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Arlt, Ilse

Dr. Cornelia Frey

veröffentlicht am 20.01.2023

* 1. Mai 1876 in Wien

25. Januar 1960 in Wien

Ilse Arlt war die Gründerin der ersten Fürsorgerinnenschule in Wien, österreichische Fürsorgetheoretikerin und erhielt den Titel „Bundesfürsorgerat“.

Überblick

  1. 1 Lebenslauf
    1. 1.1 Familie
    2. 1.2 Ausbildung
  2. 2 Lebenswerk
    1. 2.1 Schulgründung
    2. 2.2 Fürsorgetheorie
  3. 3 Aktuelle Bedeutung und Würdigung/​Kritik
  4. 4 Quellenangaben

1 Lebenslauf

1.1 Familie

Die 1876 geborene Ilse Arlt war die Tochter von Marie von Arlt (geb. Hönig Edle von Hönigsberg) und Dr. Ferdinand Ritter von Arlt. Die Mutter (1849–1923 in Wien) war Malerin und galt als Mitbegründerin eines der ersten Wiener Mädchengymnasien. Der Vater (1842 in Prag bis 1917 in Wien) war Augenarzt und Assistent seines Vaters, der Ordinarius für Augenheilkunde und Rektor an der Universität Wien war.

In ihrer Autobiografie schildert Arlt ihren schulischen Werdegang, der geprägt war durch den Unterricht ihrer Mutter und den Privatunterricht zusammen mit ihren Brüdern. Die Familie hatte keine Adelsprivilegien und war in ihrer Lebensführung eher vom akademischen Milieu bestimmt.

Obwohl sie aus einer alteingesessenen Ärztedynastie stammte, hatte sie großes Interesse an Fragen der Armut; möglicherweise das Resultat des ungewöhnlichen sozialen Aufstiegs ihres Großvaters väterlicherseits, der – aus einer armen Bergbauernfamilie stammend – wegen seiner Verdienste als Arzt und Rektor der Universität späterhin in den Adelsstand erhoben wurde (Frey 2005).

1.2 Ausbildung

Es ist anzunehmen, dass ihre Entwicklung in den folgenden Jahren eng mit der Mobilität ihrer Familie zusammenhing, die 1892 Wien verließ und bis 1902 in Graz wohnte. 1901 veröffentlichte Ilse Arlt ihren ersten Artikel über einen Kongress für Wohnungsfragen in München. Durch diesen Artikel wurden die beiden führenden Sozialpolitiker Österreichs Mischler und Philippovich auf sie aufmerksam und luden sie ein, ein Referat über die „Gewerbliche Nachtarbeit der Frauen in Österreich“ für die Internationale Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz zu halten. Dieser Vortrag muss überzeugend gewesen sein, da sie daraufhin eingeladen wurde, das statistische Seminar von Mischler zu besuchen und späterhin am von ihm geleiteten steiermärkischen Landesamt als wissenschaftliche Hilfskraft tätig zu werden. Ebenfalls war sie für die Zweigstelle des Sozialwissenschaftlichen Bildungsvereins in Graz tätig.

Aufgrund der Veröffentlichung dieses Vortrags und einer Empfehlung von Philippovich bekam sie vom Handelsministerium eine Stelle als erste Gewerbeinspektorin Österreichs angeboten, die sie aber aus gesundheitlichen Gründen ebenso wenig annehmen konnte wie eine Stelle als Erzieherin, die ihr zwei Jahre zuvor angetragen worden war.

Nach der Rückkehr ihrer Familie nach Wien bot ihr Philippovich 1902 die Möglichkeit, ohne Abitur zu studieren, obwohl die juristische Fakultät Frauen noch nicht offen stand. Sie konnte jedoch nur als Gasthörerin zwei Jahre lang Vorlesungen und Seminare besuchen und keinen Abschluss erwerben. In ihrer Autobiografie erwähnt Arlt die Fächer „Nationalökonomie“, „Medizin“ und „Pädagogik“. Während über Medizin und Pädagogik von ihr keine weiteren Ausführungen gemacht wurden, erschien ihr Nationalökonomie wichtige Ansätze für die Erforschung der Armut zu bieten.

Dabei ging es um Schilderungen von Lebens- und Arbeitsverhältnissen nach Orten oder Branchen; Arlt unternahm Erforschung und Beschreibung der Lebensumstände der Bevölkerung, sie suchte Fabriken, Vororte und Elendsquartiere auf und sammelte Anschauungsmaterial.

Über die Zeit nach ihren Studienjahren gibt es nur wenige Informationen, sie habe nach dem Scheitern der Anstellung als Gewerbeinspektorin viel Zeit mit den Besuchen von Arbeiterversammlungen, von Betrieben und Wohnungen verbracht. Ebenso gibt es wenig Anhaltspunkte über ihre Forschungsbemühungen, die auch nicht genau datiert werden können. Vermutlich sind sie im Laufe ihres Studiums ab 1902 entstanden und wohl bis 1912 (Schulgründung) anzusiedeln (Frey 2005).

2 Lebenswerk

2.1 Schulgründung

Ilse Arlt gründete am 15.10.1912 eine Fürsorgeschule, weil sie der Meinung war, dass nur durch ausgebildete Fürsorgerinnen eine sinnvolle Hilfeleistung möglich sei. Vorausgegangen war der Artikel „10 Thesen zur sozialen Hilfstätigkeit der Frauen in Österreich“, in dem sie schon 1910 beim Internationalen Kongress für Öffentliche Armenpflege und Private Wohltätigkeit in Kopenhagen die Forderung nach einer fachlich fundierten Ausbildung vertreten hatte (Frey 2005).

Darin forderte sie die Schaffung eines Berufes der Wohlfahrtspflegerin, der auf wissenschaftlich begründetem Wissen und Können der sozialen Helferin beruhe. Durch die Gründung der „Vereinigten Fachkurse für Volkspflege“, eine der ersten Fürsorgeschulen Europas, wollte sie eine Grundlage des Berufsstandes der Volkspflegerin schaffen. Sie vertrat den Standpunkt, dass die Fürsorge eine wissenschaftliche Eigenständigkeit besitzt, die von der Erforschung und Entwicklung gedeihender, fördernder und armutsverhindernder Kräfte ausgeht. Die von ihr gegründete Schule verstand sie nicht nur als Ausbildungsstätte, sondern auch als Forschungseinrichtung, die Grundlagenforschung für wichtige Aufgaben der Fürsorge und Sozialpolitik betreiben sollte. Zu dieser Forschungseinrichtung kam es nicht mehr, da die Nationalsozialisten beim Einmarsch in Österreich 1938 ihre Schule schlossen.

2.2 Fürsorgetheorie

In ihrem Spätwerk „Wege zu einer Fürsorgewissenschaft“ (1958) hat Arlt ihr auf bedürfnistheoretischer Grundlage entwickeltes Konzept einer Armutsforschung zusammengefasst. In deutlicher Abgrenzung zu gesellschaftlich-funktionalen Armutstheorien präsentiert sie anstelle dessen eine systematische, angewandte Armutsforschung, d.h. eine interdisziplinäre Armutsforschung als „Wissenschaft von Not und Hilfe“ (Frey 2005). Ihre Armutsforschung konzentriert sich deshalb darauf, den jeweiligen Abstand zwischen dem, was (aufgrund der Armut) fehlt, und dem, was zum Gedeihen gebraucht wird, zu suchen.

Das Instrument, das Arlt für diese Form der Operationalisierung gewählt hat, ist ein Set von exakt zu definierenden und überprüfenden Grundbedürfnissen. Schon in ihrem Buch „Die Grundlagen der Fürsorge“ (1921) führt Arlt den Begriff des Gedeihens ein, der von der Art und Zahl der Bedürfnisbefriedigungen abhängig sei. In ihren Untersuchungen unterscheidet Arlt 13 Bedürfnisklassen, die sie aufgrund ihrer Erhebungen ermittelt hat.

Die 13 Bedürfnisklassen sind:

  1. Ernährung
  2. Wohnung
  3. Körperpflege
  4. Kleidung
  5. Erholung
  6. Luft
  7. Erziehung
  8. Geistespflege
  9. Rechtspflege
  10. Familienleben
  11. ärztliche Hilfe und Krankenpflege
  12. Unfallverhütung
  13. Erziehung zur wirtschaftlichen Tüchtigkeit.

Dabei hält sie fest, dass diese aufgezählten Bedürfnisse allen Menschen eigen sind. Deshalb können sie auch als Maßstab betrachtet werden, der für Arm und Reich gleichermaßen gilt. Allerdings ist ihre Beschaffenheit je nach Alter, Schicht, Religionszugehörigkeit, körperlicher oder geistiger Behinderung verschieden. Sie nimmt zudem eine differenzierte Aufteilung in Altersklassen und Bedürfnisklassen je nach Lebenssituation vor.

Für die Befriedigung von Bedürfnissen sind aus der Perspektive Ilse Arlts vor allem die entsprechenden sozialpolitischen Maßnahmen verantwortlich. Diese Maßnahmen haben dort einzusetzen, wo die Bedürfnisbefriedigung von Menschen wesentlich hinter dem zu ihrem Gedeihen Notwendigen zurückbleibt.

3 Aktuelle Bedeutung und Würdigung/​Kritik

Die österreichische Wohlfahrtstheoretikerin Ilse Arlt hat lange Zeit in der Historiografie wenig Beachtung gefunden. Das hat eine Reihe von Gründen: In einer Zeit, in der die Soziale Arbeit entwickelt wurde, um die Folgeprobleme kapitalistischer Wert- und Wirtschaftsordnung aufzufangen und abzumildern, galt Arlt als Vertreterin einer am menschlichen Bedürfnis orientierten Wohlfahrtspflege als Außenseiterin. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich mit der Methode des „casework“ zwar die Idee der Individualisierung durch, der/die Klient:in blieb aber „der Fall“ und nicht das „Subjekt“ sozialer Hilfen.

Auch als in den 1980er-Jahren mit Empowerment, Ressourcenorientierung und Salutogenese neue Konzepte der Sozialen Arbeit entstanden sind, die den Bedürfnissen der Klientel große Bedeutung beimessen und auf ihre Stärkung und Verselbstständigung abzielen, wurde der mögliche Rückbezug auf die Arbeiten von Ilse Arlt nicht vollzogen. Entsprechend hat Ilse Arlt – wenn überhaupt – als Leiterin der ersten Wohlfahrtsschule Österreichs Erwähnung gefunden, als Mitte der 1980er-Jahre im deutschsprachigen Raum die Beschäftigung mit Geschichte der Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit einsetzte.

In der Zwischenzeit ist die Bedeutung der – in der Tat außergewöhnlichen – Fürsorgetheoretikerin in einer Reihe von Veröffentlichungen gewürdigt worden u.a. von Silvia Staub-Bernasconi (2002), die als Wiederentdeckerin Arlts gelten kann. 2007 kam es an der Hochschule St. Pölten zur Gründung des Instituts für Inklusionsforschung als sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut, das ihren Namen trägt.

Ilse Arlt hat es gewagt, in ihrer Zeit, die von Massenarmut und Nachkriegselend geprägt war, eine Vision vom gelingenden Leben zu entwickeln, die sich in ihrer Orientierung auf das menschliche Gedeihen zeigt. Es ging Ilse Arlt nicht darum, apodiktisch Normen aufzustellen, die als Gradmesser für ein gedeihliches Leben gelten, sondern die Voraussetzungen zu definieren, unter denen ein gelingendes Leben ermöglicht wird.

Ihre Ansätze erweisen sich deshalb als ungewöhnlich aktuell, da sie Perspektiven eröffnen, die beschriebenen Gegensätze zwischen den Bedürfnissen der Klientel und der mangelnden Finanzierbarkeit Sozialer Arbeit angesichts der eingeschränkten Möglichkeiten von Städten und Gemeinden zu analysieren. Ihr Werk ermöglicht es, sich auf Traditionen Sozialer Arbeit zu besinnen, die in ihrem Auftrag an Soziale Arbeit münden: „Lebensfreude steigern, statt Leiden lindern“.

4 Quellenangaben

Arlt, Ilse, 2010a. (Auto)biographische und werkbezogene Einblicke. Werkausgabe Band 3. Wien: Lit. ISBN 978-3-643-50254-4

Arlt, Ilse, 2010b [1921]. Die Grundlagen der Fürsorge. Werkausgabe Band 1. Wien: Lit. ISBN 978-3-643-50182-0

Arlt, Ilse, 2010c [1958]. Wege zu einer Fürsorgewissenschaft. Werkausgabe Band 2. Wien: Lit. ISBN 978-3-643-50059-5

Frey, Cornelia, 2005. Respekt vor der Kreativität der Menschen: Ilse Arlt: Werk und Wirkung. Opladen: Barbara Budrich. ISBN 978-3-8474-1290-8

Pantucek, Peter und Maria Maiss, Hrsg., 2009. Die Aktualität des Denkens von Ilse Arlt. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. ISBN 978-3-531-16514-1 [Rezension bei socialnet]

Staub-Bernasconi, Silvia, 2002. Lebensfreude dank einer wissenschaftsbasierten Bedürfniskunde? Aktualität und Brisanz einer fast vergessenen Theoretikerin Sozialer Arbeit. In: Sabine Hering und Berteke Waaldijk, Hrsg. Die Geschichte der Sozialen Arbeit in Europa (1900–1960): Wichtige Pionierinnen und ihr Einfluss auf die Entwicklung internationaler Organisationen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 25–35. ISBN 978-3-8100-3633-9

Verfasst von
Dr. Cornelia Frey
Dozentin an der FH Heidelberg (1996-2006)
Vertretungsprofessur an der Uni Siegen (2006-2009)
Lehrkaft für besondere Aufgaben (bis 2020)
im Ruhestand seit 2020
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Zitiervorschlag
Frey, Cornelia, 2023. Arlt, Ilse [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 20.01.2023 [Zugriff am: 07.02.2023]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/4752

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