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Gierke, Anna von

Es gibt einen aktuelleren Lexikonartikel zu Gierke, Anna von.

Manfred Berger

veröffentlicht am 17.06.2025, archiviert am 27.10.2025

Übersicht über alle Versionen

Amtlicher Name: Anna Ernestine Therese von Gierke

Anmerkung: Folgend wird die Namensgebung Anna von Gierke verwendet, obwohl alle Mitglieder der Familie Gierke erst 1911 in den erblichen Adelsstand erhoben wurden.

* 14.03.1874 in Breslau

03.04.1943 in Berlin-Charlottenburg

Anna von Gierke
Abbildung 1: Anna von Gierke (Ida-Seele-Archiv)

Anna von Gierke war eine Pionierin der Sozialen Arbeit, die wegweisende Einrichtungen für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche gründete. Sie forderte eine bessere berufliche Förderung der weiblichen Jugend und setzte sich für die Etablierung und Professionalisierung sozialer Frauenberufe ein.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Herkunft, Kindheit, Jugend und erstes soziales Wirken
    1. 2.1 Familiärer Hintergrund
    2. 2.2 Kindheit und Jugend
    3. 2.3 Begegnung mit Hedwig Heyl
    4. 2.4 Erste Übernahme von Leitungsaufgaben
  3. 3 Sozialpädagogischer, frauenbewegter und politischer Lebensweg
    1. 3.1 Jugendheim Charlottenburg
    2. 3.2 Gründung des Deutschen Kinderhortverbands
    3. 3.3 Engagement in der Frauenbewegung und politische Laufbahn
    4. 3.4 Soziale Arbeit und Gründung eines Wohlfahrtsverbands
    5. 3.5 Vielfältiges Engagement
  4. 4 Nazi-Diktatur und Lebensende
    1. 4.1 Zwangsrückzug aus allen Ämtern und Auflösung des Jugendheims
    2. 4.2 Engagement in der Bekennenden Kirche
    3. 4.3 Hilfe für Verfolgte
  5. 5 Anna von Gierkes persönlichste sozialpädagogische Schöpfungen
    1. 5.1 Jugendheim Charlottenburg
      1. 5.1.1 Ausbau der Betreuungsangebote
      2. 5.1.2 Pädagogisches Konzept der Hortarbeit
      3. 5.1.3 Schulspeisung als Erziehungsaufgabe
      4. 5.1.4 Konzept der Schulpflegerin
      5. 5.1.5 Verbandsgründung zur systematischen Entwicklung
      6. 5.1.6 Soziale Ausbildungsstätten
    2. 5.2 Landjugendheim Finkenkrug
      1. 5.2.1 Gründung und Aufbau der Einrichtung
      2. 5.2.2 Entwicklung spezialisierter Ausbildungsgänge
      3. 5.2.3 Schutz jüdischer Kinder während der NS-Zeit
  6. 6 Würdigung
  7. 7 Quellenangaben
  8. 8 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Die aus gut bürgerlichem Hause stammende Anna von Gierke entwickelte aus ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit im „Jugendheim“, das für die Arbeiterkinder der Charlottenburger „Farbenfabrik der Gebr. Heyl & Co“ eingerichtet worden war, den Grundstein für ein umfassendes sozialpädagogisches Konzept. Sie gründete Ausbildungsstätten für soziale Frauenberufe, Kindergärten, Krippen, Horte, Fachzeitschriften, soziale Vereine, einen bedeutenden Wohlfahrtsverband u.a.m.

Nach Ende des Ersten Weltkrieges wurde Anna von Gierke für die „Deutsch Nationale Volkspartei“ (DNVP) in die Stadtverordnetenversammlung von Charlottenburg und die „Verfassungsgebende deutsche Nationalversammlung“ von Weimar gewählt. In ihrer parlamentarischen Arbeit war sie an der Erarbeitung von Gesetzen beteiligt, die bis in die heutige Zeit hineinwirken. Ihre jüdische Abstammung beendete 1920 ihre politische Laufbahn.

Fortan setzte sie sich mit einer unermesslichen Schaffenskraft für den Auf- und Ausbau des „Jugendheims Charlottenburg“ und des „Landjugendheims Finkenkrug“ ein. Unmittelbar nach dem Machtantritt der Nazis wurde ihr Lebenswerk aufgrund ihrer jüdischen Abstammung zerstört. Sie engagierte sich in der Bekennenden Kirche und stand illegal lebenden Menschen jüdischer Abstammung bei.

2 Herkunft, Kindheit, Jugend und erstes soziales Wirken

2.1 Familiärer Hintergrund

Anna Ernestine Therese, von frühester Kindheit an Nanna genannt, war das älteste von sechs Kindern des hochangesehenen Rechtswissenschaftlers und -historikers Otto Friedrich Gierke (1841–1921) und dessen Ehefrau Maria Caecilie Elise (Lili) Gierke (1850–1936). Die Mutter war die Tochter des Verlegers Zacharias Löwenthal (1810–1884), dem 1858 der Großherzog von Hessen und bei Rhein, Ludwig III. (1806–1877), gestattete, den Namen Carl Friedrich Loening zu führen.

2.2 Kindheit und Jugend

Ihre Kinder- und Jugendjahre verbrachte Nanna in Breslau, Heidelberg, Zehlendorf und ab 1890 in Charlottenburg. Nach Abschluss der Höheren Töchterschule war, wie seiner Zeit für Mädchen und junge Frauen der bildungsbürgerlichen Familien üblich, „ihre methodisch-geistige Bildung abgeschlossen“ (Hohenbild 1990, S. 228).

Als sogenannte „Haustochter“ unterstützte sie die Mutter in der Haushaltsführung und Erziehung der jüngeren Geschwister. Doch Anna von Gierke suchte nach einer sinngebenden Arbeit außerhalb des elterlichen Hauses.

Ihr Konfirmator Ernst Dryander (1843–1922) ermunterte sie, einmal in der Woche in der von einer jungen Kaiserswerther Diakonisse geleiteten Kleinkinderschule der Dreifaltigkeitsgemeinde in Friedrichstadt, seinerzeit noch eine selbstständige Vorstadt von Berlin, auszuhelfen. Ihre Tätigkeit erfolgte ehrenamtlich, wie damals einer „Höheren Tochter“ geziemte.

Eine für das junge Mädchen „unendlich glückende Zeit“ (Gierke 1932, S. 738), trotz des vorherrschenden Drills und sinnlosen Lernens und Aufsagen von Gebeten, Sprüchen, Versen und Gedichten.

Hedwig Heyl, Anna von Gierkes Förderin
Abbildung 2: Hedwig Heyl, Anna von Gierkes Förderin (Ida-Seele-Archiv)

2.3 Begegnung mit Hedwig Heyl

Letztlich wurde für Anna von Gierke die Begegnung mit Hedwig Heyl (1850–1934) richtungsgebend für ihr ganzes Leben (ebd.). Durch die Vermittlung der sozial engagierten und ersten beamteten Armenpflegerin Preußens, Helene Weber (1844–1919), konnte die Fabrikantengattin sie als freiwillige Helferin für das von ihr anlässlich der Feier zum 50-jährigen Firmenjubiläum gegründete und geleitete „Jugendheim“ gewinnen (Heyl 1925, S. 30).

Hierbei handelte es sich um eine Erziehung- und Betreuungsanstalt, die 20 Jahren zuvor als Kindergarten begann und in der nun „dreißig Jungen die schulfreien Nachmittage verbrachten und im Fröbelschen Sinne ‚Herz und Hand‘ als Ergänzung zu ‚Lernschule‘ entwickeln sollten“ (Wegener 2009, S. 20). Anna von Gierke hatte mit „den Charlottenburger Proletarierkinder genäht, gekocht, gespielt und Schularbeiten gemacht“ (Solltmann 1934, S. 88).

2.4 Erste Übernahme von Leitungsaufgaben

1891 bat die Stadt Charlottenburg die begüterte Fabrikantengattin Hedwig Heyl ein Nachmittagsheim – sozusagen einen Hort – für Schulmädchen in einer Schulklasse der Höheren Mädchenschule in der Rosinenstraße einzurichten. Die Leitung übernahm die 17-jährige Anna von Gierke, unterstützt von jungen Mädchen, die sie aus ihrem Bekanntenkreis gewonnen hatte.

Um ihre Arbeit professioneller verrichten zu können, absolvierte sie im Winter 1897/1898 eine sozialpädagogische und hauswirtschaftliche „Schmalspurausbildung“ am renommierten „Pestalozzi-Fröbel-Haus“ in der damals noch eigenständigen Stadt Schöneberg. Zudem belegte sie allgemeinbildende Kurse an der „Viktoria-Fortbildungsschule für die weibliche Jugend“ (Baum 1954, S. 31).

3 Sozialpädagogischer, frauenbewegter und politischer Lebensweg

3.1 Jugendheim Charlottenburg

Am 9. Februar 1894 nahm Anna von Gierke an der Gründungsversammlung des „Vereins Jugendheim e.V.“ teil, zu dessen 1. Vorsitzenden sie 1908 gewählt wurde. Am 1. Oktober 1898 übernahm sie die besoldete Leitung der Anstalt (Heyl 1925, S. 59).

Unter ihrer Ägide entwickelte sich das „Jugendheim“ – der Name wurde beibehalten – zu einer allumfassenden sozialpädagogischen Musteranstalt, mit verschiedenen sozialpädagogischen Ausbildungsstätten und angeschlossenen Praxisfeldern. In ihrer Auf- und Ausbauarbeit wurde sie von Martha Abicht (1878–1941) tatkräftig unterstützt, mit deren „Eintritt eigentlich die Jugendheimzeitrechnung“ (Gierke 1924, S. 8) beginnt. Zwischen den beiden Frauen, die sich zeitlebens siezten, entstand eine enge Arbeits- und Lebensgemeinschaft.

Im November 1910 konnte das „Jugendheim Charlottenburg“ in einen großzügigen Neubau übersiedeln, der im Beisein von Kaiserin Auguste Viktoria (1858–1921) eröffnet wurde. Das sechsstöckige neoklassizistische Haus beherbergte: Empfangszimmer, Zentralküche, Lehrküche, Gruppenräume für eine Krippe, einen Kindergarten und Hort, Clubräume für Lehrlingsmädchen, einen Festsaal, Werkstätten, Lehrräume, Pensionszimmer für auswärtige Schülerinnen, Büroräume verschiedener Wohlfahrtsorganisationen, zum Beispiel die Geschäftsstelle des „Verbands Deutscher Kinderhorte“, sowie ein Zimmer für Anna von Gierke, die bis dahin im Elternhaus wohnte (Gierke 1919a, S. 27 ff.).

Mit den Jahren weitete sich die Einrichtung in einigen Stockwerken nach rechts und links in den Nachbarhäusern aus.

3.2 Gründung des Deutschen Kinderhortverbands

Auf Anregung der Juristin Frieda Duensing (1864–1921) gründete Anna von Gierke 1910 den „Deutschen Kinderhortverband“. Paul Heumann (1869–1937), Teilhaber und Prokurist der Firma „Vorwerk & Sohn Textil- und Gummiwerke Barmen“, übernahm den 1. Vorsitz, nach dessen Rücktritt 1920 die Hortverbandgründerin. Die Vereinsvorsitzende veranlasste die Umbenennung des Interessenverbandes in zuerst „Verband Deutscher Kinderhorte (Schulkinderpflege)“, dann in „Deutscher Verband für Schulkinderpflege“ (Gierke 1933, S. 739).

Der neue Posten war mit einer exorbitanten Reisetätigkeit durch das Deutsche Reich verbunden: Horte wurden inspiziert und die Gründung solcher vor Ort unterstützt, Fortbildungskurse für Hortnerinnen organisiert, der Aufbau von Hortnerinnen-Seminaren protegiert und anderes mehr. Dem Hortverband gehörten 260 Einzelvereine an (Buß 1974, S. 11).

Um die bestehenden und entstehenden Horte besser zu vernetzen, gründete die Vereinsvorsitzende die „Monatszeitschrift für das Kinderhortwesen“. Diese wurde von Maria Keller (1883–1932), der späteren Direktorin der „Sozialen Frauenschule Thale/Harz“ redigiert.

Als Anna von Gierke 1917 zur Sachverständigen für „Kinderfürsorge“ in das „Frauenreferat beim Kriegsamt“ von Berlin berufen wurde, führte sie die anstehenden Hortbesuche jetzt als Inspektionsreisen im Auftrag des Kriegsamtes weiter, dabei auch in die vom Deutschen Reich besetzten Städte Antwerpen, Lüttich und Brüssel (Wegner 2009, S. 69 ff.).

3.3 Engagement in der Frauenbewegung und politische Laufbahn

Im Jahr 1918 wurde Anna von Gierke Vorstandsmitglied im „Bund Deutscher Frauenvereine“. Zwei Jahre später übernahm sie von Alice Salomon (1872–1948) den Vorsitz im „Stadtverband der Berliner Frauenvereine“ und gehörte damit dem Gesamtvorstand des „Bundes Deutscher Frauenvereine“ an.

„Jugendwohlfahrt führt zur Frauenbewegung, Jugendwohlfahrt braucht Frauenbewegung“, resümierte Anna von Gierke, anlässlich des 60-jährigen Geburtstags von Gertrud Bäumer (1873–1954), für die Zeitschrift „Die Frau. Organ des Bundes Deutscher Frauenvereine“ (Gierke 1933, S. 738).

Gemeinsam mit ihrem Vater, der am 27. November 1911 von Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) in den erblichen Adelsstand erhoben wurde, trat sie nach dem Ersten Weltkrieg der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) bei. Sie gehörte für ihre Partei der „Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung“ sowie der „Verfassunggebenden Nationalversammlung“ in Weimar, in der sie den Vorsitz des „Ausschusses für Bevölkerungspolitik“ innehatte, an.

Als Parlamentarierin realisierte sie über Parteigrenzen hinaus und in enger Zusammenarbeit mit anderen weiblichen Volksvertretern soziale Gesetzesvorhaben. So war sie unter anderem an der Konzipierung der Verfassung, am „Reichsjugendwohlfahrtsgesetz“ (RJWG), dem „Reichsjugendgerichtsgesetz“ (RJGG), dem „Reichsheimstättengesetz“ (RHG) sowie an der „Verordnung der Fürsorgepflicht“ (FPV) beteiligt.

Als der deutschvölkische Flügel der DNVP eine erneute Kandidatur Anna von Gierkes für die nächstfolgende Reichstagswahl (6. Juni 1920) verhinderte, da ihre Mutter Jüdin war, schieden Vater und Tochter aus der Partei aus. Die von ihr für die Wahlen der Stadtgemeinde Berlin erfolgte Gründung der „Parteilosen Frauenorganisation“ scheiterte mit „ganze 983 Stimmen“ deplorabel (Wegener 2009, S. 128).

3.4 Soziale Arbeit und Gründung eines Wohlfahrtsverbands

Um ihre sozialreformerischen Ideen zu verbreiten, begründete Anna von Gierke 1923 die Zeitschrift „Soziale Arbeit. Zentralorgan der Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik“. Diese stellte die Gründerin von Anfang an „in den Dienst der Zusammenarbeit von Frauenbewegung und Jugendwohlfahrt“ (Gierke 1933, S. 740). Erstaunlicherweise konnte das Fachperiodikum von ihr bis 1937 herausgegeben und redigiert werden.

Am 20. Juni 1924 lud sie zur Gründung eines Wohlfahrtsverbandes an die „Soziale Frauenschulen Thale im Harz“ ein. Der neue Zusammenschluss nannte sich zunächst „Humanitas – Verband für Wohlfahrtspflege, Erziehung- und Wirtschaftsfürsorge“. Bereits am 1. Oktober d. J. konstituierte sich der Berliner Landesverband. Anna von Gierke wurde 1. Vorsitzende, Siddy Wronsky (1883–1947) und Luise Kisselbach (1863–1929) Vorstandsmitglieder.

Ein Jahr später, am 24. Oktober 1924, fusionierten „Humanitas“ und der „Paritätische Wohlfahrtsverband Bayern“ zum „Vereinigten Wohlfahrtsverband“, der sich kurz darauf „Fünfter Wohlfahrtsverband“ nannte. Hierbei handelte es sich um einen Zusammenschluss von parteipolitisch und konfessionell unabhängigen Organisationen der freien Wohlfahrtspflege, wie den Kindererholungs- sowie Hauspflegevereinen, den Trägerinitiativen von Wöchnerinnen, Mütter- und Säuglingsheimen, Mädchenheimen, Volksküchen etc., die so Forderungen gegenüber den Kommunen leichter durchsetzen konnten.

Der „Fünfte Wohlfahrtsverband“ erhielt 1926 die staatliche Anerkennung und gehörte zu den Reichsspitzenverbänden. Am 5. November 1932 wählten die Mitglieder den Verbandsnamen „Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband e.V.“. Der Verband löste sich am 23. Juni 1934 selbst auf und wurde am 8. Oktober 1949 wieder ins Leben gerufen (Wegner 2007, S. 42 ff.; Schmidt-Thomé 2024, S. 103 ff.). Er gilt als Vorläufer des heutigen Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

3.5 Vielfältiges Engagement

Trotz ihrer vielfältigen Aufgaben hielt Anna von Gierke ungezählte Vorträge und Referate, so gut wie in allen deutschen Provinzen. Sie reiste zu Mitgliederversammlungen, Arbeitstagungen und Kommissionssitzungen, formulierte Eingaben und Zuschussanträge, war Mitglied, Ausschussmitglied, Vorsitzende in verschiedenen Wohlfahrtsorganisationen, sozialen Vereinen, Frauen- und Berufsverbänden sowie sozialen Frauenschule (Wegener 2009, S. 159 ff.).

Zudem war sie rege publizistisch tätig. Sie veröffentlichte beispielsweise Beiträge in „Monatszeitschrift für das Kinderhortwesen“, „Zeitschrift für Kinderforschung und Jugendfürsorge“, „Die Fürsorge. Zeitschrift für alle Zweige der freien Wohlfahrtspflege“ und natürlich in dem von ihr gegründeten und redigierten Fachperiodikum „Soziale Arbeit“.

4 Nazi-Diktatur und Lebensende

4.1 Zwangsrückzug aus allen Ämtern und Auflösung des Jugendheims

Auf Betreiben von Eduard Karl Spiewok (1892–1951), seinerzeit Gauamtsleiter des Amtes für Volkswohlfahrt im Gau Berlin, musste sich Anna von Gierke sofort nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten aus allen Ämtern zurückziehen, war sie doch „jüdisch versippt“. Für sie ein schwerer Schicksalsschlag.

Als Ricarda Huch (1864–1947) einmal zu Besuch kam, fragte Anna von Gierke besorgt: ‚„Ricarda Huch, Sie als Historiker, was meinen Sie, wie lange kann dieses furchtbare Regime noch dauern?‘ Die Antwort war: ‚Ein Staat, der auf dieser Rechtlosigkeit und Brutalität aufgebaut ist, kann nicht für immer bestehen, aber‘ und Ricarda Huch hielt einen Augenblick inne, ‚aber er kann uns alle überleben‘“ (Gruner 1974, S. 27).

Im Juni 1934 lösten die Nazis das „Jugendheim Charlottenburg“ (einschließlich „Verein Jugendheim e.V.“) auf. Die Ausbildungsstätten und sozialen Kinder- und Jugendeinrichtungen, die Seminaristinnen sowie ein Teil der Angestellten „wurden in das im doppelten Sinn schwesterliche Institut, in das Pestalozzi-Fröbel-Hais [Berlin-Schöneberg] überführt. […] Diese Lösung war sicher noch ein Glück im Unglück“ (Zurelli 1974, S. 21).

4.2 Engagement in der Bekennenden Kirche

Zusammen mit Isa Gruner (1897–1989), ihrer größte Stütze in den Jahren des Hitler-Regimes, und anderen Vertrauten, schloss sich Anna von Gierke der Bekenntnisgemeinde der „Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche“ in Berlin-Charlottenburg an. Auf ihre Initiative entstand im Gierk’schen Haus, Camerstraße 12, ein Bibelkreis, der sich jeden zweiten Mittwoch traf und viele Gleichgesinnte aus ganz Berlin und darüber hinaus anzog.

Daneben trafen sich vierzehntägig am Donnerstag regimekritische Personen zu historischen, literarischen, religiösen und ethischen Vorträgen. Zu den illustren Gäste zählten beispielsweise Marie Baum (1874–1964), Gertrud Bäumer, Helmut Gollwitzer (1909–1993), Romano Guardini (1885–1968), Theodor Heuß (1884–1963) und seine Frau Elly Heuß-Knapp (1881–1952), Ricarda Huch, Idamarie Solltmann (1889–198), Elisabeth von Thadden (1890–1944) sowie Agnes von Zahn-Harnack (1884–1950).

Man blieb oft bis weit über Mitternacht beisammen. Die Gespräche halfen den Teilnehmer:innen, „die Belastungen des Regimes auszuhalten, waren aber kein aktiver Widerstand“ (Wegener 2009, S. 208).

Am 13. November 1942 musste die Gastgeberin in einem stundenlangen und quälenden Verhör in der berüchtigten Gestapozentrale am Alexanderplatz über die in ihrem Hause stattfindenden Begegnungen Auskunft geben und schriftlich erklären, die Vortragsabende umgehend einzustellen. Die Bibelstunden durften weiter vonstattengehen.

Grabstätte von Otto, Lili, Anna und Hildegard von Gierke
Abbildung 3: Grabstätte von Otto, Lili, Anna und Hildegard von Gierke (Ida-Seele-Archiv)

4.3 Hilfe für Verfolgte

Trotz eigener Gefährdung und in ständiger Angst vor einer Denunziation lebend, nutzte Anna von Gierke ihr weit gespanntes Kontaktnetz, um in Not geratene und illegal lebende Menschen jüdischer Abstammung zu helfen. Diesen wurde Unterschlupf geboten und Verbindungen zum rettenden Ausland vermittelt (Gruner 1974, S. 28; Jäckel 2024, S. 153 f.).

Anna von Gierke starb am 3. April 1943 an Herzkrampfanfällen in ihrer Wohnung. Ihre letzte Ruhestätte fand die Verstorbene auf dem Friedhof der „Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche“. Das Familiengrab der von Gierke ist seit 1965 Ehrengrab der Stadt Berlin.

5 Anna von Gierkes persönlichste sozialpädagogische Schöpfungen

Hildburg Wegener ist überzeugt, dass das „Jugendheim Charlottenburg“ einschließlich des „Landjugendheims Finkenkrug“ Anna von Gierkes „persönlichste Schöpfungen“, das Zentrum ihres Lebenswerkes als auch Grundlage ihres breitgefächerten wohlfahrtspflegerischen und sozialpolitischen Engagements waren (Wegener 2009, S. 224). In beiden Einrichtungen lebten und arbeiteten junge und alte Menschen friedlich nebeneinander, unabhängig vom Geschlecht, der Religionszugehörigkeit, der Hautfarbe, der politischen Gesinnung (außer der braunen) sowie Nation.

Anzeige des Vereins Jugendheim Charlottenburg
Abbildung 4: Anzeige des „Vereins Jugendheim Charlottenburg“ (Ida-Seele-Archiv)

5.1 Jugendheim Charlottenburg

5.1.1 Ausbau der Betreuungsangebote

Elly Coler (1894–1967) konstatierte treffend, dass von Anbeginn ihrer Arbeit Anna von Gierke sich bewusst war, dass das „Jugendheim Charlottenburg“ keine isolierte Einrichtung sein dürfte, sondern ein Glied bilden müsste „in dem organischen Aufbau der gesamten Jugendwohlfahrt“ (Coler 1961, S. 9).

Und in der Tat: Peu à peu baute sie, unterstützt von einem Netzwerk von Sympathisantinnen, den von ihr übernommenen Mädchenhort der Heyl’schen Fabrik zu einer allumfassenden sozialpädagogischen Einrichtung aus.

Zuerst wurde ein Kindergarten ins Leben gerufen, darauffolgend eine Lauf- und Liegekrippe. Diese Anstalten wurden notwendig, weil eine beachtliche Anzahl von Mädchen nicht den Hort besuchen konnte, da die kleineren Geschwister beaufsichtigt werden mussten.

Bedingt durch den Umstand, dass auch die dem Kindergarten entwachsenen Jungen weiter einer Betreuung bedurften, wurde für diese im Schulhaus der Charlottenburger Bismarckstraße 49 ein eigener Hort gegründet. Die Eröffnung war am 2. Januar 1901, die Leitung übernahm Martha Abicht.

5.1.2 Pädagogisches Konzept der Hortarbeit

Grundsätzlich sollte nach Anna von Gierkes Verständnis der Hort

„ein Teilgebiet einer planmäßigen Schulkinderfürsorge [sein], die für alle Kinder in Betracht kommt, deren Elternhaus in gesundheitlicher, erziehlicher oder wirtschaftlicher Hinsicht versagt. […] Die Kinder sollten in familienartigen Gruppen eingeteilt werden. […] Sie werden unter Vermeidung von Überanstrengungen zu allen häuslichen Hilfsarbeiten herangezogen, waschen ihr Eßgeschirr selbst, sorgen für Ordnung im Raum und in den Schränken; die Pflege der Blumen und Tieren wird als starker Erziehungsfaktor gewertet. Selbstgewählte Beschäftigung und freies Spiel sollen die Phantasie anregen und Freude am eigenen Schaffen geben. Wanderungen und Besichtigungen sind wichtige Erziehungsmittel“ (Gierke 1930, S. 297 f.).

Stets wies sie darauf hin, dass der Hort weder zum Nachhilfeunterricht verpflichtet noch verantwortlich für fehlerhafte Schularbeiten gemacht werden kann. Auch sollte er jede Art von körperlicher Bestrafung als Erziehungsmittel – in jener Zeit eine Selbstverständlichkeit – zurückweisen (Buß 1974, S. 5 f.).

Bezogen auf die Art der Bildungsmöglichkeiten wurden Schulungskurse für die besoldeten Mitarbeiterinnen und freiwilligen Helferinnen der Horte durchgeführt. Der Lehrplan umfasste die Fächer Allgemeine Anleitung, Handarbeiten, Buchbinden, Korbflechten und Hausarbeitslehre. Anna von Gierke unterrichtete genannte Fachrichtungen selbst und verfasste dazu das entsprechende Unterrichtsmaterial.

5.1.3 Schulspeisung als Erziehungsaufgabe

1907 konnte sie mit Unterstützung des Magistrats von Charlottenburg eine zentral organisierte Schulspeisung für bedürftige Kinder aufbauen, damit diese nicht zwischen Schule und Hort unbeaufsichtigt waren. Wichtig war der Initiatorin, die Schulspeisung nicht zu einer „Abfütterung“, vielmehr zu „einer wirklich erziehenden Einrichtung zu machen“ (Gierke 1919a, S. 23).

Bereits zu Ostern 1908 wurden dem „Verein Jugendheim e.V.“ 250 Kinder zur Schulspeisung zugewiesen, nach ca. sechs Monaten waren es bereits 500.

Schulspeisung
Abbildung 5: Schulspeisung (Ida-Seele-Archiv)

5.1.4 Konzept der Schulpflegerin

Anna von Gierke plädierte dafür, dass jeder größeren Volksschule eine hauptamtliche Schulpflegerin zur Seite stehen sollte. Deren Tätigkeit kann als frühe Form der heutigen Schulsozialarbeit gesehen werden. Die Schulpflegerin hatte vormittags in der Schule Sprechstunden abzuhalten und Akten zu führen. Mittags sollte sie bei der Schulspeisung und auch bei den Hausaufgaben helfen.

Gegen Abend hatte sie Besuche in der Häuslichkeit der Kinder durchzuführen, um sich dort über die sozialen, finanziellen, gesundheitlichen, hygienischen, erzieherischen und hauswirtschaftlichen Verhältnisse zu informieren. Nach ihren Ermittlungen fertigte sie einen Bericht an und entschied, ob ein Schulkind hilfsbedürftig war oder nicht. Zur Linderung vorhandener Probleme setzte sie sich, im Benehmen mit den Eltern, Schulleitung, Lehrerkollegium, Schularzt, in Verbindung mit den zuständigen Behörden sowie allen Zweigen der Wohlfahrtspflege. Sie nahm auch an den Sitzungen für anstehende Maßnahmen beratend teil.

Die lückenlose, planmäßige Erfassung aller Schulkinder durch die Schulpflegerin war kein leichtes Unterfangen. Dazu Anna von Gierke:

„Bei der Arbeit des ‚Vereins Jugendheim‘ [hat sich] erwiesen, dass es nicht nur ein unendlich schwieriges Problem sei, in jedem Fall gemeldeter Kindernot die wirkliche Ursache festzustellen, und bei den Versuchen, der Ursache und der Not abzuhelfen, unter den fast immer sich kreuzenden Gesichtspunkten der Fürsorge für das einzelne Kind einerseits und der Erhaltung der Elternverantwortlichkeit andererseits, sondern dass vor allem eine grosse Anzahl von Notständen gar nicht bis an die hilfsbereite Fürsorge herankam, nämlich alle Fälle, wo die Eltern aus Stumpfsinn, Gleichgültigkeit, Böswilligkeit, Überarbeitung die Kinder der Fürsorge nicht melden“(Gierke 1919b, S. 268).

5.1.5 Verbandsgründung zur systematischen Entwicklung

Um eine professionelle Betreuung und Versorgung der Kinder nach der Schule strukturierter und weitreichender zu garantieren, initiierte „Frl. Anna von Gierke“ Anfang November 1912 die Gründung des „Verbands Deutscher Kinderhorte“. Über den Zweck des Interessenverbandes ist nachzulesen:

„Planmäßiger Ausbau des Kinderhortwesens, bessere Ausbildung der leitenden Persönlichkeiten, gegenseitige Unterstützung der Vereine durch Austausch von Erfahrungen, Vertretung der Interessen der angeschlossenen Vereine bei den Behörden sowie Anregung zur Gründung von lokalen Ausschüssen in Städten und Kreisen und Förderung von deren planmäßigen Ausbau“ (Altmann-Gottheiner 1919, S. 129).

Spiel im Garten auf dem Dach
Abbildung 6: Spiel im Garten auf dem Dach (Ida-Seele-Archiv)

5.1.6 Soziale Ausbildungsstätten

1911 rief die Jugendheimvorsitzende das „Sozialpädagogische Seminar“ ins Leben. Dort wurden junge Frauen für folgende Berufe ausgebildet: Schulpflegerin, Hortnerin, Kinderpflegerin, Kindergärtnerin, Jugendleiterin und Wohlfahrtspflegerin (Fürsorgerin). Die Ausbildung in allen Bildungsgängen basierte auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und vermittelte zugleich für die spätere Berufsarbeit praktikable Handlungsanleitungen.

Über die Intention der sozialen Ausbildungsstätten konstatierte Anna von Gierke:

„Es ist unsere Hauptaufgabe, neben allem Wissen und Können die selbständige Persönlichkeit und die richtige soziale Gesinnung zu erziehen. Immer erneut möchten wir unseren Schülerinnen die warme Liebe vermitteln, die sich jederzeit in den anderen hineinversetzen kann und ihn versteht, und ohne die die soziale Arbeit nicht getan werden kann“ (Gierke 1924, S. 49).

Ostern 1927 startete ein „Sozialpädagogischer Kurs für Studentinnen“. Hier handelt es sich um eine Bildungsmaßnahme für junge Akademikerinnen, „die innerhalb einer dreijährigen Ausbildungszeit ihr Examen als Wohlfahrtspflegerinnen ablegen konnten. Diese Ausbildung war ganz bewußt gedacht für Frauen, die sich – aus Jura, Pädagogik, Psychologie, Volkswirtschaft kommend – auf eine leitende Tätigkeit in der sozialen Arbeit vorbereiten wollten“ (Koschwitz 1984, S. 194).

Zur selben Zeit und am selben Ort konnten von Ostern 1927 bis Ostern 1928 ausgebildete Jugendleiterinnen einen Aufbaukurs absolvieren. Dessen Ziel war im Wesentlichen die Weiterbildung zur unterrichtenden Jugendleiterin und wurde von Hilde Lion (1893–1970) geleitet (Berger 2023, S. 42 ff.).

1928 erfolgte die Gründung des „Sozialen Instituts“, einer „Art Hochschule für Frauen“ (Wegener 2009, S. 179). Hierbei handelte es sich um eine Fortbildungseinrichtung für die in der Wohlfahrtsarbeit stehenden Kräfte, wie Fürsorgerinnen, Sozialbeamtinnen, Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen, Lehrerinnen, Ärztinnen, Juristinnen und anderen mehr.

Zeugnis der ehemaligen Jugendheim-Seminaristin Edith Köhn
Abbildung 7: Zeugnis der ehemaligen Jugendheim-Seminaristin Edith Köhn (1903–2002) (Ida-Seele-Archiv)

Die Teilnehmerinnen erhielten eine planvolle akademische Schulung in den Gebieten der Wohlfahrtspflege, Jugendwohlfahrt, Pädagogik, Psychologie, Sozialpolitik, Volkswirtschaftslehre sowie Verwaltungskunde. Damit verbunden war wohl auch die Absicht, Frauen in Führungspositionen der Wohlfahrtspflege sowie Sozialpolitik zu bringen, die diesen zufolge ihrer Abilität und Fachkompetenz zukamen.

Trotz immer weiter wachsender Aufgaben unterrichtete Anna von Gierke in allen sozialen Ausbildungssparten das Fach „Tagesfragen aus der sozialen Arbeit“. Anneliese Buß berichtet:

„Ihr Unterricht war nie langweilig! Besonders gut erinnere ich mich an die Stunden, in denen sie uns anhand der Zeitschrift ‚Soziale Arbeit‘ lehrte, Zeitungen und Zeitschriften kritisch zu lesen und […] sich ein Bild etwa der sozialpolitischen, der wirtschaftspolitischen oder schlechthin der politischen Lage zu verschaffen“ (Buß 1974, S. 10).

5.2 Landjugendheim Finkenkrug

Festschrift 10 Jahre Landjugendheim Finkenkrug
Abbildung 8: Festschrift 10 Jahre Landjugendheim Finkenkrug (Ida-Seele-Archiv)

5.2.1 Gründung und Aufbau der Einrichtung

Zusammen mit Martha Abicht gründete Anna von Gierke 1920 die „Landjugendheim GmbH“. Der „Verein Jugendheim e.V.“ wollte den in der Stadt ausgebildeten Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen genügend Kenntnisse auf praktischem Gebiet vermitteln, um den vielfachen Anforderungen in Kinderheim und Landhaushalt gerecht zu werden. Dazu waren die Möglichkeiten in der Berliner Innenstadt begrenzt.

Man wünschte sich eine Einrichtung auf dem Lande, das nach der aufreibenden Arbeit der Woche Ruhe und Erholung bot. Zudem sollte den Jugendheim-Schülerinnen während ihrer Ausbildung eine „Zeit der inneren Sammlung“ sowie „das Bewusstsein der Gemeinschaft“ ermöglicht werden (Gierke, Abicht und Bendix 1932, S. 2). Und natürlich „wünschten sich die Jugendheim-Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen eine Erholungsstätte für ihre Kinder“. Im Lehrplan stand als Hauptfach „Einführung in ländliche Arbeit und Kinderfürsorge“ (a.a.O., S. 8).

Um ihre Idee in die Tat umzusetzen kauften die beiden Frauen in Finkenkrug, einem Ortsteil von Falkensee, ein sich mitten im Wald befindendes über 60 Morgen umfassendes Grundstück. Bereits im Frühjahr 1922 konnte eine Holzbaracke mit Schlafsaal, Einzelzimmern und Küche günstig erworben und aufgestellt werden. Die erste erholungsbedürftige Kinderschar zog am 1. April 1923 ein. „Finkenkrug war geboren!“ (Paul 2013, S. 20).

Die Leitung hatte bis 1933 die ausgebildete Jugendleiterin Alice Bendix (1894–1943) inne. Nach und nach wurde das Landjugendheim Finkenkrug ausgebaut und erweitert.

5.2.2 Entwicklung spezialisierter Ausbildungsgänge

Im Lauf der Jahre kristallisierte sich heraus, dass die Mitarbeit im Kindervollheim einer besonderen Unterrichtung bedurfte. Dieser Erkenntnis folgend,

„wurde im Landjugendheim eine Sonderausbildung für die Arbeit im Kinderheim zunächst versuchsweise eingerichtet, die ‚Ausbildung zur Kinderheimpflegerin‘. – Sie sollte entsprechend dem Grundsatz der Arbeitsschule alle Kenntnisse und Fertigkeiten durch und bei der Arbeit vermitteln. – Mit drei Schülerinnen wurde angefangen, und der Versuch gelang über Erwarten gut. Im Laufe [von] 10 Jahren wurden 102 Kinderheimpflegerinnen ausgebildet“ (Gierke, Abicht und Bendix 1932, S. 7).

Im April 1929 konnte eine Haushaltungsschule in Betrieb genommen werden, die zwei Jahre später die staatliche Anerkennung erhielt.

Daneben diente

„das Landjugendheim, wie es von Anfang an geplant war, den Schülerinnen des Sozialpädagogischen Seminars des Jugendheims zur Einführung in ländliche Arbeit und Kinderfürsorge. Jede Klasse lebt während ihrer Seminarzeit zwei bis drei Wochen draußen und betätigt sich in allen Zweigen der Land-, Haus und Kinderarbeit“ (a.a.O., S. 8).

Außerdem wurden für die arbeitende Großstadtjugend Wochenendfreizeiten angeboten, „die sie wieder Abstand gewinnen läßt von dem täglichen Berufsleben und der Unruhe der Großstadt“ (a.a.O., S. 9).

Ein Prospekt Anfang der 1930er Jahre listet folgende Einrichtungen auf:

A) Ausbildungslehrgänge des Landjugendheims

  1. Hauswirtschaftliches Lehrjahr, einjähriger Kursus
  2. Kinderheimpflegerinnen, einjähriger Kursus
  3. Gärtnerische Fachausbildung für weibliche Lehrlinge, zweijähriger Dauer
  4. Fachliche Ausbildung für Geflügelzüchtergehilfinnen, zweijährige Dauer

B) Kinderanstalten

  1. Kindererholungsheim, das ganze Jahr für Knaben und Mädchen im Alter von 3 bis 14 Jahren geöffnet
  2. Kindervollheim, für Dauerkinder: Knaben und Mädchen aus schwierigen Familienverhältnissen im Alter von 3 bis 14 Jahren

C) Landwirtschaft

  1. Stall, 2 Kühe, 30 Schweine, 20 Ferkel, 350 Hühner
  2. Garten, 4 Morgen Gartenland 1 Gewächshaus
  3. Ackerwirtschaft, 28 Morgen Ackerland, 6 Morgen Parkanlagen, 4 Pferde mit Fuhrwerk, 11 Völker Bienen (Koschwitz 1984, S. 66).
Seminaristinnen des Jugendleiterinnenseminars in Finkenkrug
Abbildung 9: Seminaristinnen des Jugendleiterinnenseminars in Finkenkrug (Ida-Seele-Archiv)

5.2.3 Schutz jüdischer Kinder während der NS-Zeit

Den Nazis blieb zunächst der Zugriff auf das „Landjugendheim Finkenkrug“, dessen Leitung nach dem Weggang von Alice Bendix Isa Gruner (1897–1989) übernahm, verwehrt. Mit Wissen und Unterstützung von Anna von Gierke konnte die Landjugendheimleiterin eine Reihe jüdischer Kinder, die dort illegal lebten, vor Verfolgung und Deportation schützen.

Sollten, wie Marie Baum (1874–1964) schrieb, unerwartete Späher kommen, „so galt der Ruf ‚Hol mir doch schnell einen Spaten‘ als Zeichen dafür, die Gefährdeten unverzüglich auf Schlupfwegen in den Wald zu bringen, wo sie sich in Stille Aufhalten mußten bis keine Entdeckung mehr zu befürchten war“ (Baum 1954, S. 86).

Jährliches Sommerfest in Finkenkrug
Abbildung 10: Jährliches Sommerfest in Finkenkrug (Ida-Seele-Archiv)

Während des Krieges wurden in Finkenkrug russische Soldaten einquartiert. Nach Kriegsende erfolgte wieder ein regulärer Kinderheimbetrieb. Doch die neuen Machthaber der DDR enteigneten zum 31. Dezember 1950 das Landjugendheim. Isa Gruner flüchtete „mit den 15 Dauerheimkindern nach West-Berlin“ (Paul 2013, S. 191). Damit endete unwiederbringlich auch das letzte Lebenswerk von Anna von Gierke.

6 Würdigung

Anna von Gierke gehört zu den führenden Protagonistinnen der frühen Hortarbeit, der Kinder- und Jugendfürsorge sowie freien Wohlfahrtspflege. Sie setzte zu ihrer Zeit sozialpädagogische und -arbeiterische Impulse, die weit über ihr Arbeitsfeld hinaus wirkten und heute noch wirken. Kurz gefasst und treffend vermerkte Maria Baum:

„Anna von Gierkes Gebiet, ursprünglich auf die sozialpädagogische Arbeit im engeren Sinne begrenzt, hatte sich zur Sozialarbeit überhaut ausgeweitet. Soziale Arbeit – oder Wohlfahrtspflege – ist das Vorfeld der Sozialpolitik“ (Baum 1954, S. 79).

Ihr Leben umspannte die wilhelminische Kaiserzeit, die Weimarer Republik und die Nazi-Diktatur. Es war ein Leben

„‚mit tausend Kindern‘, das sich ungebrochen, harmonisch, beglückt in einem Kreis ständig wachsender Aufgaben erfüllte“ (a.a.O., S. 5).

Anna von Gierke schuf ein Netz von sozialpädagogischen Einrichtungen, Vereinen und Verbänden der Wohlfahrtspflege, sie gründete Sozialschulen für Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen, Wohlfahrtspflegerinnen, Kinderheimpflegerinnen, Schulpflegerinnen etc. Dadurch bahnte sie Frauen den Weg vom Ehrenamt in eine professionelle Arbeit.

Mit ihren ureigenen Schöpfungen, den sozialpädagogisch ausgerichteten Einrichtungen „Jugendheim Charlottenburg“ und „Landjugendheim Finkenkrug“, schrieb sie Zeitgeschichte.

Heute erinnern der „Anna-von-Gierke-Ring“ in Hamburg-Neuallermöhe, die „Gierkezeile“ und der „Gierkeplatz“ in Berlin-Charlottenburg an die Pionierin der Sozialen Arbeit. Die „Anna von Gierke Stiftung“ in Frankfurt/Main, mit Hauptsitz in Frankfurt/Main, unterstützt mit ihren sozialpädagogischen Projekten in Not geratene Kinder und Jugendliche.

7 Quellenangaben

Altmann-Gottheiner, Elisabeth, 1919. Jahrbuch des Bundes Deutscher Frauenvereine: Handbuch der kommunal-sozialen Frauenarbeit 1919. Leipzig: B. G. Teubner

Baum, Marie, 1954. Anna von Gierke: Ein Lebensbild. Weinheim: Julius Beltz

Berger, Manfred, 2023. Hilde Lion – die heute nahezu vergessene Mitstreiterin der sozialen Frauenarbeit. In: Berlin aktuell. Nr. 112, S. 42–45

Buß, Anneliese, 1974. Das Werk von Anna von Gierkes. Idee und Wirklichkeit. In: Isa Gruner, Hrsg. Anna von Gierke zum 100. Geburtstag 14. März 1974. Berlin: Fruck, S. 2–13

Coler, Elly, 1961. Anna von Gierke. Ein Lebensbild. In: Mädchenbildung und Frauenschaffen. 9(5), S. 7–11. ISSN 0460-4903

Gierke, Anna von, 1919a. 25 Jahre Jugendheim. Mit einem Vorwort von Martha Abicht. Charlottenburg: Privatdruck

Gierke, Anna von, 1919b. Die gesundheitliche Fürsorge für Schulkinder. In: Marie Baum, Hrsg. Grundriss der Gesundheitsfürsorge: Zum Gebrauch von Schwestern, Kreisfürsorgerinnen, Sozialbeamtinnen und anderen Organisationen der vorbeugenden offenen Fürsorge bestimmt. Wiesbaden: J. F. Bergmann, S. 236–272

Gierke, Anna von, 1924. 25 Jahre Verein Jugendheim und fünf weitere Jahre 1894–1924. Charlottenburg: Privatdruck

Gierke, Anna von, 1930. Horte. In: Ludwig Clostermann, Theodor Heller und Paul Stephani, Hrsg. Enzyklopädisches Handbuch des Kinderschutzes und der Jugendfürsorge. Leipzig: Akademischer Verlag, S. 296–299

Gierke, Anna von, 1933. Jugendwohlfahrtspflege und Frauenbewegung. In: Die Frau. 40(1/2), S. 738–740

Gierke, Anna von, Martha Abicht und Alice Bendix, 1932. 10 Jahre Landjugendheim Finkenkrug. Finkenkrug: Privatdruck

Gruner, Isa, 1974. Carmerstraße 12. In: Isa Gruner, Hrsg. Anna von Gierke zum 100. Geburtstag 14. März 1974. Berlin: Fruck, S. 23–28

Heyl, Hedwig, 1925. Aus meinem Leben. Berlin: C. A. Schwetschke & Sohn

Hohenbild, Gabriele, 1990. Anna von Gierke: Die Wegbereiterin der sozialpädagogischen Arbeit. In: Ilse Brehmer, Hrsg. Mütterlichkeit als Profession? Lebensläufe deutscher Pädagoginnen in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Band 1. Pfaffenweiler: Centaurus, S. 228–235. ISBN 978-3-89085-258-4

Jäckel, Hartmut, 2024. Menschen in Berlin: Schicksale bekannter und unbekannter Persönlichkeiten aus dem letzten Telefonbuch der alten Reichshautstadt 1941. München: Anaconda. ISBN 978-3-7306-1368-9

Koschwitz, Heidi, 1984. Das Jugendheim Charlottenburg (1873-1934): Ein Beitrag zur Geschichte der sozialen Frauenberufe in Berlin [unveröffentlichte Diplomarbeit]. Berlin: Technische Universität Berlin, Fachbereich 22

Paul, Erika, 2013. Zwischen Sozialgeschichte und Fluchtort: Das Landjugendheim Finkenkrug und seine mutigen Frauen. Berlin: Hentrich & Hentrich. ISBN 978-3-942271-84-4

Schmidt-Thomé, 2024. Luise Kiesselbach „Kinder, redet nicht, tut was!“. München: Franz Schiermeier. ISBN 978-3-948974-25-1

Solltmann, Idamarie, 1934. Anna von Gierke. In: Die Christliche Frau. 32(2), S. 88–89. ISSN 0009-5788

Wegener, Hildburg, 2009. Anna von Gierke: Sozialpädagogin zwischen konservativer Politik und freier Wohlfahrtspflege. Sulzbach/​Taunus: Ulrike Heimer. ISBN 978-3-89741-279-8

Wegner, Hildburg, 2007. Anna von Gierke und der Fünfte Wohlfahrtsverband. In: Soziale Arbeit. 56(1), S. 42–49. ISSN 0490-1606

Zurelli, Gerda, 1974. Das Jugendheim – ein Phänomen. In: Isa Gruner, Hrsg. Anna von Gierke zum 100. Geburtstag 14. März 1974. Berlin: Fruck, S. 14–22

8 Informationen im Internet

Verfasst von
Manfred Berger
Mitbegründer (1993) und Leiter des „Ida-Seele-Archivs zur Erforschung der Geschichte des Kindergartens“
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