Geschlechtsidentität
Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch
veröffentlicht am 15.04.2019, archiviert am 12.12.2022
Übersicht über alle Versionen
Die Geschlechtsidentität betrifft den Teil der Identität, der auf das Geschlecht bezogen ist. Dabei geht es um das Erleben der Geschlechtszugehörigkeit, insbesondere ob dies mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmt oder ob es eine Abweichung davon gibt.
Überblick
1 Begriff
Die Geschlechtsidentität eines Menschen betrifft sein Erleben, mit dem biologischen Geschlecht übereinzustimmen (Cis-Identität) oder davon abzuweichen (Transidentität, Transsexualismus). Eine besondere Situation besteht bei intersexuellen Menschen, die aufgrund der Tatsache, dass ihre Körpermerkmale nicht alle dem gleichen Geschlecht entsprechen, z.T. eine uneindeutige Geschlechtsidentität besitzen.
Gemäß dem psychodynamischen Modell (Mertens 1992; Rauchfleisch 2019) setzt sich die Geschlechtsidentität zusammen aus
- der Kern-Geschlechtsidentität, d.h. dem bis zum Alter von ca. 3 Jahren etablierten „Wissen“, männlich oder weiblich zu sein,
- den Geschlechtsrollen, d.h. dem, was in einer Gesellschaft als männlich oder weiblich empfunden und vermittelt wird und
- der GeschlechtspartnerInnen-Orientierung, d.h. auf das gleiche, das andere oder beide Geschlechter bezogen zu sein.
Dazu kommen die erotischen und sexuellen Fantasien, die sozialen Präferenzen und die Selbstdefinition.
2 Kritische Anmerkungen
Die psychologischen Modelle der Geschlechtsidentität gehen von einer Binarität aus, die nur Frauen oder Männer kennt. Immer häufiger treten jedoch Menschen auf, die eine nichtbinäre Geschlechtsidentität besitzen (genderqueer, gender fluid, ambigender, gender free, agender usw.).
3 Quellenangaben
Mertens, Wolfgang, 1992. Entwicklung der Psychosexualität und der Geschlechtsidentität. Band 1: Geburt bis 4. Lebensjahr. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-011738-9
Rauchfleisch, Udo, 2019. Transsexualismus – Genderdysphorie – Geschlechtsinkongruenz – Transidentität: Der schwierige Weg der Entpathologisierung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-40516-1 [Rezension bei socialnet]
Verfasst von
Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch
Klinische Psychologie Universität Basel, Psychoanalytiker (DPG, DGPT)/psychologischer Psychotherapeut in privater Praxis in Basel.
Mailformular
Es gibt 10 Lexikonartikel von Udo Rauchfleisch.


