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Alkoholkonsumstörung

Medizinischer Disclaimer: Herausgeber und AutorInnen haften nicht für die Richtigkeit der Angaben. Beiträge zu Gesundheitsthemen ersetzen keine ärztliche Beratung und richten sich nur an Fachleute.

Alkoholkonsumstörung ist ein Begriff aus dem DSM-5 und fasst Alkoholabhängigkeit und Missbrauch bzw. schädlichen Gebrauch von Alkohol unter einem Konzept zusammen. Die Diagnose erfolgt mithilfe von elf Kriterien. Je mehr Kriterien erfüllt sind, desto schwerer wird die Störung eingestuft.

Überblick

  1. 1 Klassifikation nach DSM-5
  2. 2 Kriterien der Alkoholkonsumstörung
  3. 3 Quellenangaben

1 Klassifikation nach DSM-5

DSM-5 ist die Abkürzung für die 5. Auflage des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM). Es handelt sich um ein Klassifikationssystem für psychische Störungen, das von der American Psychiatric Association und auf Deutsch von Falkai und Wittchen (2015) herausgegeben wurde. Es gilt neben der ICD-10 bzw. in Zukunft ICD-11 als Standardwerk zur Diagnostik psychischer Störungen.

Mit der Einführung des DSM-5 im Jahr 2013 wurde die bislang geltende Differenzierung zwischen Missbrauch und Abhängigkeit aufgegeben und durch den Begriff der Alkoholkonsumstörung ersetzt. Diese Zusammenfassung basierte auf empirischen Studien, die ergaben, dass Abhängigkeit und Missbrauch ein eindimensionales Kontinuum und nicht zwei unabhängige Dimensionen darstellen (Rumpf und Kiefer 2011).

Das Konzept „Alkoholkonsumstörung“ wird im ICD allerdings nicht geteilt. Dort wird klar zwischen dem Abhängigkeitssyndrom (F10.2, DIMDI 2018) und dem schädlichen Gebrauch (F10.1, DIMDI 2018) unterschieden. Auch im ICD 11 wird diese Unterscheidung bestehen bleiben. KritikerInnen bemängeln, dass die Alkoholkonsumstörung zuverlässig messbare Abhängigkeitskriterien mit weniger verlässlichen sozialen Konsequenzen vermenge (Gmel 2015). Das Auseinanderdriften der Konzepte von ICD-10/11 und DSM-5 hat Auswirkungen auf die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis.

2 Kriterien der Alkoholkonsumstörung

Die Störung durch Alkoholkonsum bzw. Alkoholkonsumstörung findet sich im DSM-5 im Abschnitt „Störungen im Zusammenhang mit Alkohol“ (Falkai und Wittchen 2015, S. 675 ff.) und macht sich an folgenden 11 Kriterien fest, von denen mindestens 2 innerhalb eines 12-Monats-Zeitraums erfüllt sein müssen und die in klinisch bedeutsamer Weise zu Beeinträchtigungen oder Leiden führen:

  1. Alkohol wird häufig in größeren Mengen oder länger als beabsichtigt konsumiert (Kontrollverlust).
  2. Anhaltender Wunsch oder erfolglose Versuche, den Alkoholkonsum zu verringern oder zu kontrollieren.
  3. Hoher Zeitaufwand, um Alkohol zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von seiner Wirkung zu erholen.
  4. Craving oder ein starkes Verlangen, Alkohol zu konsumieren.
  5. Wiederholter Alkoholkonsum, der zu einem Versagen bei der Erfüllung wichtiger Verpflichtungen bei der Arbeit, in der Schule oder zu Hause führt.
  6. Fortgesetzter Alkoholkonsum trotz ständiger oder wiederholter sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme, die durch die Auswirkungen von Alkohol verursacht oder verstärkt werden.
  7. Wichtige soziale, berufliche oder Freizeitaktivitäten werden aufgrund des Alkoholkonsums aufgegeben oder eingeschränkt.
  8. Wiederholter Alkoholkonsum in Situationen, in denen der Konsum zu einer körperlichen Gefährdung führt.
  9. Fortgesetzter Alkoholkonsum trotz Kenntnis eines anhaltenden oder wiederkehrenden körperlichen oder psychischen Problems, das wahrscheinlich durch Alkohol verursacht oder verstärkt wird.
  10. Toleranzentwicklung
    • Verlangen nach ausgeprägter Dosissteigerung um einen Intoxikationszustand oder einen erwünschten Effekt herbeizuführen
    •  Deutlich verminderte Wirkung bei fortgesetztem Konsum derselben Menge Alkohol.
  11. Entzugssymptome, die sich entweder durch ein charakteristisches Entzugssyndrom äußern oder durch Konsum von Alkohol/​Beruhigungsmitteln, um Entzugssymptome zu lindern oder zu vermeiden.

Der Schweregrad einer Alkoholkonsumstörung wird dann weiter spezifiziert in

  • leicht (2-3 Kriterien sind erfüllt)
  • mittel (4-5 Kriterien sind erfüllt)
  • schwer (6 und mehr Symptome sind erfüllt).

Weiterhin wird noch zwischen frühremittiert (3 bis 12 Monate) und anhaltend remittiert (>1 Jahr) unterschieden, wenn nach dem Vorliegen einer Konsumstörung keine Symptome mehr außer dem Craving vorliegen.

Alkoholkonsumstörungen sind mit erheblich erhöhter Unfallgefahr, einer erhöhten Gewaltbereitschaft und einem erhöhten Suizidrisiko verbunden (Falkai und Wittchen 2015, S. 682).

3 Quellenangaben

Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), 2018. ICD-10-WHO Version 2019 [online]. Kapitel V Psychische und Verhaltensstörungen (F00-F99). Köln: Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information. 24.08.2018 [Zugriff am: 20.11.2019]. Verfügbar unter: https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/icd/icd-10-who/​kode-suche/​htmlamtl2019/​block-f10-f19.htm

Falkai, Peter und Hans-Ulrich Wittchen, 2015. Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-5. Göttingen: Hogrefe. ISBN 978-3-8017-2599-0

Gmel, Gerhard, 2015. Zum Editorial von H. J. Rumpf und K. Mann „ICD-11: Was können wir für Suchtforschung und Suchttherapie erwarten?“ In: SUCHT. 61(5), S. 323–324. ISSN 0939-5911

Rumpf, Hans-Jürgen und Falk Kiefer,2011. DSM-5: Die Aufhebung der Unterscheidung von Abhängigkeit und Missbrauch und die Öffnung für Verhaltenssüchte. In: SUCHT. 57(1), S. 45–48. ISSN 0939-5911

Autorin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
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Es gibt 6 Lexikonartikel von Annemarie Jost.


Zitiervorschlag
Jost, Annemarie, 2019. Alkoholkonsumstörung [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 22.11.2019 [Zugriff am: 07.12.2019]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Alkoholkonsumstoerung

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Autorin

Prof. Dr. Annemarie Jost
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veröffentlicht am 22.11.2019

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