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Ästhetische Bildung

Im aktuellen Diskursfeld kann nicht von einer allgemeingültigen Definition Ästhetischer Bildung ausgegangen werden; sinnvoll erscheint jedoch folgende Unterscheidung: Ästhetische Bildung kann als eine künstlerisch-pädagogische Praxis in jeglichen künstlerischen, ästhetischen und medialen Feldern wie der Bildenden Kunst, Musik, Theater, Literatur, Medien u.a. verstanden werden. Ästhetische Bildung beschreibt ein (fächer-)übergreifendes Bildungskonzept einer sinnlich-reflexiven und performativ-handlungsbezogenen menschlichen Praxis, das rezeptive und produktive ästhetische Erfahrungen als wesentlichen Teil bzw. Methode von Bildung versteht – dabei geht es auch um Fragen der Persönlichkeitsbildung durch ästhetische Erfahrungen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Ästhetische Bildung
  3. 3 Diskursfelder Ästhetischer Bildung
  4. 4 Was versteht man unter Ästhetischer Bildung?
  5. 5 Zum Begriff „Ästhetik“
  6. 6 Diskurs- und Traditionslinien der Begriffe „Ästhetik“ und „Bildung“
  7. 7 Ursprünge des Begriffs Ästhetik
  8. 8 Zur Geschichte Ästhetischer Bildung
  9. 9 Ästhetische Bildung und Pädagogik
  10. 10 Differenzierung des Bildungsbegriffs im Blick auf Ästhetische Bildung
  11. 11 Wirkmöglichkeiten und Grenzen Ästhetischer Bildung
  12. 12 Akteure und Strukturen Ästhetischer Bildung
  13. 13 Quellenangaben
  14. 14 Literaturhinweise
  15. 15 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Der Begriff Ästhetische Bildung ist schwer zu fassen und differenziert sich in einem breiten Diskursfeld. Dies erfordert zunächst eine Klärung des Begriffsverständnisses: Was versteht man unter Ästhetischer Bildung? Hilfreich ist hierbei eine Differenzierung des Ästhetik- und des Bildungsbegriffs sowie eine Zusammenfassung der Diskurs- und Traditionslinien der Begriffe „Ästhetik“ und „Bildung“ mit einem Blick auf die etymologischen Ursprünge des Ästhetikbegriffs in der Antike. Einige prägende Positionen aus der Geschichte Ästhetischer Bildung tragen ebenso zu einem tieferen Begriffsverständnis bei wie einige zentrale Schnittstellen des prägenden Verhältnisses von Ästhetischer Bildung und Pädagogik bevor auf die Wirkmöglichkeiten und Grenzen Ästhetischer Bildung eingegangen wird und einige wichtige Akteure und Strukturen Ästhetischer Bildung vorgestellt werden.

2 Ästhetische Bildung

Der Begriff Ästhetische Bildung ist nach unserem heutigen Verständnis nicht eindeutig zu bestimmen und differenziert sich in einem breiten Diskursfeld. Häufig wird er deckungsgleich oder alternierend mit den Begriffen Kulturelle Bildung, Ästhetische Erziehung oder Ästhetisches Lernen verwendet.

Unter Ästhetischer Bildung versteht man heute zum einen die künstlerisch-pädagogische Praxis in jeglichen künstlerischen und ästhetischen Feldern wie der Bildenden Kunst, Musik, Theater, Literatur, Medien usw.

Des Weiteren kann Ästhetische Bildung als ein Bildungskonzept verstanden werden, das fächerübergreifend rezeptive und produktive ästhetische Erfahrungen als wesentlichen Teil bzw. Methode von Bildung versteht.

Ästhetische Erfahrungen sind dabei nicht nur in der Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur möglich; vielmehr geht es im bildungstheoretischen Kontext ganz allgemein um Fragen der Persönlichkeitsbildung durch ästhetische Erfahrungen. Ästhetische Bildung thematisiert mit ästhetischen Methoden oder unter ästhetischen Perspektiven Aspekte eines Ichs in seinen Beziehungen zur Welt. Fragen nach Wahrnehmungen aus je verschiedenen Perspektiven, mit je verschiedenen Sinnlichkeiten sind dabei ebenso wichtig wie Persönlichkeits- und Bewusstseinsbildung in gesellschaftlichen und sozialen Kontexten.

Uneinigkeit besteht im Diskurs über Ästhetische Bildung darüber, wie weit der Ästhetikbegriff gefasst werden soll. Demnach kann Ästhetische Bildung auch in der Auseinandersetzung mit Dingen, Gegenständen, Medien oder performativen Erfahrungen gelingen, die als ästhetisch wahrgenommen werden, aber nicht als Kunstwerk klassifiziert sind. Vielmehr kommt es auf die Art der Betrachtungsweise an, die sich z.B. auf ästhetische Kriterien richten kann. So kann jedes Medium, Ding oder auch performative Erfahrungen zu einem Gegenstand ästhetischer Bildung bzw. ästhetischer Erfahrung werden.

3 Diskursfelder Ästhetischer Bildung

Der Begriff Ästhetische Bildung wird in deutschsprachigen Bildungsdiskursen verstärkt um die Jahrtausendwende verwendet. Die Ergebnisse der ersten PISA-Studie aus dem Jahr 2000 intensivieren die Bildungsdebatte. Der Begriff Ästhetische Bildung ist schwer zu fassen und gewinnt in einem breiten Diskursfeld – von den Bildungs- und Erziehungswissenschaften bis hin zur Sozialen Arbeit – an Relevanz. Häufig wird er deckungsgleich oder alternierend mit dem Begriff Kulturelle Bildung (Liebau 2017) verwendet bzw. mit dem Terminus Ästhetisches Lernen (Vorst et al. 2008) stärker auf den Prozess des Lernens selbst bezogen. In den Diskursfeldern der Fachdidaktiken oder der Elementarbildung wird häufig von Ästhetischer Erziehung gesprochen (Dietrich et al. 2012).

Die Aktualität des Bildungskonzepts der Ästhetischen Bildung zeigt sich nicht nur in der Breite der theoretischen Diskussion und der Forschungsfelder, sondern auch in der Verankerung des Begriffs in Bildungs- und Orientierungsplänen einiger Bundesländer wie z.B. Baden-Württemberg oder Niedersachsen. In den letzten Jahren wird hier der Begriff Ästhetische Bildung verwendet. Er steht für eine Öffnung des Gegenstandsbereichs von der „Kunst“ hin zu einem allgemeineren Verständnis von Kultur.

Die Relevanz ästhetischer Bildung wird für alle Altersgruppen von der Frühen Kindheit über die Jugend bis ins hohe Alter angenommen. In den letzten Jahren wird zunehmend versucht, diese Relevanz mit empirischer Forschung zu belegen. Einen Überblick über den Stand der Forschung gibt z.B. Christian Rittelmeyer (Rittelmeyer 2010 und 2016).

4 Was versteht man unter Ästhetischer Bildung?

Grundlegend für unser Verständnis Ästhetischer Bildung ist die bereits genannte Unterscheidung zum einen als künstlerisch-pädagogische Praxis (in jeglichen künstlerischen und ästhetischen Feldern wie der Bildenden Kunst, Musik, Theater, Literatur, Medien) und zum anderen als ein Bildungskonzept, das fächerübergreifend rezeptive und produktive ästhetische Erfahrungen als wesentlichen Teil bzw. Methode von Bildung versteht. Wie bereits der Kunstpädagoge Gunter Otto feststellt: „Ästhetische Erfahrung bezieht sich nicht auf Kunsterfahrung, sondern ist ein Modus, Welt und sich selbst im Verhältnis zur Welt und zur Weltsicht anderer zu erfahren“ (Otto 1994, S. 56). Im bildungstheoretischen Kontext ästhetischer Bildung geht es ganz allgemein um Fragen der Persönlichkeitsbildung durch ästhetische Erfahrungen.

Jörg Zirfas, Leopold Klepacki, Johannes Bilstein und Eckart Liebau verstehen Ästhetische Bildung als eine sinnlich-reflexive und performativ-handlungsbezogene Praxis „als reflektierende und in Urteilen sich präsentierende Bildungsform, die in besonderer Weise die prozessualen Möglichkeiten für Übergänge, Verknüpfungen und das In-Beziehung-Setzen von Wahrnehmungen, Erfahrung und Imaginationen auf der einen und Kunst, Schönheit und die mit ihr verbundenen Zeichen und Symbole auf der anderen Seite betrifft“ (Zirfas et al. 2009, S. 20).

Nach einem solchen Verständnis bezieht sich Ästhetische Bildung nicht nur auf Kunst und Kultur, sondern thematisiert ganz allgemein Aspekte eines Ichs in seinen Beziehungen zur Welt. Fragen nach Wahrnehmungen mit ihren verschiedenen Perspektiven und Sinnlichkeiten sind dabei ebenso wichtig wie Persönlichkeits- und Bewusstseinsbildung in gesellschaftlichen und sozialen Kontexten.

5 Zum Begriff „Ästhetik“

Uneinigkeit besteht im Diskurs über Ästhetische Bildung darüber, wie weit der Begriff Ästhetik gefasst werden soll. Definitorisch und methodisch scheint es plausibel, den Ästhetikbegriff auf einen engen Kunst- und Kulturbegriff zu konzentrieren, der im weitesten Sinne die musischen Künste wie z.B. bildende Kunst, Musik, Tanz, Theater umfasst. Bereits die Einbeziehung von Medien und medialen Ausdrucksformen, wie z.B. Comic oder Film, die aufgrund der aktuellen Entwicklungen sicher notwendig ist, bereitet begriffliche und theoretische Probleme.

Im Sinne der aktuellen philosophischen Diskussion zum Ästhetikbegriff (vgl. die Abschnitte Diskurs- und Traditionslinien der Begriffe „Ästhetik“ und „Bildung“) bzw. im Blick auf die Diskurse der Cultural und Visual Studies oder der Bildwissenschaften scheint jedoch ein breites Verständnis angemessen.

Nach einem solchen Verständnis beschränkt sich Ästhetische Bildung nicht auf die Künste, sondern kann sich auf alles richten, was wir zum Gegenstand ästhetischer Erfahrungen machen, z.B. also auch auf Medien, Design, Natur oder alltägliche Dinge.

Danach versteht man unter „ästhetisch“ alles, was unsere Sinne anregt und in uns Empfindungen und Gefühle hervorruft. Also keinesfalls nur schöne und angenehme Empfindungen. „Insofern kann man zum Bereich des Ästhetischen im weitesten Sinne die gesamte Welt der Kunst, der Medien, des Designs, der Umweltgestaltung etc. zählen“ (Lehnerer 1989/1993, S. 38). Eine solche Auffassung impliziert einen erweiterten Kunstbegriff und geht zudem über die Kunst selbst hinaus. Unter einen erweiterten Kunstbegriff sind alle Materialien zu fassen, wie sie auch zum Gegenstandsbereich angloamerikanischer Forschungsansätze wie der Cultural Studies oder der Visual Studies gemacht werden. Eine Unterscheidung in Hochkultur und Trivialkultur erscheint damit obsolet (Grosser 2008).

Demnach kann Ästhetische Bildung auch in der Auseinandersetzung mit Dingen, Gegenständen, Medien oder performativen Erfahrungen gelingen, die als ästhetisch wahrgenommen werden, aber nicht als Kunstwerk klassifiziert sind. Vielmehr kommt es auf die Art der Betrachtungsweise an, die sich z.B. auf ästhetische Kriterien richten kann.

6 Diskurs- und Traditionslinien der Begriffe „Ästhetik“ und „Bildung“

Die Schwierigkeiten und Vielfalt der Definitionen Ästhetischer Bildung und die Breite des Begriffsfelds begründen sich auch in den langen Traditionslinien des Ästhetikbegriffs und der Breite der Bildungs- bzw. Erziehungsdiskurse. Daher sollen im Folgenden einige zentrale Aspekte dieser Begriffsgeschichten herausgestellt werden, die zu einem Verständnis Ästhetischer Bildung beitragen können.

Bei diesen Betrachtungen ist zu berücksichtigen, dass sowohl die philosophischen Diskurse zum Begriff Ästhetik als auch die Bildungsdiskurse seit der Antike und in unterschiedlichen Kulturen bis heute auf sich verändernden Gegenstandsbereichen sowie differierenden Ästhetik- und Bildungsbegriffen basieren. Sie sind Ausdruck und Reflexion eines, je nach historisch-kultureller Situation, spezifischen Verhältnisses von Mensch und Welt.

7 Ursprünge des Begriffs Ästhetik

Das Wort Ästhetik entwickelt sich etymologisch in Anlehnung an die griechischen Ausdrücke aisthētós (αἰσθητός) für „wahrnehmbar“ und aisthētikós (αἰσθητικός) für „der Wahrnehmung fähig“ (Pfeifer 1993). Im philosophischen Diskurs der Antike wurden die Begriffe zunächst vorwiegend auf die Rhetorik und Dichtkunst bezogen. Der Ästhetikbegriff wurde bereits mit Schönheitsidealen und dem Streben nach Erkenntnis und Wahrheit verknüpft. Insbesondere Platon reflektierte den Anspruch auf Wahrheitsgehalt, wobei den abbildenden Künsten, die nach dem Prinzip der „mimesis“ arbeiten, keine Erkenntnisfähigkeit zugesprochen wurde (Hauskeller 1998, S. 9 ff.).

Heute unterscheidet man in der Philosophie unter „Ästhetik“ drei Theoriestränge: zum einen Theorien der Kunst (bzw. des Designs), zum anderen Theorien von Sinnlichkeit (nicht begrenzt auf Kunst-Wahrnehmung) und schließlich Theorien von Schönheit. Letztere hängen mit der alltäglichen Bedeutung des Adjektivs „ästhetisch“ zusammen und charakterisieren entweder einen Gegenstand oder die Art der Wahrnehmung eines Gegenstands. Sie untersuchen z.B., wie Menschen Dinge – auch jenseits der Kunst – als „schön“ oder „hässlich“ beurteilen und wie derartige Urteile zustande kommen.

8 Zur Geschichte Ästhetischer Bildung

Aktuellere Forschungen von Leopold Klepacki und Jörg Zirfas (vgl. die von ihnen in Zusammenarbeit mit verschiedenen AutorInnen herausgegebene „Geschichte der Ästhetischen Bildung“ in vier Bänden, Zirfas et al. 2009) beleuchten die historischen Traditionslinien Ästhetischer Bildung nicht nur auf den Ästhetikbegriff begrenzt von der Antike bis heute. Sie zeigen zum Beispiel, dass sich insbesondere bei Platon und Aristoteles deutliche Hinweise auf das Erkennen und Wertschätzen einer qualitativen Eigenständigkeit derjenigen Bildungsprozesse nachweisen lassen, die mit unserem heutigen Verständnis von Ästhetischer Bildung korrelieren (Klepacki und Zirfas 2013/2012, S. 3).

Diese Traditionslinie zeichnen sie auch für das Mittelalter nach und belegen z.B. bei Aurelius Augustinus (354–430) als eine Funktion der Kunst, die Schönheit der Welt sichtbar zu machen. Insbesondere Musik solle die transzendente Harmonie der Welt erfahrbar machen, da man annahm, dass sich in ihrer Regelhaftigkeit die göttliche Weltenordnung widerspiegle (Klepacki und Zirfas 2013/2012, S. 3–4)

Von der Aufklärung bis heute entwickelt sich ein breiter Diskurs über Ästhetische Bildung, der sich mit der Ausdifferenzierung insbesondere der Geistes- und Bildungswissenschaften im 19. und 20. Jahrhundert intensiviert.

Als eigenständige Wissenschaft der „sinnlichen Erkenntnis“ konstituiert Alexander Gottlieb Baumgarten die Ästhetik mit seinem zweibändigen Werk „Aesthetica“ (1750/1758) (Baumgarten 1983, S. 11). Der Philosoph begreift Ästhetik als Kunst und diese als gleichberechtigt neben der Wissenschaft (Baumgarten 1983, S. 17). Zentral geht es ihm um eine gleichberechtigte Anerkennung des sinnlichen Erkenntnisvermögens neben und mit der Logik. In diesem Erkenntnisprozess hat laut Baumgarten auch eine Phase der „Verwirrung“ eine eigene Berechtigung (Baumgarten 1983, S. 15). Nur in einer Verbindung von logischem Denken und ästhetischer Erfahrung kann demnach Erkenntnis erfolgen: „Wenn man bei den Alten von der Verbesserung des Verstandes redete, so schlug man die Logik als das allgemeine Hilfsmittel vor, das den ganzen Verstand verbessern sollte. Wir wissen jetzt, dass die sinnliche Erkenntnis der Grund der deutlichen ist; soll also der Verstand gebessert werden, so muss die Ästhetik der Logik zur Hilfe kommen“ (Baumgarten 1983, S. 80).

Johann Joachim Winckelmann (1717–1768), der heute als Begründer der Kunstgeschichte gilt und mit seinen Überlegungen die Epoche des Klassizismus einleitet, versteht Ästhetische Bildung vor allem als Nachahmung antiker Kunstwerke, die als Vorbilder für Kunstrezeption und -produktion genommen werden sollten. Für Winckelmann ist das sinnliche Erleben eines Kunstwerks konstitutiv für Bildungsprozesse (Klepacki und Zirfas 2013/2012, S. 6).

Eine Engführung des Ästhetikbegriffs auf die Bildende Kunst erfolgte im 18. Jahrhundert in Verbindung mit gattungstheoretischen Überlegungen. Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) führt in seinem „Laokoon“ den Begriff der bildenden Kunst ein, wobei er sich insbesondere auf Malerei und Plastik bezieht. In der Philosophie wurde mit der Ästhetik eine kritische Gegenposition zum Rationalismus der Aufklärung begründet (Klepacki und Zirfas 2013/2012, S. 6).

Friedrich Schillers Schriften „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ prägen den Ästhetikbegriff in der Klassik. Nach Schiller kann der Mensch nur im ästhetischen Spiel seine Humanität entfalten: „[…] er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ (Schiller 1795, S. 88). Hier ist es dem Menschen möglich, den ihn bestimmenden „Sachtrieb“ mit dem „Formtrieb“ in der „lebenden Gestalt“ des „Spieltriebs“ zu verbinden (Schiller 1795, S. 83). Im Spiel mit der Schönheit können die beiden Triebe des Menschen, der sinnliche und der formale Trieb, gleichermaßen zum Ausdruck kommen und den Menschen zur Vernunft führen. Bis heute einflussreich ist die Idee, dass Ästhetische Bildung Gesellschaft und Politik prägen kann: „Der Umgang mit Kunst und Schönheit bzw. die Ästhetische Bildung werden dabei als gesellschafts- und politikverändernde Momente verstanden, die über die Sensibilisierung des Menschen und die Veredelung seines Charakters geschieht“ (Klepacki und Zirfas 2013/2012, S. 7).

9 Ästhetische Bildung und Pädagogik

Auch die Entwicklung der Pädagogik im 19. Jahrhundert wird durch Ideen Ästhetischer Bildung geprägt. Insbesondere für die Reformpädagogik, die sich Ende des 19. Jahrhunderts/​Anfang des 20. Jahrhunderts in verschiedenen europäischen Ländern in unterschiedlichen Strömungen herausbildet, spielen Ideen Ästhetischer Bildung eine große Rolle. Allgemein stellt die Reformpädagogik die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ins Zentrum und unterstützt die Entfaltung ihrer schöpferischen Potenziale. Eigenaktivität und Anschaulichkeit sind dabei ebenso wichtig wie kreative, künstlerische und handwerkliche Tätigkeiten. Maria Montessori verdichtet das pädagogische Prinzip „vom Kinde aus“ durch ein Materialangebot, das die allgemeine Empfindungsfähigkeit und die Entwicklung der kognitiven Kompetenz anregen soll.

Mit der Kunsterziehungsbewegung wird der Zeichen- und Werkunterricht durch Alfred Lichtwark hin zu mehr Genussfähigkeit reformiert. Auch in der Waldorfpädagogik Rudolf Steiners sind ästhetische Erfahrungen prägend; eigene Fächer wie Eurythmie und Werken erweitern den Fächerkanon.

Mit der Ausbildung der Fachdidaktiken, insbesondere der Kunsterziehung, verliert sich die Relevanz eines allgemeinen Bildungsanspruchs. Die Ausbildung eines Kunstkanons und die Ausdifferenzierung von Schulfächern wie Kunst, Musik stehen im Mittelpunkt.

Diese Entwicklung wurde durch den Nationalsozialismus unterbrochen. In dieser Zeit wurden Kunst und Kultur von den Nationalsozialisten funktionalisiert und in Dienst genommen. Die Ästhetik wurde im Blick auf eine ideologische Erziehung des Menschen funktionalisiert.

Ende der 1960er-Jahre führte eine Neudiskussion ästhetischer Erziehung im Kontext der Fachdidaktik der Bildenden Kunst zu einer politisch-ästhetischen Erziehung mit einer Ausweitung des Gegenstandsbereichs auf Alltagsphänomene (Medien, Gebrauchsgegenstände u.a.). Das Konzept der „Visuellen Kommunikation“ bemüht sich vor allem um eine ideologiekritische Analyse visueller Kommunikation.

Nach der Diskussion um die Postmoderne steigt seit den 1980er-Jahren das Interesse an ästhetischer Bildung. Wolfgang Welsch versteht ästhetisches Denken als eine mögliche Reaktion auf eine zunehmende Ästhetisierung unserer Erfahrungswirklichkeit (Welsch 2017) und Klaus Mollenhauer untersucht ästhetische Bildungsprozesse mit empirischen Methoden (Mollenhauer 1996).

10 Differenzierung des Bildungsbegriffs im Blick auf Ästhetische Bildung

Die Diskussion um Ästhetische Bildung ist (ebenso wie die um ästhetisches Lernen oder Kulturelle Bildung) im Kontext der Bildungsdiskurse und eines sich wandelnden Verständnisses von Bildung angesiedelt. Im deutschsprachigen Diskurs wird dabei zwischen Bildung und Erziehung unterschieden, die – anders als im Englischen der Begriff „education“ – unterschiedliche Konzepte beinhalten. Aufgrund seines spezifischen Verständnisses wird der deutsche Begriff „Bildung“ gerne im angloamerikanischen Diskurs übernommen.

Erziehung meint einen bewussten, intentionalen Prozess, der in einem kommunikativen und performativen Akt meist von erfahreneren Menschen initiiert werden wird. Gemeint sind Handlungen, durch die Menschen versuchen, die Persönlichkeit eines Anderen, meist eines Kindes oder eines Jugendlichen, in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern (Marotzki et al. 2005).

Bildung hingegen wird nach Wilhelm von Humboldt als ein selbstbestimmter Prozess verstanden (Humboldt 1792). Das lernende Individuum setzt sich dabei aus freiem Willen, sei es aus Interesse oder Neugier, in einem Austausch mit seiner Umgebung auseinander. Bildung meint damit vor allem eine lebenslange Selbstbildung, die nie abgeschlossen ist. Diese Ideale prägen auch das Bildungsverständnis Ästhetischer Bildung.

11 Wirkmöglichkeiten und Grenzen Ästhetischer Bildung

Ästhetische Bildung wird bis in die heutige Zeit oft mit ethischen und moralischen Vorstellungen oder Schönheitsidealen verknüpft bzw. wird durch die ästhetische Praxis eine Ausbildung dieser Qualitäten gewünscht.

In den letzten Jahren bemühen sich verstärkt empirische und neurowissenschaftliche Untersuchungen Wirkmöglichkeiten Ästhetischer Bildung zu erforschen und zeigen, dass sowohl produktive als auch rezeptive Ansätze Ästhetischer Bildung positive Auswirkungen auf das psychische und physische Befinden des Menschen haben (zur Darstellung der Forschungsansätze Rittelmeyer 2010 und 2016).

Ganz allgemein geht man heute davon aus, dass Ästhetische und – insbesondere in den letzten Jahren verstärkt unter dem Oberbegriff – Kulturelle Bildung Zugänge zu Kunst und Kultur und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen können, z.B. in einer Auseinandersetzung mit kulturellem Erbe, kultureller Identität und kultureller Vielfalt, sowie die persönliche Entwicklung nicht nur von Kindern und Jugendlichen fördern. „Sie ist ein Schlüsselfaktor für kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe und Integration, aber auch für eine kritische Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Konflikten unserer Welt“ (Deutsche UNESCO Kommission 2020).

12 Akteure und Strukturen Ästhetischer Bildung

Die Aufgabe zur Förderung zur ästhetischen und kulturellen Bildung liegt bei Kunst- und Kultureinrichtungen, aber auch Kindertagesstätten, Schulen, Universitäten, außerschulischen kultur- und medienpädagogischen Einrichtungen. Bund und Länder sind gefordert, günstige Rahmenbedingungen zu schaffen, die für alle Bevölkerungsgruppen erreichbar sind.

Die Hoffnungen auf eine Ästhetische Bildung bzw. die Auseinandersetzung mit Kunst als Mittel zur Bildung eines Menschen sollten hierbei jedoch nicht überfrachtet werden. Ihre Relevanz gegenüber einem ausschließlich rational gesteuerten Denken formulierte bereits Alexander Gottlieb Baumgarten im 18. Jahrhundert: „Wenn man bei den Alten von der Verbesserung des Verstandes redete, so schlug man die Logik als das allgemeine Hilfsmittel vor, das den ganzen Verstand verbessern sollte. Wir wissen jetzt, dass die sinnliche Erkenntnis der Grund der deutlichen ist; soll also der Verstand gebessert werden, so muss die Ästhetik der Logik zur Hilfe kommen“ (Baumgarten 1983, S. 80).

13 Quellenangaben

Baumgarten, Alexander Gottlieb, 1983. Texte zur Grundlegung der Ästhetik. Hamburg: Felix Meiner. ISBN 978-3-7873-0573-5

Deutsche UNESCO Kommission, 2020. Kulturelle Vielfalt [online]. Kulturelle Bildung. Bonn: Deutsche UNESCO-Kommission e.V. [Zugriff am: 08.01.2020]. Verfügbar unter: https://www.unesco.de/node/822

Dietrich, Cornelie, Dominik Krinninger und Volker Schubert, 2012. Einführung in die Ästhetische Bildung. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-7799-4329-7

Grosser, Sabine, 2008. Bildwelten – Ästhetisches Lernen im Kontext kultureller Globalisierung. In: Claudia Vorst, Sabine Grosser, Juliane Eckhardt und Rita Burrichter, Hrsg. Ästhetisches Lernen. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag, S. 27–44. ISBN 978-3-631-55714-3

Hauskeller, Michael, 1998. Was ist Kunst? Positionen der Ästhetik von Platon bis Danto. München: Beck Verlag. ISBN 978-3-406-44454-8

Humboldt, Wilhelm von, 1991 [1792]. Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen. Stuttgart: Reclam. ISBN 978-3-15-001991-7

Klepacki, Leopold und Jörg Zirfas, 2013/2012. Die Geschichte der Ästhetischen Bildung. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE [online]. [Zugriff am: 27.01.2020]. Verfügbar unter: https://www.kubi-online.de/artikel/​geschichte-aesthetischen-bildung

Lehnerer, Thomas, 1993 [1989] Ästhetische Bildung. In: Adelheid Staudte, Hrsg. Ästhetisches Lernen auf neuen Wegen. Weinheim: Beltz Verlag, S. 38–43. ISBN 978-3-407-62172-6

Liebau, Eckart, 2017. Diskurse über kulturelle Bildung. In: Sabine Grosser, Katharina Köller und Claudia Vorst, Hrsg. Ästhetische Erfahrungen: Theoretische Konzepte und empirische Befunde zur kulturellen Bildung. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag, S. 17–30. ISBN 978-3-631-67329-4 [Rezension bei socialnet]

Marotzki, Winfried, Arnd-Michael Nohl und Wolfgang Ortlepp, Hrsg. 2005. Einführung in die Erziehungswissenschaft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. ISBN 978-3-8100-3718-3

Mollenhauer, Klaus, 1996. Grundfragen ästhetischer Bildung: Theoretische und empirische Befunde zur ästhetischen Erfahrung von Kindern. Weinheim: Juventa. ISBN 978-3-7799-1030-5

Otto, Gunter, 1994. Das Ästhetische ist „Das Andere der Vernunft“: Der Lernbereich Ästhetische Erziehung. In: Friedrich Jahresheft. XII/1994, S. 56–58. ISSN 0176-2966

Pfeifer, Wolfgang et al., 1993. Ästhetik [online]. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften [Zugriff am: 29.08.2019]. Verfügbar unter: https://www.dwds.de/wb/%C3%84sthetik#etymwb-1

Rittelmeyer, Christian, 2010. Warum und wozu ästhetische Bildung? Über Transferwirkungen künstlerischer Tätigkeiten: Ein Forschungsüberblick. Oberhausen: Athena Verlag. ISBN 978-3-89896-674-0

Rittelmeyer, Christian, 2016. Bildende Wirkungen ästhetischer Erfahrungen: Wie kann man sie erforschen? Eine Rahmentheorie. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-1273-6 [Rezension bei socialnet]

Schiller, Friedrich, 2013 [1795]. Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen. [2. Teil; 10. bis 16. Brief.] In: Friedrich Schiller (Hrsg.): Die Horen, Band 1, 2. Stück. Tübingen, 1795, S. 51–94. In: Deutsches Textarchiv [online].[Zugriff am: 27.01.2020]. Verfügbar unter: http://www.deutschestextarchiv.de/schiller_erziehung02_1795

Vorst, Claudia, Sabine Grosser, Juliane Eckhardt und Rita Burrichter, Hrsg. 2008. Ästhetisches Lernen: Fachdidaktische Grundfragen und praxisorientierte Konzepte im interdisziplinären Kontext von Lehrerbildung und Schule. Frankfurt am Main: Peter Lang. ISBN 978-3-631-55714-3

Welsch, Wolfgang, 2017. Ästhetisches Denken. Stuttgart: Reclam. ISBN 978-3-15-019472-0

Zirfas, Jörg, Leopold Klepacki und Diana Lohwasser, 2009. Geschichte der Ästhetischen Bildung. Bd. 1: Antike und Mittelalter. Paderborn: Ferdinand Schöningh

14 Literaturhinweise

Bockhorst, Hildegard, Vanessa-Isabelle Reinwand und Wolfgang Zacharias, Hrsg. 2012. Handbuch kulturelle Bildung. München: Kopaed. ISBN 978-3-86736-330-3 [Rezension bei socialnet]

Bilstein, Johannes, Leopold Klepacki, Eckart Liebau und Jörg Zirfas, 2009. Geschichte der Ästhetischen Bildung. Band 1: Antike und Mittelalter. Paderborn: Schöningh. ISBN 978-3-506-76492-8

Klepacki, Leopold, Eckart Liebau und Jörg Zirfas, Hrsg. 2011. Geschichte der Ästhetischen Bildung. Band 2: Frühe Neuzeit. Paderborn: Schöningh. ISBN 978-3-506-77059-2

Klepacki, Leopold, Eckart Liebau, Jörg Zirfas und Diana Lohwasser, 2014. Geschichte der Ästhetischen Bildung. Band 3 Neuzeit/​Teilbd. 1., Aufklärung. Paderbor: Schöningh. ISBN 978-3-506-76615-1

Lohwasser, Diana, Daniel Burghardt, Leopold Klepacki, Thomas Höhne und Jörg Zirfas, 2016. Geschichte der Ästhetischen Bildung. Band 3., Neuzeit/​Teilband 2., Klassik und Romantik Paderborn: Schöningh. ISBN 978-3-506-78226-7

Liebau, Eckart, Benjamin Jörissen und Leopold Klepacki, Hrsg. 2014. Erforschung kultureller und ästhetischer Bildung. Metatheorien und Methodologien. München Kopaed. ISBN 978-3-86736-339-6

Klepacki, Leopld, Daniel Burghardt und Jörg Zirfas, 2019. Geschichte der Ästhetischen Bildung. Band 4: Moderne. Paderbor: Schöningh

Mattenklott, Gundel, Constanze Rora, Hrsg. 2004. Ästhetische Erfahrung in der Kindheit: Theoretische Grundlagen und empirische Forschung. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-7799-1262-0

Reinwand-Weiss, Vanessa-Isabelle, 2013/2012: Künstlerische Bildung – Ästhetische Bildung – Kulturelle Bildung. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE [online]. [Zugriff am: 09.01.2020]. Verfügbar unter: https://www.kubi-online.de/artikel/​kuenstlerische-bildung-aesthetische-bildung-kulturelle-bildung

15 Informationen im Internet

Autorin
Prof. Dr. phil. habil. Sabine Grosser
Fachhochschule Kiel, Professur für Ästhetische Bildung
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Es gibt 3 Lexikonartikel von Sabine Grosser.


Zitiervorschlag
Grosser, Sabine, 2020. Ästhetische Bildung [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 23.04.2020 [Zugriff am: 27.05.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Aesthetische-Bildung

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Prof. Dr. phil. habil. Sabine Grosser
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veröffentlicht am 23.04.2020

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