Planetary Health
Prof. Dr. Christa Büker
veröffentlicht am 05.10.2023
Planetary Health ist ein neues Gesundheitskonzept, welches sich angesichts der zunehmenden Zerstörung der Ökosysteme durch den Menschen mit dem Zusammenhang zwischen der Gesundheit des Menschen und der Gesundheit des Planeten befasst.
Überblick
- 1 Gesellschaftlicher Hintergrund
- 2 Das Konzept Planetary Health
- 3 Planetary Health als interprofessioneller Ansatz
- 4 Planetary Health als soziale Bewegung
- 5 Transformationspotenzial von Planetary Health
- 6 Quellenangaben
- 7 Literaturhinweise
- 8 Informationen im Internet
1 Gesellschaftlicher Hintergrund
Die durch den Menschen erzeugte Zerstörung der natürlichen Systeme unseres Planeten zeigt gravierende negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Insbesondere der Klimawandel stellt eine Bedrohung für die Gesundheit dar. Bereits 2009 warnte der Lancet, eine der führenden medizinisch-wissenschaftlichen Fachzeitschriften: „Der Klimawandel ist die größte Bedrohung für die globale Gesundheit im 21. Jahrhundert“ (Costello et al. 2009).
Unmissverständlich ist auch die Botschaft des Weltklimarates (IPCC). In seinen letzten Berichten weist er eindringlich darauf hin, dass das Ausmaß und die Folgen der Erderwärmung größer als bislang angenommen sind und der Klimawandel das Leben von Milliarden von Menschen beeinträchtigt (IPCC 2021, IPCC 2023).
Eine dramatische Folge ist die Erhöhung der Mortalität (Sterblichkeit) in Zeiten großer Hitze. So gab es im Sommer 2022 – dem bisher heißesten Sommer auf dem Kontinent seit Beginn der Aufzeichnungen – mehr als 60.000 hitzebezogene Todesfälle in Europa (Ballester et al. 2023). Deutschland hatte mit 8.173 Toten die drittmeisten Opfer zu beklagen, nach Italien (18.010 Tote) und Spanien (11.324 Tote).
Der Versorgungsreport 2021 führt weitere Folgen der Klimaveränderung auf (Günster et al. 2021). Dazu gehören:
- eine Erhöhung des Risikos für Herzinfarkt und Schlaganfall bei Hitzewellen,
- die Zunahme von Atemwegserkrankungen durch Luftschadstoffe,
- die Ausbreitung von vektor-übertragenen Infektionskrankheiten sowie
- die Zunahme psychischer Erkrankungen durch Traumata bei Extremwettereignissen und „Klimaangst“.
Auch andere Umweltbelastungen, wie die Vernichtung der Arten in Tier- und Pflanzenwelt, die Verschmutzung der Meere, die Abholzung der Wälder oder steigende Abfallmengen, bleiben nicht ohne Auswirkungen auf das menschliche Wohlergehen.
Der Gesundheitssektor selbst ist Verursacher negativer Umweltwirkungen. Durch seinen hohen Ressourcen- und Energieverbrauch trägt er einen wesentlichen Beitrag zur Klimaveränderung bei. Mit einem Anteil von 4,4 % der globalen Nettoemissionen von CO2 ist er entscheidend mitbeteiligt an der drohenden Klimakrise (Karliner et al. 2020).
2 Das Konzept Planetary Health
Vor diesem Hintergrund wurde eine neue, globale Perspektive auf die Gesundheit entwickelt. Das Konzept wurde von der Rockefeller Foundation-Lancet Commission on Planetary Health entwickelt und im Jahr 2015 in der Zeitschrift The Lancet im Bericht „Safeguarding human health in the Anthropocene epoch“ (Schutz der menschlichen Gesundheit im Zeitalter des Antropozäns) vorgestellt. Es ist eng verknüpft mit der Agenda 2030 der Vereinten Nationen und den darin formulierten 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals), darunter das Ziel „Gesundheit und Wohlergehen“.
Im wissenschaftlichen Konzept Planetary Health (planetare Gesundheit) wird dargelegt, wie die Gesundheit der Menschen von der Gesundheit der Ökosysteme abhängt. Es basiert auf der Erkenntnis, dass es keine gesunden Menschen ohne eine gesunde Erde geben kann. Das Konzept nimmt eine globale Perspektive ein und erläutert die oftmals komplexen Zusammenhänge zwischen der menschlichen Gesundheit und dem Zustand der natürlichen Umwelt unseres Planeten.
Planetary Health versteht sich als ein neues, umfassendes Gesundheitskonzept, welches sich mit den Beziehungen zwischen der menschlichen Gesundheit auf der einen sowie den politischen, ökonomischen, sozialen und ökologischen Systemen unseres Planeten auf der anderen Seite beschäftigt (Eichinger 2020). Dabei werden nicht nur Probleme aufgezeigt. In Ergänzung zur Untersuchung, Beschreibung und Analyse der Auswirkungen von Umweltveränderungen auf die Gesundheit verweist das Konzept auch auf Lösungen und bietet Orientierung für Handlungsansätze.
3 Planetary Health als interprofessioneller Ansatz
Zu den Prinzipien von Planetary Health gehört seine intersektorale und multiprofessionelle Ausrichtung, die auf die Zusammenarbeit aller Akteure aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Kommune, Politik und Wirtschaft zielt.
Auf wissenschaftlicher Ebene werden die verschiedenen Fachdisziplinen, u.a. aus Gesundheits- und Sozialwissenschaften, Medizin, Pflege- und Hebammenwissenschaft, zu gemeinschaftlichem Handeln in Forschung und Lehre aufgerufen. Eine besondere Verantwortung und ethische Verpflichtung für den Schutz der Gesundheit wird dabei den Menschen in Gesundheitsberufen zugeschrieben (Gabrysch 2022; Traidl-Hoffmann et al. 2021). Ihnen wird als „Change Agents“ eine wichtige Rolle zugewiesen, auch aufgrund ihrer hohen Reputation (Herrmann 2020). Nicht zuletzt wird in der Diskussion dafür plädiert, in Ausbildung, Fort- und Weiterbildung eine planetare Gesundheitskompetenz zu entwickeln, um den veränderten Anforderungen in der beruflichen Praxis gerecht zu werden (Wabnitz et al. 2021).
4 Planetary Health als soziale Bewegung
In Folge des Lancet-Berichts wurde 2015 die Organisation Planetary Health Alliance gegründet, ein weltweiter Zusammenschluss von mehr als 350 Universitäten, Nichtregierungsorganisationen, Behörden und Forschungsinstituten aus mehr als 60 Ländern. Sie setzt sich u.a. für die Verbreitung neuer Forschungsergebnisse, für Bildung als wichtigsten Faktor für nachhaltige Entwicklung sowie für ein Umdenken im Gesundheitswesen ein.
In Deutschland gehört die Deutsche Allianz für Klimawandel und Gesundheit (KLUG) zu den Mitgliedern der Planetary Health Alliance. KLUG gründete sich im Jahr 2017 als Netzwerk von Organisationen, Verbänden und Einzelpersonen aus dem gesamten Gesundheitsbereich. Zentrale Ziele von KLUG sind die Stärkung des Gesundheitsschutzes durch Stärkung des Klimaschutzes sowie die Aufklärung über die Gefahren des Klimawandels für die Gesundheit der Bevölkerung.
Angehörige aller Gesundheitsberufe engagieren sich bei Health for Future – einer Initiative von KLUG – für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen sowie der Biodiversität des Planeten als Voraussetzung für Gesundheit. Ein Engagement ist in bundesweiten Arbeitsgruppen (u.a. zu den Themen Bildung, Lehre, Pflege, Ernährung) sowie in lokalen Ortsgruppen möglich.
5 Transformationspotenzial von Planetary Health
Dem Planetary Health-Ansatz wird das Potenzial zugeschrieben, sich als „transformative Wissenschaft“ (Eichinger 2020, S. 3) zu entwickeln, indem es einen Rahmen bildet, um die notwendigen Transformationsprozesse zur Überwindung der Klimakrise anzustoßen. Dazu gehören u.a. technische Lösungen und eine nachhaltige Lebensweise, aber auch eine Transformation von Werten und Haltungen (Prescott et al. 2018), um Veränderungen im Politik- und Wirtschaftssystem auf den Weg zu bringen.
6 Quellenangaben
Ballester, Joan, Marcos Quijal-Zamorano, Raul Fernando Méndez Turrubiates, Ferran Pegenaute, Francoise Herrmann, Jean Marie Robine, Xavier Basagana und andere, 2023. Heat-related mortality in Europe during the summer of 2022. Nature Medicine. 29, 1857–1866 [Zugriff am: 28.09.2023]. Verfügbar unter: doi:10.1038/s41591-023-02419-z
Costello, Anthony, Mustafa Abbas, Adriana Allen, Sarah Ball, Sarah Bell, Richard Bellamy und andere, 2009. Managing the health effects of climate change. The Lancet. 373: 1693–1733 [Zugriff am: 28.09.2023]. Verfügbar unter: doi:10.1016/S0140-6736(09)60935-1
Eichinger, Michael, 2020. Planetary Health: Ein umfassendes Gesundheitskonzept zur Überwindung der Klimakrise: Impulse für Gesundheitsförderung. Hannover: Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. Nr. 107, S. 2
Gabrysch, Sabine, 2022. Klimakrise und Gesundheit – eine Planetary-Health-Perspektive. In Journal of Health Monitoring. 7(54), S. 7–9 [Zugriff am: 28.09.2023]. Verfügbar unter: doi:10.25646/​10388 ISSN 2511-2708
Günster, Christian, Jürgen Klauber, Bernt-Peter Robra, Caroline Schmuker und Alexandra Schneider, Hrsg. Versorgungsreport Klima und Gesundheit. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft. ISBN 978-3-95466-626-3 [Rezension bei socialnet]
Herrmann, Martin, 2020. Die Klimakrise ist eine Gesundheitskrise – Der Gesundheitssektor als ein Schlüssel für die anstehende «Große Transformation»: Impulse für Gesundheitsförderung. Hannover: Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. Nr. 107, S. 3
IPCC, 2021. Climate Change 2021. The Physical Science Basis. IPCC Sixth Assessment Report [Zugriff am: 28.09.2023]. Verfügbar unter: https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/
IPCC, 2023. Climate Change 2023. Synthesis Report. A report on the intergovernmental Panel of Climate Change [Zugriff am: 28.09.2023]. Verfügbar unter: https://www.ipcc.ch/report/ar6/syr/
Karliner, Josh, Scott Slotterback, Richard Boyd, Ben Ashby und Kristian Steele, 2020. Health care’s climate footprint: the health sector contribution and opportunities for action. European Journal of Public Health 30(5), S. 311 [Zugriff am: 28.09.2023]. Verfügbar unter: doi:10.1093/eurpub/​ckaa165.843 ISSN 1464-360X
Prescott, Susan L., Alan C. Logan, Glenn Albrecht, Dianne E. Campbell, Julian Crane, Ashlee Cunsolo, John W. Holloway, Anita L. Kozyrskyj und andere, 2018. The Canmore Declaration: Statement of Principles for Planetary Health. Challenges. 9(31) [Zugriff am: 28.09.2023]. Verfügbar unter: doi:10.3390//challe9020031 ISSN 2270-7719
The Lancet Commissions, 2015. Health and climate change: policy responses to protect public health. In The Lancet. 386: 1861–1914 [Zugriff am: 28.09.2023]. Verfügbar unter: doi:10.1016/S0140-6736(15)60854-6 ISSN 0140-6736
The Rockefeller Foundation-Lancet Commission on Planetary Health, 2015. Safeguarding human health in the Anthropocene epoch: report of The Rockefeller Foundation-Lancet Commission on planetary health. In The Lancet. 386: 1973–2028 [Zugriff am: 28.09.2023]. Verfügbar unter: doi:10.1016/S0140-6736(15)61180-1 ISSN 0140-6736
Traidl-Hoffman, Claudia, Christian M. Schulz, Martin Herrmann und Babette Simon, Hrsg., 2021. Planetary Health: Klima, Umwelt und Gesundheit im Anthropozän. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft. ISBN 978-3-95466-650-8
Wabnitz, Katharina, Sophia Galle, Louise Hegge, Oskar Masztalerz, Eva-Maria Schwienhorst-Stich und Michael Eichinger, 2021. Planetare Gesundheit – transformative Lehr- und Lernformate zur Klima- und Nachhaltigkeitskrise für Gesundheitsberufe. In Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz 64, 378–38 [Zugriff am: 28.09.2023]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1007/s00103-021-03289-x
7 Literaturhinweise
Myers, Samuel S., Jeremy I. Pivor und Antonio M. Saraiva, 2022. The Sao Paulo Declaration on Planetary Health. The Lancet 398 [Zugriff am: 28.09.2023]. Verfügbar unter: doi:10.1016/S0140-6736(21)02181-4 ISSN 0140-6736
RKI, 2023. Klimawandel und Gesundheit: Sachstandsbericht. Berlin: Robert Koch Institut [Zugriff am: 28.09.2023]. Verfügbar unter: www.rki.de/DE/Content/​GesundAZ/K/Klimawandel_Gesundheit/​KlimGesundAkt.html
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Verfasst von
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