Antisemitismus
Prof. Dr. phil. Dr. rer. med. Peter Ullrich, Dr. Felix Axster
veröffentlicht am 21.07.2026
Unter Antisemitismus werden Distanz‑ und Feindschaftsphänomene (Vorurteile, Diskriminierung, Feindseligkeit, Gewalt usw.) gegenüber Jüd:innen als Jüd:innen und gegenüber dem Judentum verstanden. Das antijüdische Feindbild kann in voll entfalteter Form einen weltbildhaften Charakter annehmen, d.h. den einer umfassenden Erklärung des Zustandes und der ausgemachten Probleme der Welt, für die Jüd:innen verantwortlich gemacht werden.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Kernbestimmung: Die Wir/Juden-Dichotomie
- 3 Vielfalt der Antisemitismusverständnisse
- 4 (Vor-)Geschichte
- 5 Typen und Erscheinungsformen
- 6 Zeitgenössische Kontroversen
- 7 Ambivalenzen der Antisemitismusbekämpfung zwischen Prävention und Politisierung
- 8 Quellenangaben
1 Zusammenfassung
Es gibt im Rahmen der gegenwärtigen Antisemitismusbekämpfung in der Öffentlichkeit wie in der Wissenschaft eine rege Debatte über divergierende Antisemitismusverständnisse, die sich trotz ihrer Unterschiedlichkeit und teilweise auch Widersprüchlichkeit um den eingangs dargestellten Bedeutungskern gruppieren. Das Thema Antisemitismus ist zudem mit verschiedenen anderen wichtigen Themen der Gegenwart eng verknüpft (Israel-Palästina-Konflikt, Migration, Rassismus, Kolonialismus u.a.), was zur Politisierung und Polarisierung der Debatte beiträgt.
Das Wort „Antisemitismus“ hat als Selbstbezeichnung der judenfeindlichen Bewegung vor allem ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Verbreitung gefunden. Der antisemitische Diskurs richtete sich gegen die rechtliche Gleichstellung von Jüd:innen im Deutschen Kaiserreich. Sie wurden für gesellschaftliche Missstände und soziale Verwerfungen der Moderne verantwortlich gemacht. „Die Juden sind unser Unglück“ – so formulierte es der Historiker Heinrich von Treitschke, der Ende der 1870er-Jahre den sogenannten Berliner Antisemitismusstreit (siehe 4.3) auslöste. Die antisemitische Bewegung bediente sich, zur Abgrenzung vom christlichen Antijudaismus und zur Markierung von Modernität und Wissenschaftlichkeit, eines Begriffs aus der Sprachwissenschaft (semitische Sprachen) und gab ihm eine rassistische (also unveränderliche, essenzialisierende, Gruppenzugehörigkeit markierende) und dabei klar gegen Jüdisches orientierte Bedeutung. Antisemitismus richtet sich also nicht gegen alle Gruppen, die sogenannte semitische Sprachen sprechen, worin einiges Potenzial für Missverständnisse liegt (zur Wort‑ und Begriffsgeschichte Bergmann 2006; Engel 2009; Feldman 2018; Ullrich, Jensen 2024).
Für die antisemitische Feindschaft ist das (tatsächliche oder vermutete) Jüdisch-Sein der als Fremdgruppe Markierten maßgeblich und nicht reale Taten, Lebensweisen oder andere ihrer Eigenschaften. Der Antisemitismus produziert ein Zerrbild des Jüdischen, weswegen seine projektive Leistung auch als „turning Jews into ‚Jews‘“ (Klug 2014, S. 8) beschrieben wurde. Antisemitismus war historisch und ist auch in der Gegenwart Ausgangspunkt verschiedenster Diskriminierungs‑ und Verfolgungspraktiken bis hin zum Massenmord.
Die von antisemitischer Seite erfolgte Problematisierung einer „Judenfrage“, die nicht mehr im primär christlich-religiösen Rahmen gestellt wird, ist insbesondere seit dem 18. Jahrhundert im Zuge der Aufklärung und Säkularisierung sowie der Bildung von Nationalstaaten und im Zusammenhang mit ökonomischen Umwälzungen zu beobachten. Zum einen ging es um die Definition der Zugehörigkeit zur sich herausbildenden Nation (Weyand 2016). Zum anderen sah man sich mit tiefgreifenden sozialen Umwälzungen im Zuge der Durchsetzung der kapitalistischen Moderne (Urbanisierung, Individualisierung, Auflösung traditioneller Vergemeinschaftungsformen etc.) konfrontiert. Der Antisemitismus lässt sich als Reaktion auf beziehungsweise Ausdruck dieser Phänomene und als spezifisch judenfeindliches Deutungsangebot für die mit diesen Umwälzungen zusammenhängenden sozialen Verwerfungen verstehen (Claussen 1994). Entsprechend wird er oft auch als moderner (nationaler, rassistischer) Antisemitismus gefasst (Antisemitismus im engeren Sinne). Umstritten ist hingegen die Frage, wie genau andere, vor allem ältere Phänomene systematischer Feindschaft gegenüber dem Judentum mit dem modernen Antisemitismus zusammenhängen. Das gilt insbesondere für den christlichen Antijudaismus des Mittelalters, der auch für den modernen Antisemitismus einen wesentlichen kulturellen Anknüpfungspunkt bildet, sowie für Erscheinungen von Judenfeindschaft in der griechisch-römischen Antike. Damit ist jedoch darauf verwiesen, dass antisemitische Phänomene als abwertende Fremdbilder immer vor dem Hintergrund jeweils historisch und geografisch variabler Selbstbilder analysiert werden müssen (Holz 2001; 2005; Scherr, Schäuble 2008; Weyand 2016).
Antisemitismus sowie verschiedene Unterformen oder „Antisemitismen“ werden stattdessen häufig anhand der konkreten Inhalte der Feindbilder bestimmt, die von körperlichen Deformationen über negative Charaktereigenschaften wie Gier und ungezügelte Lust bis hin zu verschwörungstheoretischen Vorstellungen über dunkle Machenschaften und die vermeintliche jüdische Kontrolle über die Welt reichen. Diese Feindbilder finden sich in Pamphleten und Karikaturen, in politischen Reden und in der Presse (vornehmlich, aber nicht exklusiv, der politischen Rechten), aber auch in der Alltagskultur. Allerdings variieren die Vorurteilsinhalte in Abhängigkeit vom jeweiligen historischen Kontext und dessen Bezugsproblemen. Vor diesem Hintergrund scheint es uns in definitorischer Hinsicht sinnvoller zu sein, das stabile Element der grundlegenden kulturellen Semantik zu fokussieren, das der Antisemitismus immer wieder konstruiert sowie in Worten und Taten propagiert. Die „einfachste und allgemeinste Bestimmung“ von Antisemitismus ist daher „abwertende Dichotomie ‚Wir/Juden‘“ (Holz und Haury 2021, S. 356). Als kulturelle Semantik ist sie auf kognitiver, handlungspraktischer, organisationaler, institutioneller wie struktureller Ebene, also unabhängig vom gewählten analytischen Zugang, in Einstellungen wie in Bildern, Praktiken und institutionellen Settings rekonstruierbar.
2 Kernbestimmung: Die Wir/Juden-Dichotomie
Diese wahrscheinlich kürzeste – und trotzdem oder gerade deshalb hervorragende – Antisemitismusdefinition von Klaus Holz und Thomas Haury enthält die grundlegenden Bestimmungen des Begriffs. Diese können anhand der folgenden vier Wörter durchdekliniert werden:
- Abwertung: Es geht im Kern um eine Negativbeziehung, die von Distanzempfinden und Vorurteilen über abwertende Einstellungen, Diskriminierungen und Feindseligkeiten bis zur Vernichtung reichen kann.
- Dichotomie: Die kategoriale Trennung zwischen den Gruppen ist absolut, d.h. zweiseitig, streng und unüberwindbar. Jüd:innen sind aus antisemitischer Perspektive wesenhaft anders und können entsprechend nicht zu „uns“ gehören; auch Taufe oder gleiche Staatsbürgerschaft können den ‚Makel‘ ihrer Zugehörigkeit nicht abwenden. Zudem ist die Unterscheidung Wir/Juden asymmetrisch. Sie schreibt Jüd:innen eine kategoriale Andersartigkeit im Sinne der Unterscheidung Gemeinschaft/​Gesellschaft und Identität/Nicht-Identität zu, die sie von anderen symmetrisch-segmentären Unterscheidungen (wie der zwischen verschiedenen Nationen/Völkern) absetzt. Im Ergebnis werden das „eigene Volk“ sowie „die Völker“ mit als natürlich imaginierter nationaler Identität den Jüd:innen als nicht identischer Gruppe ohne eine solche Identität gegenübergestellt („Figur des Dritten“, Holz 2004; auch 2001).
- Wir: Die Entgegensetzung Wir/Juden erfüllt Funktionen bei der Stabilisierung eines Selbstbildes, einer Gruppenidentität der Wir-Gruppe, sei sie national, ‚rassisch‘ oder religiös. Das Fremdbild ist dabei variabel. Wandlungen im Fremdbild sind aber vor dem Hintergrund von Wandlungen in den Selbstbeschreibungen zu verstehen, beispielsweise der moderne rassistische Antisemitismus vor dem Hintergrund dominant nationaler Selbstbilder im Gegensatz zum religiös ausformulierten Antijudaismus vor dem Hintergrund dominant christlicher Selbstbilder (Weyand 2016).
- Juden: Gegenstand oder Objekt der Abgrenzung und Feindschaft sind Jüdinnen und Juden als Jüdinnen und Juden beziehungsweise das Judentum als solches. Dabei kann, was besonders nach 1945 angesichts der öffentlichen Desavouierung des Antisemitismus durch den Holocaust oft der Fall ist, die Fremdreferenz durch Codes verschleiert und somit in der Kommunikation latent gehalten werden (Bergmann und Erb 1986). Außerdem kann sich Antisemitismus gegen nichtjüdische Personen oder Organisationen richten, die für jüdisch gehalten oder mit dem Judentum assoziiert werden. Doch die dem Antisemitismus inhärente Abwertung richtet sich gegen das Jüdische.
3 Vielfalt der Antisemitismusverständnisse
Während diese Kernbestimmung von Antisemitismus wahrscheinlich wenig kontrovers und weitgehend auch mit den verbreiteten Praxisdefinitionen wie der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus oder der Arbeitsdefinition Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance kompatibel ist, gibt es faktisch sehr viele unterschiedliche „Antisemitismusverständnisse“ (Arnold et al. 2024). Verschiedene Autor:innen differenzieren den Begriff auf je spezifische Arten und Weisen aus und akzentuieren seine Enge oder Weite über den hier skizzierten semantischen Kern hinaus, wobei – nicht untypisch für erfolgreiche Konzepte – derzeit eher Ausweitungen zu beobachten sind (dazu grundlegend: „conceptual stretching“, Sartori 1970; „concept creep“, Haslam 2016). Für diese konzeptuelle Vielfalt lassen sich systematische Gründe anführen, darunter die verschiedenen disziplinären Prägungen der jeweiligen Zugänge, die durch den Theoriepluralismus in den relevanten Fächern noch einmal vervielfältigt werden, außerdem Zeit‑ und andere Kontextbedingungen, die Veränderlichkeit von Antisemitismus als historisches Phänomen, divergente Zwecksetzungen/​Einsatzbereiche von Definitionen, die Relationalität und Graduierbarkeit des Gegenstands, der grundsätzliche Voluntarismus des Definierens und nicht zuletzt die vielfältige normative Aufladung des Begriffs.
Um dies beispielhaft zu verdeutlichen: Die inhaltliche Auseinandersetzung mit Antisemitismus war nach 1945 maßgeblich vom Holocaust bestimmt, insbesondere in direkter zeitlicher Nähe der Ereignisse, und hatte die Dimension der Vernichtung(sdrohung) stärker im Blick als frühere Arbeiten oder solche zu zeitgenössischem Alltagsantisemitismus. Auch disziplinäre Vielfalt der Antisemitismusforschung und wissenschaftliche Paradigmenwechsel wie der „cultural turn“ in den Sozialwissenschaften prägen divergente Perspektiven, die dem Antisemitismus je spezifische Existenzorte zuweisen (Holz und Ullrich 2024): Aus der Perspektive der sozialpsychologischen Vorurteilsforschung erscheint Antisemitismus als Einstellungsmuster vor allem in den Köpfen der Befragten situiert, aus der Perspektive von Kriminalitätsmonitoring und Vorfallsstatistiken als Menge gesellschaftliche Praktiken von Beleidigungen und Ausgrenzung, aus geistes‑ und kulturwissenschaftlicher Perspektive als aufgeschichtetes Wissen mit geistesgeschichtlichen Tradierungen und Materialisierungen in Texten, Bildern und anderen Artefakten sowie schließlich aus organisationssoziologischer Perspektive als organisierte Praxis (nicht zuletzt der Verfolgung und Vernichtung), die nicht zwingend passender individueller Motivationen bedarf. Antisemitismusbegriffe lassen sich auch dahingehend unterscheiden, ob sie (traditionell) primär eine Mehrheits-Minderheits-Konstellation in den Blick nehmen oder sich nach der Gründung eines jüdischen Staates mit einem gänzlich anders gelagerten Akteursfeld und entsprechender Machtressourcenverteilung auseinandersetzen müssen. Oder: Lange standen das Vorurteil und seine Träger:innen bzw. seine Ermöglichungsbedingungen im Zentrum des Nachdenkens über Antisemitismus, während die seit einigen Jahrzehnten zu beobachtende zunehmende Bedeutung von Opferschaft als Legitimationsressource im politischen Raum und Politiken der Anerkennungskämpfe zur Forderung nach stärkerer Einbeziehung der Betroffenenperspektiven und ihrer Erfahrungen mit Antisemitismus beitrugen (Zick et al. 2017; Bernstein 2023; Chernivsky, Lorenz-Sinai und Schweitzer 2023; Mendel 2024). Diese Vielfalt von Antisemitismusverständnissen ist grundsätzlich als konstitutiv für das Feld vorauszusetzen, wobei sich besonders seit der Jahrtausendwende eine zugespitzte Polarisierung zwischen teils antagonistischen Positionen abzeichnet. Das erklärt auch, warum unsere Darstellung für einen Lexikoneintrag im Verhältnis weniger festes „Faktenwissen“, dafür aber umso mehr Problematisierungen einzelner Aspekte auf einer Metaebene enthält.
4 (Vor-)Geschichte
Historische Begriffe stehen immer im Spannungsfeld von Kontinuität und Diskontinuität (Bauman 1995, S. 46 ff.); definitorische Festlegungen hingegen verlangen – letztlich voluntaristische – Entscheidungen, u.a. zum Begriffsumfang und damit auch zur Frage des Anfangs. In diesem kurzen historischen Überblick wollen wir uns aber nicht hinsichtlich der seit vielen Jahrzehnten in der Forschung diskutierten Frage entscheiden, zu welchem exakten historischen Zeitpunkt der Beginn dessen anzusetzen ist, was heute meist Antisemitismus genannt wird. Vielmehr ‚umgehen‘ wir das Problem derart, dass Phänomene ausgeprägter Feindschaft gegen das Judentum, die historisch am weitesten zurückliegen und deren Zugehörigkeit zum Begriff Antisemitismus am stärksten umstritten ist, hier nur angerissen werden, während die Schilderung für Phänomene der weniger weit zurückliegenden Geschichte ausführlicher ausfällt. Besonders maßgebliche Gegenwartsphänomene und ‑debatten vertiefen wir anschließend in Einzelkapiteln.
Gegen eine zu umfassende anachronistische Ausdehnung des relativ jungen Begriffs auf Phänomene in einem Zeitraum von etwa 2500 Jahren – emblematisch in Robert Wistrichs (1991) Buch „Antisemitism. The longest hatred“ – wurde u.a. eingewandt:
- dass der Begriffsgebrauch angesichts der Inkompatibilität gegenwärtiger und vormoderner/​antiker Vergesellschaftungsformen und v.a. der Muster und Verständnisse von Gruppenzugehörigkeit auch eine Rückprojektion moderner Kategorien darstelle (Cohen 1986; Weyand 2016);
- dass die dahinterstehende „judäozentrische Forschungsperspektive“ (Beller 2022) allgemeinere, weitverbreitete Phänomene als spezifisch gegen Jüd:innen gerichtet erscheinen lässt, obwohl es sich bei vielen als antisemitisch klassifizierten Vorkommnissen womöglich um gewöhnliche „realistische“ (Langmuir 1990) oder „politische“ (Nirenberg 2017) Konflikte gehandelt haben mag, die es zwischen verschiedensten Gruppen gab;
- dass so eine reine Verfolgungs‑ oder „Tränengeschichte“ (Baron 1937; auch Gaus und Arendt 1964, S. 25) des Judentums konstruiert würde, die quasi teleologisch zum Holocaust führe (Judaken 2018; Seidel 2024, S. 157);
- dass von den gesellschaftlichen Bedingungen abstrahiert würde, die jeweilige Erscheinungen von Judenfeindschaft bedingen, und so der Zusammenhang zum Beispiel zwischen bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaft und modernem Antisemitismus verschleiert würde (Claussen 1987).
Die Spannung zwischen Kontinuität und Diskontinuität lässt sich jedenfalls nicht einfach auflösen. Denn trotz guter Gründe gegen eine eternalistische Perspektive, die Judenhass als „zu allen Zeiten und an allen Orten gleichbleibendes Wesen des Antisemitismus“ voraussetzt, sollte nicht übersehen werden, dass „sich doch von den frühchristlichen Anklagen bis zu den rassistischen Feindbildern ein kulturell tief verankerter antijüdischer Motivvorrat“ aufschichtet, „der in jeder Epoche wieder aktualisiert werden kann“ (Bergmann 2020, 8).
4.1 Judenfeindschaft von der Antike bis zum Mittelalter
Phänomene ausgeprägter Judenfeindschaft werden seit der griechisch-römischen Antike beschrieben (Nirenberg 2017; im kompakten Überblick Schäfer 2020). Für diese werden in Form (Ghettobildung, Pogrome, Vertreibungen) wie Inhalt (Zuschreibung zutiefst negativer Eigenschaften und gesellschaftlicher Wirkungen) dem späteren Antisemitismus verwandte Phänomene konstatiert (dezidiert Baltrusch 2025). Hatte bereits die antike Judenfeindschaft eine religiöse Dimension – „der unsichtbare und namenlose jüdische Gott war den Griechen und Römern von jeher suspekt“ (Schäfer 2020, S. 28) –, so setzte mit der Entstehung des Christentums das ein, was oft als religiöser Antisemitismus beschrieben wird (Pfahl-Traughber 2007). Viele Forscher:innen sehen hier den eigentlichen Beginn einer gesonderten Judenfeindschaft (König 2006; Kampling 2025). Bedeutsam ist zum Beispiel die Dimension der Ablösung bzw. Abgrenzung: Das Christentum war aus dem Judentum hervorgegangen, ohne es erfolgreich aufzuheben (Adorno und Horkheimer 2006, S. 188), obwohl genau darin sein Anspruch bestand. Die christliche Heilserwartung und der Geltungsanspruch der christlichen Religion wurden also vom weiter bestehenden Judentum faktisch untergraben, weswegen eine antijüdische Tendenz quasi konstitutiv für christliche Theologie wurde (Kellenbach 2024). Diese Problematik stellte sich übrigens im Islam nicht. Zwar gab es auch hier judenfeindliche Tendenzen, allerdings wurden Jüd:innen (anders als im Christentum, das als jüdische Sekte entstand) nicht als „innere Feinde“ gesehen (Schäfer 2020, S. 112 f.; Holz und Haury 2021, S. 169). Und auch in anderer Hinsicht besteht ein maßgeblicher Unterschied zwischen Christentum und Islam: Denn während das Christentum den Vorwurf des Gottesmordes in die Welt setzte (Grözinger 1999), den Vorwurf also, dass Jüd:innen die Ermordung Christi zu verantworten hätten, stellt Jesus im Islam lediglich einen unter vielen Propheten dar. Mit der rasanten Ausbreitung des Christentums vor allem im europäischen Mittelalter jedenfalls avancierte der Vorwurf des Gottesmordes zu einem zentralen Stereotyp der religiös-christlichen Judenfeindschaft, welche wiederum zunehmend als Strafe Gottes rationalisiert und legitimiert werden konnte.
Im Spätmittelalter kam es zu massiven Verfolgungswellen und Pogromen, nicht zuletzt im Kontext der Kreuzzüge ab 1095. Die „Befreiung“ Jerusalems von den sogenannten Ungläubigen (in diesem Fall Muslime) wurde durch den Kampf gegen Jüd:innen (ebenfalls als Ungläubige) auf den Routen der Kreuzfahrer komplettiert. Und während der Pest-Epidemien, in deren Folge auch viele jüdische Gemeinden in Mitteleuropa vernichtet wurden (Bergmann 2020), wurde Jüd:innen oftmals die Schuld an der Ausbreitung der Krankheit zugeschrieben; die Brunnenvergiftungs-Legende wurde hier wirkmächtig (Pirschlinger 2023).
Daran knüpfte die religiöse, aber sich auch modernisierende Judenfeindschaft der Frühen Neuzeit an. Erwähnt sei hier vor allem die kaum zu überschätzende Wirkung des Reformators Martin Luther, der heftige judenfeindliche Traktate publizierte, in denen auch zu massiver Gewalt aufgerufen wurde (Kaufmann 2014), und der von entscheidendem Einfluss auf den späteren protestantisch-deutschen Nationalismus war (Schüler-Springorum 2020). Allerdings war Luther gewissermaßen nur die Spitze des Eisbergs, denn dass „die Juden das Gemeinwohl bedrohten, war ein Konsens auch unter den weniger grob judenfeindlichen Reformatoren“ (Bergmann 2020, S. 28).
4.2 Rassistisch geprägter Antisemitismus in der Neuzeit
Von großer Relevanz für die Entwicklung des Antisemitismus ist auch der Aufstieg europäischer Mächte. 1492 begann mit der Ankunft Christoph Kolumbus in Amerika der neuzeitliche Kolonialismus. Zudem wurde der als Reconquista bezeichnete Prozess der Eroberung der iberischen Halbinsel durch christliche Herrscher:innen vollendet, die zuvor unter maurischer bzw. islamischer Herrschaft gestanden hatte. Die Eroberung ging mit der Verfolgung von Nichtchrist:innen einher. Alle nicht zum Christentum konvertierten Jüd:innen wurden mit dem Alhambra-Edikt von 1492 direkt des Landes verwiesen. Zum wichtigen Instrument der Ausgrenzung wurden ab der Mitte des 15. Jahrhunderts auch sogenannte Blutreinheitsgesetze (‚limpieza de sangre‘; Chazan 2016; Geiss 1988; Grüttner 1996; Schüler-Springorum 2020; Terkessidis 1998). Von Bedeutung ist, dass sich die Blutreinheitsgesetze gegen die Möglichkeit der Konversion richteten und gleichermaßen Jüd:innen wie Muslime betroffen waren. Ein Übertritt zum Christentum war damit zwar weiterhin formal möglich; die christlichen Herrscher:innen und mit ihnen die spanische Inquisition gingen aber davon aus, dass Jüd:innen wie Muslime trotz Konversion ihren Glauben beibehalten würden und somit das Projekt einer christlich geprägten, proto-nationalistischen Gemeinschaftsbildung von innen heraus zu zersetzen drohten. Auf dieser Grundlage wurden sie u.a. von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen und unterlagen ständiger Überprüfung ihres Glaubens, häufig mit dem Resultat der Verurteilung zum Tod auf dem Scheiterhaufen. In diesem Sinne werden die Blutreinheitsgesetze als proto-rassistische Zäsur beschrieben (Schüler-Springorum 2020): Das Prinzip der über den Glauben vermittelten Zugehörigkeit wird herausgefordert von der Idee in den Körper eingeschriebener Abstammung.
Im Kontext der Aufklärung entstanden ab dem 18. Jahrhundert pseudowissenschaftliche Rassetheorien, die alternative Erklärungen zu religiös-kirchlichen Abstammungslehren anboten und dabei den Körper bzw. allgemein das Biologische als Kriterien für (rassische) Zugehörigkeit fokussierten. Auch Jüd:innen wurden in diesem Zusammenhang zunehmend als Rasse konstruiert, die meist als (im Verhältnis zu europäischen oder weißen Rassen) minderwertig eingestuft wurde. Zugleich setzte eine Emanzipationsbewegung ein, die Bürgerrechte auch für Jüd:innen einforderte, letztlich mit großem Erfolg (Rürup 1987). Allerdings wurden in den Schriften der Emanzipationsanhänger immer wieder auch antisemitische Stereotype reproduziert oder generiert – zum Beispiel die schon bei Luther virulente Vorstellung, Jüd:innen seien faul und unproduktiv und müssten zu einem christlichen Arbeitsideal erzogen werden (Axster 2022a; Braese 2015). Schließlich zeichnet sich die Entstehung der sogenannten Gegenaufklärung ab, einer Bewegung, die sich dezidiert gegen die Ideale der Aufklärung wandte und an den absolutistischen Formen der Vergemeinschaftung festhalten wollte (Sternhell 2009). Gerade in diesem Zusammenhang etablierte sich das, was vielfach als biologistisch-rassistische Form der Judenfeindschaft verstanden wird und als Vorläufer des in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstehenden völkischen Antisemitismus angesehen werden kann (Bergmann und Erb 1989).
4.3 Antisemitische Bewegungen im Kaiserreich
Ausgehend von der Selbstbezeichnung der antisemitischen Bewegung im Deutschen Kaiserreich Ende des 19. Jahrhunderts popularisierte sich der bis dato nur gelegentlich verwendete Begriff Antisemitismus. Diese Bewegung umfasste ein breites Geflecht aus Vereinen, Parteien, Zeitschriften etc.; auch zahlreiche unterschiedliche Akteure aus der Wissenschaft, den Kirchen, der Politik, dem Journalismus etc. waren involviert. Dass gerade bürgerlich und akademisch geprägte Intellektuelle den Antisemitismus propagierten, verdeutlicht der sogenannte Berliner Antisemitismusstreit, der 1879 durch einen Aufsatz des Historikers und Reichstagsabgeordneten Heinrich von Treitschke ausgelöst wurde, und der von einer bis 1891 andauernden Flut von Artikeln und Reden zu Stellung und Einfluss des Judentums und zur sogenannten „Judenfrage“ geprägt war (Jensen 2005; Berg 2023). Antisemitismus entwickelte sich im Kaiserreich zu einem „kulturellen Code“ (Volkov 2010). Damit ist gemeint, dass das Bekenntnis zu Antisemitismus für rechte, antiliberal-nationalistische Protagonist:innen „zu einem Signum kultureller Identität, der Zugehörigkeit zu einem spezifischen kulturellen Lager“ wurde (a.a.O., S. 23). In den Worten von Jan Weyand: „Wer Antisemit war, war aggressiver Nationalist und Anti-Modernist und umgekehrt“ (Weyand 2024b, S. 149).
4.4 Antisemitismus im Nationalsozialismus
Der Nationalsozialismus schloss in vielfacher Hinsicht an die antisemitische Bewegung des Kaiserreichs und den hier etablierten völkischen Antisemitismus an. Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, wollten wir den nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Januar 1933 einsetzenden antisemitischen Ausgrenzungs-, Verfolgungs‑ und Vernichtungsprozess hier detailliert nachvollziehen. Wichtig scheinen uns aber ein paar Hinweise auf gewissermaßen übergeordnete Aspekte zu sein: Zunächst sei erwähnt, dass mit diesem Machtantritt der Antisemitismus erstmals Staatsdoktrin wurde, was sich schon bald, nämlich am 1. April 1933 im Rahmen eines reichsweiten Boykotts jüdischer Geschäfte zeigen sollte (Ahlheim 2011). Zudem sei auf den Begriff des „Erlösungsantisemitismus“ verwiesen, der von Saul Friedländer (2007) stammt. Er hebt die religiöse Dimension im völkisch-nationalsozialistischen Antisemitismus hervor. Das heißt zum einen, dass er die klassische, auch temporale (im Sinne einer zeitlichen Abfolge) Unterscheidung zwischen religiösem Antisemitismus des Mittelalters und rassistischem Antisemitismus der Neuzeit insofern in Frage stellt, als er eine Gleichzeitigkeit oder Überlagerung dieser beiden Dimensionen nahelegt. Zum anderen nimmt er Bezug auf eine Debatte, in der allgemein nach den religiösen Implikationen des Nationalsozialismus gefragt wird (Bärsch 1998; Claussen 2000, Gailus 2021). Allerdings besteht eine Spannung zu anderen Erklärungsansätzen: Denn während der Begriff des Erlösungsantisemitismus die Deutung nahelegt, dass der Holocaust kausal auf den Erlösungsgedanken zurückzuführen sei, gehen andere Forscher:innen von einer kumulativen Radikalisierung bzw. von einem komplexen Gewaltgeschehen aus. Mit anderen Worten wird die Vernichtung der Jüd:innen hier nicht nur mit Antisemitismus in Zusammenhang gebracht, sondern auch vor dem Hintergrund sowohl des Zweiten Weltkriegs seit September 1939 als auch anderer Vernichtungsprojekte kontextualisiert, zum Beispiel der sogenannten Aktion T4, also dem systematischen Massenmord an Menschen mit Behinderung, der dem Holocaust zeitlich vorausging (Mommsen 1983; Wildt 2022). Die extreme Gewaltförmigkeit jedenfalls, die in die mit großem logistischem Aufwand geplante und vollzogene Vernichtung von Millionen Jüd:innen mündete, lässt sich als ein Spezifikum des nationalsozialistischen Antisemitismus und seiner Biopolitik verstehen (Schüler-Springorum 2025, S. 26–45).
4.5 Widersprüchliche Entwicklungen nach 1945
Auch wenn der Antisemitismus nach 1945 durch die nach und nach offenbar werdende Monstrosität der NS-Verbrechen eine massive öffentliche Desavouierung erfuhr, war er keineswegs plötzlich verschwunden. Jedoch sind für die Nachkriegszeit zwei Aspekte maßgeblich für seine besondere Entwicklungsrichtung:
Erstens ist ein Legitimitätsverlust im politischen Diskurs, namentlich der NS-Nachfolgestaaten, zu konstatieren – noch dazu angesichts der Re-Education-Anstrengungen der Alliierten und der damit einsetzenden „Vorurteilsrepression“ (Heitmeyer und Bergmann 2005), was radikal gewandelte Kommunikationsbedingungen zur Folge hatte. Dem durch Auschwitz bedingten Rechtfertigungsdruck begegnete der Antisemitismus durch Erinnerungsabwehr, insbesondere durch Leugnung und Bagatellisierung, durch Konstruktion einer jüdischen Mitschuld am Holocaust oder den Vorwurf, Jüd:innen würden die Erinnerung zu ihren Gunsten und gegen ‚uns‘ ausnutzen („sekundärer Antisemitismus“, s.u.). Antisemitismus war nach dem Untergang des Nationalsozialismus aber grundsätzlich nicht mehr so offen kommunizierbar (Bergmann und Erb 1986; 1991) und wurde nach und nach immer mehr an den politischen Rand gedrängt (Bergmann 1997). Er wurde ein „Antisemitismus ohne Antisemiten“ (Marin 1979), d.h. zunächst vor allem mit weniger bekennenden Antisemit:innen, und langfristig mit tatsächlich sinkender Zustimmung (Bergmann 1994) und Verlust von Geschlossenheit als Weltbild: „Moralisch zerborsten, vermag er sich nicht begriffsnah zu verdichten“ (Diner 2004, S. 310). Zu beobachten ist stattdessen eine „Fragmentierung“ (Ullrich 2013, S. 51 ff.; vgl. Holz, Haury 2021, S. 252) – eine Aufspaltung in einzelne, aber allgegenwärtige Sinngehalte mit eher „antisemitierende[m] Charakter“ (Diner 2004, S. 310) – die gleichwohl weiter in Bezug zum Ganzen stehen. Dazu kommt die mit dem Schlagwort „Umwegkommunikation“ bezeichnete Tendenz, Antisemitismus eher codiert und anhand von Ersatzobjekten wie Israel auszuleben. All dies hat unter anderem zur Folge, dass die Erforschung von Antisemitismus methodisch anspruchsvoller wird und die Auseinandersetzung mit Randbereichen und Grauzonen des Konzepts an Bedeutung gewinnt (Ullrich 2024a, S. 239, 254 ff.).
Zweitens etablierte sich – als Folge jüdischer Einwanderung, aber erst nach dem Holocaust international unterstützt und durchgesetzt – im historischen Palästina ein jüdischer Nationalstaat: Israel. Mit ihm und dem sich entwickelnden israelisch-palästinensischen bzw. israelisch-arabischen Konflikt war eine Projektionsfläche für Antisemitismus in der Welt, die aus unterschiedlichen politischen Richtungen aufgegriffen wurde (Holz und Haury 2021, s.u.). Und während zweifelsohne Israel, seine Bevölkerung und Politik, fortan immer wieder antisemitisch gedeutet und angegriffen wurden, hat sich die gesellschaftliche Konstellation insgesamt durch die Existenz Israels maßgeblich verändert. Stellte Antisemitismus immer die Unterdrückung einer jüdischen Minderheit durch die Mehrheitsgesellschaft dar, entwickelte sich nun eine regionale (politische wie ökonomische und nicht zuletzt atomar bewaffnete militärische) Macht mit jüdischem Selbstverständnis und dominierender jüdischer Bevölkerungsmehrheit. Israel geriet aber auch aufgrund seiner konkreten Handlungen, der Besatzung palästinensischer Gebiete und kriegerischer Konflikte mit den arabischen Nachbarländern in den Fokus von Kritik und Feindschaft, während (der Kampf gegen) Antisemitismus zu einer wichtigen israelischen Legitimationsstrategie wurde. Es gibt also eine „Israelisierung des Antisemitismus“ (Schwarz-Friesel und Reinharz 2017) wie auch eine Israelisierung des Antisemitismus-Verständnisses (Brecher 2020, S. 36 f.), was fast notwendig zu Zuordnungs‑ und Abgrenzungsproblemen führt.
5 Typen und Erscheinungsformen
Die Unterscheidung zeitlicher Kontexte der historischen Darstellung geht oft damit einher, dass entsprechend verschiedene Typen von Antisemitismus oder Judenfeindschaft postuliert werden. Zusammen mit unterschiedlichen Formen, die für die Gegenwart ausgemacht werden, ergibt sich ein großes Feld an „Antisemitismen“. Wir beschränken uns hier auf die Darstellung der am häufigsten verwendeten Konzepte (zum Überblick Ullrich et al. 2024, S. 15–62).
Der Kern antisemitischer Phänomene ist der sogenannte klassische Antisemitismus, der, wie oben geschildert, vor dem Hintergrund von Modernisierung und Nationalstaatsbildung entsteht und einen weltbildhaft-verschwörungstheoretischen Charakter annimmt (Jüd:innen als im Verborgenen wirkende Weltenlenker:innen, die sämtliche sozialen Verwerfungen zu verantworten haben). Die Protagonist:innen des klassischen Antisemitismus, der häufig rassistisch-biologistisch aufgeladen ist, sind politisch meist rechtsstehend, nationalistisch und völkisch orientiert sowie christlich-religiös sozialisiert.
Häufig, nicht zuletzt in der Umfrageforschung vom klassischen unterschieden, wird der sekundäre Antisemitismus, der „die Besonderheit der Judenfeindschaft nach dem Holocaust“ (Holz 2024a, S. 31) erfassen soll, namentlich das durch Auschwitz entstandene Rechtfertigungsproblem des Antisemitismus (wie auch eines deutschen Nationalismus). Als sekundär antisemitisch werden also die Trotzreaktionen gedeutet, die beinhalten, dass der Judenmord „weg-erklärt, derealisiert, bagatellisiert“ wird, „damit sich die Antisemit:innen erneut als Opfer ‚jüdischen Taten‘ präsentieren können“ (Holz 2024a, S. 32). Sekundärantisemitische Aussagen finden in der Gegenwart in der Regel deutlich höhere Zustimmung als klassisch-antisemitische (zusammenfassend und beispielhaft für viele Einzelerhebungen Goldenbogen und Kleinmann 2021, S. 17).
Insbesondere seit den frühen 2000er-Jahren hat der Begriff neuer Antisemitismus Verbreitung gefunden (Rabinovici et al. 2004; Heilbronn et al. 2019; Arnold 2024). Er markiert eine diskursive Wende, in deren Rahmen Phänomene außerhalb des klassischen, überwiegend rechten Antisemitismus in den Blick – und bald ins Zentrum – der Debatte geraten. Das heißt, es werden andere Trägergruppen fokussiert und andere ideologische Hintergründe thematisiert, namentlich die politische Linke und Muslime bzw. der Islam sowie Antizionismus, Antiimperialismus, Anti-Rassismus, Antikolonialismus. In thematischer Hinsicht wird mit dem neuen Antisemitismus der israelisch-palästinensische Konflikt zu einer entscheidenden Referenz. Sowohl die Neuheit als auch der antisemitische Charakter der mit dem Begriff bezeichneten Phänomene wurden hinterfragt (Arnold 2024). „Neuer Antisemitismus“ hat sich letztlich nicht als Bezeichnung für einen konkreten Typ von Antisemitismus durchgesetzt, aber inhaltlich maßgeblich die weitere Diskussion beeinflusst.
Heute ist für die Mehrheit der damit adressierten Phänomene insbesondere im deutschen Sprachraum die Bezeichnung israelbezogener Antisemitismus etabliert. Gemeint ist die Übertragung oder Anwendung antisemitischer Muster auf Israel als jüdischen Staat (Haury 2024), beispielsweise seine „Darstellung […] als das ultimative Böse oder die grobe Übertreibung seines tatsächlichen Einflusses“ und die Verantwortlichmachung von Jüd:innen für das Verhalten Israels (JDA 2021, s. Kapitel 3.2).
Der Begriff des strukturellen Antisemitismus deckt einen weiteren Grenzbereich des Antisemitismusverständnisses ab. Struktureller Antisemitismus als „Antisemitismus (noch) ohne Juden“ (Lelle und Balsam 2020) liege vor, wenn „Texte anschlussfähig für antisemitische Projektionsleistungen sind, weil ihre narrativen Strukturen ohne großen kognitiven Aufwand durch antisemitische Codes ersetzt werden können“ (Schilk 2024, S. 158). Der Begriff wurde von Thomas Haury (Haury 2002, S. 159; selbstkritisch dazu Holz und Haury 2021, S. 121) geprägt und zugleich mit einem Fragezeichen versehen, da es ihm um eine Potenzialität oder Anschlussfähigkeit bestimmter Deutungen an Antisemitismus ohne realisiertes jüdisches Feindbild geht. Es zeigt sich in der Verwendung des Konzepts, dass zwei Bedeutungsvarianten – ist der strukturelle Antisemitismus ein Untertyp von Antisemitismus ohne direkten beziehungsweise expliziten Bezug zu Jüd:innen oder ist er eine (kontingente) Ermöglichungsstruktur für Antisemitismus, also „(noch) ohne Juden“ – koexistieren, oft auch innerhalb eines Textes, ohne dass dieser Widerspruch aufgelöst würde (Ullrich 2024b).
Zu den konkreten, mit dem Begriff des strukturellen Antisemitismus verbundenen Phänomenen gehört neben manchen Formen von Antizionismus (zum Beispiel im Kontext des marxistisch-leninistischen/​stalinistischen Antiimperialismus) v.a. sogenannte verkürzte Kapitalismuskritik (Postone 1995; Schmidinger 2004; Grigat 2007). Damit sind verdinglichende, personalisierende und in ihrer Kritik sich an den Oberflächenphänomenen der kapitalistischen Vergesellschaftung abarbeitende Vorstellungen gemeint, die auch im Antisemitismus immer wieder judenfeindlich ausformuliert wurden, insbesondere in der Gegenüberstellung von sogenannter deutscher Arbeit (am nationalen Gemeinwohl orientiert und auch aus ideellen Beweggründen verrichtet) und vermeintlich jüdischer Arbeit (durch Egoismus und Materialismus charakterisiert) bzw. von „schaffendem“ und „raffendem Kapital“ (Axster und Lelle 2018; Berg 2011; Campbell 1989; Schatz und Woeldike 2001). Je nach (theorie-)politischem Standpunkt werden diese Positionen häufig auch als „linker Antisemitismus“ (Brosch et al. 2007; Imhoff 2012) oder „Antisemitismus von links“ (Haury 2002) bezeichnet, wobei die gewählte Formulierung eine mehr oder weniger starke inhärente Verbundenheit der beiden Konzepte „Antisemitismus“ und „links“ signalisieren soll. Erscheinungsformen desselben sind seit dem französischen Frühsozialismus für die gesamte linke Geschichte dokumentiert (Keßler 1993; Haury 2002; Kloke 1994; Reiter 2001; Späti 2005; Ullrich 2007; Imhoff 2011; Arnold 2016).
Weit verbreitet ist auch die besonders deutlich politisch gefärbte Herausstellung von Formen von Antisemitismus, die sich durch bestimmte Trägergruppen bestimmen. So verweist die Bezeichnung arabischer Antisemitismus überwiegend auf Herkunftshintergründe der genannten Gruppen in Ländern mit einer hohen Verbreitung oder gar staatlichen Förderung von Antisemitismus, islamischer/​islamistischer Antisemitismus auf Zugehörigkeit und Begründungsmuster im religiösen Kontext, wogegen die von Kiefer (2006) vorgeschlagene Alternative „islamisierter Antisemitismus“ auch auf die enge Verbindung dieser Phänomene mit ihren europäischen Ursprüngen hinweist (zum Überblick Arnold und Kiefer 2024). Das vor allem im politischen Raum an Popularität gewinnende Schlagwort „importierter Antisemitismus“ bringt das Problem der Judenfeindschaft weitgehend unspezifisch in einen Zusammenhang mit Migration bei gleichzeitiger Exkulpation der (deutschen) Mehrheitsgesellschaft (Wild 2006; Berek 2017; Wagner et al. 2025).
Die inzwischen kaum mehr überschaubare Vielzahl solcher und weiterer postulierter Untertypen von Antisemitismus ist immer wieder kritisiert worden. Denn in der Regel gibt es kein einheitliches Kriterium für die Unterscheidungen. Alle postulierten Formen oder Typen werden asymmetrisch anhand je unterschiedlicher Kriterien gebildet und entsprechend gibt es große Inkonsistenzen und Überschneidungen. Vor allem wurde jedoch darauf hingewiesen, dass alle ‚Formen‘ von Antisemitismus grundlegende semantische Muster teilen, die sie zu Antisemitismus machen, während die „Typologisiererei“ eher falsche Besonderheiten hervorzukehren suche (Holz und Haury 2021, S. 355) und damit letztlich nur Oberflächenphänomene unsystematisch sortiere.
6 Zeitgenössische Kontroversen
Antisemitismus ist, darauf wurde vielfach verwiesen (Pollak 2008), kein ‚einfaches‘, sondern ein „essentially contested concept“ (Gallie 1955), d.h. aufgrund seiner grundsätzlichen Relevanz und zugleich Unschärfe, gänzlich verschiedener Betroffenheiten und allgemeiner Politisierung usw. notwendig von Positionalität geprägt. Es sei nur daran erinnert, dass der Begriff ursprünglich als emphatische Selbstbezeichnung auftauchte, heute aber fast ausschließlich als pejorative Fremdbezeichnung Verwendung findet. Und er ist ein thick concept, womit gemeint ist, dass er deskriptive und normative Komponenten in sich vereint, die sich kaum voneinander trennen lassen. Kurz: Antisemitismus ist „Problem und Symbol“ (Kohlstruck und Ullrich 2015), d.h. Problem insbesondere für Jüd:innen und auch generell für eine liberale, humanistische, demokratische Gesellschaft, und er ist umstritten und umkämpft, namentlich in Deutschland, und nach dem Holocaust eine große Drohung wie auch politische Legitimationsressource. Er ist wissenschaftlich also sowohl als reales soziales Problem als auch konstruktivistisch hinsichtlich seiner gesellschaftlichen Problematisierungsdynamiken in den Blick zunehmen.
In diesem Spannungsfeld bewegen sich jüngere Debatten über Antisemitismus. Und es erscheint beinahe folgerichtig, dass sie äußerst kontrovers geführt werden. Dabei kommt es immer wieder zu komplexen Bündelungen verschiedener Themenstränge, die sich kaum losgelöst voneinander betrachten lassen. Dennoch werden wir im Folgenden – auch im Sinne einer Systematisierung und zugunsten besserer Nachvollziehbarkeit – zentrale Themenstränge einzeln, als jeweilige Elemente des Gesamtkomplexes, thematisieren. Maßgeblich für die Entwicklungstendenz dieser Debatten ist eine gewisse Schieflage: Sie ergibt sich aus dem Umstand, dass der klassische, rechtsnationale bis rechtsterroristische Antisemitismus, der in der alten Bundesrepublik und bis in die Gegenwart für eine Kontinuität sowohl von Holocaustrelativierung oder gar ‑leugnung als auch von Gewalt sorgt, zwar weiterhin grassiert (beispielhaft Jensen 2022), dass aber diese Formen von Antisemitismus zunehmend aus dem Blick geraten, während andere Formen (postkolonial, israelbezogen etc.) und andere Gruppen (Linke, Muslime) im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Entsprechend werden die Sichtweisen auf Antisemitismus grundlegend transformiert.
6.1 Parallelen zwischen Nationalsozialismus und Kolonialismus
Zur Verdeutlichung sei auf ein nun schon Jahrzehnte zurückliegendes Beispiel verwiesen, das sich als Blaupause für gegenwärtige Konfliktdynamiken verstehen lässt: das Denken des Auschwitz-Überlebenden Jean Améry, in dessen Publikationen aus den 1960er‑ und 1970er-Jahren sich die Themenstränge auf widersprüchliche Weise bündeln. Zum Beispiel diagnostizierte Améry eine Verwandtschaftsbeziehung zwischen sich und dem antikolonialen Theoretiker Frantz Fanon sowie zwischen antisemitischer Gewalt im Nationalsozialismus und kolonialrassistischer Gewalt (Fiedler 2017). Zugleich warnte er, dass die Besonderheiten des Holocaust im Verhältnis zu kolonialer Massengewalt eingeebnet werden könnten, vor allem im Rahmen der stark universalisierenden, den Kolonialismus einschließenden Rede von einem „Jahrhundert der Barbarei“ (Améry 2019, S. 142).
Améry verortete sich innerhalb der undogmatischen Neuen Linken, die in den 1950er‑ und 1960er-Jahren als Reaktion auf die Verbrechen des Stalinismus entstanden und deren Verhältnis zu Israel zunächst von Wohlwollen geprägt war. Nach dem Sechstage-Krieg von 1967 allerdings, in dessen Folge Israel unter anderem die Westbank und den Gaza-Streifen besetzte, vollzog sich eine antizionistische Wende eines großen Teils der Neuen Linken (Kloke 1994). Améry registrierte diese Wende früh. Und er begann, den Antizionismus der Linken als Antisemitismus zu brandmarken, wobei er die später so wirkmächtig werdende Rede vom „neuen Antisemitismus“ vorwegnahm (Améry 2024). Zugleich diskutierte Améry die Grenzen der Solidarität mit Israel. Hintergrund dafür waren Berichte über Folter an palästinensischen Häftlingen in israelischen Gefängnissen. Hier schließt sich der Kreis: Améry wurde in Auschwitz gefoltert, Fanon wiederum beschrieb die Folter als fundamentalen Bestandteil der französischen Kolonialherrschaft in Algerien – es war vor allem die Praxis der Folter, die Améry zu seiner Diagnose einer Verwandtschaft veranlasste. Und in seiner Kritik an der Folterpraxis Israels resümierte er, „dass ich […] in der Haut eines jeden Gefolterten, und sei er ein blutbefleckter arabischer Terrorist, stecke“ (Améry 2005, S. 203).
Kurzum: Bei Améry bündeln sich verschiedene Themenstränge – der Israel-Palästina-Konflikt, (neuer) Antisemitismus, (linker) Antizionismus, Rassismus, die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus etc. Die Widersprüchlichkeit wiederum, von der Amérys Auseinandersetzung mit diesen Themen geprägt ist, zeugt von der Komplexität und Widersprüchlichkeit der Elemente des Gesamtkomplexes und Amérys (seltener) Fähigkeit, sich dieser Komplexität zu stellen.
6.2 Antisemitismus und der Israel-Palästina-Konflikt
Seit dem Beginn der „globalen Debatte“ um den „neuen Antisemitismus“ (siehe oben), der im Kontext der Globalisierungskritik, aber vor allem des Israel-Palästina-Konflikts auftrete, wächst die öffentliche Thematisierung des Zusammenhangs von „Israelkritik“ und Antisemitismus.
Zweifelsohne ist der Israel-Palästina-Konflikt durch eine antisemitische Konfliktdimension mit geprägt, man könnte sagen: antisemitisch aufgeladen. Gleiches gilt für manche Deutungen des Konflikts im „Nahostkonflikt zweiter Ordnung“ (Ullrich 2013, S. 50) bzw. im „Konflikt über den Konflikt“ (Stern 2020) bei den beobachtenden, kommentierenden oder sich solidarisierenden Akteuren weltweit. Bei welchen konkreten Phänomenen antisemitische Prägungen oder Färbungen zu konstatieren sind, ist allerdings stark umstritten. Das liegt im Kern an der komplexen Ausgangssituation, dass sich hier zwei zunächst distinkte Gegenstandsbereiche mit je eigener Geschichte, Dynamik und Aktualität (Antisemitismus und der Realkonflikt) berühren und überlagern. Beide Themen sind für unterschiedliche Gruppen und Konfliktparteien (v.a. Jüd:innen, Palästinenser:innen, Israelis und ihre Nachbarn) von eminenter, ja existenzieller Bedeutung. Dazu kommt, gewissermaßen als Folge der extrem unterschiedlichen Positionierungen zum Konflikt, dass die Interpretationen dieser Gegenstände in ihrer komplizierten Gemengelage nicht selten aus nur einer Perspektive erfolgen oder zumindest eine der Perspektiven den Zugang dominiert. Das heißt, dass von den Polen der öffentlichen Diskussion, die die Debatte sehr stark mitbestimmen, der Konflikt selbst und der Konflikt zweiter Ordnung entweder vor allem antisemitismuskritisch oder vor allem besatzungskritisch (zu diesen Deutungsmustern Ullrich 2008) gedeutet werden, die jeweils andere Perspektive hingegen abgelehnt wird. Die fachlichen Positionen dazu lassen sich entsprechend auf einem Kontinuum mit zwei Polen einordnen (Ullrich 2024c). Der eine Pol konstatiert eine weitgehende „Identität“ von israelfeindlichen, israelkritischen oder antizionistischen Positionen mit Antisemitismus; Israel wird als „Jude unter den Staaten“ (Poliakov 2022; Grigat 2009), Antizionismus klar als eine Form von Antisemitismus gedeutet (nur beispielhaft Salzborn 2019). Die Gegenposition konstatiert strikte Differenz und weist Antisemitismusanalysen von israelbezogenen Positionierungen als rein oder überwiegend instrumentell und politisch motiviert zurück (Gehrke et al. 2009; Hanloser 2020; Zuckermann 2010). Fachlich produktiver erscheinen hingegen konkrete Analysen von Affinitäten und realen Verflechtungen zwischen beiden hier behandelten Aspekten.
Grundsätzlich ist von israelbezogenem Antisemitismus dann zu sprechen, „wenn der jüdische Staat negativ dargestellt, abgelehnt oder angegriffen wird und dies auf antisemitischen Einstellungen, Ressentiments, Projektionen oder Weltanschauungen beruht“ (Haury 2024, S. 42). Maßgeblich dafür ist also nicht „die Radikalität der Ablehnung oder die Richtigkeit der Argumente, sondern ob diese Antisemitismus reproduzieren“ (a.a.O., S. 42 f.). Dass zwischen beiden Themen eine Affinität besteht, die reale Verflechtungen zur Folge hat, hat systematische und historische Gründe, die man auch als Risikofaktoren begreifen kann, die eine antisemitische Aufladung fördern oder wahrscheinlicher machen (die Darstellung hier folgt weitgehend Ullrich 2024c):
- Antizionistische Tradition des Antisemitismus: Der moderne Antisemitismus ist als solcher, abgesehen von eher strategisch motivierten pro-zionistischen Positionierungen in Teilen der extremen Rechten, im Grundsatz antizionistisch. Denn die Vorstellung eines auf Gemeinschaft basierenden und zugleich ökonomisch produktiven jüdischen Staatswesens steht im Widerspruch zum antisemitischen Judenbild, das den Jüd:innen nur die Rolle des Ausnutzens und Ausbeutens anderer, ‚echter‘ Nationen zuschreibt (Holz und Haury 2021, Kap. II).
- Subjektwerdung in antisemitisch geprägten Gesellschaften: Antisemitismus als soziales (überindividuelles) Phänomen ist Teil des kulturellen und institutionellen Erbes und mithin Teil der Sozialisation und Akkulturation. Seine Kritik setzt ein reflexives Verhältnis zu diesen antisemitischen Prägungen voraus.
- Strukturelle Affinitäten (Anschlussfähigkeit): Bestimmte Ideologien oder Weltbilder haben aufgrund von Ähnlichkeiten zur antisemitischen Semantik eine Affinität zum Antisemitismus. Diese Affinität kann vor allem dann explizit antisemitisch ausformuliert werden, wenn in der Anwendung auf den Fall Israel Jüdisches auch substanziell thematisch wird, beispielsweise im Fall zinskritischer Bewegungen oder des antizionistischen Antiimperialismus marxistisch-leninistischer Prägung (Haury 2002; Postone 1995). Als förderliche Faktoren (also Strukturmomente der anfälligen Weltbilder) werden u.a. Nationalismus/​Ethnisierung/​Konstruktion identitärer Kollektive, Manichäismus, Verschwörungsdenken, Personalisierung genannt. Sie alle eignen sich für eine antisemitische Ausformulierung, müssen aber nicht zu einer solchen führen.
- Eignung Israels als Thema für (sekundär-)antisemitische Umwegkommunikation: Diese erlaubt es, antisemitisches Ressentiment sozial akzeptierter zu thematisieren (Bergmann und Erb 1986; 1991; Beyer und Liebe 2013; Weyand 2017). Dahinter werden (vor allem im deutschen Kontext) soziale, teilweise auch individuell-psychische/​familiäre Schuldabwehrbedürfnisse und unter Legitimitätsdruck stehende, oft unbewusste nationale Identifikationsmuster vermutet (z.B. Kloke 1994; Holz 2024a; Quindeau 2024), also womöglich weniger Schuldabwehr, denn Schuldvorwurfsabwehrbedürfnisse (Quindeau 2025). Die Legitimationsproblematik als Motiv für antisemitische Kommunikation stellt sich, wie Holz (2024a, S. 35) betont, insbesondere nach Auschwitz gleichwohl für jedweden Antisemitismus.
- Radikale Identifikation: Wenn ausschließlich für eine der beiden Seiten im Nahostkonflikt Partei ergriffen wird (Ullrich 2008; 2013; Arnold 2016; Holz und Haury 2021, Kap. VI), wird u.a. durch die identitäre Freund-Feind-Logik (selbstkritische) Antisemitismuskritik verhindert, was wiederum die Bereitschaft zur Koalitionsbildung mit antisemitischen Akteuren (ohne deren Antisemitismus direkt teilen zu müssen) fördert (Ullrich 2008, 217 ff.), und zwar im Rahmen einer „weit zurückreichende[n] Tradition [in der politischen Linken], die durch eine besondere Ablehnung des jüdischen Nationalismus und die Unterschätzung des Antisemitismus […] gekennzeichnet ist“ (Ullrich 2008, 84).
Grundsätzlich kann man wohl davon ausgehen, dass bei „langjährigen Konflikten und wiederholten Kriegen zwischen zwei Gegnern, die überwiegend unterschiedlichen Religionen angehören […], die Bevölkerung die Religion des jeweiligen ‚Feindes‘ negativ bewertet“ (Heyer 2025). Gegenstand der Analyse von israelbezogenem Antisemitismus sind also tatsächlich Verflechtungen, die unterschiedlich einzuschätzen wären. Neben Fällen von klarem israelbezogenen Antisemitismus und Fällen von Distanzphänomenen, die nicht mit Antisemitismus erklärbar sind, kommt dann vor allem eine Grauzone in den Blick, in der sich einzelne Ereignisse oft gegen eine eindeutige Zuordnung sperren. Die Grauzone ergibt sich ganz grundsätzlich daraus, dass die Trennung der beiden Aspekte zwar analytisch möglich ist, in konkreten Situationen aber oft vor großen Herausforderungen steht: Bilder und Aussagen sind polyvalent und können realistische wie ideologische Komponenten beinhalten; sie können Wahrheitsgehalte transportieren wie auch gleichzeitig anschlussfähig an antisemitisches Wissen sein; Intentionen und Rezeption können stark auseinanderfallen (Ullrich 2013, S. 84 ff., Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus 2017, S. 32 f.). Und in die Bewertung müssen auch die „veränderten Bedingungen des Gegenstandfeldes selbst“ (Haury 2024, S. 48) einbezogen werden.
Der Israel-Palästina-Konflikt mit seiner jahrzehntelangen Gewaltgeschichte, mit seinen kulturellen, religiösen, ökonomischen, kolonialistischen und nicht zuletzt nationalistischen Konfliktdimensionen (Koplow 2022; Lintl und Ullrich 2024) ist mithin eine Gelegenheitsstruktur für die Artikulation von Antisemitismus, aber auch selbst ein Quell von Feindschaftsphänomenen. Auch das komplexe, aber in vielen Fällen nahe Verhältnis von jüdischen Gemeinden und anderen jüdischen Institutionen zu Israel und dessen gesellschaftliche Deutung (in der realistische und antisemitisch-projektive Aspekte ausgemacht werden können) tragen zu Komplexität und Uneindeutigkeit bei. Die einseitige Auflösung dieser Komplexität, sei sie ‚realistisch‘ oder antisemitismuskritisch, ist wenig überzeugend.
6.3 Antisemitismus und Rassismus
Wir haben bereits einige Beispiele oder Konstellationen genannt, die verdeutlichen, dass Rassismus und Antisemitismus auf vielfältige Weise miteinander verstrickt sind: die Blutreinheitsgesetze in Spanien am Beginn der Neuzeit, die sich gleichermaßen gegen Jüd:innen wie Muslime richteten; die pseudowissenschaftliche Rassetheorie im 18. und 19. Jahrhundert, die die Kategorie Rasse als Kriterium für Zugehörigkeit und Wertigkeit von Menschen etablierte und meist darauf hinauslief, Weiße/Christ:innen/​Arier:innen ganz oben auf der Wertigkeitsskala und Jüd:innen wie Schwarze unten anzuordnen; die Vernichtungspraxis der Nationalsozialisten, die sich nicht nur gegen Jüd:innen richtete, sondern auch gegen anderweitig rassifizierte, als minderwertig oder lebensunwert betrachtete Gruppen von Menschen (wie bereits erwähnt Behinderte, aber auch Sintizze und Romnja, Angehörige sogenannter slawischer Völker etc.).
Gleichwohl ist die Frage, wie sich Rassismus und Antisemitismus zueinander verhalten, hochgradig umstritten (Arnold und Axster 2024; Axster 2022b; Biskamp 2020; Cousin und Fine 2012; Mendel et al. 2022). Auf dem einen Pol des Debattenspektrums versammeln sich Positionen, die betonen, dass es sich bei Antisemitismus um ein eigenständiges Phänomen handeln würde, das – wenn überhaupt – nur bedingt zu Rassismus ins Verhältnis gesetzt werden könne (Kurth und Salzborn 2019). Urs Lindner spricht in diesem Zusammenhang von der Trennungsthese (Lindner 2024b). Ihren stärksten Ausdruck findet diese These, wenn mit Zuschreibungen unterschiedlicher Wertigkeit operiert (das eine Phänomen sei relevanter als das andere) und zum Beispiel behauptet wird, dass es sich beim Antisemitismus um ein wahnhaft-phantasmatisches Weltbild oder Welterklärungsmodell handeln würde, während der Rassismus lediglich ein Vorurteil sei (Schwarz-Friesel 2012). Diese Behauptung korrespondiert bisweilen mit einem Relativierungsvorwurf, der ungefähr wie folgt lautet: Wer Antisemitismus zu Rassismus in Bezug setzt, verkennt die Besonderheit der Judenfeindschaft und insbesondere das ihr innewohnende Vernichtungspotenzial, was letztlich darauf hinausläuft, den Holocaust zu relativieren.
Auf dem anderen Pol des Meinungsspektrums wiederum sind Positionen angesiedelt, die sich der Kontinuumskonzeption zuordnen lassen (Lindner 2024b). Hierbei wird einerseits davon ausgegangen, dass es sich beim Antisemitismus um eine gegen Jüd:innen gerichtete Form von Rassismus handelt, Antisemitismus folglich unter Rassismus subsumiert werden könnte (Butler 2019). Andererseits finden sich Positionen, die Antisemitismus und Rassismus als strukturell verwandte bzw. als eng miteinander verflochtene Phänomene konzipieren, die zwar nicht ineinander aufgehen, aber doch gewissermaßen einem Phänomenbereich zugeordnet werden können, da sie Familienähnlichkeiten aufweisen (Hund 2017). Das heißt, dass Antisemitismus eine spezifische Form von Rassismus darstellt oder zumindest in enger Verbindung zu diesem steht. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Betonung der eigenständigen Aspekte seiner Genese (etwa des neutestamentarischen Vorwurfs des Gottesmordes) sowie besonderer Merkmale (etwa der zentralen Bedeutung verschwörungstheoretischer Elemente).
Für die aktuelle Polarisierung der Auseinandersetzung über das Verhältnis zwischen Antisemitismus und Rassismus lassen sich verschiedene Gründe anführen: Floris Biskamp (2020) hat darauf aufmerksam gemacht, dass Rassismuskritik und Antisemitismuskritik ihren Gegenstand auf je spezifische Weise verstehen. Während Antisemitismus als wahnhaftes Weltbild adressiert würde, würde Rassismus als soziales Dominanzverhältnis konzipiert. Konsequenterweise würde der Gegenstand der jeweiligen anderen Kritikform oder Disziplin mit den je eigenen Kategorien notwendigerweise missverstanden.
Ein weiterer Grund für die Polarisierung ist die Konjunktur des antimuslimischen Rassismus seit der Jahrtausendwende, die mit der Sichtbarkeit und dem Bedeutungszuwachs des Islamismus und global agierender islamistischer Terrorgruppen zusammenhängt (Keskinkilic 2019). Während einerseits – erneut schematisch gesprochen –, das heißt aus rassismuskritischer Perspektive, auf die Gemeinsamkeiten hinsichtlich der historischen Ausgrenzung von Jüd:innen und der aktuellen Diskriminierung von muslimischen Personen hingewiesen, also die Verwandtschaft von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus betont wird, wird andererseits, das heißt aus antisemitismuskritischer Perspektive, die (tatsächliche oder vermeintliche) Nähe zwischen Islamismus und (historischem) Faschismus hervorgehoben.
Schließlich wäre der bereits angesprochene Israel-Palästina-Konflikt mit seinen diametral entgegengesetzten Polen (einerseits antisemitismuskritisch, andererseits besatzungs‑ oder kolonialismus‑ bzw. rassismuskritisch) anzuführen. Bei letzterem Pol wird der Konflikt häufig in die lange Geschichte der vom Westen ausgehenden rassifizierenden Unterdrückung nicht-westlicher Subalterner eingereiht (Mishra 2025).
6.4 Postkolonialer Antisemitismus?
Auch über den Postkolonialismus und seine (vermeintliche oder tatsächliche) Affinität zu antisemitischen Positionen wird seit einigen Jahren heftig diskutiert (Brumlik 2021; Weyand 2024a). In der Leipziger Autoritarismus-Studie, in der alle zwei Jahre autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in der Bevölkerung abgefragt werden, wurde 2024 erstmals der sogenannte postkoloniale Antisemitismus als neueste Unterform des Antisemitismus eingeführt (Decker et al. 2024). Hintergrund ist auch hier vorrangig der Israel/Palästina-Konflikt. So schreiben die Autor:innen der Autoritarismus-Studie, dass „die tradierten antisemitischen Tropen wieder zu ihrem Recht“ kämen, wenn behauptet würde, dass Jüd:innen in Israel „Fremdkörper, nämlich Kolonialisten“ seien (a.a.O., S. 154). Eine solche Interpretation erweist sich insofern als problematisch, als sie letztlich darauf hinausläuft, jegliche Assoziation von Zionismus und Besatzungspolitik mit Kolonialismus grundsätzlich unter Antisemitismusverdacht zu stellen.
An anderer Stelle heißt es (im Übrigen ohne Begründung, also im Modus einer Unterstellung), „dass bei der Relativierung des Holocausts angesichts der Kolonialverbrechen im Grunde Schuldabwehrantisemitismus eine Rolle spielt“ (a.a.O., S. 153). Hier spielen die Autor:innen der Autoritarismus-Studie auf den sogenannten „Historikerstreit 2.0“ an (Grigat et al. 2023; Mendel 2023; Neiman und Wildt 2022). Im Rahmen einer Konjunktur postkolonialer Theorien und Perspektiven ab Mitte/Ende der 1990er-Jahre wurde und wird verstärkt über die Frage diskutiert, wie sich Kolonialismus und Nationalsozialismus bzw. koloniale Gewaltverbrechen und Holocaust zueinander verhalten. Postkoloniales (oder allgemein kolonialismuskritisches) Denken zeichnet sich bisweilen durch die Annahme aus, dass im Holocaust Methoden zur Anwendung kamen, die zuvor in den Kolonien erprobt worden waren (Césaire 2021). Dies ist immer wieder Anlass für Kritik aus Perspektive der Singularitätsthese, der Vorstellung also, beim Holocaust handele es sich um ein singuläres Verbrechen, dass sich von kolonialen Verbrechen unter anderem dadurch unterscheide, dass die Vernichtung der Jüd:innen keinen übergeordneten Zweck verfolgte (zum Beispiel Aneignung von Land und Ressourcen, Befriedungspolitiken oder Strafexpeditionen etc.) und somit gewissermaßen Selbstzweck war (Diner 2007; Klävers 2019).
An dieser Stelle sei auch auf die Zivilisationsbruchthese verwiesen, die im eigentlichen Historikerstreit der 1980er-Jahre aufgestellt wurde, um die Besonderheiten des Holocaust im Verhältnis zu den Verbrechen des Stalinismus zu betonen, und die gerade im deutschen Kontext eine wichtige Referenz für Singularitätsansprüche ist (Kohlstruck 2020, S. 202; Diner 1988; Uhl 2003). Andererseits betonen auch manche, postkolonialen Ansätzen gegenüber aufgeschlossene Holocaust-Forscher:innen, dass der kolonialismuskritische Blick auf die nationalsozialistischen Verbrechen neuartige Perspektiven eröffne, für die longue durée der Gewaltgeschichte in modernen Gesellschaften sensibilisiere und somit auf Austauschprozesse und Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Herrschaftsformen und Machtregimen aufmerksam mache (Rothberg 2021).
Ähnlich verhält es sich mit den Sichtweisen auf den Israel-Palästina-Konflikt: Postkolonialen Ansätzen wird in den letzten Jahren, zumal seit dem 7. Oktober 2023, häufig vorgeworfen, zur Dämonisierung und Delegitimierung Israels beizutragen und somit israelbezogenen Antisemitismus zu reproduzieren (Elbe 2024). Tatsächlich haben postkoloniale Denker:innen, so sie sich überhaupt mit ‚Nahost‘ befassen, bisweilen ein gespaltenes Verhältnis zu Zionismus und dem jüdischen Staat. Dies hat nicht zuletzt – ähnlich wie schon bei Améry, allerdings mit anderer Stoßrichtung – mit der Annahme einer gewissen Verwandtschaft zu tun. So berichtet zum Beispiel der aus Indien stammende und allgemein als postkolonialer Denker rezipierte Intellektuelle Pankaj Mishra in seinem kürzlich erschienenen Buch „Die Welt nach Gaza“ von einem einige Jahre zurückliegenden Aufenthalt in Israel/Palästina und diagnostiziert eine Ähnlichkeit zwischen sich und den Palästinenser:innen – er schreibt von „Menschen, die wie ich aussahen und nun einen Albtraum erlebten, den ich und meine Vorfahren hinter uns gelassen hatten“. Einige Zeilen weiter heißt es: „Ich fühlte mich unentrinnbar verstrickt in ihre Not“ (Mishra 2025, S. 98). Aus postkolonial informierter Perspektive ist es naheliegend, koloniale Aspekte der Geschichte des Nahostkonflikts zu betonen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, die kolonialismuskritische Perspektive zu verabsolutieren und entsprechend andere Faktoren und Dimensionen des Konflikts – insbesondere den Umstand, dass der Zionismus auch als nationale Befreiungsbewegung gegen antisemitische Verfolgung zu verstehen ist – zu vernachlässigen (Holz und Haury 2021, Kap. IX und XI; Lindner 2024a; Vogt 2016).
6.5 Der Streit um die richtige Definition
Eine besondere Rolle in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus hat in den vergangenen Jahren die Frage nach seiner richtigen Definition gespielt (Feldman und Volovici 2023). Dies hängt hauptsächlich mit dem institutionellen Erfolg der Arbeitsdefinition Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance zusammen, die (ursprünglich entstanden Anfang der 2000er-Jahre, popularisiert dann nach der Annahme durch die IHRA 2016) eine bedeutende Rolle in der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit Antisemitismus spielt. Sie ist mittlerweile von vielen Staaten, staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren anerkannt und in ihre Arbeit integriert worden. Diese Definition lenkte – u.a. in Reaktion auf antijüdische Gewaltereignisse im Zusammenhang mit der Zweiten Intifada um die Jahrtausendwende – erstmals breitenwirksamer die Aufmerksamkeit auf israelbezogenen Antisemitismus und wurde zugleich zu einem wichtigen Anker der Versuche, Antisemitismusbekämpfung stärker zu thematisieren und zu institutionalisieren. Der asymmetrische Aufmerksamkeitsfokus (so beziehen sich sieben der elf Beispiele, die die Definition begleiten und die Arbeit mit ihr erleichtern sollen, auf Phänomene im Israel-Palästina-Konflikt) und diverse andere konzeptuelle Schwächen sorgten dafür, dass die Definition auch stark in die Kritik geriet (Ullrich 2019; Klug 2023). Im Zentrum der meisten Kritiken stand der Vorwurf, dass mehrdeutige Phänomene, vordergründig in der Anwendungspraxis, zu leichtfertig dem Antisemitismus zugeordnet würden.
Deshalb wurden verschiedene andere Antisemitismusdefinitionen vorgelegt, die als direkte Antworten auf die IHRA-Definition zu verstehen sind, am bekanntesten die Jerusalem Declaration on Antisemitism (JDA 2021; Ullrich 2025a) und, in Deutschland weniger rezipiert, das Nexus-Dokument (Nexus Task Force 2021). Sie unterscheiden sich in verschiedener Hinsicht (Schraub [kein Datum]; Ullrich 2024d). Beide alternativen Definitionen bemühen sich aber, bei ansonsten grundsätzlich großen Überschneidungen aller drei, um eine deutlich spezifischere Klärung des an der IHRA-Definition besonders strittigen Punktes, welche Israelkritik antisemitisch ist. Besonders hilfreich ist dabei die von der JDA vorgeschlagene, und damit Deutungsschwierigkeiten der IHRA überwindende, Unterscheidung zwischen (im Kontext Israel/Palästina) per se antisemitischen und nicht per se antisemitischen Phänomenen. Per se antisemitisch sind beispielsweise Darstellungen Israels oder des Zionismus als absolutes Böses, die Anwendung antisemitischer Stereotype auf Israel oder die Aberkennung einer gesicherten individuellen wie kollektiven Existenz für Jüd:innen in Israel. Nicht per se antisemitisch (also nicht als solches, aber in Abhängigkeit vom Kontext unter Umständen antisemitisch) sind demnach Phänomene wie Boykottbestrebungen als zivilgesellschaftliche Protestform, auch radikale Kritik des Zionismus usw. Zudem bemüht sich die JDA um eine genauere Klärung, was im Zuge der hier notwendigen Abwägungsprozesse als relevante Kontexte einzubeziehen wäre. Angesichts verbreiteter Missverständnisse (oder auch böswilliger Lesarten) ist zu betonen: „nicht per se antisemitisch“ heißt nicht „per se nicht antisemitisch“ (Rosefeldt 2025), sondern verlangt genauere Klärung im Sinne der oben beschriebenen Grauzonenproblematik.
Es ist darauf hingewiesen worden, dass die Art öffentlicher Bekenntnisse und auch die Medien dieser Definitionskontroverse (z.T. in Form von Erklärungen mit Unterzeichner:innenlisten) auffällig (Holz 2024b) und damit erklärungsbedürftig sind. Entscheidend scheint hier, dass die Definitionen weniger als konkrete (wissenschaftliche) Texte diskutiert werden, sondern als politische Symbole unterschiedliche Positionen in der Antisemitismus‑ und Nahostdebatte markieren. Das führt aber zu einer systematischen Überschätzung ihrer tatsächlichen inhaltlichen Differenzen und zu glatten Fehlwahrnehmungen (exemplarisch Bernstein et al. 2021).
7 Ambivalenzen der Antisemitismusbekämpfung zwischen Prävention und Politisierung
Die Darstellung hat einerseits deutlich gemacht, dass Antisemitismus eine antijüdische Semantik (gesellschaftlich etablierte Sinnstruktur) ist, die kulturell tief verankert und in der Gegenwart weiter hoch relevant (und entsprechend bedrohlich) ist. Zugleich gibt es in vielen Fällen bzw. bei vielen Vorfällen (insbesondere bei israelbezogenem Antisemitismus) keinerlei Einigkeit, was nun als antisemitisch zu klassifizieren ist und was nicht. Dieses Spannungsfeld strukturiert auch die gesellschaftlichen Umgangsweisen mit Antisemitismus.
Es gibt eine weitgehende Einigkeit darüber, dass Antisemitismus und seine Ursachen zu bekämpfen seien, doch keinerlei Einigkeit darüber, wo die Schwerpunkte dieser Anstrengungen liegen sollten und welche Mittel dafür angemessen wären. In Ergänzung zu einer häufig auch „von unten“ kommenden Erinnerungsarbeit, die in jahrzehntelangen Bemühungen die Erinnerung an die NS-Verbrechen und damit auch die Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Erscheinungsformen rechtsextremer Ideologien wie Antisemitismus durchsetzen konnte, wurde seit den frühen 2000er-Jahren Antisemitismusprävention und ‑bekämpfung zum Staatsprojekt der Berliner Republik (Tzuberi 2020). In dessen Kontext wurden auf Bundes‑ und Länderebene zunächst Bildungsprogramme aufgelegt, Forschung initiiert (dazu zählen auch zwei Expert:innenkommissionen, die der Bundestag einrichtete, sowie langjährige Forschungsförderprogramme des BMBF), Monitoring-Strukturen erprobt und ausgeweitet sowie Beauftragte gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens installiert (bei der Bundesregierung, den Bundesländern und einer Vielzahl untergeordneter Behörden und anderer Organisationen). Begleitet wurde dies auch symbolpolitisch, besonders markant zu sehen in der Etablierung des Topos, dass die Sicherheit Israels als Lehre aus der deutschen Geschichte Teil der deutschen Staatsräson sei (Kaim 2015; kritisch: Lütten und Eckert 2025; Hirschauer 2025).
Gerade in der Zuspitzung der gesellschaftlichen Debatten um Antisemitismus und den Israel-Palästina-Konflikt nach dem Hamas-Terrorangriff vom 7.10.2023 und dem anschließenden israelischen Krieg in Gaza, der mit schwersten Massenverbrechen einherging, sodass immer mehr Organisationen und Expert:innen ihn als Genozid bezeichnen, wurde an einer Vielzahl der Maßnahmen/​Entwicklungen ob ihres autoritären Charakters massive Kritik am „Anti-Antisemitismus“ (Lapidot 2021) in seiner derzeitigen praktischen Entwicklung laut. Kritisiert wurde der „autoritäre Anti-Antisemitismus“ (Ullrich 2025b; 2026; Thompson und Tuzcu 2024; della Porta 2025; Engelcke 2024; Aue et al. 2025) u.a. dafür, dass in der öffentlichen Debatte zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus kaum ausreichend unterschieden würde (im Sinne der oben beschriebenen Identitätsposition), dass Antisemitismus rassistisch externalisiert wird, die Diskussionen des Themenfeldes immer deutlicheren Versicherheitlichungstendenzen unterliegen und zu Politiken führen, die systematisch die Geltung des nationalen wie des Völkerrechts unterlaufen (Autorengruppe 2025). Beispielhaft dafür seien genannt: die Versammlungsverhinderungsstrategien und die immense Polizeigewalt gegen palästinasolidarische Proteste (Arzt 2025), die Einladung des damals designierten Kanzlers Friedrich Merz an den israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu mit Zusicherung „freien Geleits“ in Deutschland trotz zwingend zu vollstreckenden Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs (Ambos 2025), die rechtsmissbräuchliche und – wie inzwischen Gerichte festgestellt haben – in vielerlei Hinsicht klar illegale Verhinderung eines Palästina-Kongresses im Jahr 2024 (Stolle und Obens 2024) sowie eine Vielzahl weiterer Veranstaltungen, die geheimdienstliche Beobachtung der Bewegung Boycott-Desinvestitionen-Sanktionen (Ullrich 2023), die nach Ansicht einer Mehrheit des Bundestages sogar mit einem Betätigungsverbot belegt werden sollte (Deutscher Bundestag 2024), sowie jüdischer antizionistischer Gruppen wie der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“.
Es ist zu bezweifeln, dass diese Umdefinition des analytisch wie ethisch-politisch widersprüchlichen und komplexen Themenfeldes Antisemitismus-Israel/Palästina usw. zum reinen Ordnungsproblem, wie sie in diesen Tendenzen sichtbar wird, langfristig hilfreich für das Verständnis und die Bekämpfung von Antisemitismus sein wird.
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Verfasst von
Prof. Dr. phil. Dr. rer. med. Peter Ullrich
Gastprofessor für Soziologie, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR); Fellow, Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin; Senior Researcher, Bereich „Soziale Bewegungen, Technik, Konflikte“, Zentrum Technik und Gesellschaft, Technische Universität Berlin
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Dr. Felix Axster
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin sowie im bundesweit ortsverteilten Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt
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Es gibt 1 Lexikonartikel von Peter Ullrich.
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