socialnet Logo

Attributionsfehler

Prof. Dr. Melanie Misamer

veröffentlicht am 26.03.2026

Synonyme: Attributionsverzerrung; Korrespondenzverzerrung

Etymologie: lat. attribuere zuteilen, zuweisen

Englisch: attribution error

Ein Attributionsfehler ist ein systematisch verzerrter Zuschreibungsprozess, der darauf abzielt, menschliches Verhalten ursächlich zu erklären. Dabei wird der Einfluss der Situation eher unterschätzt und der Einfluss persönlicher Eigenschaften eher überschätzt.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Theoretischer Hintergrund und Auswirkungen
  3. 3 Praxisbeispiele
  4. 4 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Attributionsfehler sind eng mit Zuschreibungsprozessen von Ursachen verknüpft. Hierbei lassen sich drei Varianten unterscheiden: der fundamentale Attributionsfehler, die selbstwertdienliche Attribution und der ultimative Attributionsfehler.

Der fundamentale Attributionsfehler bezeichnet die Tendenz von Menschen, das Verhalten anderer Personen übermäßig stark auf deren persönliche Eigenschaften zurückzuführen und dabei die Wirkmacht situativer, äußerer Umstände systematisch zu unterschätzen. Es handelt sich um eine voreilige Schlussfolgerung, die bei jedem Menschen mehr oder weniger wirkt. Insofern geht sie auch jede:n etwas an. Insbesondere dort, wo Einschätzungen über andere Menschen getroffen werden, wie es in den Sozial‑ und Gesundheitswissenschaften gegenüber Adressierten und Patient:innen der Fall ist, sollte die Wahrnehmungsverzerrung Gegenstand der Ausbildung und Berufspraxis sein. Myers weist darauf hin, dass Attributionen hinsichtlich von Personeneigenschaften oder der jeweiligen Situation reale Konsequenzen haben (Myers 2014, S. 598). So ist ein reflektierter Umgang für die professionelle Arbeit wesentlich und es kann bspw. mittels eines Perspektivwechsels dieser Verzerrung wirksam begegnet werden.

Bei der Selbstwertdienlichen Attribution findet eine Aufwertung der eigenen Person primär in Leistungssituationen statt. Es wird ein persönlicher Erfolg eher den eigenen Anstrengungen zugeschrieben (also internal attribuiert). Misserfolge dagegen werden eher Umweltbedingungen zugeschrieben (also external attribuiert, Dorsch o.J.).

Der Ultimative Attributionsfehler bezeichnet eine Intergruppen-Attribution, bei der negatives Outgroup-Verhalten und positives Ingroup-Verhalten internal attribuiert, also internen Faktoren zugeschrieben werden. Positives Outgroup-Verhalten und negatives Ingroup-Verhalten werden dagegen external attribuiert, also äußeren Faktoren zugeschrieben.

2 Theoretischer Hintergrund und Auswirkungen

Heider untersuchte, wie Menschen Rückschlüsse ziehen, Verhalten erklären und wie sich das auf ihr Denken und Handeln auswirkt, was er in der Attributionstheorie zusammenfasste (Heider 1958). Hiernach wird Verhalten entweder durch äußere situationale Faktoren (die Situation, in der ein Mensch sich bewegt) erklärt oder durch innere dispositionale Faktoren (Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen, ebd.). Die Attributionstheorie „beschreibt, dass wir das Verhalten eines Menschen erklären, indem wir die Verantwortung dafür entweder der Situation oder der Veranlagung des betreffenden Menschen zuschreiben“(Myers 2014, S. 597).Wie Menschen Situationen einschätzen, kann starke Auswirkungen darauf haben, welche persönlichen Schlüsse sie ziehen und wie sie mit anderen umgehen. Myers beschreibt folgende Beispiele, um den Sachverhalt zu verdeutlichen:

  • Gerichte müssen bewerten, ob eine Schießerei ausgelöst wurde durch Feindseligkeit oder Notwehr.
  • Bürger:innen, die wählen, müssen beurteilen, ob ein:e Wahlkandidat:in gegebene Wahlversprechen einhalten wird oder nicht.
  • In Beziehungen muss bei einer spitzfindigen Bemerkung eingeschätzt werden, ob das Gegenüber nur einen schlechten Tag hatte oder grundsätzlich eine gefühllose Person ist (a.a.O., S. 598).

Die Neigung, als Erklärung von Verhalten eher den Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen heranzuziehen (diesen also zu überschätzen), während der Einfluss der Situation weniger beachtet wird, nennt sich fundamentaler Attributionsfehler. Einige Fachleute sprechen heutzutage eher von einer Attributionsverzerrung als von einem Attributionsfehler, weil es im Kern nicht so sehr um einen Fehler beim Attribuieren selbst, als vielmehr um eine verzerrte Urteilsbildung geht (Parkinson, 2007 nach Dorsch o.J.). Da der Begriff des fundamentalen Attributionsfehlers in der Theorie und Praxis jedoch breiter bekannt ist, wird auch im Weiteren der Begriff „Attributionsfehler“ genutzt.

Untersuchungen zeigen, dass Menschen das Verhalten anderer auch dann auf persönliche Eigenschaften zurückführen, wenn ihnen konkret gesagt wird, dass ein Verhalten durch die Situation verursacht wurde. Schätzen Menschen dagegen ihr eigenes Verhalten ein oder Personen, die sie gut kennen, sind sie sensibler für situationale Einflüsse. Am stärksten wirkt der fundamentale Attributionsfehler, wenn Menschen unbekannte Personen einschätzen. Wird aber ein Perspektivwechsel forciert, indem Personen eine Situation aus der Perspektive der handelnden Person selbst gezeigt wird, kehrt sich die Attribution um und die Logik der eigenen Einschätzung wird bewusst. Die Einnahme der Perspektive der handelnden Person führt zu einer stärkeren Berücksichtigung situationaler Faktoren (Myers 2014). Zusammengefasst kann für dem Umgang in der Arbeitspraxis also festgehalten werden, dass durch einen Perspektivwechsel die Berücksichtigung situationaler Faktoren verstärkt und die Wahrnehmungsverzerrung des fundamentalen Attributionsfehlers bewusst werden kann.

3 Praxisbeispiele

  • Fundamentaler Attributionsfehler: Eine Studentin antwortet während einer Plenumsdiskussion in einer Lehrveranstaltung nicht auf eine Frage der Lehrenden. Ein Kommilitone beobachtet die Situation und denkt: „Vermutlich ist meine Kommilitonin einfach unvorbereitet und desinteressiert.“ Der Studierende berücksichtigt nicht, dass seine Kommilitonin möglicherweise Angst hat, sich zu blamieren, oder gerade eine schwierige persönliche Situation durchmacht.
  • Selbstwertdienliche Attribution: Ein Forscher hält auf einem Fachtag einen nicht besonders guten Vortrag. Er könnte denken: „Mein Vortrag war schlecht, weil die Technik versagt hat und das Publikum uninteressiert war.“ Dabei ignoriert er, dass er sich vorab nicht ausreichend vorbereitet hat oder seine Präsentation für das Publikum möglicherweise zu unübersichtlich war.
  • Ultimativer Attributionsfehler: Die Adressierte einer Sozialarbeiterin beantragt Leistungen zur Grundsicherung, weil ihr Einkommen zu gering ist, um ihr Leben zu bestreiten. Die Sozialarbeiterin könnte denken, dass die Adressierte in dieser Situation ist, weil sie schlechte Entscheidungen in ihrem Leben getroffen hat (internale Ursachenzuschreibungen der Outgroup). Geriete eine:r ihrer Sozialarbeitskolleg:innen in finanzielle Schwierigkeiten, würde sich möglicherweise stärker äußere Umstände als Ursache hierfür identifizieren wie schlechte Arbeitsbedingungen oder unvorhergesehene große Ausgaben (externe Ursachenzuschreibung der Ingroup).

4 Quellenangaben

Dorsch. Lexikon der Psychologie (o.J.). Attributionsfehler. Verfügbar unter: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/​attributionsfehler

Heider, Fritz, 1958. The psychology of interpersonal relations. New York: Wiley.

Myers, David G., 2014. Sozialpsychologie. In: Psychologie. Springer-Lehrbuch. Heidelberg: Springer. DOI: 10.1007/978-3-642-40782-6_15

Verfasst von
Prof. Dr. Melanie Misamer
Professorin für Methoden und Konzepte Sozialer Arbeit in der Gesundheitsförderung
Website
Mailformular
ORCID: https://orcid.org/0000-0002-8811-7451

Es gibt 5 Lexikonartikel von Melanie Misamer.

Zitiervorschlag anzeigen

Weitere Lexikonartikel

Recherche

zum Begriff Attributionsfehler

Rezensionen

Buchcover

Klaus M. Beier, Maximilian von Heyden: Das tabuisierte eine Prozent. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2025.
Rezension lesen   Buch bestellen

zu den socialnet Rezensionen

Urheberrecht
Dieser Lexikonartikel ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion des Lexikons für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zählpixel

Werden Sie Sponsor des socialnet Lexikons!

Profitieren Sie von hoher Sichtbarkeit in der Sozialwirtschaft, attraktiven Werberabatten und Imagegewinn durch CSR. Mit Ihrem Logo auf allen Lexikonseiten erreichen Sie monatlich rund 90.000 Fachkräfte und Entscheider:innen.
Mehr erfahren …