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Akzeptanz

Dr. phil. Gernot Hahn

veröffentlicht am 07.04.2025

Akzeptanz bezeichnet die Bereitschaft, etwas Gegebenes anzunehmen oder hinzunehmen. In der Psychotherapie wird der Begriff enger auf die Annahme nicht veränderbarer, nicht beeinflussbarer Umstände, interner oder externer Merkmale bezogen, welche als Ergebnis persönlicher Entwicklung angenommen und integriert werden können.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Begriff und Abgrenzung
  3. 3 Akzeptanz in Psychotherapie und Beratung
  4. 4 Akzeptanz in anderen Fachgebieten
  5. 5 Kritik an akzeptanzbasierten Techniken
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Der Begriff „Akzeptanz“ ist im deutschen Sprachgebrauch erst seit relativ kurzer Zeit deutlich sichtbar, beispielsweise wurde der Begriff erst 1980 in die 18. Auflage des Rechtschreib-Duden aufgenommen. Dort wird er definiert als „Bereitschaft, etwas zu akzeptieren (syn. für an- oder hinnehmen)“. Im üblichen Sprachgebrauch bezeichnet Akzeptanz die Annahme eines gegebenen Umstands oder eines Objekts.

Im Kontext von Psychotherapie und psychosozialer Beratung bezieht sich Akzeptanz auf die Annahme und darauf aufbauend Integration unvermeidlicher Anteile des eigenen Lebens. Dazu gehören z.B. eigene Beschränkungen, Belastungen oder äußere negative Aspekte und Umstände, wie Verlustsituationen oder Problemverhalten dritter Personen.

2 Begriff und Abgrenzung

Anders als der Begriff der „Toleranz“, der eine Duldung von Umständen bezeichnet (ohne dass diese akzeptiert werden müssen), umfasst Akzeptanz die aktive Annahme eines Umstands als gegeben. Deutlich wird das im rechtlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Bereich, wo der Begriff als die aktive Annahme z.B. eines Zahlungsmittels oder eines Vertragsangebots Verwendung findet.

Im psychosozialen Sektor bezieht sich Akzeptanz auf die bewusste und achtsame Wahrnehmung von inneren und äußeren Phänomenen, welche als gegeben wahrgenommen, und im Fall, dass sie unveränderbar sind, angenommen werden. Ein aktives Befürworten solcher Phänomene ist mit ihrer Akzeptanz jedoch nicht zwingend verbunden.

3 Akzeptanz in Psychotherapie und Beratung

Im Kontext psychosozialer Beratung und Psychotherapie hat der Begriff Akzeptanz und die Arbeit mit akzeptanzbasierten Strategien, Verfahren und Techniken seit den frühen 2000er-Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) entwickelte sich auf Grundlage der Fortentwicklung im Bereich der Verhaltenstherapie als sog. „Dritte Welle der Verhaltenstherapie“ (nach einer ersten Welle die v.a. auf der Verhaltensebene und mit Bezug auf lerntheoretische Ansätze neue Strategien fokussierte [behaviorale Phase] und einer zweiten Welle welche stark auf kognitive Prozesse abzielte [kognitive Phase], Fiedler 2018).

Das Störungsverständnis der ACT basiert auf der Annahme dysfunktionaler psychischer Vorgänge, z.B. fehlender Trennung zwischen Sprache und Denken, Denken und Realität, Erlebnisvermeidung und Gedankeneinengung mit Grübeln und Überbetonung gedanklicher Prozesse, fehlenden, bzw. verschütteten Werten und einem Mangel an innerer Selbstverpflichtung (Commitment). Die störungsimmanenten Bewältigungsansätze der Patient:innen führen zwar zu kurzfristiger Lösung und temporärer Stabilität. Sie erweisen sich im Langzeitverlauf allerdings als dauerhaft nicht umsetzbar und mit negativen Konsequenzen für die Lebensführung verbunden, da gegebene strukturelle Belastungsaspekte abgespalten oder als Zielbereich für das eigene Leben etabliert werden. Dies kann zu dauerhaften kognitiven Verzerrungen, maladaptiven Verhaltensformen und emotionalen Problemen führen (Wengenroth 2016).

Die therapeutischen Strategien der ACT propagieren eine radikale Akzeptanz, was sich deutlich im Titel der für die ACT zentralen Publikation „Das Leben annehmen“ (Wengenroth 2016) ausdrückt. Die therapeutischen Strategien dieser Therapieform bauen neben der Annahme unveränderlicher Lebensparameter und der Existenz z.B. belastender Lebensphasen oder Erfahrungen auf Achtsamkeit und kognitive Defusion (die Auflösung der Fusion zwischen dem eigenen Ich und negativen Emotionen, also einer differenzierteren Selbstwahrnehmung), sowie die Klärung und Entwicklung von Werten und Lebenszielen, an denen konkrete Handlungsabsichten (Commitments) entwickelt werden.

Die ACT ist mittlerweile ein breit etabliertes Verfahren, das bei einer Reihe unterschiedlicher psychischer Störungen und Probleme (Wengenroth 2019, Cordshagen-Fischer und Fischer 2022) angewendet wird und positive Wirkeffekte aufweist (Heffner und Eifert 2004, Waadt und Acker 2013). Die Orientierung an diesen Inhalten erlaubt einen ressourcenorientierten, weniger an negativen Symptomen und Defiziten orientierten Zugang in Therapie und Beratung, womit positive Annäherungsziele adressiert und fokussiert werden.

Für die Soziale Arbeit wurde die Orientierung an akzeptanzorientierten Methoden als Rahmenkonzept für die psychosoziale Beratungspraxis formuliert (Brunsendorf 2018).

4 Akzeptanz in anderen Fachgebieten

In den Wirtschaftswissenschaften steht der Begriff Akzeptanz für den Annahmezwang für ein gesetzliches Zahlungsmittel oder Geld- und Kreditkarten („Akzeptiert werden Master- und Visa-, sowie EC-Karten“).

Im juristischen Bereich wird die Annahme eines Vertragsangebots als Akzeptanz bezeichnet.

Im soziologischen Kontext findet der Begriff seit den 1990er-Jahren Verwendung. Sie wird hier als „die Eigenschaft einer Innovation, bei ihrer Einführung positive Reaktionen der davon Betroffenen zu erreichen“ (Endruweit et al. 2014, S. 9) bezeichnet. Im Akzeptanzverständnis von Lucke (1995) bewegt sich Akzeptanz in einem Dreieck aus Akzeptanzobjekt (was ist zu akzeptieren?), Akzeptanzsubjekt (von wem ist etwas zu akzeptieren?) und Akzeptanzkontext (in welchem Umfeld ist etwas zu akzeptieren?). Der soziologische Bezug zum Begriff Akzeptanz fokussiert Werteaspekte, soziales Verhalten von Einzelnen oder Gruppen, soziale Rollenaspekte, sowie soziale Beziehungen auf Mikro- (Paar, Familie, Gruppe) oder Makroebene (Gesellschaft, Kulturkreis etc.).

Im Bereich der Politik und Gesellschaftswissenschaften, hier insbesondere auch in den angewandten Sozialwissenschaften, steht der Begriff der Akzeptanz für die Notwendigkeit, Bereitschaft und Fähigkeiten „Andersheiten“ (Doppler und Mpahlwa 2020) anzuerkennen und zu akzeptieren. Vor dem Hintergrund von Globalisierung, unterschiedlichen Lebensentwürfen und -formen, diversen Geschlechter- und Beziehungsformen ist die Fähigkeit zur Akzeptanz „anderer“ (oder „fremder“) Einstellungen und Lebensformen unabdingbar, um Teilhabechancen, soziale Gerechtigkeit, Integration und Entwicklung von Gesellschaften realisieren zu können.

5 Kritik an akzeptanzbasierten Techniken

Die ACT ist in der Psychotherapielandschaft gut etabliert, das Rahmenkonzept und die daraus entwickelten Methoden und Techniken gelten als angemessen und sind zum Teil in ihrer Wirksamkeit bestätigt. Die Kritik an akzeptanzbasierten Techniken richtet sich gelegentlich auf das Grundverständnis des ACT. Das zentrale Verständnis dieser Therapieschule impliziert, dass Leiden zum Leben gehört, wodurch dieses „normalisiert“ werde und die individuelle oder subjektive Bedeutung von Leid und Schmerz relativiert werde. Andererseits sind belastende und negative Erfahrungen kaum aus dem menschlichen Leben wegzudenken und können auf Basis des Akzeptierens in das Selbst integriert werden.

Die Techniken des Verfahrens richten sich vorwiegend an Personen mit guten Fähigkeiten der Selbstbeobachtung bzw. Introspektionsfähigkeit. Wie bei vielen Therapieverfahren können Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen oder einem erschwerten Zugang zu ihren emotionalen Anteilen möglicherweise (zunächst) weniger von derartigen Therapieangeboten profitieren. Da das ACT allerdings weniger auf sprachliche Interventionen (dafür mehr auf Erlebenserfahrungen) ausgerichtet ist, ergeben sich hier grundsätzlich gute Chancen, um einen Zugang zu Therapie und Beratung zu realisieren.

6 Quellenangaben

Brunsendorf, Sonja, 2018. Achtsamkeit und Akzeptanz als Rahmenkonzept in der Beratungspraxis Sozialer Arbeit. In: TUP – Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit. 69(1), S. 19–27. ISSN 0342-2275

Cordshagen-Fischer, Tanja und Jens-Eckart Fischer, 2022. Therapie-Tools Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) mit Kindern und Jugendlichen: Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-621-28820-0

Doppler, Klaus, und Luyanda Mpahlwa, 2020. Die Logik des Anderen: Warum wir Andersheiten akzeptieren und verstehen müssen um zukunftsfähig zu sein. Frankfurt: Campus. ISBN 978-3-593-51273-0 [Rezension bei socialnet]

Endruweit, Günter, Gisela Trommsdorff und Nicole Burzan, Hrsg., 1989. Wörterbuch der Soziologie: Begriff „Akzeptanz“. Stuttgart: UTB. ISBN 978-3-825-28566-1

Fiedler, Peter, 2018. Verhaltenstherapie mon amour (Wissen & Leben): Mythos, Fiktion, Wirklichkeit. Stuttgart: Schattauer. ISBN 978-3-608-42752-3

Heffner, Michelle und Georg Eifert, 2004. The Anorexia Workbook: How to accept yourself heal suffering and reclaim your life. Oakland: New Harbinger Publications. ISBN 978-1-57224-362-0

Lucke, Doris, 1995. Akzeptanz – Legitimität in der „Abstimmungsgesellschaft“. Leverkusen: Leske + Budrich. ISBN 978-3-8100-1496-2

Waadt, Michael und Jens Acker, 2013. Burnout – Mit Akzeptanz und Achtsamkeit den Teufelskreis durchbrechen. Bern: Hans Huber. ISBN 978-3-456-85082-5 [Rezension bei socialnet]

Wengenroth, Matthias, 2016. Das Leben annehmen: So hilft die Akzeptanz- und Commitmenttherapie. 3. Unveränderte Auflage. Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-456-85683-4

Wengenroth, Matthias, 2019. Gib dich nicht auf, lass dich wieder ein!: Depressionen mit der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) überwinden. Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-456-85885-2 [Rezension bei socialnet]

7 Literaturhinweise

Lotz, Norbert, 2018. Akzeptanz- und Commitmenttherapie. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-621-28564-3 [Rezension bei socialnet]

Waadt, Michael, Andrew Gloster und Jan Martz, 2015. Arbeiten mit der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT). Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-456-85558-5 [Rezension bei socialnet]

Wengenroth, Matthias, 2017. Therapie-Tools Akzeptanz- und Commitmenttherapie. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-621-28390-8 [Rezension bei socialnet]

Verfasst von
Dr. phil. Gernot Hahn
Diplom Sozialpädagoge (Univ.), Diplom Sozialtherapeut
Leiter der Forensischen Ambulanz der Klinik für Forensische Psychiatrie Erlangen
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