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Ästhetisches Denken

Prof. Dr. Wolfgang Welsch

veröffentlicht am 13.06.2025

Etymologie: gr. aisthesis sinnliche Wahrnehmung

Englisch: Aesthetic thinking

„Ästhetisches Denken“ bezeichnet ein Denken, das auf sinnlicher Wahrnehmung basiert und Sinneserfahrungen nicht nur als Ausgangsmaterial, sondern als wesentlichen Bestandteil des Denkprozesses versteht. Es verbindet Wahrnehmung und Reflexion zu einer Einheit, statt sie als getrennte Bereiche zu behandeln. Seit den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts hat dieser Ansatz in Philosophie und Kulturwissenschaften stark an Bedeutung gewonnen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Historischer Überblick
    1. 2.1 Antike: Das sinnliche Fundament des Denkens
    2. 2.2 Mittelalter: Von der Sinneserfahrung zur Gottesschau
    3. 2.3 Neuzeit: Der cartesische Dualismus und seine Überwindung
  3. 3 Etymologische Befunde
  4. 4 Die neuere Entwicklung
    1. 4.1 Kritik an der instrumentellen Vernunft
    2. 4.2 Ästhetische Wende in der Philosophie
    3. 4.3 Ästhetisches Denken in der Postmoderne
    4. 4.4 Ökologie und ästhetische Sensibilisierung
    5. 4.5 Ästhetisierung der Lebenswelt
    6. 4.6 Ästhetisierung in der Wissenschaft
  5. 5 Die Verfahrensweise ästhetischen Denkens
    1. 5.1 Wahrnehmung als Grundlage
    2. 5.2 Sinnwahrnehmung jenseits bloßer Sinneswahrnehmung
    3. 5.3 Die vier Schritte ästhetischen Denkens
    4. 5.4 Ein Beispiel: Moderne und Moder
    5. 5.5 Die Verflechtung von Sinnlichkeit und Reflexion
  6. 6 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Auf den ersten Blick könnte man bei „ästhetischem Denken“ einen Widerspruch vermuten, da Ästhetik traditionell als eine Sache der Sinne, Denken hingegen als eine Sache der Vernunft gilt. Doch genau diese Trennung wird hier überwunden. Ästhetisches Denken erkennt an, dass Wahrnehmen dem Denken innewohnt und umgekehrt Reflexion in den Sinnen angelegt ist. Die Sinne liefern nicht nur Rohmaterial für das Denken, sondern prägen auch komplexe Denkprozesse.

Historisch lässt sich ästhetisches Denken bis in die Antike zurückverfolgen, wo bei Platon und Aristoteles das Schauen und Wahrnehmen bereits als grundlegende Elemente geistiger Vollzüge verstanden wurden. Nach einer langen Tradition des Dualismus zwischen Sinnen und Vernunft (besonders seit Descartes) wurde diese Trennung im 20. Jahrhundert zunehmend in Frage gestellt. Besonders in der postmodernen Philosophie und im Kontext einer zunehmend ästhetisierten Wirklichkeit gewann dieser Denkansatz an Bedeutung.

Ästhetisches Denken vollzieht sich in einem charakteristischen Prozess: Ausgehend von einer sinnlichen Wahrnehmung bildet sich eine imaginative Sinnvermutung, die reflexiv geprüft wird und anschließend zu einer neuartigen Gesamtsicht führt. Es handelt sich um ein Denken, das die epistemologischen Potenziale des Sinnlichen ausschöpft und dabei die traditionelle Opposition zwischen Wahrnehmung und Reflexion hinter sich lässt. In einer Welt, die selbst zunehmend ästhetische Züge trägt – von der medialen Durchdringung bis zur gestalterischen Neuformung der Wirklichkeit – erweist sich ästhetisches Denken als zeitgemäße und angemessene Erkenntnisform.

2 Historischer Überblick

2.1 Antike: Das sinnliche Fundament des Denkens

Für maßgebliche Denker der Antike standen Wahrnehmung und Denken in enger Beziehung. So waren für Platon die Ideen entscheidend. Eine Idee (griech. idéa) ist etwas, was man sehen, schauen, erblicken (griech. ideĩn) muss. Dieses Schauen erfolgt nicht mit den sinnlichen Augen, sondern mit dem geistigen Auge, dessen Akte von ganz anderer Art sind als die des diskursiven und reflexiven Denkens. Dieses trifft Unterscheidungen, stellt Abwägungen an, zieht Schlüsse. Das geistige Schauen hingegen erfasst seinen Gegenstand direkt und unmittelbar, ohne jeglichen Umweg. Unsere Vernunft ist Platon zufolge zuvörderst auf ein solches Schauen des Grundlegenden (eben der Ideen) angewiesen, Reflexion kommt erst an zweiter Stelle.

Auch Platons Schüler Aristoteles hat bei aller sonstigen Differenz zu Platon an der Bedeutung wahrnehmungsartiger Vollzüge für die Sphäre des Geistes festgehalten (Welsch 1987). Das Wahrnehmen hat bei ihm Modellfunktion für die Deutung des Denkens. Der Geist „berührt“ seine Gegenstände ähnlich wie die Wahrnehmung die ihren: „sich selbst denkt der nous in Ergreifung des noeton; denn denkbar wird er selbst, das Denkbare berührend und denkend“ (Aristoteles, Metaphysik, XII 7, 1072 b 19–21). Aristoteles sprach bei der Erfassung irreduzibler Erstverhalte von aisthesis, also von Wahrnehmung. So stellte er an der Stelle, wo er die Definition des Menschen als zoon logon echon einführte, klar, dass diese Auszeichnung darauf beruht, dass der Mensch eine besondere aisthesis besitze, nämlich den Sinn für Prädikate wie gut und schlecht, gerecht und ungerecht (und nicht bloß, wie die Tiere, für angenehm und unangenehm) (Aristoteles, Politik, I 2, 1253 a 15–18). Entsprechend charakterisierte er auch die Höchstform der sittlichen Klugheit (phronesis), den praktischen Geist (nous), geradezu direkt als aisthesis (Aristoteles, Nikomachische Ethik, VI 12, 1143 b 5).

Schließlich betonte Aristoteles in epistemischer Hinsicht die Bedeutung von Wahrnehmungsvollzügen für alles Wissen. Er war überzeugt, dass wir nicht von vornherein im Besitz des Allgemeinen sind, sondern erst im Ausgang von Einzelnem durch Induktion zum Allgemeinen gelangen. Das Vermögen dazu bezeichnete er in seiner höchsten Ausprägung als nous – eine „ästhetische“ Kraft der Erfassung der Prinzipien (Aristoteles, Analytica posteriora, II 19). Keine Wissenschaft ohne solche aisthesis, kein Denken ohne solch ästhetischen Vollzug. – Kurzum: „Denken ist für Aristoteles fürwahr ein in höherer Weise geschehendes Wahrnehmen. Das noein ist strukturell nichts anderes als ein höheres aisthanesthai(Welsch 1987, S. 425).

2.2 Mittelalter: Von der Sinneserfahrung zur Gottesschau

Im Mittelalter bildete sich die Auffassung heraus, dass es einen direkten Übergang von der Sinneserfahrung zum geistigen Sehen gibt – das sogar bis zur Schau Gottes reichen kann. Die Natur wird, da sie von Gott geschaffen ist, als ein Medium angesehen, durch dessen Betrachtung wir uns Gott nähern können. Insbesondere galt alles Glänzende als ein Reflex des göttlichen Urlichts, der uns zu diesem emporzuführen vermag. Die Wahrnehmung des materiell Strahlenden wurde als Weg zum Immateriellen verstanden.

Während eine ältere Auffassung in Edelsteinen, Perlen oder Gold nur Tand und Blendwerk des Teufels sah, galten sie der neueren Auffassung als Medien der Erhebung zur Vision Gottes. Exemplarisch zeigte sich dieser Kontrast im 12. Jahrhundert im Konflikt zwischen Bernhard von Clairvaux, dem Abt des Zisterzienserordens, und Abt Suger von Saint-Denis, dem Initiator der gotischen Architektur (Panofsky 1975, S. 125–166).

2.3 Neuzeit: Der cartesische Dualismus und seine Überwindung

Ein strikter Gegensatz von Wahrnehmung und Denken bildete sich im 17. Jahrhundert im Gefolge des cartesischen Dualismus von res extensa und res cogitans heraus. Die Natur sollte nun auf einmal allein durch Ausdehnung charakterisiert und eine rein materielle Angelegenheit sein (res extensa), während der Mensch durch eine völlig andere Seinsart bestimmt sein sollte: durch Rationalität, Denken, Geist (res cogitans). Beide galten als noch radikaler verschieden als Feuer und Wasser.

Descartes wertete die Sinneserfahrung entschieden ab. Die eigentümlichen Gegenstände der Sinne – also etwa Farbe für das Sehen, Töne für das Hören oder Weichheit für den Tastsinn – sind Descartes zufolge ganz und gar illusorisch. Sie lehren uns nichts über die Dinge selbst, weisen keinerlei Ähnlichkeit mit diesen auf (Descartes 1637), sondern resultieren allein aus der subjektiven Verfassung unserer Sinne. Entsprechend belehren sie uns nur über die Zuträglichkeit oder Abträglichkeit der Gegenstände für unsere Körper, nicht aber über die Welt, wie sie ist (Descartes 1644). Die Sinneserfahrung als wahr hinsichtlich der Gegenstände anzusehen, gilt Descartes als „die erste und Hauptursache aller unserer Irrtümer“ (a.a.O., S. 26). Ein ästhetisches Denken wäre in seinen Augen schlicht eine Katastrophe.

Es dauerte Jahrhunderte, bis dieser Dualismus und seine Abwertung der Sinneserfahrung überwunden wurden (Welsch 2024). Leibniz versuchte die Sinne zu rehabilitieren: ihre Eindrücke besäßen durchaus eine „expressive“ Ähnlichkeit mit den Dingen (Leibniz 1704, S. 118). Diderot sprach der Descartes zufolge bloß toten Materie Empfindungsfähigkeit zu und baute so eine Brücke zwischen Materie und Geist, wie er überhaupt eine Weltsicht der Kontinuität anregte: „Jedes Tier ist mehr oder weniger Mensch, jedes Mineral ist mehr oder weniger Pflanze, jede Pflanze mehr oder weniger Tier. Es gibt keine scharfe Abgrenzung in der Natur“ (Diderot 1769, S. 454).

Goethe konnte über den cartesischen Gegensatz von Natur und Geist nur den Kopf schütteln und erneuerte die Auffassung, dass Naturerfahrung bis zur Schau von Ideen zu führen vermag: „Das kann mir sehr lieb sein, dass ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe“ (Goethe 1817, S. 541). Und Novalis betonte die Zusammengehörigkeit von Mensch und Natur: „Ich weiß nicht, warum man immer von einer abgesonderten Menschheit spricht. Gehören Tiere, Pflanzen und Steine, Gestirne und Lüfte nicht auch zur Menschheit und ist sie nicht ein bloßer Nervenknoten, in den unendlich verschiedenlaufende Fäden sich kreuzen. Lässt sie sich ohne die Natur begreifen?“ (Novalis 1799, S. 490).

3 Etymologische Befunde

Etymologisch zeigt sich, dass geistigen Vollzügen von Anfang an sinnliche Konnotationen eingeschrieben sind. Besonders aufschlussreich ist die Betrachtung von nous, dem altgriechischen Ausdruck für Geist, und sapientia, dem lateinischen Wort für Weisheit.

Nous stammt von der indogermanischen Wurzel snóϝos ab, die „riechen“ oder „wittern“ bedeutet. Kurt von Fritz hat dies seit den 1940er Jahren in mehreren Untersuchungen dargelegt (Fritz 1943, 1945, 1946, 1971). Im Übrigen leiten sich auch das altdeutsche „schnuppern“ und „schnüffeln“ von dieser Wurzel her. Altgriechisch ist der Geist also ein Witterer, ein Schnupperer, ein Schnüffler.

Homers Ilias enthält ein aufschlussreiches Beispiel für diese ursprüngliche Bedeutung: Helena befindet sich mit ihrem Gesinde auf den Mauern Trojas, als sie eine merkwürdige Alte sieht. Sie „riecht“ förmlich, dass mit dieser Alten etwas nicht stimmt, dass etwas an ihr faul ist. In der Tat handelt es sich nicht um eine gewöhnliche Alte, sondern um die Göttin Athene, die Schutzgöttin der griechischen Gegner, die sich in arglistiger Absicht eingeschlichen hat (Homer, Ilias, III 396 ff.). Dieses wahrheitsträchtige „Riechen“ Helenas bezeichnet Homer als „noein“.

Man kann daraus ersehen, dass Geist von den Griechen anfänglich nach einem sinnlichen Modell, eben dem des Riechens, aufgefasst wurde. So wie das Riechen eine nicht vor Augen liegende Wahrheit erfasst (etwa wenn wir auch heute noch sagen, dass wir eine Gefahr „wittern“), so dringt auch der Geist zu einer zunächst nicht offensichtlichen Wahrheit vor, indem er die sinnliche Erscheinung übersteigt.

Besonders bemerkenswert ist, dass ausgerechnet demjenigen Sinn, der später gemeinhin als der niedrigste der fünf Sinne klassifiziert wurde – dem Riechen – Vorbildfunktion für das höchste Vermögen, den Geist, attestiert wurde. Dies lässt erkennen, wie dramatisch die spätere Umstellung war, die von einer sinnlichen Präfiguration des Geistes nichts mehr wissen wollte.

Auch das lateinische sapientia (Weisheit) birgt sinnliche Konnotationen des Riechens und des Geschmacks. Lat. sapere hat zum einen die Nebenbedeutung des Riechens behalten (Luck 1964, S. 204), zum anderen klingt in „sapientia“ „sapor“ nach – also Geschmack. Geschmack ist zugleich derjenige Sinn, der dem ästhetischen Urteilsvermögen par excellence – eben dem Geschmack – seinen Namen gab.

Die Aufklärer waren sich dieser Nähe von Weisheit und Geschmack sehr bewusst – das Aufklärungsmotto „sapere aude“ bedeutete für sie sowohl die Verpflichtung, Mut zum Wissen aufzubringen als auch die Aufforderung, Mut zum Schmecken an den Tag zu legen. Noch Nietzsche wies auf eine Verbindung von Weisheit und Schmecken hin: „Das griechische Wort, welches den ‚Weisen‘ bezeichnet, gehört etymologisch zu sapio ich schmecke, sapiens der Schmeckende, sisyphos der Mann des schärfsten Geschmacks; ein scharfes Herausmerken und -erkennen, ein bedeutendes Unterscheiden macht also, nach dem Bewusstsein des Volkes, die eigentümliche Kunst des Philosophen aus“ (Nietzsche 1980a, S. 816). Der Weise ist für Nietzsche ursprünglich ein „Mann des Geschmacks“ und „Weisheit, künstlerische sowohl wie erkennende“, ist ihm zufolge geradezu gleichbedeutend mit „Geschmack“ (Nietzsche 1980b, S. 449).

Diese etymologischen Befunde unterstreichen die tiefe Verwurzelung geistiger Vollzüge in sinnlichen Wahrnehmungsprozessen.

4 Die neuere Entwicklung

4.1 Kritik an der instrumentellen Vernunft

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zu neuartigen Plädoyers für ein ästhetisches Denken. Nun stand nicht mehr die Überwindung des Geist-Materie-Dualismus im Vordergrund, sondern die Opposition gegen eine rigide Rationalität, die im Verbund mit der durch sie ermöglichten Technologie die Menschen zu mechanisieren und ihre Lebendigkeit zu ersticken droht.

Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung von 1947 gab das Startsignal. Die Autoren diagnostizierten, dass die abendländische Vernunft, statt Freiheit zu bringen, Herrschaft und Uniformierung bewirke. „Der Geist wird […] zum Apparat der Herrschaft und Selbstbeherrschung“, „Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit“ (Horkheimer und Adorno, 1947, S. 53 bzw. 141). Durch ihre technologischen Apparaturen befreie die Vernunft zwar die Menschen vom Zwang der äußeren Natur, aber damit gehe zugleich die Unterdrückung der inneren Natur der Menschen einher. Und das eine sei vom anderen nicht zu trennen. Denn das Erfolgsprinzip der Vernunft sei die Egalisierung. Diese mache Natur berechenbar und beherrschbar, zugleich aber werde dadurch gesellschaftlich die Besonderheit der Individuen unterdrückt, der Einzelne werde bloß als Fall des Allgemeinen behandelt. So schlage Befreiung in Unterdrückung um: „Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“ (a.a.O., S. 19).

4.2 Ästhetische Wende in der Philosophie

Ludwig Wittgenstein notierte 1946: „O, warum ist mir zumute, als schriebe ich ein Gedicht, wenn ich Philosophie schreibe?“ (Wittgenstein 1982, S. 316). Bereits 1912 hatte er in einer Kontroverse mit Bertrand Russell auf dem ästhetischen Charakter seines Philosophierens bestanden. Wittgenstein zog für sein philosophisches Schaffen immer wieder Parallelen zur Musik, zur Architektur, zur Malerei und zur Dichtung: „Mein Stil gleicht […] musikalischem Satz“; „ich bin im Grunde doch ein Maler“; „Philosophie dürfte man eigentlich nur dichten(Wittgenstein 1984, S. 505, 567, 483).

Adorno betrachtete in seinen späten Jahren die Ästhetik als das Remedium par excellence für die Defizite der Rationalität. Seine Ästhetische Theorie von 1970 besagt, dass Kunst die Natur nicht unterdrückt, sondern freigibt und anerkennt: „Freiheit regt sich im Bewusstsein der Naturähnlichkeit“ (Adorno 1970, S. 410). Ästhetische Erfahrung und Kompetenz galten Adorno nunmehr als Signum wahrer Geistigkeit (a.a.O., S. 344).

4.3 Ästhetisches Denken in der Postmoderne

In den 1980er-Jahren wurde ästhetisches Denken weithin dominant. Das galt vor allem für diejenigen Philosophen die als „postmodern“ klassifiziert wurden.

Jean-François Lyotard, der „Vater“ der philosophischen Postmoderne, war ein durch und durch ästhetisch geprägter Denker (dazu detailliert Welsch 1990, S. 84–98). Schon sein erstes großes Buch (Discours, figure von 1971) war Fragen der Kunst gewidmet, und auch weitere seiner Schriften befassten sich mit Künstlern wie Duchamp, Newman, Buren oder Adami und Arakawa. Lyotard hat zudem das ästhetische Thema des Erhabenen neu auf die Agenda gesetzt. Bezeichnenderweise hat er Maler und Philosophen parallelisiert und bezeichnete sie als „Brüder im Experimentieren“ (Lyotard 1985, S. 102).

Bei Jacques Derrida stand insbesondere die Literatur dem Kern seines Denkens nahe. Derrida schrieb über Artaud, Bataille, Genet, Blanchot und Kafka, und die Affinität zur Literatur prägte sein Philosophieren bis hin zur Verwischung der Grenzen zwischen Philosophie und Literatur. Auch bei Michel Foucault war der Einfluss von Malerei und Literatur sowie generell ein ästhetischer Grundzug unübersehbar. Sein berühmtes Buch Die Ordnung der Dinge (1966) ist in seiner Struktur durch Velazquezʼ Las Meninas und in seinem Ziel durch die Sprache Mallarmés bestimmt. In seinen spätesten Werken skizzierte Foucault eine „Ästhetik der Existenz“, wo das Ästhetische den engen Bezug zur Kunst überschreitet und als Grundform des Daseins gesehen wird – ein noch für die gegenwärtige Bedeutung und Konjunktur des Ästhetischen eminent bezeichnender Zug.

Gilles Deleuze schließlich hat die Vorstellung eines „informellen Chaos“ als die Matrix seines Hauptwerks Differenz und Wiederholung bezeichnet (Deleuze 1968, S. 356) und später das Kino als philosophische Praxis charakterisiert: der Regisseur sei ein Philosoph, der mit Bildern und Tönen denke und auf der Suche nach dem „neuen, denkenden Bild“ sei (Deleuze 1989, S. 288).

Auch italienische, deutsche und amerikanische Denker wie Gianni Vattimo, Peter Sloterdijk oder Richard Rorty zeigten eine auffallende Affinität zu ästhetischen Verfahrensweisen. Sloterdiijk vertrat die These, dass die Schranke zwischen dem Ästhetischen und dem Logischen hinfällig werde: „Etwas merken ist Wahrnehmung, ist Ästhetik im weitesten Sinne und bleibt bis in die letzte Instanz die Angelegenheit des Denkens“ (Sloterdijk 1987, S. 125).

4.4 Ökologie und ästhetische Sensibilisierung

Starken Auftrieb erhielt die Zuwendung zu einem ästhetischen Denken auch durch die ökologische Bewegung. Es wurde klar, dass rationale Argumentationen – „die Umwelt kollabiert“; „die Artenvielfalt schwindet“; „wir gefährden, wenn wir so weitermachen, unsere eigene Existenz“ –, allein nicht die Kraft haben, uns zu entsprechendem Handeln zu bewegen. Dafür braucht es vielmehr emotionale und empathische Komponenten: Wir müssen uns als ästhetische, nicht bloß als rationale Wesen betroffen fühlen.

4.5 Ästhetisierung der Lebenswelt

Eine weitere Entwicklung zum Dominantwerden ästhetischen Denkens war die zunehmende Ästhetisierung der Wirklichkeit. Nietzsches These vom Fiktionscharakter des Wirklichen ist immer überzeugender geworden. Wirklichkeit ist heute mehr und mehr zu einem ästhetischen Konstrukt mutiert. Im urbanen Raum wurde alles einem ästhetischen Facelifting unterzogen. Die Einkaufszonen wurden elegant, chic, animatorisch gestaltet. Kaum ein Pflasterstein, keine Türklinke und kein öffentlicher Platz blieb vom Ästhetisierungs-Boom verschont.

Der öffentliche Raum ist weithin zu einem Erlebnisraum geworden. Jede Boutique und jedes Café wird heute „erlebnisaktiv“ gestaltet. Es gibt sogar Vorschläge, Gedenkstätten des Nazi-Terrors als „Erlebnisräume“ zu inszenieren. Ästhetik ist sozusagen zur Leitwährung der Gesellschaft geworden. Gelingt es der Werbung, ein Produkt mit einer für den Konsumenten interessanten Ästhetik zu verbinden, so wird das Produkt unabhängig von seinen realen Eigenschaften gekauft. Man erwirbt nicht eigentlich den Artikel, sondern kauft sich mittels seiner in den Lifestyle ein, den die Werbung mit ihm assoziiert hat.

Da viele Lifestyles heute ihrerseits überwiegend ästhetisch geprägt sind, ist Ästhetik insgesamt zur Essenz geworden. Zudem betreiben viele Individuen ein immenses Self-Styling von Körper, Seele und Geist und arbeiten in Schönheitsstudios und Fitnesszentren an der ästhetischen Perfektionierung ihrer Körper und in Meditationskursen an der ästhetischen Spiritualisierung ihrer Seelen. Auch die Politik nutzt zunehmend rhetorische Mittel, und die soziale Kommunikation ist zunehmend durch Animation und Unterhaltung geprägt.

Auch die neuen Materialtechnologien unterliegen dieser Ästhetisierung. Die klassische Hardware par excellence, die Materie, ist zunehmend zu einem ästhetischen Produkt geworden. Neue industrielle Werkstoffe werden heute bis zur Endfertigung hin rein computersimulatorisch konzipiert und erprobt. Die einst für hart gehaltene Wirklichkeit erweist sich als veränderbar, als offen für die Realisierung ästhetischer Wünsche.

Ferner gilt in unserer Gesellschaft als real tendenziell nur noch das, was medial produziert oder reproduziert wird. Kulturelle Ereignisse werden von vornherein auf ihre mediale Attraktivität hin konzipiert (und finanziert). Was in der Welt stattfindet – von Kriegen über Naturkatastrophen bis hin zu sozialen Ereignissen –, findet nur dann statt, wenn es medial präsentiert wird. „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ (Luhmann 1996), S. 5).

Jean Baudrillard wies bereits in den späten 1970er-Jahren darauf hin, dass die heutige Wirklichkeit zur „Hyperrealität“ – zu einem Amalgam von Realität und Fiktion – geworden sei (Baudrillard 1976, S. 112–119). Wirklichkeit wird heute zunehmend durch mediale Informationen vermittelt und erzeugt, und deshalb ist es immer schwieriger geworden, Realität und ihre Darstellung auseinanderzuhalten. Besonders spektakulär und provokativ stellte Baudrillard dies 1991 anhand des zweiten Golfkriegs dar, den er als mediales Ereignis analysierte, bei dem sich Computersimulationen und CNN-Bilder vor das Realgeschehen schoben (Baudrillard 1991).

4.6 Ästhetisierung in der Wissenschaft

In den letzten zweihundert Jahren haben Wahrheit und Wissen zunehmend ästhetische Konturen angenommen. Bereits Kant legte in seiner Kritik der Urteilskraft (1790) dar, dass das ästhetische Urteil die Grundform des Erkenntnisurteils überhaupt repräsentiert. Diese Sicht wurde mit Nietzsches Fiktionalismus fortgesetzt: „Man darf hier den Menschen wohl bewundern als ein gewaltiges Baugenie, dem auf beweglichen Fundamenten und gleichsam auf fließendem Wasser das Aufthürmen eines unendlich complicirten Begriffsdomes gelingt“ (Nietzsche 1980a, S. 882).

Diese Perspektive reicht bis zur gegenwärtigen Wissenschaftstheorie und Naturwissenschaft. Selbst Otto Neurath, Hauptvertreter einer der strengsten wissenschaftstheoretischen Schulen, des „Wiener Kreises“), beschrieb unsere Situation ganz ähnlich wie Nietzsche: „Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können“ (Neurath 1932, S. 206). Und bei Karl Popper lesen wir, „dass dort, wo wir auf festem und sicherem Boden zu stehen glaubten, in Wahrheit alles unsicher und im Schwanken begriffen ist“ (Popper 1969, S. 103).

Thomas S. Kuhn zeigte schon 1962, dass die Wissenschaftsgeschichte nicht rational und linear verläuft, sondern dass sie, ebenso wie die Geschichte der Künste, durch eine Aufeinanderfolge revolutionärer Perioden, in denen die Basis verändert wird, und kumulativer Perioden, in denen auf der erreichten Basis weitergearbeitet wird, gekennzeichnet ist (Kuhn 1967). Kuhn bekannte, dass er zu dieser Auffassung der wissenschaftlichen Entwicklungsgeschichte durch einen Blick auf die „Geschichtsschreibung der Literatur, Musik, bildenden Kunst, Politik und vieler anderer menschlicher Tätigkeiten“ inspiriert worden war, wo die „Periodisierung durch revolutionäre Umbrüche von Stil, Geschmack und institutioneller Struktur“ schon seit langem zu den „Standardwerkzeugen“ gehöre (Kuhn 1976, S. 220).

Die ästhetische Verfassung der Wirklichkeit ist eine Einsicht nicht nur von Ästhetikern, sondern aller reflektierten Wirklichkeits- und Wissenschaftstheoretiker:innen des 20. Jahrhunderts. Am deutlichsten hat Paul Feyerabend die Kongruenz von Kognition und Ästhetik vertreten. In Wissenschaft als Kunst wies er darauf hin, dass „künstlerische Verfahren […] überall in den Wissenschaften“ vorkommen, besonders dort, „wo neue und überraschende Entdeckungen gemacht werden“ (Feyerabend 1984, S. 8). Die Wissenschaften seien ihm zufolge nichts anderes als „Künste“ (a.a.O., S. 78).

Auch in der naturwissenschaftlichen Forschungspraxis ist man sich der Bedeutung ästhetischer Momente bewusst geworden. Schon Bohr, Dirac, Einstein und Heisenberg hatten an vielen Stellen ästhetisch argumentiert. Poincaré erklärte sogar, dass ästhetische und nicht etwa logische Potenz die zentrale Fähigkeit eines guten Mathematikers sei. In neuerer Zeit betonte dann James D. Watson, dass ihm die Entschlüsselung der DNS-Struktur nur deshalb gelang, weil er davon ausging, dass die Lösung äußerst elegant sein müsse – nur unter dieser ästhetischen Prämisse vermochte er in angemessener Zeit unter der großen Zahl theoretisch offenstehender Lösungswege den zutreffenden zu finden (Watson 1969).

Die Ästhetik liefert nicht nur Intuitionen, sie stellt auch Kriterien bereit. Der ehedem für prinzipiell gehaltene Unterschied zwischen wissenschaftlicher und ästhetischer Rationalität hat sich als allenfalls gradueller Unterschied erwiesen. Kognitive Rationalität ist – ob in Kantischer oder Feyerabendscher Manier verstanden – in ihrer Grundschicht mit ästhetischen Momenten verflochten.

Ästhetik hat die Grundlagen von Wahrheit und Wissen durchdrungen, wie die Wissenschaft der Moderne zeigt. Dieser „aesthetic turn“, diese „ästhetischen Wende“ bedeutet, dass Ästhetik nun ein zentraler Bestandteil der Philosophie und der Interpretation der Wirklichkeit ist. Die „Erste Philosophie“, die allgemeinste Aussagen über die Wirklichkeit trifft, basiert heute auf ästhetischen Paradigmen. Je weiter wir zurückfragen, umso mehr stoßen wir auf ästhetische Momente und ästhetikartige Strukturen in den Grundlagen der Argumentationen und der elementaren Dimensionen von Wirklichkeit. Ästhetik ist zu einem Kernbestand der Wirklichkeit geworden.

Diese grundlegende Ästhetisierung erklärt, warum in den letzten Jahrzehnten das ästhetische Denken vordringlich geworden ist. Eine ästhetisch verfasste Wirklichkeit kann nur durch ein Denken erfasst werden, das für diese ästhetische Grundierung in besonderer Weise kompetent ist, also durch ein ästhetisches Denken. Begriffliches Denken reicht hier nicht aus. Die Grundlagen sind eben ästhetischer Natur, während Rationalität erst für die Folgestrukturen zuständig ist. Daher vermag rational-begriffliches Denken nicht die Elementarschicht zu erfassen, dazu ist vielmehr einzig ein ästhetisches Denken imstande. Für diese Umstellung von einem logozentrischen zu einem ästhetischen Denken ist die neuere Ästhetisierung der Wirklichkeit verantwortlich. Sie verlangt nach einem Denken, das sich auf die ästhetische Konstitution der Wirklichkeit einzulassen vermag. Daher ist ästhetisches Denken gegenwärtig das eigentlich realistische Denken.

5 Die Verfahrensweise ästhetischen Denkens

5.1 Wahrnehmung als Grundlage

Wie geht Ästhetisches Denken vor? Wie die Grundbedeutung von „ästhetisch“ – das auf aisthesis, also auf Wahrnehmung zurückgeht – es angibt, stehen Wahrnehmungsvollzüge am Anfang. Ästhetisches Denken ist eines, für das Wahrnehmungen ausschlaggebend sind – sowohl als Inspirationsquelle wie als Leit- und Vollzugsmedium. Ästhetisches Denken hat nicht nur anfänglich, sondern durchgehend eine ästhetische Signatur. Bei den Wahrnehmungen ist keineswegs nur an visuelle Wahrnehmungen zu denken, sondern auditive Phänomene sind ebenso wichtig, und auch andere Sinnesvermögen haben ihren Anteil. Der traditionelle Vorrang des Sehens ist hier außer Kraft gesetzt.

5.2 Sinnwahrnehmung jenseits bloßer Sinneswahrnehmung

Zu beachten ist, dass „Wahrnehmung“ ein weiterer Begriff ist als „Sinneswahrnehmung“. Für ästhetisches Denken sind gerade Wahrnehmungen ausschlaggebend, die nicht bloß Sinneswahrnehmungen sind. „Wahrnehmung“ ist in dem weiterreichenden Sinn von „Gewahrwerden“ zu verstehen. Solches Wahrnehmen erfasst Sachverhalte und modelt sich diese nicht irgendwie zurecht, sondern erfasst sie wahrhaftig. Wahrnehmung ist als „Wahr‑nehmung“ aufzufassen, besitzt Einsichtscharakter.

Man könnte zwischen „Sinneswahrnehmung“ und „Sinnwahrnehmung“ unterscheiden. Dass zwei Diskutierende Mühe miteinander haben, lässt sich objektiv feststellen. Aber dass sie aus einer Stimmung der Feindseligkeit heraus sprechen und eigentlich nicht um Worte und Aussagen, sondern um die Führung auf dem Podium kämpfen, muss man wahrnehmen. Was sich in einem Stierkampf im Einzelnen abspielt, kann man sehen. Aber dass darin der alte Kampf von Finsternis und Licht, Böse und Gut, Rohheit und Kultur, Gewalt und List sich wiederholt, dass urtümliche Kräfte hier erneut aufstehen und ihren Kampf vollführen, dessen muss man innewerden, das muss man wahrnehmen. Dass eine Person chic gekleidet ist, sich elegant bewegt und die Aufmerksamkeit der Umgebung auf sich zieht, kann man feststellen. Aber die erotische Aura, die sie ausstrahlt und die alle Umstehenden in ihren Bann zieht, muss man wahrnehmen.

Die erste Form ist relativ trivial, die letzte hingegen anspruchsvoll und bedeutsam. Auf sie kommt es an.

5.3 Die vier Schritte ästhetischen Denkens

Für ästhetisches Denken sind insgesamt vier Schritte zu unterscheiden:

  1. Stets stellt eine schlichte Beobachtung den Ausgangspunkt und die Inspirationsquelle des Folgenden dar.
  2. Von ihr aus bildet sich dann imaginativ eine generalisierte, wahrnehmungshafte Sinnvermutung.
  3. Diese wird anschließend reflexiv ausgelotet und geprüft.
  4. Schließlich resultiert daraus eine neuartige Gesamtsicht des betreffenden Phänomenbereichs.

5.4 Ein Beispiel: Moderne und Moder

Um ein Beispiel zu geben: München erlebte Ende der 1960er-Jahre einen enormen Modernisierungsschub. Die Olympischen Spiele standen bevor, überall gab es Bauarbeiten, und allerorten prangte die selbstbewusste Parole „MÜNCHEN WIRD MODERN“. Eines Morgens las ein Passant in zerstreuter Stimmung dort einen ganz anderen Satz. Gewiss, die Tafeln und die Buchstaben waren noch immer die gleichen wie vorher. Aber der Text lautete anders. Da stand auf einmal nicht mehr die Fortschrittsparole „MÜNCHEN WIRD MODERN“, sondern er las eine Fäulnisprophetie: „MÜNCHEN WIRD MODERN“ (wird in Moder übergehen). Ein kleiner Akzentwechsel, und der Modernisierungssatz schlug in ein Menetekel um.

Dieser Wahrnehmungssprung bildete die Initialzündung. Von da aus tauchte im zweiten Schritt die Frage und Vermutung auf: Könnte es sein, dass zwischen „Moderne“ und „Moder“ ein innerer Zusammenhang besteht? Könnte am Ende der Modernisierungsprozess als solcher ein Moderprozess sein? Das Bestürzende und möglicherweise Aufschlussreiche dieser Wahrnehmung war, dass man kein Jota ändern musste, um von der einen Sicht zur anderen, vom Fortschritts-Pathos zur Desaster-Vorstellung zu gelangen. „Modern“ schlug – buchstäblich identisch bleibend, allein aufgrund einer Akzentversetzung – in „Moder“ um.

Dann bedurfte es drittens einer reflexiven Prüfung der Hypothese. Vielleicht war der Gleichklang ja nur Zufall? Oder sollte es sich doch um das Aufblitzen einer Sinnkonstellation handeln? Machte man sich an die Analyse, so entdeckte man Indizien und schließlich strukturelle Gründe für den vermuteten Zusammenhang. Das ist heute, wo wir die Krisen der Moderne nicht mehr als Nebeneffekte bagatellisieren, sondern zunehmend als systematisches Produkt ungebremster Modernisierung erkennen, geläufiger, als es vor mehr als einem halben Jahrhundert war. Aber was durch eine einzelne Beobachtung veranlasst war, konnte sich schon damals zur reflexiv bestätigten Wahrnehmung verdichten.

Von da aus konnte sich schließlich viertens der Kernpunkt – die plötzlich wahrgenommene Konjunktion von Moderne und Moder – zu jener kritischen Gesamtsicht der Moderne entwickeln, die in der Rede von der „Postmoderne“ ihren Ausdruck fand.

Solcherart geht ästhetisches Denken vor. Eine Beobachtung oder Wahrnehmung steht am Anfang. Sie wirkt als Nukleus imaginativer Prozesse, die zu einer Vermutung führen. Darauf folgt die reflexive Prüfung. Im positiven Fall kommt es zur Konsolidierung der reflexiv erhärteten Wahrnehmung und dadurch zu einem Grundbild, das neue Einsicht bietet. Ein vor Augen (oder Ohren, allgemein: vor Sinn und Gemüt) tretendes Element hat eine Vermutung hervorgerufen, die wie ein Blitz eine Lage zu erhellen vermag. Aus einer einzelnen Beobachtung geht ein neues Bild von Wirklichkeit hervor.

5.5 Die Verflechtung von Sinnlichkeit und Reflexion

Bei ästhetischem Denken werden nicht Wahrnehmung gegen Denken oder Imagination gegen Reflexion ausgespielt. Derlei Strategien beruhen ohnehin stets auf falschen Voraussetzungen. Wir haben uns zuvor schon an antiken Beispielen (nous und aisthanesthai bei Homer und Aristoteles) klargemacht, dass sinnliche und reflexive Vollzüge von Grund auf verschwistert sind. Auch die analytische Philosophie hat gezeigt, dass bereits der einfachsten sinnlichen Wahrnehmung reflexive Strukturen eingebaut sind.

So wies Popper darauf hin, dass selbst die simpelste sinnliche Erfahrung begrifflich geprägt ist: „Sogar in einer sogenannten ‚phänomenalen‘ Sprache“, die nur möglichst deutungsfreie Beschreibungen wie „hier jetzt rot“ zuließe, wäre ein immenser begrifflicher Apparat am Werk: „das Wort ‚jetzt‘“ würde „eine (rudimentäre) Theorie der Zeit implizieren; das Wort ‚hier‘ eine Theorie des Raumes; und das Wort ‚rot‘ eine Theorie der Farben“ (Popper 1969, S. 76). Sellars hat das in allgemeinerer Form wiederholt. Ihm zufolge lassen sich nicht einmal Sinnesdaten ohne die Verwendung begrifflicher Raster identifizieren: „man könnte kein Beobachtungswissen von irgendeiner Tatsache haben, ohne gleichzeitig viele andere Dinge zu wissen“ (Sellars 1997, S. 75). Sinnliches und Begriffliches sind von Anfang an verwoben.

Insbesondere bei emphatischen Wahrnehmungen ist offenkundig, dass sie von sich aus Reflexion anstoßen und einer derartigen Fortsetzung auch bedürfen. Insofern bedeutet das Votum für ein „ästhetisches Denken“ keineswegs ein simples Plädoyer für Empfindung, Gefühl, Affekt und dergleichen im Unterschied zu Reflexion, Gedanke und Begriff. Es geht vielmehr darum, diesen Gegensatz hinter sich zu lassen und sowohl die Reflexionsanstöße der Wahrnehmung zu entfalten als auch die inneren Wahrnehmungs-Potenzen des Denkens zu mobilisieren. „Ästhetisches Denken“ ist keine contradictio in adiecto, sondern Ausdruck einer unabweisbaren Komplexion.

6 Quellenangaben

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Prof. Dr. Wolfgang Welsch
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