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Adoptionsviereck

Kerstin Haury

veröffentlicht am 26.08.2021

Der Begriff Adoptionsviereck beschreibt die Beziehungen, die bei einer Familiengründung durch Adoption zwischen den Beteiligten entstehen, und zeigt auf, wie viel umfassender sie im Vergleich zu einer Familiengründung durch Geburt sind.

Überblick

  1. 1 Aufteilung der Aufgaben von Elternschaft
  2. 2 Begleitung durch die Adoptionsvermittlungsstelle
  3. 3 Quellenangaben
  4. 4 Literaturhinweise

1 Aufteilung der Aufgaben von Elternschaft

Eine Adoption bedeutet, dass die familienrechtlichten Beziehungen eines Kind zu mindestens einem leiblichen Elternteil aufgelöst werden und es bei anderen Eltern aufwächst. Dadurch werden die verschiedenen Elemente einer Elternschaft auf mehrere Eltern verteilt (Fahlberg 2012). Die biologische Elternschaft verbleibt naturgemäß bei den leiblichen Eltern, die rechtliche und soziale Elternschaft geht auf die Adoptiveltern über. Ein Adoptivkind hat damit „zweimal“ Eltern. Bei einer Familiengründung durch Geburt werden dagegen alle Funktionen einer Elternschaft allein durch die leiblichen Eltern erfüllt.

Da die leiblichen Eltern den „Ursprung“ des Adoptivkindes darstellen, haben sie für das Kind lebenslang eine wichtige Bedeutung. Insbesondere bei der Entwicklung einer eigenen Identität während der Pubertät setzen sich Adoptierte intensiv mit der eigenen biologischen Herkunft auseinander.

Auch für die abgebenden Eltern, hier insbesondere für die leibliche Mutter, bleiben die Geburt und Hergabe ihres Kindes lebenslang eine tiefgreifende Erfahrung.

Die Adoptiveltern wiederum sind die Eltern, die mit dem Adoptivkind im täglichen Leben zusammenleben, es betreuen und sich um es kümmern. Dadurch entsteht eine starke soziale Beziehung zwischen den Adoptiveltern und dem Adoptivkind.

Beide Elternpaare haben damit für das Kind eine große Bedeutung. Dadurch erhalten sie zwangsläufig auch untereinander eine besondere Wichtigkeit. Alle Beteiligten sind sozial und emotional dauerhaft miteinander verbunden. Um dies zu verdeutlichen, spricht man in diesem Zusammenhang oft von einem Adoptionsdreieck. Leibliche Eltern, Adoptiveltern und Adoptivkind werden darin jeweils an einer Ecke des Dreiecks positioniert. Die Seitenlinien des Dreiecks stellen die Verbindungen zwischen den Beteiligten dar:

Adoptionsdreieck
Abbildung 1: Adoptionsdreieck (eigene Darstellung)

Die Beziehung zwischen den Herkunftseltern, den Adoptiveltern und dem Adoptivkind kann nun auf konkreter Ebene unterschiedlich ausgestaltet werden. Im Hinblick auf die Offenheit der Beziehung zwischen den Beteiligten werden drei Formen der Adoption unterschieden:

  1. Offene Adoption
  2. Halb-offene Adoption
  3. Inkognito-Adoption

2 Begleitung durch die Adoptionsvermittlungsstelle

Die Adoption eines Kindes kann in Deutschland nur durch einen formalen, rechtlich festgelegten Prozess erfolgen. Dieser wird von der Adoptionsvermittlungsstelle des zuständigen Jugendamts initiiert und durchgeführt.

Die Adoptionsvermittlungsstelle betreut und berät bei Bedarf die abgebenden Eltern, wählt geeignete AdoptivbewerberInnen für das zu vermittelnde Kind aus, leitet die rechtlich notwendigen Schritte zur Durchführung der Adoption ein und berät bei Bedarf die Adoptiveltern auch nach der Aufnahme des Kindes in die Familie. Sie dokumentiert alle Informationen, die im Zuge der Adoption zu den abgebenden Eltern und den Umständen der Abgabe des Kindes anfallen, und bewahrt diese auf, sodass sie für das Adoptivkind zugänglich bleiben. Die Fachkräfte der Adoptionsvermittlungsstellen erfüllen damit ebenfalls eine wichtige Funktion, die sich nicht nur auf den konkreten Zeitpunkt der Vermittlung des Kindes in seine neue Familie bezieht, sondern deutlich darüber hinausgeht.

Es bestehen damit also ebenfalls weitreichende Beziehungen der Adoptionsvermittlungsstelle zu den abgebenden und den annehmenden Eltern sowie zum Adoptivkind. Sie sind in erster Linie formaler Natur, sind jedoch grundlegend für die Durchführung der Adoption.

In der Erweiterung des Adoptionsdreiecks zum Adoptionsviereck wird diese wichtige Rolle der Fachkräfte verdeutlicht (Textor 1996):

Adoptionsviereck
Abbildung 2: Adoptionsviereck (eigene Darstellung nach Kühn 2015)

3 Quellenangaben

Fahlberg, Vera, 2012. A Child’s Journey through Placement. London: Jessica Kingsley Publishers. ISBN 978-1-84905-898-8

Kühn, Peter, 2015. Zukunft wächst aus Herkunft: Adoptierte suchen ihre Wurzeln – die biografische Aneignung der Adoptionsgeschichte. Stuttgart: Ibidem-Verlag. ISBN 978-3-8382-0558-8

Textor, Martin, 1996. 20 Jahre Adoptionsreform – Konsequenzen aus veränderten Sichtweisen. In: Neue Praxis. 26(6), S. 504–519. ISSN 0342-9857

4 Literaturhinweise

Haury, Kerstin, Sigrid Loerke, Jürgen Stapelmann und Heike Zimmerling, 2020. Praxisbuch Adoption: Psychologische und soziale Besonderheiten bei Adoptivfamilien. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-6225-0 [Rezension bei socialnet]

Sorosky, Arthur D., Annette Baran und Reuben Pannor, 2008. The Adoption Triangle. Triadoption Publications. ISBN 978-0-941770-10-1

Autorin
Dr. Kerstin Haury
Diplom-Psychologin. Nach mehrjähriger wissenschaftlicher Tätigkeit am Psychologischen Institut der Technischen Universität Darmstadt arbeitet sie heute in eigener Praxis mit den Schwerpunkten Belastung und Stress bei Familien mit besonderen Kindern sowie Adoptiv- und Pflegekinder.
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Zitiervorschlag
Haury, Kerstin, 2021. Adoptionsviereck [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 26.08.2021 [Zugriff am: 16.09.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Adoptionsviereck

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