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Ammann, Ellen

Manfred Berger

veröffentlicht am 24.06.2024

Amtlicher Name: Ellen Aurora Elisabeth Morgenröte Ammann, Geburtsname Sundström

GND: 119095823

* 01.07.1870 in Stockholm

23.11.1932 in München

Ellen Ammann im Alter von ca. 45 Jahren
Abbildung 1: Ellen Ammann im Alter von ca. 45 Jahren (Ida-Seele-Archiv)

Ellen Ammann hat die inhaltliche und organisatorische Entwicklung der Wohlfahrtspflege (Soziale Arbeit) wegweisend und innovativ beeinflusst. Die Sozialpolitikerin gründete u.a. die erste katholische Bahnhofsmission Deutschlands in München sowie den Katholischen Deutschen Frauenbund Landesverband München.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Biografische Skizze
    1. 2.1 Kindheit und Jugendjahre in Schweden
    2. 2.2 Lebensmittelpunkt München
      1. 2.2.1 Soziales und religiöses Engagement
      2. 2.2.2 Politisches Wirken
      3. 2.2.3 Lebensende
  3. 3 Lebenswerk und soziale Wirkungsstätten
    1. 3.1 Mädchenschutz und Bahnhofmission
    2. 3.2 Katholischer Frauenbund und Sozial-caritative Frauenschulung
  4. 4 Würdigung
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Ellen Ammann galt bereits zu Lebzeiten (zumindest in Bayern) „als eine der bedeutendsten Protagonistinnen der Sozialen Arbeit“ (Rösch 2009, S. 51), wenngleich sich ihr Leben und Wirken keineswegs nur auf den sozialen Bereich beschränkte. Die geborene Schwedin, die durch Heirat nach München kam, sah die Not und das Elend der Großstadtbewohner:innen. Dadurch angeregt, engagierte sie sich in „sozial-caritativer Liebestätigkeit“. Sie unterstützte und initiierte sozial-caritative Einrichtungen, die zum Vorbild für ähnliche Organisationen avancierten, weit über ihre Wahlheimat Bayern hinaus. Ferner engagierte sich die tiefgläubige Konvertitin aktiv in der katholischen Frauenbewegung. Von 1919 bis zu ihrem Tod war sie Landtagsabgeordnete der BVP. Nicht zuletzt folgte sie ihrer geistlichen Berufung, ein spirituelles Leben außerhalb von Klostermauern zu führen.

2 Biografische Skizze

2.1 Kindheit und Jugendjahre in Schweden

Ellen Ammann erblickte am 1. Juli 1870 als ältestes von zwei Mädchen der Eheleute Dr. Carl Rudolf (1841–1889) und Carolina Sofia Lilly Sundström (1849–1943) in Stockholm das Licht der Welt. Wenige Tage später wurde sie in der protestantischen „Sankt Jacobs Kyrka“ auf die Namen Ellen Aurora Elisabeth Morgenröte getauft. In Schweden war seinerzeit der Protestantismus Staatsreligion und „die Taufe Voraussetzung für die schwedische Staatsbürgerschaft“ (Holtmann 2017, S. 28).

Der Vater, ein begeisterter Zoologe und Ornithologe, war Lehrer an einer höheren Schule, zudem Redakteur beim „Stockholms Dagblad“. Die „geistreiche, schöne, gebildete“ Mutter bemühte sich „ihr Heim zu einem Mittelpunkt geistiger Interessen und Bestrebungen zu gestalten, so daß bei Sundströms ein- und ausging, wer damals in Stockholm geistige Geltung hatte“ (Godin 1933, S. 6). Lilly Sundström, begeisterte Adeptin der Initiatorin der schwedischen Frauenbewegung, Fredrika Bremer (1801–1865), unterstützte ihren Mann in seinen wissenschaftlichen sowie politischen Tätigkeiten, wächst so nebenbei „in die journalistische Arbeit hinein und wird nach dem frühen Tod ihres Gemahls als erste Schwedin in solcher Tätigkeit die Außenpolitik einer Stockholmer Zeitung vertreten“ (Neboisa 1992, S. 10). Ellen erhielt so durch ihr Elternhaus früh „viele Anregungen zur geistigen Bildung und vor allem zur Frauenbewegung“ (Wosgien 2009, S. 16).

Die Mutter konvertierte am 11. Juni 1881 heimlich in Dänemark zum Katholizismus. Demzufolge erzog sie auch ihre Töchter im Geiste der katholischen Kirche.

Die lernfreudige Ellen besuchte bis 1888 die private „Franska Skolan“, eine Bildungseinrichtung, die von Josefschwestern aus Chambéry geleitet wurde. Dort beeinflusste die gerade einmal fünf Jahre ältere Lehrerin Sr. Agnès Tardy (1869–1954) ihre religiöse Entwicklung „auf nachhaltige Weise. Die innige Beziehung zu der jungen Ordensfrau, ja fast schon Verehrung, ließ Ellen zum ersten Mal den Gedanken entstehen, ebenfalls in ein Kloster einzutreten“ (Holtmann 2017, S. 29).

Das Abitur legte Ellen Ammann als Externe äußerst erfolgreich im Mai 1888 in der „Wallinska Skolan“ ab. Nachfolgend wäre sie gerne Lehrerin für Geschichte und Sprachen geworden, „am liebsten an ihrer Schule und am liebsten im Kloster“ (Schmidt-Thomé 2020, S. 20). Doch diesem Ansinnen stellte sich der ansonsten so liberal gesinnte Vater entschieden dagegen. Um die angespannte familiäre Situation zu entschärfen, begab sich die Mutter mit ihren Töchtern auf eine Erholungs- und Besuchsreise, die u.a. zu der freiherrlichen Familie von Heereman von Zuydtwyck auf Schloss Surenberg im Tecklenburger Land führte.

Auf Einladung der Schlossherrin, Freifrau Maria Franziska von Heereman von Zuydtwyck (1834–1913), blieb Ellen Sundström ein Jahr als „Haustochter“ bei der adeligen Familie und erlernte dort die Kunst der Haushaltsführung. Darüber hinaus übte sie sich in der deutschen Sprache und versuchte, zusammen mit den beiden Töchtern des Hauses, ihre Englisch-, Französisch- und Italienischkenntnisse zu verbessern. Besonders erfreute sie, „der hier so ungezwungen gelebte Katholizismus mit dem täglichen Kirchgang“ (Schmidt-Thomé 2020, S. 23).

Nach Hause zurückgekehrt, begann sie September 1889 mit der Heilgymnastikausbildung – heute würde man Krankengymnastik bzw. Physiotherapie sagen – am Institut des hoch angesehenen Humanmediziners und Physiotherapeuten Dr. Gustav Zander (1835–1920).

Nach dem Tod des Familienoberhauptes benötigte die Witwe zusätzliche finanzielle Einnahmen, sodass sie einige Zimmer vermietete. Einer der ersten Untermieter war der 29-jährige Dr. med. Ottmar Ammann (1861–1939), der sich sogleich in die älteste Sundströmtochter verliebte. Nach anfänglichen Widerständen willigte die Angebetete in eine eheliche Verbindung ein und brach, entsprechend den damaligen Konventionen, ihre Heilgymnastikausbildung ab. Am 4. Oktober 1890 gaben sich Ellen Sundström und Ottmar Ammann in der Stockholmer St. Eugenia Kirche das Ja-Wort. Es war die „größte katholische Hochzeit, die Schweden seit der Reformation jemals gesehen hat“ (Godin 1933, S. 22). Mit der Hochzeit gab die junge Ehefrau ihre schwedische Staatsbürgerschaft auf, „wurde Bayerin und nun auch offiziell Katholikin“ (Schmidt-Thomé 2020, S. 28). Dem patriarchalischen Zeitgeist gebührend, ging nicht nur der Familienname des Ehemannes auf seine Frau über, auch dessen Vorname und erworbenen Titel.

2.2 Lebensmittelpunkt München

2.2.1 Soziales und religiöses Engagement

Mit dem Umzug in die bayerische Residenz- und Hauptstadt begann für die Neu-Münchnerin ein völlig andersartiges Leben. Ottmar Ammann führte eine „Heilanstalt für Orthopädie“, für die „Frau Dr. Ammann“ 18 Jahre lang die Verantwortung für Hauswirtschaft und Verwaltung übernahm. Hierbei wurde sie erstmalig mit den sozialen Nöten der Patient:innen, die überwiegend der Arbeiter- und Handwerkerschicht entstammten, konfrontiert. Nicht selten wanderten „die letzte Mark und der letzte Pfenning aus ihrer Börse in die bittende Hand eines Hilfsbedürftigen“ (Huber 1933, S. 3.).

Werbung in diversen Zeitschriften für die Ammannsche Klinik
Abbildung 2: Werbung in diversen Zeitschriften für die Ammannsche Klinik (Ida-Seele-Archiv)

Zudem zeichnete sie, unterstützt von Hauspersonal und Kindermädchen, für die Führung eines großen Haushalts, die Erziehung von fünf Söhnen und einer Tochter, verantwortlich. Darüber hinaus engagierte sie sich ehrenamtlich in verschiedenen sozial-caritativen Arbeitsbereichen, gründete selbst oder gehörte verschiedenen Organisationen und Vereinen (die heute nicht mehr existieren bzw. unter andere Namen firmieren) als Mitglied oder Vorsitzende an: „Marianischer Mädchenschutzverein“, „Münchener Katholischer Frauenbund“, „Bayerischer Landesverband des Katholischen Frauenbundes“ „Münchener Bahnhofsmission“, „Katholischer Deutscher Frauenbund“ „Polizeiseelsorge“, „Katholischer Fürsorgeverein für Mädchen, Frauen und Kinder“, „Ständiger Ausschuß zur Förderung der Arbeiterinneninteressen“, „Verband deutscher Kinderhorte“, „Zentralverband Katholischer Kinderhorte“, „Ausschuß der Organisation der Katholiken Deutschlands zur Verteidigung der christlichen Schule und Erziehung“, „Zentralstelle zur Bekämpfung der Schundliteratur“, „Zentralvorstand der örtlichen Hausfrauenvereinigung auf dem Lande“, „Reichsbund der Kinderreichen Deutschlands zum Schutze der Familie“, „Katholischer Studentinnen-Verein Hadwig“ und „Vereinigung der Diakoninnen“ (Berger 2023, S. 231 f.).

Letztgenannte geistliche Gemeinschaft war für die Mutter von sechs Kindern ein Herzensanliegen: ein mit gleich gesinnten Frauen religiös-zölibatäres Leben in der Welt zu führen, ohne an ein klösterliches Leben gebunden zu sein. Am 4. Oktober 1914 schlossen sich gemeinsam mit Ellen Ammann und auf ihrem Wunsch hin Maria Hopmann (1887–1937), die seit 1912 als „Haustochter“ bis zu ihrem Tod in der Familie Ammann lebte, und die Lehrerin Maria Fitz (1886–1952) dem „Dritten Orden“ des Hl. Franziskus (1181/82–1226) an. Im März 1916 beendeten die drei Schwestern ihr Noviziat. Ellen Ammann nannte sich Schwester Brigitta, in Verehrung der schwedischen Heiligen und Mutter von acht Kindern Brigitta Birgersdotter (1303–1373). Schließlich konstituierte sich auf Betreiben von Sr. Brigitta aus der kleinen spirituellen Gemeinschaft Oktober 1919 die „Vereinigung Katholischer Diakoninnen“ (VKD).

Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Michael von Faulhaber (1869–1852), protokollierte in seinem Tagebuch:

„10. Oktober. 6.45 – 8.00 Uhr Feier der Vereinigung der Diakoninnen in meiner Hauskapelle. Fünf werden aufgenommen […], Ansprache über Jesaja 6, Weiheformel mit der Kerze in der Hand“ (Faulhaber 1919).

Sr. Brigitta wurde zur Oberin gewählt, ihre „Wahltochter“ Maria Hopmann (Sr. Elisabeth) zu ihrer Stellvertreterin. Als äußeres Zeichen trugen die geweihten Diakoninnen einen kleinen unauffälligen Ring. Am 19. August 1921 erhielt die VKD die offizielle Approbation vom Erzbischöflichen Ordinariat München und Freising.

2.2.2 Politisches Wirken

Nach Einführung des Frauenwahlrechts war „Frau Hofrat Ottmar Amman“, 1911 erhielt ihr Mann den Hofrat-Titel verliehen, von 1919 bis zu ihrem Tod Landtagsabgeordnete der konservativ ausgerichteten BVP. Sie gehörte zu den acht Frauen unter 172 Männern, die in den bayerischen Landtag einzogen und zu den wenigen Politiker:innen, die während der 14 Jahre der Weimarer Republik in dieser Position blieb. Die Arbeitsbelastung im Landtag nahm Ellen Ammann sehr in Anspruch. Die vielfachen Regierungswechsel erforderten zahlreiche anstrengende Wahlkampfveranstaltungen.

In ihrer parlamentarischen Arbeit vertrat die Landtagsabgeordnete ihrem Wirkungs- und Erfahrungsbereich gemäß die Resorts Jugend- und Familienfürsorge, Gesundheitswesen und Öffentliche Wohlfahrtspflege. Von Anfang an setzte sie sich für die staatliche Anerkennung der Wohlfahrtspflegerinnen ein, weil sie in ihnen eine starke Stütze und zugleich „eine wirkliche Ersparnis“ für die Gemeinden sah (Hopmann 1937, S. 67). Ihrer Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass im März 1926 in Bayern die entsprechenden Ausbildungsstätten die staatliche Anerkennung erhielten, die in anderen Länder schon längst erfolgt war.

Schon früh erkannte Ellen Ammann die Gefahr, die von der nationalsozialistischen Bewegung ausging (Brunnbauer 1990, S. 77 ff.; Feldmann 2021, S. 162 ff.). Als es im Januar 1923 anlässlich einer Veranstaltung der „Friedensgesellschaft“ zu Übergriffen durch die SA kam, wurde ihr bewusst, wie wichtig unter den gegebenen politischen Verhältnissen eine fundierte religiös-moralische Orientierung für die Einsatzkräfte der Polizei wäre. Demzufolge beantragte sie im Juli 1923 die Einstellung eines hauptamtlichen Polizeiseelsorgers für München und Nürnberg. Vergeblich versuchte die Landtagsabgeordnete, gemeinsam mit den Aktivistinnen der bürgerlich-radikalen Frauenbewegung Anita Augspurg (1857–1943), Lida Gustava Heymann (1868–1943), der Friedensaktivistin Constanze Hallgarten (1881–1969) sowie der USP-Politikerin Hedwig Kämpfer (1889–1947), den kriminellen Ausländer Adolf Hitler (1889–1945) aus Bayern ausweisen zu lassen. Doch Innenminister Franz Xaver Schweyer (1868–1935) zuckte nur „die Achseln und schwieg“ (Heymann 1972, S. 222).

„Wir verfehlten nicht“, schrieb später Lida Gustava Heymann vorausahnend, dem Innenminister „zum Schluß zu erklären, daß die Zeit schon noch kommen werde, wo er sich an unsere Forderungen erinnern und bedauern würde“ (ebd.).

Gegen Ende des gleichen Jahres fand am 9. November der Hitler-Putsch statt. Bestens vernetzt in Münchens Gesellschaft und Politik, erfuhr Ellen Ammann vom beabsichtigten Marsch zur Feldherrnhalle. Sie sorgte dafür, dass gefährdete Personen in Sicherheit gebracht und Truppen der Reichswehr nach München beordert wurden. Durch ihr schnelles Erkennen der ausgehenden Gefahr und sofortiges Eingreifen, trug sie aktiv dazu bei, dass „dieses ganze, geradezu törichte Unterfangen nicht in einem furchtbaren Blutbade endete, sondern nach wenigen Stunden zusammenbrach“ (a.a.O., S. 222 f.).

Der bayerische Kultusminister und stellvertretende Ministerpräsident Franz Matt (1860–1929) stellte voller Anerkennung fest, die Kollegin Ammann „hat damals mehr Mut bewiesen als manche Herren in Männerhosen“ (Neboisa 1992, S. 478). Die (vorläufige) „Retterin der bayerischen Demokratie […] aber stand seither ganz oben auf der ‚Schwarzen Liste‘ der Nazis“ (Feldmann 2021, S. 164 ff.)

2.2.3 Lebensende

Grabstätte von Ellen und Ottmar Ammann
Abbildung 3: Grabstätte von Ellen und Ottmar Ammann (Manfred Berger)

Ellen Ammann, die seit längerem mit gesundheitlichen Problemen kämpfte, starb in der Nacht zum 23. November 1932, nur wenige Stunden nach ihrer letzten Rede als Landtagsabgeordnete, in der sie die kinderreiche Familie der besonderen Sorge von Volk und Staat empfahl und sich entschieden gegen die Abtreibung wandte (Holtmann 2017, S. 245 f.). Zwei Tage später wurde die Verstorbene – im Drittorden-Habit – in Begleitung der zurückgebliebenen Familienmitglieder, Mutter und Schwester, hochrangiger Persönlichkeiten aus Politik, Klerus und Hoch- und Kleinadel, Vertreterinnen des Katholischen Frauenbundes, ehemalige Schülerinnen der von ihr gegründeten Sozialen Frauenschule „und viele[r], viele[r] Frauen aus allen Schichten des Volkes“ (Krabbel 1932, S. 395) auf dem Münchener Südfriedhof zu Grabe getragen.

3 Lebenswerk und soziale Wirkungsstätten

3.1 Mädchenschutz und Bahnhofmission

Flugblatt des MMV
Abbildung 4: Flugblatt des MMV (Ida-Seele-Archiv)

Im September 1895 erreichte Ellen Ammann ein Brief von Marie Freiin Hohenhausen zu Hohenhaus (1852–1903), mit der Bitte, dem von ihr, Christiane Gräfin Preysing (1852–1923), Luise Fogt (1846–1921) sowie dem Kapuzinerpater Cyprian Fröhlich (1853–1931) in München gegründeten „Marianischen Mädchenschutzverein“ (MMV) beizutreten. Dieser war die erste überregionale katholische Institution auf dem Gebiet der Frauenfürsorge, die von Frauen eigenverantwortlich organisiert und selbständig geleitet wurde. Der Verein hatte zum Ziel, „alleinstehenden weiblichen Personen mit Rat und Tat beizustehen und sie vor Gefahren in Glauben und Sitte zu bewahren“ (Kall 1983, S. 248 f.).

„Mit dem größten Vergnügen“, antwortete sie der Freiin, „habe ich ihre Einladung erhalten, dem Marianischen Mädchenschutzverein beizutreten. Es freut mich sehr, daß durch diese Gründung katholischerseits etwas zum Schutze der Frau geschieht.[…] In der kurzen Zeit meiner Ehe habe ich leider schon genug Erfahrungen sammeln müssen, die mir zeigten, was unseren Mädchen fehlt, und ich werde darum mit größter Freude, mit nur schwachen Kräften zwar, aber dem besten Willen, als tätiges Mitglied für diese gute Sache wirken“ (Godin 1933, S. 34 f.).

Mit nur schwachen Kräften? Mitnichten: Die Mutter von inzwischen zwei Kindern (das dritte war unterwegs) stürzte sich regelrecht „in das Fahrwasser der Sozialen Arbeit“ (Holtmann 2017, S. 149). Bis zu ihrem Tod war sie Beisitzerin im Vorstand des MMV und stets bereit, ihm „das Recht der Priorität in der katholischen Frauenbewegung zuzuerkennen“ (Godin 1933, S. 37).

Unermüdlich hielt sie über die Bedeutung und Notwendigkeit der Mädchenschutzarbeit Vorträge in größeren und kleineren Städten im In und Ausland, neben München in Regensburg, Frankfurt, Düsseldorf, Köln, Bern, Paris etc. In Paris referierte sie bereits 1900 während des 2. Internationalen Mädchenschutzkongresses „über ‚Grundsätze. Methoden und Tätigkeit der Bahnhofsmission in München‘. Sie war dreißig Jahre jung und hielt ihr Referat in der Kongreßsprache, d.h. in Französisch“ (Neboisa 1992, S. 134 f.).

Ellen Ammann läutete mit ihrem Eintritt in den MMV eine Wendung in der bisher geleisteten Schutzarbeit ein, die sich bis dato als „nachsorgende Hilfstätigkeit“ verstand. „Wer schützen will“, muss gezielte Präventivmaßnahmen ergreifen, der „Gefahr vorbeugen“ (Ammann 1904a, S. 98), lautete nun das Credo. Der Schutz der am „Münchener Centralbahnhof“ allein ankommenden jungen Frauen aus der Provinz hatte für den MMV oberste Priorität:

„Voll jugendlicher Hoffnung, ahnungslos der Gefahren, die ihnen drohen in zweifacher Hinsicht: In Form von Ausnützung und in Form von Verführung, kommen sie an! – Wie ergeht es ihnen dort?“ (Ammann 1904b, S. 569).

Männliche Wegelagerer nutzen die Unsicherheit und Unschlüssigkeit der Mädchen bei der Ankunft der Züge schamlos aus und verschleppten sie „geradewegs vom Bahnsteig in die fragwürdigsten Quartiere“ (Godin 1933, S. 36). Nicht selten wurden sie dann „von organisierten Menschenhändlerringen als rechtlose Fabrikarbeiterinnen oder Prostituierte verkauft“ (Feldmann 2021, S. 164 f.).

Um dies zu verhindern rief Ellen Ammanns im Jahre 1897 in der Königlichen Bayerischen Haupt- und Residenzstadt die erste katholische Bahnhofmission Deutschlands, sozusagen als „Vorposten des MMV“ (Kranstedt 2003, S. 95), ins Leben. Die Einrichtung, die anfänglich in einer Ecke des südlichen Wartesaals Unterschlupf fand, war „den ganzen Tag mit kurzen Unterbrechungen“ (Ammann 1904a, S. 595) besetzt. Schutzdamen, mit Achselklappen in den päpstlichen Farben weiß-gelb ausgestattet, nahmen die jungen Frauen direkt an den Zügen in ihre Obhut und unterstützen sie u.a. in ihrer Suche nach einem guten Dienstplatz und/oder soliden Unterkunft. Man wollte

„am Bahnhof Seelen retten, […] (die) Mädchen nicht nur vor den Gefahren der Großstadt bewahren, […] ihnen zugleich bei der Ankunft zeigen, was die katholischen Vereine für sie thun können, […] sie auf dieselben hinweisen und hinführen und so dem schlechten Einfluß gleich einen guten entgegensetzen, […] sie mit einem Worte an den Katholizismus fesseln“ (Holtmann 2017, S. 144).

Ein Novum war, dass die Schutzdamen in von Ellen Ammann geleiteten Lehrkursen auf ihre harte Arbeit vorbereitet wurden. Sukzessive wurde die Bahnhofsmission ausgebaut und professionalisiert. Zeitgleich mit Gründung der Bahnhofsmission wurde ein „Bureau zur Stellenvermittlung, in erster Linie als Rath- und Auskunftstelle(Ammann 1904a, S. 594) eingerichtet. Dieses wurde täglich von 16 bis 19 Personen frequentiert, die entweder ein Angebot abgaben, eine Stelle suchten oder eine Auskunft begehrten.

Die ehrenamtlich tätige Bahnhofsmissionarin ist, resümierte Ellen Ammann, der

„Rettungsengel für oft schon vermarktete Seelenware, der barmherzige Samaritan für die bedürftigsten und entblößtesten Wanderer, die oft schon unter die Räuber geraten sind und denselben im letzten Moment entrissen werden, die hilfsbereite Führerin zu Herberge und Schutz, die mütterliche Beraterin in oft verzweifelten Fällen“ (Neboisa 1992, S. 139).

Als „Rettungsengel“ kamen zum Einsatz

„Frauen mit warmen Herzen, mit Liebe für die Einsamen, […] Frauen mit Verständnis für die soziale Frage und die Notwendigkeit, daß wir Katholiken auch hier vorangehen, Frauen, welche mit weitem Blick in unverdorbenen Dienstboten die beste Gewähr für die glückliche Erziehung ihrer Kinder erblicken, Mütter, welche daran denken, daß auch sie Kinder haben, welche, wenn auch in glücklicheren Verhältnissen, doch auch einstens in der Fremde alleinstehend, schlechtem Einfluß ausgesetzt, die Früchte der guten Tat der Mutter ernten würden“ (Neboisa 1992, S. 139).

Die „Rettungsengel“ griffen, wenn nötig auch zu härteren Mittel. So ist in den Polizeiakten nachzulesen,

„dass sich am Gleis 11 des Münchner Hauptbahnhofes die vornehmen Damen um Frau Hofrat Ammann einen erbitterten Kampf mit stadtbekannten Zuhältern geliefert hätten, bei dem die Damen der Gesellschaft Stöcke und Schirme als willkommene Kampfgeräte nutzten“ (Schießleder 2018, S. 16).

Der MMV warb mit großen weiß-gelben Plakaten auf Bahnhöfen und mit kleineren in den Waggons der Dritten Klasse in den Zügen. Mit Flugblättern wurden die Mädchen und ihre Eltern vor den Gefahren der Großstadt gewarnt. Zudem erschien ein Verzeichnis mit Adressen aller bestehender Schutz- und Hilfsstellen in ganz Europa. Dieser international angelegte „Führer“ sollte ein

Handbuch für die Seelsorger und die tätigen Mitglieder der Vereine und ein Ratgeber für die Mädchen in der Fremde sein. Er (enthielt) Adressen aus 500 Städten von Europa und den anderen Weltteilen – ein Verzeichnis derjenigen Anstalten, welche den Mädchen Unterkunft (boten), der Sonntagsunterhaltungen, Patronagen, Bahnhofsmissionen usw.“ (Ammann 1904a, S. 594).

Werbung in diversen Zeitschriften für den MMV-Führer
Abbildung 5: Werbung in diversen Zeitschriften für den MMV-Führer (Ida-Seele-Archiv)

Zudem zeichnete der „Führer“ „die katholischen Gottesdienste in Berlin, die deutschen Beichtväter in Paris und Konsule auf“ (ebd.). Vergeblich setzte sich der MMV während der in Regensburg im August 1904 stattgefunden „51. Generalversammlung der Katholiken in Deutschland“, wie „Frau Ottmar Ammann aus München“ berichtete, bei den zuständigen Behörden für einen eignen Frauenwartesaal am Bahnhof und eigene Zugabteile für Frauen ein. Zudem kämpfte er dafür, „daß die Polizei den Bahnhofsplatz aus dem Verzeichnis jener Plätze streiche, welche für das traurigste, leider staatlich anerkannte Gewerbe freigegeben sind“ (a.a.O., S. 595).

Die Münchener Bahnhofsmission war Inspiration für weitere (nicht nur) katholischer Bahnhofsmissionen in Deutschland, Italien, Frankreich, England und Österreich (Nikels 1994, S. 71 ff.).

3.2 Katholischer Frauenbund und Sozial-caritative Frauenschulung

Logo des Frauenbundes
Abbildung 6: Logo des Frauenbundes (Ida-Seele-Archiv)

Am 16. November 1903 konstituierte sich in Köln der „Katholische Frauenbund“ (KFB), der 1916 in „Katholischer Frauenbund Deutschlands“ (KDF) und 1921 in „Katholischer Deutscher Frauenbund“ (KDFB) umbenannt wurde (folgend KFB). Die 33 Jahre alte Ellen Ammann gehörte neben weiteren frauenbewegten Katholikinnen, wie Emy Gordon (1841–1909), Pauline Herber (1852–1921), Elisabeth Gnauck-Kühne (1850–1917) und Emilie Hopmann (1845–1926), um nur einige der vielen zu nennen, dem Vorbereitungsgremium an. Ab 1912 war sie Vorsitzende der Landesverbände und ab 1918 stellvertretende Vorsitzende des in Köln ansässigen KFB-Gesamtverbandes.

Auf ihre Initiative hin entstand am 6. November 1904 ein KFB-Zweigverein: der „Münchener Katholische Frauenbund“. So konnten vor Ort die caritativen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bestrebungen katholischer Bayerinnen und Pfälzerinnen besser gebündelt werden. Ellen Ammann rief die Frauen dazu auf, nicht untätig zuzusehen, „wenn tägliche Erfahrungen zeigen, daß unsere heiligsten Güter gefährdet werden“ (Ammann 1906, S. 528).

Der Münchener Zweigverein setzte sich für die Verbesserung der Erwerbssituation der am stärksten benachteiligten Berufsgruppen, Dienstmädchen, Kellnerinnen, Heim- und Fabrikarbeiterinnen, ein. Er kümmerte sich um „die Bauarbeiterinnen, speziell die Männerarbeit leistenden und deshalb gesundheitlich angeschlagenen Mörtelträgerinnen“ (Neboisa 1982, S. 602 f.) und erkämpfte Arbeitsfelder für das weibliche Geschlecht in den Frauengefängnissen sowie bei den Jugendgerichten, die im Jahre 1909 in Bayern eingerichtet worden sind.

Von zentraler Bedeutung war für Ellen Ammann als Vorsitzende die „Vertiefung des Allgemeinwissens“ der Frauen, sind sie doch, wie sie räsonierte, „die Trägerinnen der Wohltätigkeit“. Deshalb müssen sie „die organisierte Chariats in ihrer ganzen Bedeutung und die soziale Arbeit im großen und im kleinen erfassen lernen; sie sei ihr neugekaufter Weinberg!“ (Ammann 1905, S. 45).

Der KFB richtete drei Sektionen ein:

  1. Sektion für wissenschaftliche Bestrebungen
  2. Sektion für caritative Bestrebungen
  3. Sektion für soziale Bestrebungen.

„Frau Dr. Ottmar Amman“ war von allen drei Sektionen die 1. Vorsitzende (Ammann 1905, S. 16). Rasch entstanden in Bayern und in der dazugehörenden Pfalz Frauenbundvereine. 1911 zählte man bereits 17 Zweigvereine mit 2.500 Mitgliedern. Schließlich konnte Ellen Ammann mit Zustimmung der Bundeszentrale in Köln am 16.12.1911 den „Bayerischen Landesverband des Katholischen Frauenbundes“ als Zusammenschluss aller bayerischen und pfälzischen katholischen Zweigvereine aus der Taufe heben. Beide Organisationen hatten ihre Gründerin einstimmig zur 1. Vorsitzenden gewählt. Die Mitgliederzahl des neu gegründeten Landesverbands stieg mit den Jahren, nicht zuletzt der unermüdlichen Reisetätigkeit Ellen Ammanns geschuldet, rasant an. Im Jahr 1917 zählte er 24.000 Mitglieder, 1924 bereits 66.300 Mitglieder.

Um die Vernetzung der KFB-Mitglieder in Bayern effizienter zu gestalten, regte sie die Gründung einer eigenen Zeitschrift an, analog zur „Die Christliche Frau“, dem Periodikum des KFB-Gesamtverbandes. Die erste Ausgabe von „Bayerisches Frauenland“ erschien 1919, die letzte 1941. Für die Redaktion zeichnete die Landessekretärin des KFB Marie Zettler (1885–1950) verantwortlich.

Ellen Ammann legte großen Wert auf die professionelle Schulung der in ehrenamtlicher wie besoldeter Wohlfahrtspflege tätigen Frauen, ob in Kindergärten, Kinderheimen, in der Säuglingspflege, in der Armen- und Waisenpflege, in den Jugendgerichten etc. Der „gute Wille allein“ genüge nicht mehr für eine Tätigkeit innerhalb der Wohlfahrtspflege:

„Tändelndes Dilettieren auf diesem Gebiet ist ausgeschlossen, praktisch tätiges Zugreifen muß sich auf gediegene Ausbildung stützen und auf richtigen sozialen Frauenschulen […] erworben werden“ (o.V. 1917, S. 367).

Bereits ab den Wintermonaten 1904/05 hatte „Frau Dr. Ammann“ innerhalb der Sozialen Sektion des KFB

„eine Serie sozialer Nachmittage […] ein[gerichtet]. […] Dadurch wurde einer Anzahl von Damen Gelegenheit gegeben, sich über die verwickelten sozialen Verhältnisse unserer Tage Übersicht und Urteil zu verschaffen. […] Seit dieser Einrichtung nahm der Kurs den Titel ‚Soziales Seminar‘ an“ (o.V. 1907, S. 13).

Schließlich wurden im Herbst 1909 die losen Schulungskurse zu einer festen Abfolge von Lehrgängen zusammengefasst und drei Jahre später zu einem einjährigen Lehrgang erweitert.

Die einjährige Schulung wurde notwendig

„für alle, die sich für die neugeschaffenen sozialen Berufe (Sekretärinnen, Fürsorgerinnen, Leiterinnen von Anstalten usw.) ausbilden wollen, um dieselben ehrenamtlich oder honoriert zu übernehmen. Für jene, die schon in der Praxis stehen und deren Arbeit durch theoretische Weiterbildung doppelt wertvoll wird. Für die Jugend und für solche Kreise, welche ihre Allgemeinbildung durch soziale Erkenntnisse erweitern wollen“ (o.V. 1912, S. 9).

Die inhaltlichen Schwerpunkte der einjährigen Ausbildung „waren anspruchsvoll und deckten die allgemein- und sozialpolitisch drängenden Themen der Zeit, auch im Kontext der Frauenfrage, ab“ (Becker 2022, S. 27). So wurden im „Sozialen Einführungskurs“ Themen besprochen wie: „Die soziale Frage und ihre Vorgeschichte“, „An der Schwelle der neuen Zeit“, „Die Arbeiterfrage und deren Lösungsversuche“, „Die Frauenfrage“, „Die soziale Mission des Kath. Frauenbundes“. Im „Fürsorge-Rechtskurs“ wurden

„Erläuterungen des für die praktische Fürsorgetätigkeit hauptsächlich in Frage kommenden Rechtsgebietes [besprochen]. Darstellung des Personen- und Familienrechtes, einschließlich des Vormundschaftswesens, des Zwangserziehungs- und Armengesetzes. Bestimmungen des Reichstrafgesetzbuches und des Polizeistrafgesetzbuches. Gesinderecht“ (o.V. 1912, S. 10).

Die Schulgründerin selbst unterrichtete bis 1932 einmal wöchentlich das zweistündige Lehrfach „Frauenfrage und Frauenbewegung“ (o.V. 1912, S. 11).

Die Münchener „Sozial-caritative Frauenschulung“ blieb in katholischen Kreisen nicht unbemerkt. So stellte Maria Gräfin Graimberg-Bellau (1879–1965) aus Heidelberg fest,

„daß über die Münchener Schulungskurse hinaus die Form einer gründlichen Fürsorgeausbildung auf katholischer Seite noch fehlt“ (Zeller 1989, S. 39).

Als die Gräfin 1910 für drei Monate nach München kam, ließ sie sich von Ellen Ammann bezüglich ihres Vorhabens zur Gründung einer sozialen Bildungsstätte speziell für Frauen beraten. Am 26. April 1911 eröffnete die Adelige in ihrer Heimatstadt eine „Soziale Frauenschule“. Neben katholischen sozial- und bildungsengagierten Frauen sowie Männer der Kirche und Caritas – bspw. Pauline Herber, Agnes Neuhaus (1854–1944), Bischof Michael Faulhaber, Lorenz Werthmann (1858–1921) etc. – gehörte dem Ehrenkomitee der Heidelberger „Sozialen Frauenschule“ auch „Frau Hofrat Dr. Ellen Ammann“ an (a.a.O., S. 45 ff.).

1916 wurde die Ausbildungsdauer der Münchener sozialen Ausbildungsinstitution auf zwei Jahre erhöht. Zudem übernahm der „Bayerische Landesverband des Katholischen Frauenbundes“ die Trägerschaft der sich nun nennenden „Soziale und caritative Frauenschule in Bayern“. Die neu konzipierte Ausbildungsstätte entsprach dem

„Bedürfnis der Zeit. Soziale Verpflichtungen der Öffentlichkeit zur Abhilfe sozialer Nöte forderten zwingend eine systematische Ausbildung jener Kräfte, die sich beruflich oder ehrenamtlich dieser neuen Zeitaufgabe widmeten. […] Die anfänglich von Seiten der Vereine und der Behörden versuchte Ergänzung der notwendigen Kenntnisse im Rahmen eines freien Vortragswesens führte zu keinem befriedigenden Erfolg. Die Erfahrung drängte dazu, für die individuellen Anforderungen der neuen Arbeitsgebiete die entsprechende Vorbildungsgelegenheit zu schaffen und zwar in der straffen, einheitlichen und dem Zwecke anfgepaßte Form einer Schule, wie sie andere Berufsgebiete aufweisen“ (Ammann und Hopmann 1918, S. 5).

Die zweijährige Ausbildung gliederte sich in eine jeweils zweisemestrige Unter- und Oberstufe. Das Schuljahr endete mit einer Prüfung. Der Lehrplan für den theoretischen Unterricht in der Oberstufe umfasste folgende Fächer:

Die „Soziale und caritative Frauenschule“ stand unter den Leitspruch „Caritas Christi urget nos“
Abbildung 7: Die „Soziale und caritative Frauenschule“ stand unter den Leitspruch „Caritas Christi urget nos“ (Ida-Seele-Archiv)

„Erziehungskunde, Volkswirtschaftslehre, Bürgerkunde, Sozialversicherung, kirchliche, private und öffentliche Wohlfahrtspflege, Gesundheitslehre, Hauswirtschaftslehre, Frauenfrage, Technik der Vereinsarbeit und Religion in Beziehung zur sozialen und karitativen Arbeit. Zur Einführung in die praktische soziale und karitative Arbeit werden Führungen durch private und öffentliche Wohlfahrtsanstalten unternommen, wie Säuglingsheim, Krankenhaus, Arbeitsamt, Ortskrankenkasse, Versicherungsanstalt, Arbeitermuseum Fabrikbetriebe usw. In der kursfreien Zeit können sich die Schülerinnen der praktischen Arbeit systematisch vollkommen widmen“ (o.V. 1917, S. 568).

Die ausgebildeten Wohlfahrtspflegerinnen besetzten „als begehrte Fachkräfte die ersten Stellen in den sich bildenden Wohlfahrts- und Jugendämtern, in der Werkfürsorge und Gesundheitsfürsorge des Landes. Sie (erschlossen) sich Aufgaben der weiblichen Kriminalpolizei und den Zugang in die Gefängnisse“ (Linhart 1940, S. 10).

Im Jahre 1925 legte Ellen Ammann, da politisch sehr eingespannt, die Schulleitung in jüngere Hände, blieb aber als Schulvorstand sowie Unterrichtende der Bildungseinrichtung bis zu Ihrem Tod treu.

Ellen (1) und Ottmar (8) Ammann im Kreis des Lehrerkollegiums
Abbildung 8: Ellen (1) und Ottmar (8) Ammann im Kreis des Lehrerkollegiums (Ida-Seele-Archiv)

4 Würdigung

Ellen Ammann gehört zu den ersten frauenbewegten sozial engagierten Aktivistinnen, die die Soziale Arbeit inhaltlich und organisatorisch wegweisend beeinflussten. Ihre Bedeutung „ist aufs innigste verknüpft mit der Geschichte des Marianischen Mädchenschutzvereins und seiner Bahnhofsmission“ (Hopmann 1937, S. 56). Mit der Gründung der „Social-caritativen Frauenschule“ hatte Ellen Ammann „wesentlich zur Professionalisierung weiblicher Sozialarbeit beigetragen und damit Pionierarbeit für den Beruf der Sozialarbeiterin geleistet“ (Holtmann 2017, S. 216). Dabei erstaunt, dass trotz mehr oder weniger umfangreicher, wie historisch/​wissenschaftlich fundierter Publikationen über Leben und Wirken der schwedischen Migrantin, diese noch immer im Schatten mancher Wegbereiterinnen der modernen Sozialen Arbeit steht (Eggemann und Hering 1999; Zeller 1994), allen voran Alice Salomon (1872–1948), die allgemein als die „Begründerin des sozialen Frauenberufs in Deutschland“ (Muthesisus 1958) gilt.

Bereits 1914 erhielt Ellen Ammann, anlässlich des 10. Jahrestages der Gründung des „Münchner Katholischen Frauenbundes“, das päpstliche Ehrenkreuz „Pro ecclesia et pontifice“ verliehen.

Einige von ihr (mit) ins Leben gerufenen sozial-caritativen Organisationen bestehen noch heute „und sind nicht mehr aus dem gesellschafts- und sozialpolitischen Leben in Bayern wegzudenken“ (Müller 2020, S. 9): Bahnhofsmission, „Katholischer Deutscher Frauenbund Landesverband Bayern“, Polizeiseelsorge, „Katholische Stiftungshochschule München“ („Sozial-caritative Frauenschule“), IN VIA („Marianischer Mädchenschutzverein“).

Posthum wurde die Aktivistin der katholischen Frauenbewegung und der Sozialen Arbeit vielfach gewürdigt: In Bamberg, Ingolstadt, München und Regensburg tragen Straßen ihren Namen. Das Caritas Kinderhaus (Kinderkrippe und Kindergarten) im Münchener Stadtbezirk Hadern wurde nach ihr benannt. Am KDFB-Haus in München, Schraudolphstraße 1, sowie am IN VIA Jugendwohnheim „Marienherberge“ in unmittelbarer Nähe des Münchener Hauptbahnhofs erinnert eine Gedenktafel an Ellen Ammann.

Gedenktafel am IN VIA Jugendwohnheim in München, Goethestraße 9
Abbildung 9: Gedenktafel am IN VIA Jugendwohnheim in München, Goethestraße 9 (Manfred Berger)

Seit 2013 vergibt der KDFB Landesverband Bayern alle zwei Jahre den „Ellen-Ammann-Preis“. Diesem „geht es nicht um die Lebensleistung einer Bewerberin, sondern um ein innovatives und außergewöhnliches Projekt zugunsten von Frauen“ (KDFB Landesverband Bayern 2023). Am 12. November 2021 wurde auf dem Campus der „Katholischen Stiftungshochschule München“ das „Ellen-Ammann-Seminarhaus“ eingeweiht. Und anlässlich Ellen Ammanns 150. Geburtstages ersuchte die KDFB-Landesvorsitzende Emilia Müller (*1951), mit Unterstützung von Kardinal Reinhard Marx (*1953) und Weihbischof Wolfgang Bischof (*1960), um die Einleitung eines Seligsprechungsverfahren (KDFB Landesverband Bayern 2020).

5 Quellenangaben

Ammann, Ellen und Maria Hopmann, 1918. Soziale und caritative Frauenschule des Katholischen Frauenbundes in Bayern: Berichte über die Jahre 1909–1918. München: Eigenverlag

Ammann, Ellen, 1904b. Mädchenschutzverein und Bahnhofmission. In: Verhandlungen der 1. Generalversammlung des Katholischen Frauenbundes in Frankfurt am Main von 6. Bis 8. November 1904. Köln: Eigenverlag, S. 97–109

Ammann, Ellen, 1906. Schutz der Jugend. In. Allgemeine Rundschau. Wochenschrift für Politik und Kultur. (3)44, S. 528

Ammann, Ellen. 1905. Die wissenschaftliche Weiterbildung der nicht berufstätigen Frau. In: Die Christliche Frau. (4)2, S. 41–46

Ammann, Ottmar, Frau, 1904a. Der Mädchenschutzverein und die Bahnhofmission. In: Lokalkomitee in Regensburg. Hrsg. Verhandlungen der 51. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands in Regensburg vom 21. Bis 25. August 1904. Regensburg: J. Habek, S. 586–599

Becker, Nikola, 2022. Ellen Ammann (1870-1932). In: Jürgen Aretz, Thomas Brechenmacher und Stefan Mückl, Hrsg. Zeitgeschichte in Lebensbildern. Katholische Persönlichkeiten des 20. und 21. Jahrhunderts. München: Aschendorf, S. 15–29 ISBN 978-3-402-26678-6

Berger, Manfred, 2023. Ellen Ammann (1870-1932). In. Blätter der Wohlfahrtspflege. (170)6, S. 231–234. ISSN 0340-8574

Brunnbauer, Wolfgang, 1990. Das Ringen um die „emanzipatorische Frau“. Ellen Ammann die „scharze“ Schwedin im Bayerischen Landtag. In: Charivari: Zeitschrift für Kunst, Kultur und das Leben in Bayern. (15)1, S, 77–81. ISSN 0343-2548

Eggemann, Maike und Sabine Hering, Hrsg., 1999. Wegbereiterinnen der modernen Sozialarbeit: Texte und Biographien zur Entwicklung der Wohlfahrtspflege. Weinheim/München: Juventa. ISBN 978-3-7799-1513-3

Faulhaber, Michael Kardinal von, 1919. Kritische Online-Edition der Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers (1911-1952). Tagebucheintrag vom 10. Oktober 1919, EAM, NL Faulhaber 10004, S. 6 [online]. München: Faulhaber-Edition [Zugriff am: 10.04.2024]. Verfügbar unter: https://faulhaber-edition.de/10004_1919-10-10_T01

Feldmann, Christian. 2021. Bayerische Charakterköpfe: 33 besondere Porträts. Regensburg: Pustet. ISBN 978-3-7917-3276-3

Godin, Marie Amélie von, 1933. Ellen Ammann: Ein Lebensbild. München: Kösel & Pustet

Heymann, Lida Gustava, 1992 [1972]. Erlebtes Erschautes: Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden 1850–1940. Frankfurt am Main: Ulrike Helmer. ISBN 978-3-927164-43-7

Holtmann, Gunda, 2017. Ellen Ammann – Eine intellektuelle Biographie: Ein Beitrag zur Geschichte der Sozialen Arbeit im Kontext der katholischen Frauenbewegung und des ‚Katholischen Deutschen Frauenbundes‘ zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Würzburg: Ergon. ISBN 978-3-95650-270-5

Hopmann, Maria, 1937. Ellen Ammann und ihre sozial-caritative Bedeutung. In: Gesellschaft für Caritaswissenschaften e.V., Hrsg. Jahrbuch der Caritaswissenschaften. München: Karl Reger, S. 56–68

Huber, Paula. 1933. Die verborgene Caritas. In. Bayerisches Frauenland. (14)1, S. 3

Kall, Alfred. 1983. Katholische Frauenbewegung in Deutschland. Eine Untersuchung zur Gründung katholischer Frauenvereine im 19. Jahrhundert. Paderborn: Schöningh. ISBN 978-3-506-70739-0

KDFB Landesverband Bayern, 2020. Antrag auf Seligsprechung von Ellen Ammann [online]. München: Katholischer Deutscher Frauenbund Landesverband Bayern e.V. [Zugriff am: 10.04.2023]. Verfügbar unter: https://www.frauenbund-bayern.de/themen/​ellen-ammann/​seligsprechung/

KDFB Landesverband Bayern, 2023. Ellen-Ammann-Preis 2023 [online]. München: Katholischer Deutscher Frauenbund Landesverband Bayern e.V. [Zugriff am: 10.04.2023]. Verfügbar unter: https://www.frauenbund-bayern.de/aktion/​ellen-ammann-preis/

Krabbel, Gerta, 1932. An Ellen Ammanns Grab. In: Die Christliche Frau. (30)10, S. 394–396

Kranstedt, Gabriele, 2003. Migration und Mobilität im Spiegel der Verbandsarbeit Katholischer Mädchenschutzvereine 1895–1945: Ein Beitrag zur Geschichte der Katholischen Frauenbewegung. Freiburg im Breisgau: Lambertus. ISBN 978-3-7841-1465-1

Linhart, Paula. 1940. Ellen Ammann: Ein christliches Frauenbild in unserer Zeit. Breslau: Frankes Vering

Muthesius, Hans, Hrsg., 1958. Alice Salomon die Begründerin des Sozialen Frauenberufs in Deutschland: Ihr Leben und ihr Werk. Köln und Berlin: Carl Heymann

Müller, Emilia, 2020. Zum Geleit. In: Adelheid Schmidt-Thomé. Ellen Ammann: Frauenbewegte Katholikin. Regensburg: Friedrich Pustet, S. 9–10. ISBN 978-3-7917-3128-5

Neboisa, Marianne, 1982. Ellen Ammann (1870-1932). Eine bemerkenswerte Frau der Katholischen Aktion. In: Katholische Bildung. 82(12), S. 599–609. ISSN 0343-4605

Neboisa, Marianne, 1992. Ellen Ammann geb. Sundström 1870–1932. Dokumentation und Interpretation eines diakonischen Frauenlebens. St. Ottilien: EOS. ISBN 978-3-88096-640-6

Nikels, Bruno W., 1994. Soziale Hilfe am Bahnhof: Zur Geschichte der Bahnhofsmission in Deutschland (1894-1960). Freiburg im Breisgau: Lambertus. ISBN 978-3-7841-0738-7

Ohne Verfasser, 1907. Erster Rechenschaftsbericht des Münchener Kath. Frauenbundes 6.XII 1904 – 31. XII 1906. München: Eigenverlag

Ohne Verfasser, 1912. Zwei Jahre Arbeit im Münchener Katholischen Frauenbund. Vom 1. Januar 1911 bis 31. Dezember 1912. München: Eigenverlag

Ohne Verfasser, 1917. Soziale und karitative Frauenschule in Bayern, München. In. Das Bayerland. 28(45/46), S. 367–368

Rösch, Mathias, 2009. „unterhaltsäumiger Vater kommt ins KZ“: Die Sozialen Frauenschulen im „Dritten Reich“ zwischen Ideologie, Anpassung und Resistenz. In: Susanne Sandherr, Hrsg. Einhundert Jahre Ausbildung für soziale Berufe mit christlichem Profil: Von Ellen Ammanns sozial-caritativer Frauenschulung zur Katholischen Stiftungsfachhochschule München 1909–2009. München: Don Bosco Medien, S. 42–52. ISBN 978-3-7698-1733-1

Schießleder, Elfriede, 2018. Ellen Ammann, Frauenrechtlerin, Wegbegleiterin der sozialen Arbeit, christliche Politikerin und frühe Gegnerin des Nationalsozialismus. In. zur debatte. Sonderheft Historische Tage 2018. (48)6, S. 16–19. ISSN 0179-6658

Schmidt-Thomé, Adelheid, 2020. Ellen Ammann: Frauenbewegte Katholikin. Regensburg: Friedrich Pustet. ISBN 978-3-7917-3128-5

Wosgien, Gabriele, 2009. Ellen Ammann – die Gründerin der Münchener Sozialen und caritativen Frauenschule. In: Susanne Sandherr, Hrsg. Einhundert Jahre Ausbildung für soziale Berufe mit christlichem Profil: Von Ellen Ammanns sozial-caritativer Frauenschulung zur Katholischen Stiftungsfachhochschule München 1909–2009. München: Don Bosco Medien, S. 16–27. ISBN 978-3-7698-1733-1

Zeller, Susanne, 1989. Maria von Graimberg: Vierzig Jahre Sozialarbeiterinnenausbildung in Heidelberg. Freiburg im Breisgau: Lambertus. ISBN 978-3-7841-0434-8

Zeller, Susanne, 1994. Geschichte der Sozialarbeit als Beruf: Bilder und Dokumente (1893-1933). Pfaffenweiler: Centaurus. ISBN 978-3-89085-534-9

6 Informationen im Internet

Verfasst von
Manfred Berger
Mitbegründer (1993) und Leiter des „Ida-Seele-Archivs zur Erforschung der Geschichte des Kindergartens“
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