Agiles Lernen
Dr. Vera Baum, Dr. Manuel Illi
veröffentlicht am 09.12.2024
Agiles Lernen ist ein flexibler, adaptiver Ansatz, der die Prinzipien und Methoden der agilen Softwareentwicklung auf Lernprozesse überträgt und mit Erkenntnissen der Erwachsenenbildung verbindet.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Hintergrund und Prinzipien agilen Lernens
- 3 Agiles versus klassisches Lernsetting
- 4 Ablauf des agilen Lernens: iterative und inkrementelle Lernsprints
- 5 Lernbegleitung: Agiles Lerncoaching
- 6 Auswirkung auf Mitarbeitende und Führungskräfte
- 7 Bildungsgerechtigkeit
- 8 Quellenangaben
- 9 Literaturhinweise
1 Zusammenfassung
Agiles Lernen überträgt Prinzipien der agilen Softwareentwicklung auf Lernprozesse und kombiniert sie mit Ansätzen der Erwachsenenbildung. Dabei stehen die individuellen Lernenden im Mittelpunkt und der Lernprozess ist von Selbstorganisation und Eigenverantwortung geprägt. Im Gegensatz zu vielen traditionellen Ansätzen ermöglicht agiles Lernen eine schnelle Anpassung an sich ändernde Bedürfnisse und Umstände, was es besonders geeignet für das dynamische und schnelllebige Lernen im Unternehmenskontext macht. Agiles Lernen löst sich damit vom Paradigma der Inhaltszentrierung, das in vielen Lehr- und Lernsettings nach wie vor im Mittelpunkt steht, zugunsten einer konsequenten Lernendenzentrierung.
2 Hintergrund und Prinzipien agilen Lernens
Agiles Lernen basiert auf den Werten und Prinzipien der agilen Softwareentwicklung, wie sie u.a. im Manifest für agile Softwareentwicklung (Beck et al. 2001) oder im Scrum-Guide beschrieben sind (Sutherland 2020). Diese Prinzipien beinhalten kontinuierliche Anpassung, Zusammenarbeit und iterative Zyklen, die durch regelmäßiges Feedback unterstützt werden. Das Ziel ist es, Lernprozesse dynamisch an veränderte Bedürfnisse und Anforderungen anzupassen und Lernende bei ihrer Eigenverantwortung für ihr Lernen zu unterstützen.
Eine zentrale Idee des agilen Lernens ist hierbei die Betonung des Individuums und seiner lernförderlichen Interaktionen, was – sofern möglich – höher als ausgearbeitete Curricula, Zertifizierungen oder bestimmte Prüfungsformen priorisiert wird. Dies bedeutet, dass Lernende aktiv in die Gestaltung ihres Lernprozesses einbezogen werden und die Möglichkeit haben, ihre Lernziele selbst festzulegen.
Agiles Lernen integriert in die oben genannten Prinzipien bewährte lehr- und lerntheoretische Aspekte:
- Konstruktivismus, der selbstgesteuertes und erfahrungsbasiertes Lernen betont, wobei Lernende auf bisherigen Erfahrungen aufbauen. Im agilen Lernen wird Wert auf die Berücksichtigung und Aktivierung des Vorwissens von Lernenden gelegt.
- Lernendenzentrierte Didaktik, die den Lernenden in den Mittelpunkt stellt, was Eigenverantwortung und Motivation fördert. Lernende erscheinen als die verantwortliche Instanz im Lernprozess, was die Wahl und Umsetzung der Lernziele betrifft (selbstreguliertes Lernen).
- Cognitive Apprenticeship, das mit den Aspekten Mentoring und Coaching im agilen Lernen unterstützt. Häufig wird dieser Aspekt im agilen Lernen in Form von agilen Lerncoaches realisiert.
- Soziales Lernen, das die Bedeutung von Beobachtung und Interaktion hervorhebt, wobei kollaboratives Lernen und Wissensaustausch gefördert werden.
- Metakognitive Strategien, die Lernenden helfen sollen, über ihr eigenes Lernen zu reflektieren und es selbst angemessen zu steuern. Regelmäßige Reflexion und Feedback im agilen Lernen entwickeln diese metakognitiven Fähigkeiten kontinuierlich weiter.
3 Agiles versus klassisches Lernsetting
Ein Vergleich zwischen agilem und klassischem Lernsetting verdeutlicht die Unterschiede in der Herangehensweise und den Prinzipien. Während das klassische Lernsetting auf festen Strukturen und Inhalten basiert, zeichnet sich ein agiles Lernsetting durch seine Flexibilität und Anpassungsfähigkeit aus:
| Aspekt | Klassisches Lernsetting | Agiles Lernsetting |
|---|---|---|
| Fokus des Lernsettings | Inhalt-zentriert | Lernenden-zentriert |
| Ziele | Externe Vorgaben z.B. durch Lehrplan | Selbstbestimmte Lernziele der Lernenden |
| Motivation | Extern getrieben (z.B. durch Unternehmensziele) | Stärker intern bedingt (z.B. durch persönliches Interesse und Relevanz) |
| Setting | Tendenziell formale, hierarchische Lernsettings | Meist informelle, kollaborative Lernsettings |
| Struktur | Linear, größtenteils fremdgesteuert | Iterativ, größtenteils selbstgesteuert |
| Evaluation | In der Regel summativ, d.h. nachgelagerte Überprüfung durch Prüfungen oder Tests | Formativ, d.h. kontinuierliches Feedback während des Lernprozesses |
| Ergebnis | Wissens- und Kompetenzerwerb | Wissens-, Kompetenz- und Metakompetenzerwerb |
4 Ablauf des agilen Lernens: iterative und inkrementelle Lernsprints
Der Ablauf des agilen Lernens wird meist in iterative mehrwöchige Phasen unterteilt. Iterativ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass bestimmte Ereignisse in derselben Abfolge in jeder Phase erneut durchlaufen werden. Meist handelt es sich dabei um Planungs-, Bearbeitungs- und Evaluationsereignisse.
Anstatt den Lernprozess über lange Zeiträume von Anfang bis Ende durchzuplanen, wird nach jeder Lernphase eine individuelle Bewertung vorgenommen und die Erkenntnisse fließen in die nächste Phase ein. Beispielsweise kann erworbenes Wissen mit Kolleg:innen in Form eines „Lunch and Learn“ geteilt werden oder ein erstellter Programmiercode einem erfahrenen Spezialisten oder einer erfahrenen Spezialistin zum Review mit anschließendem Feedback gezeigt werden. Dies ermöglicht eine kontinuierliche Anpassung und Verbesserung des Lernens, basierend auf den gesammelten Erfahrungen und dem Feedback von Expert:innen u.a. Durch diesen iterativen Ansatz bleibt der Lernprozess flexibel und es kann besser auf individuelle Bedürfnisse und sich ändernde Bedingungen reagiert werden.
Inkrementell bedeutet, dass der Lernprozess schrittweise erfolgt und auf den jeweiligen Ergebnissen einer Lernphase aufbaut. Größere, übergeordnete Lernziele werden also zu Beginn jeder Lernphase auf konkrete Teilziele heruntergebrochen. Das Inkrement – also das Teilergebnis – wird am Ende jeder Phase betrachtet und evaluiert. So kann auch eine kontinuierliche Anpassung der übergeordneten Ziele erfolgen.
Häufig werden bei der Gestaltung dieser Phasen Anleihen beim Scrum-Framework und dessen Terminologie (Agilität) gemacht, weshalb die Lernphase auch Sprint oder Lernsprint genannt wird und die Ereignisse als Planning, Review und Retrospektive bezeichnet werden.
- Planning: In dieser Phase werden Lernziele definiert, die Lernmotivation, Lernmethoden, Lernstrategien und Aufgaben abgeleitet, die im nächsten Sprint bearbeitet werden sollen und das Vorwissen zum geplanten Lernziel identifiziert.
- Lern- und Bearbeitungsphase: Die eigentliche Lernphase, in der die geplanten Schritte bearbeitet und Lernziele verfolgt werden. Hierbei wird großer Wert auf kollaboratives Lernen und den Austausch von Wissen und Erfahrungen gelegt.
- Review: Nach jeder Lernphase erfolgt eine Reflexion der Ergebnisse. Dies kann das Einholen von Feedback von Expert:innen, Trainer:innen oder Kolleg:innen, Lerncoaches oder anderen Beteiligten beinhalten. Die Sichtbarkeit des Lernerfolgs kann aber z.B. auch durch Software-gestütztes Feedback erfolgen.
- Retrospektive: Basierend auf dem Feedback wird das Vorgehen bei der Erreichung der Lernziele unter Berücksichtigung der angewandten Lernstrategien reflektiert und ggf. angepasst, um eine Verbesserung des Lernprozesses aber auch der metakognitiven Fähigkeiten im nächsten Sprint zu ermöglichen.
Die Erfahrung zeigt, dass viele Lernende mit der Zeit ihr eigenes Lernen zunehmend als einen kontinuierlichen Fluss gestalten möchten und dass daher auch gut eine Adaption des Kanban-Ansatzes im Lernen wie auch im Lerncoaching genutzt werden kann.
5 Lernbegleitung: Agiles Lerncoaching
Agile Lerncoaches unterstützen Lernende (sowohl individuell als auch in Gruppen) dabei, ihre Lernprozesse selbst zu steuern, kontinuierlich zu reflektieren und anzupassen. Sie müssen nicht notwendigerweise über Fachkenntnisse der gewählten Lerninhalte verfügen, da sie hauptsächlich Lernprozessbegleitende sind. Aufgrund der Nähe zum Scrum-Framework wird die Rolle des agilen Lerncoaches häufig auch mit der von Scrum-Mastern in agilen Software-Teams verglichen.
Die Aufgaben agiler Lerncoaches lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Lernbegleiter:in: Sie begleiten die Lernenden durch den gesamten Lernprozess, unterstützen bei der Festlegung von Lernzielen und der Planung von Lernaktivitäten.
- Content-Kurator:in: Sie helfen bei der Auswahl und Bereitstellung geeigneter Lernmaterialien oder der Durchführung sozialer, kollaborativer Lernformate.
- Kommunikator:in und Netzwerker:in: Sie fördern den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den Lernenden und anderen Beteiligten, wie beispielsweise Spezialist:innen, Wissensträger:innen oder Führungskräften.
- Motivator:in: Die Coaches ermutigen und unterstützen die Lernenden dabei, ihre Motivation aufrechtzuerhalten und kontinuierlich an ihren Zielen zu arbeiten.
- Metakognitive Coach:in: Sie helfen Lernenden, ihre eigenen Lernprozesse zu reflektieren, geeignete metakognitive Strategien zu entwickeln und den Lernprozess selbstständig zu steuern.
6 Auswirkung auf Mitarbeitende und Führungskräfte
Im Unternehmenskontext hat agiles Lernen und Lerncoaching auch Auswirkungen auf die Arbeit und Verantwortlichkeit von Führungskräften. Wichtig ist zunächst, dass sie agiles Lernen unterstützen, den Lernenden sowie den Lerncoaches vertrauen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, und sie selbst allgemein lebenslanges Lernen vorleben. Natürlich können in Mitarbeitendengesprächen Ziele mit Mitarbeitenden vereinbart werden, die dann eigenverantwortlich und mit Unterstützung durch Lerncoaches verfolgt werden, um Führungskräfte von der Sorge einer effektiven Zielerreichung zu entlasten.
Es ist davon abzuraten, dass disziplinarische Führungskräfte gleichzeitig auch das Lerncoaching der Mitarbeitenden übernehmen. Dies kann zu (inneren) Konflikten der Führungskraft führen, wenn z.B. der schnelle Outcome eines Lernprozesses strategisch oder kaufmännisch wichtig ist, ein nachhaltiger Lernerfolg aber einen längeren Lernprozess erfordert. Auch Mitarbeitende können vor dem Zwiespalt stehen, in einem Mitarbeitendengespräch einerseits Lernbedarf zu formulieren, andererseits mehr Gehalt zu fordern.
Agiles Lernen und Lerncoaching entlastet einerseits also Führungskräfte, fordert andererseits aber langfristige Unterstützung in Form von Ressourcen für Lernaktivitäten, Vertrauen in die Eigenverantwortung von Lernenden sowie Transparenz in Anforderungen und Rahmenbedingungen.
7 Bildungsgerechtigkeit
Bildungsgerechtigkeit ist ein zentraler Aspekt des agilen Lernens. Agiles Lernen berücksichtigt individuelle Unterschiede und fördert eine gerechte Behandlung durch individuelle und persönliche Unterstützung. Dies bedeutet, dass jede:r Lernende idealerweise genau die notwendige Unterstützung erhält, die für die eigenen Lernziele abhängig von den individuellen Voraussetzungen nötig sind.
Aus diesem Grund wurden Formen des agilen Lernens auch für die formale Bildung in Schule und Hochschule adaptiert (Leer Kracht Centrum eduScrum o.J.; Arn 2020).
8 Quellenangaben
Arn, Christoph, 2020. Agile Hochschuldidaktik. 3. erweiterte Auflage. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-6206-9
Beck, Kent, Mike Beedle, Arie van Bennekum, Alistair Cockburn, Ward Cunningham, Martin Fowler, James Grenning, Jim Highsmith, Andrew Hunt, Ron Jeffries, Jon Kern, Brian Marick, Robert C. Martin, Steve Mellor, Ken Schwaber, Jeff Sutherland und Dave Thomas, 2001. Manifest für Agile Softwareentwicklung [online]. [Zugriff am: 04.12.2024]. Verfügbar unter: https://agilemanifesto.org/iso/de/manifesto.html
Leer Kracht Centrum eduScrum, [ohne Jahr]. About eduScrum [online]. Alphen aan den Rijn, Niederlande: Leer Kracht Centrum eduScrum [Zugriff am: 23.07.2024]. Verfügbar unter: https://eduscrum.org/how-eduscrum-works/
Sutherland, Jeff, 2020. Der eduScrum Guide [online]. [Zugriff am: 23.07.2024]. Verfügbar unter: https://art2beagile.slab.com/public/​posts/​edu-scrum-guides-2-0-fk6r8ill
9 Literaturhinweise
Arn, Christoph, 2020. Agile Hochschuldidaktik. 3. erweiterte Auflage. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-6206-9
Gehlen-Baum, Vera und Manuel Illi, 2019. Lern doch was Du willst!: Agiles Lernen für zukunftsorientierte Unternehmen. Norderstedt: BOD. ISBN 978-3-7494-6321-3
Graf, Nele, Denise Gramß und Frank Edelkraut, 2022. Agiles Lernen: Neue Rollen, Kompetenzen und Methoden im Unternehmenskontext. 3. Auflage. Freiburg: Haufe Lexware GmbH. ISBN 978-3-6480-9529-4
Longmuß, Jörg, Gabriele Korge, Agnes Bauer und Benjamin Höhne, Hrsg., 2021. Agiles Lernen in Unternehmen. Berlin: Springer. ISBN 978-3-662-62012-0
Schwaber, Ken und Jeff Sutherland, 2020. Der Scrum Guide: Der gültige Leitfaden für Scrum: Die Spielregeln [online]. [Zugriff am: 04.12.2024]. Verfügbar unter: https://scrumguides.org/docs/scrumguide/​v2020/​2020-Scrum-Guide-German.pdf
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