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Ambiguitätstoleranz

Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf

veröffentlicht am 24.08.2025

Synonyme: Unsicherheitstoleranz; Ungewissheitstoleranz

Etymologie: lat. ambiguitas Mehrdeutigkeit, Doppelsinn; lat. tolerare erdulden, ertragen

Englisch: ambiguity tolerance

Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit, Unsicherheit, Mehrdeutigkeit, Widersprüchlichkeit oder Unklarheit in verschiedenen Situationen anzunehmen, auszuhalten und damit konstruktiv umzugehen. Diese entsteht durch das Zusammenspiel von Offenheit für neue Erfahrungen, kognitiver Flexibilität und der Fähigkeit zum Perspektivwechsel.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Entstehungshistorie
  3. 3 Merkmale von Ambiguitätstoleranz
  4. 4 Verbreitung von Ambiguitätstoleranz
  5. 5 Potenziale von Ambiguitätstoleranz
  6. 6 Mögliche Nachteile von Ambiguitätstoleranz
  7. 7 Messung von Ambiguitätstoleranz
  8. 8 Quellenangaben
  9. 9 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Ambiguitätstoleranz (lat. ambiguitas = Mehrdeutigkeit; tolerare = erdulden, ertragen). bezeichnet die Persönlichkeitseigenschaft, mehrdeutige, unklare, vage oder widersprüchliche Situationen und Informationen (Aussagen, Meinungen etc.) wahrzunehmen, zu akzeptieren und konstruktiv darauf zu agieren, ohne dabei kognitive, emotionale oder soziale Überforderung zu erleben (Graeff 2012, S. 6; Häcker und Stapf 2004, S. 33). Neben dem Ausdruck „Ambiguitätstoleranz“ finden sich in fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Teil auch alternative Begriffe, darunter Unsicherheitstoleranz (Reis 1997), Ungewissheitstoleranz (Dalbert 1999), Ambivalenztoleranz (Jekeli 2002) oder kognitive Geschlossenheit (Roets et al. 2015).

Sautermeister weist ausdrücklich auf die differenten Wortbedeutungen hin (Sautermeister 2023, S. 12). Graeff hebt hervor, Ambivalenz sei „als ein subjektives Erleben von Ambiguität bei gleichzeitigem Auftreten einander widersprechender Gefühle, Gedanken, Absichten und Handlungsimpulse zu verstehen“ (Graeff 2012, S. 5). Müller-Christ und Weßling (2007) legen zudem dar, dass das Konzept der Ungewissheitstoleranz etwas breiter zu verstehen sei als Ambiguitätstoleranz. Nichtsdestotrotz werden die Begriffe vor allem in journalistischen und populärwissenschaftlichen Publikationen mitunter synonym verwendet.

Nach De Vries existieren diverse Verständnisse von Ambiguitätstoleranz (De Vries 2021, S. 1). Grundsätzlich gehe es dabei um das Stressniveau, das Menschen angesichts einer unbekannten Zukunft, unklarer Informationen und Veränderungen erfahren. Einige Autor:innen beschreiben Ambiguitätstoleranz als die Fähigkeit mit uneindeutigen, unsicheren, mehrdeutigen oder gar konfliktbehafteten Sachverhalten konstruktiv umgehen zu können (Lenz 2020, S. 12; Kiehl und Schnerch 2018, S. 116) oder diese sogar als erstrebenswert wahrzunehmen (Budner 1962, S. 29).

Krappmann versteht unter Ambiguitätstoleranz die Fähigkeit, widersprüchliche Rollenvorstellungen, Beteiligungen und Motive in Interaktionskontexten sowie die daraus entstehenden Inkompatibilitäten auszuhalten (Krappmann 1973, S. 152). Lind subsumiert unter Ambiguitätstoleranz die Fähigkeit und Bereitschaft, widersprüchlichen „Anforderungen von innen wie von außen mit Selbstvertrauen und Verantwortungsbewusstsein gegenüberzutreten (coping) statt sie aus Furcht vor eigenem Versagen zu verleugnen und Zuflucht zu Konventionen und autoritärer Unterwerfung zu nehmen (defending)“ (Lind 1987, S. 25).

2 Entstehungshistorie

Das Konzept der Ambiguitätstoleranz lässt sich auf philosophische, psychologische und soziologische Forschungsansätze zurückführen, wobei eine Idee davon bereits vor der Entstehung moderner Wissenschaften existierte. Bereits in der Antike spielte der Begriff der „Ambiguität“ eine zentrale Rolle, der sich auf die Doppelsinnigkeit bzw. Zwei- oder Mehrdeutigkeit von Texten bezog (Sautermeister 2023, S. 12). Cicero sah die Ambiguität als „eine Ausgangsbedingung für rhetorisches Handeln, darstellbar im Ambiguitätsdreieck der Rhetorik“ (Bauer et al. 2010, S. 8).

Lind hingegen schildert, dass das Konzept der Ambiguitätstoleranz aus der Psychoanalyse stamme, wo es eine Dimension der individuellen Gefühlswelt beschreibe (Lind 1987, S. 25). Die Philosophen Sören Kierkegaard (1813–1855) und Erich Fromm (1900–1980) setzten sich in mehreren ihrer Texte mit dem Wesen von Ambiguität auseinander. Beide betonen, dass das Leben im Wesentlichen mehrdeutig sei, was für die meisten Menschen schwer erträglich sei. Auch die französische Philosophin Simone de Beauvoir beleuchtet in ihrem Werk „Ethics of Ambiguity“ (1948) die Notwendigkeit, Ambiguität auszuhalten.

Im Jahr 1949 prägte die US-amerikanische, aus Österreich stammende Psychologin und Psychotherapeutin Else Frenkel-Brunswik (1908–1958) den Begriff „Ambiguitätstoleranz“. Sie floh aufgrund ihrer jüdischen Abstammung 1938 vor den Nationalsozialisten in die USA, wo sie von 1939 bis 1958 u.a. am Institute of Child Welfare tätig war. Frenkel-Brunswik definiert Ambiguitätstoleranz als Basisvariablen emotionaler sowie kognitiver Orientierung, die ein Mensch gegenüber dem Leben einnimmt (Frenkel-Brunswik 1949, S. 113).

Frenkel-Brunswik entwickelte ihr Konzept der Ambiguitätstoleranz aufgrund ihrer Beobachtung, dass einige der Kinder, mit denen sie arbeitete, stärker als andere dazu befähigt waren, „positive und negative Eigenschaften ihrer Eltern zu sehen und Gefühle von Liebe und Hass ein und derselben Person gegenüber ohne allzu große Angst oder Konflikte zu akzeptieren, während andere das Bild der Eltern entweder als ganz und gar gut oder schlecht dramatisierten“ (Müller-Christ und Weßling 2007, S. 185).

Frenkel-Brunswik erklärt, eine extrem unausgeprägte Ambiguitätsintoleranz zeige sich in der Tendenz zum schematisch verkürzten Denken, zu vorzeitigen Schlussfolgerungen und zum Streben nach Eindeutigkeit, wo keine Eindeutigkeit ist (Frenkel-Brunswik 1949, S. 115). Sie spricht von einer „tendency to resort to black-white solutions, to arrive at premature closure as to valuative aspects, often at the neglect of reality, and to seek for unqualified and unambiguous overall acceptance and rejection of other people“. Das beschrieb Frenkel-Brunswik erstmals 1949 in ihrem im Journal of Personality veröffentlichten Aufsatz „Intolerance of Ambiguity as an Emotional and Perceptual Personality Variable“.

Obwohl neuere Forschungen die Erkenntnisse zum Wesen der Ambiguitätstoleranz erweitert haben, verbleiben bedeutsame Forschungslücken (De Vries 2021; Furnham und Marks 2013; Berenbaum et al. 2008; Jach und Smillie 2019; Hancock und Mattick 2020). Berenbaum et al. (2008) weisen darauf hin, dass Fragen hinsichtlich der Beziehung zu den Big Five-Persönlichkeitsmerkmalen und anderen kognitiven Variablen noch immer unbeantwortet seien.

Furnham und Marks werfen folgende Fragen auf: „Researchers have ducked the questions about where TA sits in Big Five Factor space. Is TA a second or third order facet or does it belong outside the big five a little like Locus of Control or other cognitive personality variables?“ (TA = tolerance of ambiguity) (Furnham und Marks 2013, S. 725). Kurzum lässt sich konstatieren, dass sich die Forschung zu Ambiguitätstoleranz seit ihrer erstmaligen Erwähnung im Jahr 1949 sehr entwickelt hat, aber nach wie vor einige unbeantwortete Fragen bestehen.

3 Merkmale von Ambiguitätstoleranz

Hofstede et al. konnten in ihrer Forschung zu interkulturellen Kompetenzen feststellen, dass Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz grundsätzlich neugieriger, gelassener und weniger ängstlich reagieren als Menschen mit einer Ambiguitätsaversion. Wörter wie „vielleicht“, „kreativ“, „tolerant“, „spontan“, „flexibel“, „locker“, „relativ“ und „lose strukturiert“ werden von ihnen positiv konnotiert. Personen mit niedriger Ambiguitätstoleranz reagieren auf uneindeutige Situationen mit Stressbefinden, Unwohlsein oder Angst (Hofstede et al. 2002, S. 107 f.).

Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz dagegen empfinden Ambiguität als interessante und angenehme Herausforderung. Sie sehen „die Unvorhersehbarkeit als interessante, reizende Herausforderung, der sie sich gern stellen“ (Krüger 2022, S. 7). Andere Autor:innen (Kahraman 2024, S. 97 ff.; Möller und Zimmermann 2024, S. 449 f.; Hmilar und Cherevychnyi 2020; Watzlawik et al. 2017, S. 165) bestätigen, dass ambiguitätstolerante Menschen mit widersprüchlichen, unvollständigen oder offenen Informationen umgehen können, ohne schnell gestresst, frustriert oder ängstlich zu werden. Sie können gut damit leben, sich etwas nicht erklären zu können und Widersprüche nicht auflösen zu können (Ziegler et al. 2022). Unklarheit und Unsicherheit versetzen Menschen mit ausgeprägter Ambiguitätstoleranz selten in Panik, sondern stärken mitunter sogar ihr Interesse (Borozan et al. 2022, S. 14 f.).

Mit Hannah Arendt (2005) ließe sich sagen, dass ambiguitätstolerante Menschen „ohne Geländer“ denken können. Sie stürzen nicht, wenn ein haltgebender Glaubenssatz wegfällt. Besonders wichtig ist dies in komplexen Arbeitskontexten, in denen eindeutige Antworten oder klare Lösungen nicht immer verfügbar sind. Dies ist z.B. in High Reliabilty Organisationen, in der schulischen und außerschulischen Lehre, in der Politik, in der Mediation, in der Beratung oder Therapie des Öfteren der Fall. Insbesondere auch in der Praxis der Sozialen Arbeit, die von Emotionsarbeit, Trippelmandaten oder auch widerstreitenden Interessen geprägt sein kann, sind Fachkräfte oftmals mit uneindeutigen, ambivalenten Situationen konfrontiert (Kessl 2017, S. 53 f.; Herrmann 2013, S. 19 ff.). Ambiguitätstoleranz erleichtert es, konstruktiv damit umzugehen und dabei gesund zu bleiben.

Fasst man die bereits erwähnten Darlegungen zur Ambiguitätstoleranz zusammen, die sich in den Arbeiten von Kahramam (2024), Möller und Zimmermann (2024), Hufer (2023), Forstner-Ebhart et al. (2022), Kranebitter und Gruber (2022), Krüger (2022), Borozan et al. (2022), Strunk et al. (2022), De Vries (2021), Hmilar und Cherevychnyi (2020), Piper et al. (2019), Watzlawik et al. (2017), Lutz (2017), Hinz (2011), Müller-Christ und Weßling (2007), Ophoff (2001), Lind (1987) und Frenkel-Brunswik (1949) finden, lässt sich in Bezug auf den Nutzen einer ausgeprägten Ambiguitätstoleranz folgendes festhalten:

Ambiguitätstolerante Menschen …

  • …sind offen für neue Erfahrungen und eher bereit, sich auf neue oder ungewohnte Situationen einzulassen, selbst wenn diese unvorhersehbar oder unklar sind.
  • …können flexibel mit verschiedenen Perspektiven und Ideen umgehen und sind bereit, ihre Ansichten zu überdenken, wenn neue Informationen hinzukommen.
  • …zeigen weniger Stress oder Angst in Situationen, in denen keine eindeutigen Regeln oder Antworten vorliegen.
  • …erkennen Nuancen und Grauzonen in komplexen Problemen und vermeiden ein schematisches Schwarz-Weiß-Denken.
  • …können Mehrdeutigkeit als Chance begreifen, um neue Lösungen zu entwickeln oder kreative Ansätze zu finden, anstatt sich von Unsicherheit blockieren zu lassen.
  • …können besonders in Berufen oder Situationen reüssieren, in denen Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und kreatives Denken gefragt sind.

4 Verbreitung von Ambiguitätstoleranz

Im Englischen ist das Wort „ambiguity“ (Mehrdeutigkeit) ein geläufiger Ausdruck, der auch von Nicht-Akademiker:innen genutzt wird. Mit dem deutschen Pendant „Ambiguität“ sind hingegen noch immer eher wenige Menschen vertraut (Streitbörger 2019). Daher verwundert es nicht, dass der Begriff „Ambiguitätstoleranz“ in der Alltagssprache selten Verwendung findet und im deutschsprachigen Raum eher der Begriff Mehrdeutigkeit verwendet wird. In psychologischen und sozialwissenschaftlichen Arbeitsfelder ist Ambiguitätstoleranz als Fachbegriff allerdings seit Jahrzehnten geläufig. Die Zahl an deutschsprachigen Publikationen zum Wesen und Nutzen sowie zu Möglichkeiten der Messung von Ambiguitätstoleranz ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen.

Publikationen finden sich in der Psychologie und Psychotherapie, in der Sozialen Arbeit und Pädagogik, in der Soziologie, in den Wirtschafts- und Religionswissenschaften wie auch in der Kunst. In der interkulturellen Arbeit, im Diversity Management, in den Gender Studies und allgemein in den Politikwissenschaften wird die Bedeutung der Ambiguitätstoleranz ebenfalls diskutiert.

Ein häufig genannter Grund für das steigende Interesse am Konzept der Ambiguitätstoleranz ist, dass die Welt, bedingt durch mehrere sich zeitgleich vollziehende Megatrends wie den Klimawandel, den technologischen Fortschritt, den demografischen Wandel, politische Polarisierung und weiteres, sich schneller verändert als je zuvor. Das macht nicht wenigen Menschen Angst (Strunk et al. 2022; Bude 2014; Wohl et al. 2012). Soziolog:innen greifen das u.a. mittels Titulierung unserer modernen Welt als VUKA-Welt (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität) auf (Nixdorf und Swiderski 2022). Ambiguitätstoleranz ist eine Variable, die Einfluss darauf nehmen kann, ob Menschen die mit diesen Veränderungen einhergehende Unsicherheit als Belastung oder als interessante Gegebenheit und vielleicht gar als Chance erleben.

5 Potenziale von Ambiguitätstoleranz

Patchwork-Identitäten (Keupp et al. 1999) und die Pluralisierung von Lebenswelten (Sichler 1994) sind konstitutiv für unsere moderne Gesellschaft. Wir leben in einer international stark vernetzten, komplexen und dynamischen Welt (Beck 2020; Böhle 2013). Ambiguitätstoleranz ist in dieser Welt von hoher Bedeutung. Sie fördert nicht nur das persönliche Wohlbefinden und die Anpassungsfähigkeit, sondern auch den beruflichen Erfolg, die kreative Problemlösung und das zwischenmenschliche Verständnis. Die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten zu ertragen oder gar wertzuschätzen und in ihrer Folge handlungsfähig zu bleiben, kann somit als bedeutende Schlüsselkompetenz gesehen werden, deren Bedeutung wahrscheinlich noch zunehmen wird. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, lassen sich zumindest die nachfolgend genannten Aspekte als potenziell nützliche Folgen einer ausgeprägten Ambiguitätstoleranz hervorheben.

Ambiguitätstoleranz stärkt …

  • …die Identitätsbildung: Menschen sind in ihrer Persönlichkeitsentwicklung immer wieder gezwungen, „konfligierende Identifikationen zu synthetisieren“ (Krappmann 1973, S. 167). Da eigene Erwartungen und Bedürfnisse nicht immer mit gesellschaftlichen Normen und Anforderungen übereinstimmen, sind ambivalente Gedanken, Gefühle und Handlungsweisen normal. Ambiguitätstoleranz erleichtert es, diese Widersprüche zu akzeptieren und ins Selbstbild zu integrieren.
  • …das persönliche Wachstum: Die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit zu akzeptieren, fördert persönliches Wachstum, da sie Menschen hilft, aus ihrer Komfortzone herauszutreten, neue Herausforderungen anzunehmen und ihre eigene Denkweise zu erweitern. Dies kann zu einer stärkeren Resilienz gegenüber Stress und Unsicherheit führen (Hernandez-Perez 2023).
  • …die Beziehungsgestaltung: In zwischenmenschlichen Beziehungen hilft Ambiguitätstoleranz, Missverständnisse oder Ambivalenzen zu akzeptieren und nicht vorschnell zu urteilen. Dies führt oft zu einer größeren Empathie und Geduld, wenn andere ihre Gedanken oder Emotionen nicht eindeutig ausdrücken (Lutz 2017).
  • …das kritische Denken: Ambiguitätstoleranz erlaubt es, sowohl positive als auch negative Seiten ein und derselben Sache anzuerkennen. Man höre auch die andere Seite – diesem antiken Grundsatz lässt sich mit Ambiguitätstoleranz eher gerecht werden, wobei es auch um das Akzeptieren anderer Standpunkte geht, die den eigenen ggf. widersprechen. Komplexe Sachverhalte differenziert zu betrachten und zu hinterfragen, gelingt mit Ambiguitätstoleranz besser (Ziegler und Titt 2022).
  • …die emotionale Stabilität: Ambiguitätstoleranz ist eine zentrale Voraussetzung für das friedliche Zusammenleben in pluralistischen Gesellschaften. Sie unterstützt den Abbau von Vorurteilen, ermöglicht interkulturelle Verständigung und trägt zur Dialog- und Kompromissfähigkeit bei. Gerade in multikulturellen Kontexten zeigt sich, dass Personen mit hoher Ambiguitätstoleranz kulturelle Differenz nicht als Bedrohung, sondern als Ressource wahrnehmen (Hufer 2023; Lenz 2020).
  • …die Bildungs- und Lernfähigkeit: Im Bildungskontext ist Ambiguitätstoleranz entscheidend, um mit offenen Fragen und komplexen Themen umzugehen, die keine klaren Antworten bieten. Lernende mit hoher Ambiguitätstoleranz sind eher bereit, komplexe und herausfordernde Themen anzugehen, anstatt nach einfachen Lösungen zu suchen (Krüger 2022; Forstner-Ebhart et al. 2022).
  • …die Vermeidung von Vorurteilen: Ambiguitätstolerante Menschen neigen weniger dazu, in Stereotypen oder voreiligen Urteilen zu denken. Sie erkennen, dass viele Situationen, Menschen oder Informationen mehrdeutig sind und nicht einfach in Schubladen gesteckt werden können (Kahraman 2024; Piper et al. 2019; Watzlawik et al. 2017).
  • …die Anschlussfähigkeit an den Arbeitsmarkt: Komplexe Arbeitsstrukturen führen dazu, dass Menschen am Arbeitsplatz häufiger als früher mit unklaren Rollen, widersprüchlichen Anforderungen und schnellen Veränderungen konfrontiert sind. Das auszuhalten, die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und zur Flexibilität, sowie eine ausgeprägte Analysefähigkeit sind mit Ambiguitätstoleranz verknüpft. Diese hilft, unter Unsicherheit entscheidungsfähig zu bleiben und besser mit Diversität und Interdisziplinarität umgehen zu können (Strunk et al. 2022; Nixdorf und Swiderski 2022).
  • …die interkulturelle Kompetenz: Ambiguitätstoleranz ist hilfreich im Umgang mit Menschen aus verschiedenen Kulturen, da unterschiedliche kulturelle Normen, Werte und Kommunikationsstile zu Missverständnissen oder Mehrdeutigkeiten führen können. Wer Ambiguität toleriert, ist offener für verschiedene Sichtweisen und kann besser auf kulturelle Unterschiede reagieren, ohne sich dabei bedroht zu fühlen (Hoff 2016; Bertelsmann Stiftung und Cariplo 2008).
  • …die Kreativität und Innovation: Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz sind oft kreativer als andere, weil sie bereit sind, unkonventionelle Ideen zu erkunden und sich auf neue Denkansätze einzulassen. Sie empfinden die Ungewissheit eines kreativen Prozesses eher als anregend, statt sich daran zu stören (Ehlers 2020; Urban 2011).
  • …die Führung und Entscheidungsfindung: In Führungssituationen ist Ambiguitätstoleranz von großer Bedeutung, da Entscheidungen oft unter unklaren Bedingungen in Zeiten von Unsicherheit getroffen werden müssen. Führungskräfte mit hoher Ambiguitätstoleranz bleiben in stressigen und unsicheren Zeiten ruhig und können auch dann souverän agieren, wenn nicht alle benötigen oder gewünschten Informationen verfügbar sind (Hinz 2011).

6 Mögliche Nachteile von Ambiguitätstoleranz

Ambiguitätstoleranz ist eine Schlüsselkompetenz im 21. Jahrhundert. Ist sie zu stark ausgeprägt, kann dies aber nachteilig wirken. Darauf verweist u.a. Graeff, der darlegt, dass Ambiguitätstoleranz die Anfälligkeit für Korruption verstärken könne, da die mit ihr potenziell einhergehende moralische Flexibilität dafür ggf. anfällig machen könne. Er weist darauf hin, dass eine ausgeprägte Ambiguitätstoleranz dazu führen könne, dass illegales Verhalten eher akzeptiert und schadlos ins Selbstbild integriert werde (Graeff 2012, S. 6).

Auf eine weitere potenzielle Gefahr einer zu stark ausgeprägten Ambiguitätstoleranz verweist die Volksweisheit „Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein“. Wenn jemand selbst eklatante Widersprüche akzeptiert und als gegeben hinnimmt, ohne sich an diesen zu stören, kann das zwar psychohygienisch von Vorteil sein, für die Gesellschaft aber nachteilig wirken und so indifferente Beliebigkeit begünstigen. So kann eine zu stark ausgeprägte Ambiguitätstoleranz etwa bewirken, dass hochgradig ambiguitätstolerante Menschen nicht tätig werden, auch wenn sie auf individueller, organisationaler oder politischer Ebene Widersprüche wahrnehmen, die für sie selbst, anderen Personen oder die Gesellschaft insgesamt schädlich sind. Eine wehrhafte Demokratie lebt davon, dass Menschen sich einbringen, dass sie auf Missstände, Gefahren, Widersprüche und Fehlentwicklungen hinweisen und sich dafür einsetzen, diese aufzuarbeiten.

Dies gilt auch für die Soziale Arbeit, die sich einbringen und Stellung beziehen muss, wenn ungerechtfertigte Ungleichbehandlung, Diskriminierung, Unrecht und Verstöße gegen die Menschenwürde wahrgenommen werden (Lane und Pritzker 2018; Seithe 2013; Stender und Kröger 2013; Benz et al. 2010). Grenzen der Toleranz müssen gezogen werden, wenn die Menschenwürde angegriffen wird. Ein Übermaß an Ambiguitätstoleranz kann zu einer Haltung im Sinne eines „Ist mir egal“, „Ist halt so“ oder „Kann ich mit leben“ führen, die kaum professionell ist. In einer pluralistischen, sich schnell wandelnden Gesellschaft braucht es Offenheit, Flexibilität und Ambiguitätstoleranz. Genauso braucht es in diversen gesellschaftlichen Bereichen aber auch Rollenklarheit, Gewissheit und Standfestigkeit in Bezug auf ethische und rechtliche Grundhaltungen, die nicht zur Disposition gestellt werden dürfen.

7 Messung von Ambiguitätstoleranz

Die gängigste Methode zur Messung von Ambiguitätstoleranz ist der Einsatz standardisierter Fragebögen, bei denen Personen angeben, inwiefern sie sich in ambivalenten oder mehrdeutigen Situationen wohlfühlen. Dafür existieren diverse Skalen. Verbreitet sind etwa die von Stanley Budner entwickelte Budner-Skala (1962), die von Veronica Greco und Derek Roger (2001) entwickelte Uncertainty Response Scale (URS), die von Marvin Zuckerman, Benard Lubin und Christine M. Rinck (1983) entwickelte Affect Adjective Check List (MACL) oder auch die Multiple Stimulus Types Ambiguity Tolerance Scale (MAT) von Davil L. McLain (2009).

In seltenen Fällen werden zur Messung von Ambiguitätstoleranz auch Verhaltensbeobachtung und projektive Methoden eingesetzt, die das Reagieren auf ambivalente Szenarien oder Bildmaterial beobachtbar machen. Diese Verfahren sind aber aufwändiger und weniger standardisiert.

De Vries weist darauf hin, dass die Testverfahren zur Messung von Ambiguitätstoleranz sich im Laufe der Zeit zwar verbessert hätten, dass aber immer noch Schwachstellen existierten (De Vries 2021, S. 2 f.). So weise die weit verbreitete und anerkannte Ambiguitätstoleranz-Skala von Budner (1962) nur eine sehr geringe interne Konsistenz von 0,49 auf, die darauf verweist, dass die Skala für die Messung von Ambiguitätstoleranz nur bedingt geeignet ist.

Einer Studie von Peter Merrotsy zufolge besteht ein Forschungsdesiderat insbesondere im Hinblick auf die Untersuchung von Ambiguitätstoleranz in ethnischen und nationalen Kulturen, im Marketing, in der Unternehmensführung und im Militär. Zudem verweisen diverse Studien darauf, dass bei der Messung von Ambiguitätstoleranz der Kontext zu berücksichtigen sei. Beispielsweise könne es vorkommen, dass eine Person eine höhere Ambiguitätstoleranz in beruflichen Situationen und eine eher niedrige im privaten Umfeld zeigt. Verallgemeinerungen seien daher mitunter schwierig (Furnham und Marks 2013, S. 724 f.).

8 Quellenangaben

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Verfasst von
Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Sozial- und Organisationspädagoge M. A., Case Management-Ausbilder (DGCC), Systemischer Berater (DGSF), zertifizierter Mediator, lehrt Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule in Braunschweig.
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