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Affektive Bindung

Affektive Bindung ist definiert als das subjektiv emotionale Erleben von Zusammengehörigkeit. In der Bindungstheorie wird eine positive affektive Bindung des Kindes an seine Eltern in der frühen Kindheit als eine wichtige Voraussetzung für das Entstehen von Urvertrauen und die Ich-Entwicklung betrachtet. In der Handlungstheorie wird die Übernahme sozialer Verantwortung und die Einbindung in ein Netz sozialer Solidaritäten mit dem Begriff der affektiven Bindung belegt.

Überblick

  1. 1 Affektive Bindung in der Bindungstheorie
  2. 2 Affektive Bindung in der Handlungstheorie
  3. 3 Handlungstheoretisches Sozialisationsmodell
  4. 4 Quellenangaben

1 Affektive Bindung in der Bindungstheorie

Bowlby (1979/2009) bezeichnet mit dem Begriff „affektive Bindung“ die Anziehungskraft, die ein Individuum für ein anderes besitzt. Die Entstehung affektiver Bindungen ist eine Folge des sozialen Verhaltens der einzelnen Individuen einer Art. Die Bindungen unterscheiden sich je nachdem, welche Individuen einer Art sich miteinander beschäftigen (für eine ausführlichere Auseinandersetzung mit der affektiven Bindung zwischen Eltern und Kind bzw. zwischen Mutter und Kind vgl. die Ausführungen zum Stichwort Bindung). Während die PartnerInnen eines Paares, zwischen denen eine Bindung besteht, sowohl dazu neigen, in der Nähe des anderen zu bleiben als auch das Bedürfnis nach Nähe beim anderen zu wecken, zeigen Individuen, die nicht aneinander gebunden sind, keine solchen Tendenzen.

Affektive Bindungen sind in der Regel mit starken Gefühlszuständen verbunden. Die meisten intensiven menschlichen Emotionen entstehen während der Bildung, der Aufrechterhaltung einer Bindung (jemanden lieben) und dem Verlust einer Bindungspartnerin oder eines -partners (um jemanden trauern). Während das Fortdauern einer affektiven Bindung als Quelle von Freude empfunden wird, löst drohender Verlust einer affektiven Bindung Angstgefühle aus, tatsächlicher Verlust verursacht Kummer. Angst und Kummer können aber auch in Wut münden oder durch Ärger- oder Wutreaktionen abgewehrt werden. Paradoxerweise spielt auch ein gewisses aggressives Verhalten eine Schlüsselrolle in der affektiven Bindung, das entweder als Angriff und Verscheuchen eines „Eindringlings“ in die affektive Bindung oder als Bestrafung einer oder eines „umherstreifenden“ Partnerin oder Partners ausagiert wird. Bowlby zufolge kann ein großer Teil pathologisch aggressiven Verhaltens auf ein enttäuschtes Bedürfnis nach affektiver Bindung zurückgeführt werden. In der frühen Kindheit ist eine positive affektive Bindung entscheidend für die Bewältigung der ersten Entwicklungsaufgabe nach Havighurst (1948, zit. in Hannover 2014, S. 152), die Ausbildung des Urvertrauens, und die Fähigkeit zur Exploration der Umwelt.

2 Affektive Bindung in der Handlungstheorie

Parsons (1977, S. 247 ff.) hat sich im Rahmen seiner Handlungstheorie intensiv mit der affektiven Bindung als Medium sozialen Austauschs auseinandergesetzt. Die Fähigkeit zur affektiven Bindung ist mit der Übernahme sozialer Verantwortung und der Einbindung in ein Netz sozialer Solidaritäten verbunden. Der oder die Einzelne muss in der Lage sein, eine Vielzahl von affektiven Bindungen und Loyalitäten zu Personen, Gruppen und Institutionen zu pflegen (z.B. der Bürger – „seine“ Stadt; der Student – „seine“ Universität).

Affektive Bindungen in Familien- und Freundschaftsbeziehungen umfassen tendenziell ein breiteres Spektrum der Persönlichkeit als spezialisierte Berufsrollen. Aber auch im Berufsleben besteht eine gewisse Variationsbreite von affektiven Bindungen im Hinblick auf Arbeitsgruppen, Abteilungen, Bereiche, Gesamtunternehmen oder Branche. Das Austauschmedium affektive Bindung besteht dabei in der Kapazität des Mitglieds eines Handlungssystems, ein solches komplexes Gefüge von affektiven Bindungen und Loyalitäten in unterschiedlichen Lebensbereichen und biografischen Phasen aufzubauen und zu organisieren (Miebach 2010). Auf der Rollenebene ist das Pendant zu affektiver Bindung die Fähigkeit, mit Konflikten umzugehen, die zwischen verschiedenen privaten und beruflichen Rollen der oder des Einzelnen entstehen.

Auf der Ebene des allgemeinen Handlungssystems ist die Form der Bindung variabler. Individuen können sich an politische Parteien oder Gruppierungen emotional binden, ohne die Rolle eines Mitglieds einzunehmen. Die Loyalität zu Vereinigungen oder Institutionen kann sich aber auch im aktiven Eintreten für deren Rechte und Ideen, aber auch in Form von materieller oder ideeller Unterstützung ausdrücken (Miebach 2010, S. 236).

3 Handlungstheoretisches Sozialisationsmodell

Durchaus ähnlich wie in der Bindungstheorie werden im handlungstheoretischen Sozialisationsmodell Wechselbeziehungen zwischen der affektiven Bindung und der Intelligenz angenommen. Als Handlungsfeld und „Sozialisationsagentur“ betrachteten Parsons und Platt (1973) exemplarisch die amerikanische Universität. Universitäten stellen eine geschützte Lernumwelt dar, in der die Studierenden Handlungskapazitäten stufenweise einüben können, indem nur solche Leistungsanforderungen im Hinblick auf ihre Intelligenz und Handlungskapazität gestellt werden, denen sie auf der Grundlage ihres Ausbildungsstandes gerecht werden können. Die Leistungsanforderungen sollten sie aber auch dazu ermuntern, sich die Aufgaben und Problemstellungen der nächsten Schwierigkeitsstufe zu erarbeiten (Zone der nächsten Entwicklung). Dafür muss die Universität im Rahmen des Lehrplans den Wissensstoff strukturieren und den Studierenden die Gelegenheit zur Anwendung des erlernten Wissens in Übungsaufgaben und kleineren Forschungsprojekten oder zur Einübung der Methodik wissenschaftlichen Arbeitens an praktischen Beispielen geben.

Parallel zum Training kognitiver Fähigkeiten sowie verantwortungsvoller wissenschaftlicher Arbeit wird den Studierenden an amerikanischen Universitäten angeboten, sich in Gruppen und Institutionen zu engagieren, die politische, soziale und gesellschaftliche Zielsetzungen verfolgen. Durch die Mitwirkung in verschiedenen Gruppierungen erschließt sich ihnen ein Übungsfeld für den Umgang mit Loyalitätsverpflichtungen. Parsons und Platt gehen davon aus, dass die Organisation von abgestuften Loyalitätsbindungen durch Intelligenz gestützt werden kann. Auftretende Loyalitätskonflikte erfordern den bewussten Einsatz von Strategien sowie die Kenntnis der Mechanismen zur Konfliktregulierung. Somit investiert die Studentin oder der Student ihre oder seine Intelligenz nicht allein in kognitive Ziele, sondern auch in die Fähigkeit zur rationalen Steuerung von Affekteinlagen, die Parsons und Platt Affektökonomie nennen. Umgekehrt unterstützt das Medium affektive Bindung die Entwicklung von kognitiver Intelligenz. Dazu müssen Lehrstrukturen zwei Bedingungen erfüllen: Solidarität und die Schaffung von Relevanzerlebnissen.

  • Solidarität. Parsons geht in seiner klassischen Rollentheorie davon aus, dass der Objektverlust beim Übergang von einem gewohnten Rollengefüge zu einem differenzierteren Rollen- und Wertmuster das Kind oder den Jugendlichen in eine Krise der Verunsicherung und Orientierungslosigkeit stürzt. Diese muss durch affektive Zuwendung der Eltern aufgefangen werden (Emotionsregulation und Feinfühligkeit). Dabei sollten die Eltern in gewissem Maße solidarisch miteinander agieren, da ein gespanntes Verhältnis die notwendige emotionale Unterstützung erschwert. Elterliche Solidarität muss dabei aber nicht völlige Harmonie bedeuten, vielmehr kann ein gewisses Maß an Verhaltensambivalenz und Spannung zwischen den elterlichen Erziehungsstilen durchaus stimulierend und konstruktiv auf die kindliche Entwicklung wirken (Oevermann 1972).
    Der Gedanke der elterlichen Solidarität wurde von Parsons und Platt (1973) auf die Hochschulsozialisation übertragen, indem sie ein bestimmtes Maß an kollegialer Solidarität als notwendig betrachten. Diese Solidarität hilft zu verhindern, dass die Studierenden während ihrer Studien- und Entwicklungskrisen die Orientierung verlieren oder in Drucksituationen die Dozierenden gegeneinander ausspielen. Dies ist allerdings nicht gleichbedeutend mit dem Vorspielen einer heilen Welt von wissenschaftlicher Harmonie, vielmehr lebt die Wissenschaft von Kritik und kontroversen Standpunkten. Mit diesen müssen sich Studierende ebenso auseinandersetzen wie mit abgeklärten Begriffen und Modellen.
  • Relevanzerlebnisse. Die Anregung von Relevanzerlebnissen führt zu einer affektiven Unterstützung kognitiven Lernens. Der Relevanzbegriff wird verwendet, wenn Studierende bereits einen affektiven Bezug zum Wissensstoff oder zu einer Forschungsaufgabe herstellen können. Dies ist in bestimmten Wissensgebieten, wie im Psychologie-, Pädagogik- oder Soziologiestudium denkbar. Ist der Wissensstoff positiv besetzt, ist von einer besonderen Motivation der Studierenden auszugehen, ein Wissensgebiet zu durchdringen. Im Falle einer negativen affektiven Bindung ist mit Lernblockaden zu rechnen.
    Eine zweite Form von Relevanzerlebnissen eröffnen Themen, die an politische, soziale oder weltanschauliche Interessen der Studierenden anknüpfen. Eine dritte und letzte Form von Relevanzerlebnissen ergibt sich aus der intensiven Beschäftigung mit bestimmten Themen und Problemen im individuellen Lebenslauf, beispielsweise in Schule, Familie, Peer-Gruppen oder Institutionen, aus der Einstellungen zu politischen, sozialen oder weltanschaulichen Fragen entstanden sind. Auch an diese Erfahrungen kann die Hochschullehre anknüpfen, um Relevanzerlebnisse zu fördern.

Falls die Universität geeignete Strukturen entwickelt hat, wird somit eine wechselseitige Unterstützung von Intelligenz und affektiver Bindung in Gang gesetzt, die bei Studierenden eine Steigerung der kognitiven und affektiven Kompetenzen bewirken kann. Um diese Prozesse analysieren zu können, erweiterten Parsons und Platt (1973) das auf Rollendifferenzierung abgestellte Sozialisationsmodell im Rahmen ihrer Hochschulstudie um die generalisierten Austauschmedien des allgemeinen Handlungssystems. Auf diese Weise entwickelten sie ein Instrument zur Analyse von Sozialisationsprozessen, die zur Internalisierung komplexer Wertmuster frühen (Miebach 2010, S. 234 f.).

4 Quellenangaben

Bowlby, John, 2009. Das Glück und die Trauer: Herstellung und Lösung affektiver Bindungen. 3. Auflage. Stuttgart: Klett Kotta. ISBN 978-3-608-94295-8

Hannover, Bettina, Lysann Zander und Ilka Wolter, 2014. Entwicklung, Sozialisation und Lernen. In Tina Seidel und Andreas Krapp, Hrsg. Pädagogische Psychologie. 6. Auflage. Weinheim: Beltz, S. 139–166. ISBN 978-3-621-27917-8

Miebach, Bernhard, 2010. Soziologische Handlungstheorie: Eine Einführung. 3. Auflage. Wiesbaden: Springer. ISBN 978-3-531-16854-8

Oevermann, Ulrich, 1972. Sprache und soziale Herkunft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-00519-4

Parsons, Talcott und George M. Platt, 1973. The American University. Cambridge Harvard University Press. ISBN 978-0-674-42361-9

Parsons, Talcott, 1977/1989. Der Stellenwert des Identitätsbegriffs in der allgemeinen Handlungstheorie. In Rainer Döbert, Jürgen Habermas und Gertrud Nunner-Winkler, Hrsg. Die Entwicklung des Ichs. Bodenheim: Athenaeum Verlagsgruppe, S. 68–88. ISBN 978-3-445-01723-9

Autorin
Prof. Dr. Tanja Jungmann
Universität Siegen, Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Förderpädagogik
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Es gibt 12 Lexikonartikel von Tanja Jungmann.


Zitiervorschlag
Jungmann, Tanja, 2019. Affektive Bindung [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 30.09.2019 [Zugriff am: 15.10.2019]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Affektive-Bindung

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Autorin

Prof. Dr. Tanja Jungmann
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veröffentlicht am 30.09.2019

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