die Grundlagen, Grundannahmen, Methoden und Zielsetzungen verschiedener Theorien innerhalb eines bestimmten Forschungsfeldes. Ein Beispiel hierfür ist die Metatheorie der Erziehung von Wolfgang Brezinka (1978). Ein weiteres Beispiel für Metatheorie ist die Kybernetik zweiter Ordnung, d.h. die Kybernetik der Kybernetik. Während die Kybernetik die Steuerungslehre trivialer Systeme (Maschinen, Schaltkreise usw.) zum Gegenstand hat, untersucht die Kybernetik der Kybernetik komplexe, lebende Systeme (Gehirn, Bewusstsein usw.) (Meidl 2009, S. 235; Lambers 2014, S. 31 ff.).

Ein weiteres, aktuelles Beispiel für Metatheorie ist die feministische Theoriebildung. Feministische Theorien zielen auf die Analyse und Erklärung von Geschlechterverhältnissen. Sie sind an einer kritischen Reflexion darüber interessiert, wie Wissen produziert und über die gesellschaftlichen Strukturen Geschlechterungleichheiten aufrechterhalten werden. Indem verschiedene feministische Strömungen miteinander verbunden und kritisch hinterfragt werden, bewegen sich feministische Theorien auf der Metaebene.

3.5 Objekt-, Handlungs-, Praxistheorien

Objekttheorien befassen sich mit den Gegenständen oder Objekten eines bestimmten Fachgebiets oder einer Disziplin. Sie untersuchen und beschreiben die Eigenschaften, Strukturen und Zusammenhänge eines vorab definierten Untersuchungsgegenstandes. Handlungs- und Handlungsfeldtheorien beschäftigen sich mit den Akteur:innen und deren Handlungen kollektiv oder feldbezogen. Sie fokussieren auf das individuelle Handeln und die Motivation einzelner Akteur:innen. Praxis- und Praxisfeldtheorien betrachten soziale Praktiken im Allgemeinen, oft auf einer kollektiven Ebene oder in einem bestimmten Feld sozialer Praxen (Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft usw.).

Die genannten Theorien greifen in der Regel auf Erkenntnis- und Wissenschaftstheorien oder Super- und Metatheorien zurück. Sie können – je nach Denkposition – als Basis und Rahmung und damit Positivwert dessen dienen, was in Wissenschaft als wahr verstanden und wie diese Erkenntnisproduktion hergestellt wird.

Eingedenk der Denkpositionen, die in den Verortungen zu bestimmten erkenntnis-, wissenschafts- und meta- oder supertheoretischen sowie sozial- und gesellschaftstheoretischen Konzepten vorgenommen werden, entstehen Theorien mit unterschiedlicher Intentionalität und Zielsetzungen. Auch wenn die Unterscheidungen nicht immer trennscharf sind, können folgende unterschieden werden:

  • Deskriptive Theorien: Beschreiben Phänomene oder Sachverhalte, die mit empirischen Mitteln nicht zu erklären sind.
  • Empirische, erklärende Theorien: Basieren auf standardisierten Verfahren der Sozialforschung, wie z.B. Befragungen, Beobachtungen und Experimenten mit dem Ziel, signifikante Befunde mittels deskriptiver (beschreibender) und/oder induktiver (schließender, verallgemeinernder) statistischer Analysen zu erheben.
  • Konstruktionistische und konstruktivistische Theorien: Beschreiben die Bedeutung sozialer Konstruktionen bei der Entstehung von Wissen und dessen, was als Realität beobachtet wird.
  • Kritische, verstehensbasierte Theorien: Decken Macht- und Herrschaftsstrukturen, die zu gesellschaftlicher Ungleichheit führen, auf und formulieren Forderungen und Vorschläge zu Veränderungen.
  • Normative Theorien: Erforschen gerechtigkeitsorientierte Standards und Normen, z.B. für Ethik und Politik.
  • Prädiktive Theorien: Entwickeln datenbasierte Vorhersagen über zukünftige Ereignisse, wie z.B. Verhaltensweisen oder Marktentwicklungen.

4 Wissenschaftliche Schließverfahren

In der Erkenntnistheorie, insbesondere jedoch der Wissenschaftstheorie, gelten unterschiedliche Methoden, die sich auf die Herstellung wissenschaftlicher Schlüsse beziehen. Die klassischen Methoden sind: Induktion, Deduktion und Abduktion.

  1. Induktion: Ziel ist es, aus Beobachtungen zu einer allgemeinen Theorie zu gelangen. Aus einzelnen Beobachtungen werden verallgemeinerbare Schlussfolgerungen gezogen. Man gelangt vom Speziellen zum Allgemeinen. Die Schlussfolgerung ist wahrscheinlich, aber nicht zwingend wahr.
  2. Deduktion: Ziel ist es, aus allgemeinen Regeln konkrete Vorhersagen abzuleiten. Aus allgemeinen Regeln, Gesetzen werden Rückschlüsse auf den Einzelfall getroffen. Man gelangt vom Allgemeinen zum Speziellen. Die Schlussfolgerung ist logisch zwingend, wenn die Prämissen wahr sind.
  3. Abduktion: Ziel ist es, aus verschiedenen erklärenden Hypothesen Vorhersagen abzuleiten (Deduktion), um daraufhin die wahrscheinlichste Hypothese zu bestätigen (Induktion). Basierend auf dem Wissen über eine beobachtete Situation wird die plausibelste Erklärung hierfür gewählt.

Außer den drei klassischen Verfahren ist noch von einem Ansatz die Rede, der als Rekonstruktion bezeichnet wird (Habermas 1968, S. 197 f.). Rekonstruktion ist in der Wissenschaft ein verbreitetes Vorgehen. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um ein viertes Verfahren wissenschaftlichen Schließens, sondern um eine Kombination aus ihren drei klassischen Methoden (Bohnsack 2021).

Über die klassischen Schließverfahren hinaus kommen auch Methoden wie Analogieschlüsse, Modellbildungen, Simulationen und Systemanalysen zum Einsatz. Insbesondere im Bereich der Induktion bieten zahlreiche mathematisch fundierte, inferenzstatistische Verfahren eine wesentliche Unterstützung. Darüber hinaus ist der Ansatz des Kritischen Rationalismus nach Karl Popper (Popper 2022, c1973; Miller 1995) hervorzuheben, der mit dem Falsifikationsprinzip fordert, dass wissenschaftliche Hypothesen so formuliert sein müssen, dass sie prinzipiell widerlegbar sind und im Falle ihrer Falsifikation durch bessere Erklärungen ersetzt werden können.

Die Theoriebildung kennt verschiedene Methoden der Erkenntnisgewinnung durch Forschung. Daher sind Theorien auch nicht ohne weiteres miteinander vergleichbar. So muss nomothetische von idiografischer Theoriebildung unterschieden werden.

Als nomothetisch gilt die Theoriebildung, die als oberstes Ziel die Aufstellung allgemeingültiger Sätze verfolgt. Die auf den logischen Empirismus gestützten induktiven und deduktiven Erfahrungswissenschaften gehören hierzu. Beobachtung, Hypothesenaufstellung, Hypothesenprüfung und Bestätigung (Verifikation) oder Nichtbestätigung bzw. Widerlegung (Falsifikation) sowie daraus ableitbare Gesetze bzw. Lehrsätze fügen sich dann zu einem Theoriegebäude zusammen.

Im Gegensatz hierzu steht die idiografische Forschung, die davon ausgeht, dass objektive Gesetze für die Beschreibung und das Erklären menschlichen Verhaltens in seinen Wechselbeziehungen zur Umwelt nicht möglich sind und an die Stelle des Erklärens das Verstehen (Geisteswissenschaften) tritt (Lambers 2023, S. 282). Sozialwissenschaftliche Theoriebildung kann nomothetisch oder idiografisch ausgerichtet sein.

5 Kulturrelativismus und Grenzen von Großtheorien

Mit Kulturrelativismus ist vor allem die Kritik an universellen Verallgemeinerungen in Großtheorien, insbesondere der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, verbunden. Die Kritik bezieht sich auf die Eingebundenheit von Wissenschafts- und Erkenntnistheorie in Kultur und Sprache. Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie wird aus dieser Perspektive mit der Kritik konfrontiert, dass sie nicht das leisten kann, was sie selbst vorgibt. Sie liefert weder eine universale Methode, noch kann sie einen verbindlichen Rationalitätsmaßstab für Erkenntnisgewinnung bereitstellen. So geschieht z.B. die Ablösung von Theorien durch andere, neue Ansätze nicht über logisch rekonstruierbare Forschung und regelgeleitete, linear gedachte Wahrheitsannäherung, vielmehr sind hierfür kulturelle sowie sprachliche und damit veränderliche Eingebundenheiten von Wissenschaften entscheidend. Die mit dem linguistic und cultural turn verbundene Kritik an bzw. Loslösung von Erkenntnistheorie als Mittel zur Erlangung überzeitlicher, universaler Erkenntnis ist besonders mit dem Kulturrelativismus verbunden, hier insbesondere mit den Namen: Thomas S. Kuhn, Paul Feyerabend und Richard Rorty (Meidl 2009, S. 141 ff.).

Kuhn verweist in seinen Studien zur Wissenschaftsgeschichte darauf, dass Wissenschaft nicht – wie vom Kritischen Rationalismus intendiert – über eine schrittweise, kumulierende Annäherung an Wahrheit operiert, sondern über sogenannte Paradigmenwechsel. Ein Paradigma ist nach Kuhn „eine implizite oder explizite Vereinbarung einer Wissenschaftlergemeinschaft darüber, wie die Welt zu sehen ist. Insofern ist ein Paradigma auch ein relativ geschlossener Diskurs, in dem Zweifel über die Richtigkeit bzw. Brauchbarkeit der Theorien weitgehend ausgeschaltet sind“ (a.a.O., S. 143). Paradigmen verlieren ihre Leitorientierung durch Spezialisierung und Ausdifferenzierung der Einzelwissenschaften, sodass es zu einem Paradigmenwechsel kommen kann. Dabei ist nicht gesichert, dass hierdurch zwangsläufig wissenschaftlicher Fortschritt generiert wird.

Auch bei Feyerabend und Rorty lässt sich eine vergleichbare Stoßrichtung erkennen. Mit der Parole „anything goes“ weist Feyerabend darauf hin, dass sich die tatsächliche Wissenschaftsgeschichte als chaotisch, diskontinuierlich und regelbruchhaft erweist (Feyerabend 1986). Rorty wiederum hält fest, dass Erkenntnis immer lokal in sprachlichen und kulturellen Deutungsmustern verankert ist und dass universalistische Wahrheits- und Rationalitätsansprüche nicht haltbar sind. Sowohl Feyerabend als auch Rorty lehnen die Idee einer einheitlichen, normativ bindenden Rationalität ab. Wissenschaftliche Regeln, Wahrheitsmaßstäbe und Fortschrittsbegriffe erweisen sich nach ihren Analysen als kontingent, d.h. kulturell situiert und verhandelbar. Dieser Befund deckt sich im Übrigen mit einigen Supertheorien, wie z.B. der Theorie der Postmoderne und der Theorie Sozialer Systeme, die generell die „Erreichbarkeit der Realität und ihre Repräsentierbarkeit durch Theoriesprachen“ (Meidl 2009, S. 221) anzweifeln bzw. für unmöglich halten.

Ergänzend ist auf den erkenntnistheoretischen Ansatz von Hans Blumenberg hinzuweisen. In seiner „Metaphorologie“ (1960) zeigt er auf, wie grundlegende Metaphern (z.B. Licht/​Wahrheit, Dunkelheit/​Unwissenheit, Weg/Suchen, Grund/​Sicherheit, Ozean/​Grenzenlosigkeit) das menschliche Weltverständnis prägen und strukturieren. Metaphern sind demnach nicht nur schöne sprachliche Bilder, sondern spielen eine wichtige Rolle beim Denken selbst und helfen uns, bestimmte Arten von Wissen zu gewinnen. Blumenbergs Metaphorologie unterscheidet sich von traditionellen erkenntnistheoretischen Ansätzen dadurch, dass sie nicht nach festen, allgemein gültigen Wahrheitsregeln sucht. Stattdessen fragt sie danach, welche kulturellen und metaphorischen Voraussetzungen dafür sorgen, dass wir überhaupt etwas als wahr oder erkennbar ansehen. Das Problem der Unabschließbarkeit von Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie bleibt jedoch bestehen.

6 Wissenschaftliche Theoriebildung

In der Theoriebildung von Objekt-, Handlungs-, Handlungsfeld-, Praxis- und Praxisfeldtheorien müssen Kriterien angegeben werden, warum etwas als Theorie gelten soll. Dazu ist es erforderlich, die Elemente bzw. Bedingungen, die eine Theorie enthalten bzw. erfüllen sollten, zu identifizieren. Folgende allgemeine Anforderungen sollten Theorien erfüllen (Lambers 2023, S. 284 ff.):

  1. Der wissenschaftliche Gegenstand muss klar bestimmt werden: Das setzt voraus, dass er bestimmbar ist. Ein definierter Ausschnitt über die untersuchte Realität muss angegeben werden, um zu beschreibenden, erklärenden und verstehenden Aussagen hierüber zu gelangen.
  2. Damit verknüpft ist die Benennung der Grundannahmen, von denen ausgegangen wird. Dazu gehören Aussagen über die Annahme der Grundstruktur von Realität und wie man sie untersucht. Theorien sollten also ihre Verortung in den Erkenntnis- und Wissenschaftstheorien (ggf. Meta- und Supertheorien) erkennbar machen.
  3. Die Grundbegriffe müssen geklärt werden: Das sind sozusagen die Bausteine der Theorie in Form theoretischer Terme (Zeichen oder Reihe von Zeichen) und Entitäten (gegebene Größen, auch solche, die im Unterschied zum Wesen eines Dinges stehen).
  4. Der Theoriekern muss offengelegt werden: Das sind die beschreibenden, erklärenden und/oder verstehenden Aussagen. In streng formalisierten Theorien werden sie auch Hypothesen genannt.
  5. Die Messkonzepte müssen dargestellt und begründet werden. Das sind in streng formalisierten Theorien die Umsetzungen der beschreibenden und erklärenden Aussagen (Hypothesen) in Operationen (Operationalisierung). Dazu benötigt man Merkmale (Indikatoren), die als Hinweis oder Anzeichen für den zu erforschenden (ggf. zu messenden) Sachverhalt gelten können.
  6. In nicht oder nur schwach formalisierten, weit gefassten Theorien müssen hingegen die Konzepte angegeben werden, von denen man annimmt, dass mit ihrer Hilfe Sachverhalte verstehbar gemacht werden können. Es geht dann nicht um das präzise Erklären, wie es in den Naturwissenschaften üblich ist. Erklären im Sinne gesetzmäßiger Aussagen ist in den Geistes- und Sozialwissenschaften kaum möglich. Hingegen lassen sich dort die zu erforschenden Sachverhalte mittels Interpretationen und Deutungen verstehen. In solchen nicht oder nur schwach formalisierten Theorien sollten dann die zugrunde gelegten Erkenntniskonzepte und wissenschaftstheoretischen Konzepte angegeben werden (z.B. empirische, hermeneutische, phänomenologische, dialektische, materialistische, konstruktivistische, interaktionistische Zugangsweisen).
  7. Der Nachweis empirischer Belege muss geführt bzw. die Rekonstruktion von Plausibilität dargelegt werden: Ersteres gilt wiederum eher in formalisierten, nomothetischen Theoriebildungen, also Beobachtungen, die Hypothesen bestätigen oder widerlegen und zu verallgemeinerbaren Aussagen führen sollen. Zweiteres gilt für nicht oder für nur schwach formalisierte, idiografische Theoriebildungen zwecks Generierung von Hypothesen (explorative Studien) bzw. für solche Theorien, die weit gefasst sind und nicht auf empirischer Nachweisführung basieren.
  8. Es müssen Aussagen getroffen werden, die Auskunft über Zukünftiges geben. Die Aussicht von Veränderbarkeit realer Sachverhalte ist das Kernthema wissenschaftlicher Wahrheitsfindung, auch wenn dies im Sinne absolut objektivierbarer Generalisierungen kaum gelingen wird.

7 Quellenangaben

Blumenberg, Hans, 2013 [1960]. Paradigmen zu einer Metaphorologie. Neue Ausg. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag stw. ISBN 978-3-518-28901-3

Bohnsack, Ralf, 2021. Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. 10., durchgesehene Auflage. Opladen: Budrich Verlag UTB. ISBN 978-3-8252-8785-6

Brezinka, Wolfgang, 1978. Metatheorie der Erziehung: Eine Einführung in die Grundlagen der Erziehungswissenschaft, der Philosophie der Erziehung und der Praktischen Pädagogik. 4., vollständig neu bearbeitete Auflage. München: Ernst Reinhardt Verlag. ISBN 978-3-497-00846-9

Brugger, Walter, 1976. Philosophisches Wörterbuch. 17. Auflage. Freiburg im Breisgau: Herder Verlag. ISBN 978-3-451-20410-4

Derrida, Jacques, 1967. Grammatologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Feyerabend, Paul K., 1986. Wider den Methodenzwang: Skizze einer anarchistischen Erkenntnistheorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-28197-0

Habermas, Jürgen, 1968. Erkenntnis und Interesse. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag stw

Jahraus, Oliver, 2001. Theorieschleife. Systemtheorie, Dekonstruktion und Medientheorie. Wien: Passagen-Verlag. ISBN 978-3-8516-5437-0

Kluge, Friedrich, 1989. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 22., völlig neu bearbeitete Auflage. Hg. v. Elmar Seebold. Berlin: de Gruyter. ISBN 978-3-11-006800-9

Kuhn, Thomas Samuel, 1981. Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. 5. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag stw. ISBN 978-3-5180-6733-8

Lambers, Helmut, 2014. Reflexionsgrundlagen Sozialer Arbeit. Eine systemtheoretische Einführung. 2., überarbeitete Auflage. Weinheim: Beltz Juventa Verlag. ISBN 978-3-7799-2966-6 [Rezension bei socialnet]

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Verfasst von
Prof. Dr. Helmut Lambers
Dipl.Sozialpädagoge und Dipl.Pädagoge
Katholische Hochschule NRW, Abt. Münster
Lehrgebiet: Fachwissenschaft Soziale Arbeit
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Helmut Lambers.

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