socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

socialnet Lexikon


Suche nach Begriff, AutorIn, Schlagwort
socialnet Lexikon [Work in Progress]

Beratung (Soziale Arbeit)

Beratung in der sozialen Arbeit wird verstanden als sozialwissenschaftlich fundiertes Instrument zur kommunikativen Erarbeitung von riskanten, prekären und gefährdeten Lebenslagen und deren Stabilisierung sowie zur Reflexion der persönlichen Lebenswelten Ratsuchender und Klientele. Beratung in der sozialen Arbeit findet mehrheitlich in rechts- und sozialstaatlichen begründeten, amtlichen oder halbamtlichen – dieses Beratungsformat wird z.B. bei den Sozialversicherungen oder im Bereich der Ausbildungsförderung angeboten – Institutionen und Kontexten statt und ist verbunden mit der Vermittlung von Leistungen und Hilfen aus dem Leistungskatalog der zwölf Sozialgesetzbücher und weiterer Gesetze.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Beratung im Kontext sozialer Arbeit und die Entwicklung des Rechtsstaates
  3. 3 Sozialberatung, sozialpädagogische Beratung und Rechtsverständnis 
  4. 4 Der sozialpädagogische Beziehungsraum und der Beratungsprozess in der Sozialen Arbeit
  5. 5 Lebenswelt und Lebenslage
  6. 6 Lebensweltliches alltägliches Denken
  7. 7 Verstehen
  8. 8 Das Arbeitsbündnis
  9. 9 Die beraterische Haltung – Vertrauen und Takt
  10. 10 Die beraterische Haltung – Umgang mit Scham
  11. 11 Haltende Kommunikation
  12. 12 Umgang mit Verstrickungen und Krisen
  13. 13 Abschied und Perspektive
  14. 14 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Beratung als Teil der Sozialen Arbeit (im Folgenden auch sozialpädagogische Beratung, z.B. im Kontext erzieherischer Hilfen §§ 17–35 SGB VIII) leitet sich systematisch aus dem im Grundgesetz verankerten Prinzip des sozialen Rechtsstaats ab, so wie er in den Artikeln 20, Abs. 1 und 28 Abs. 1–3 GG festgeschrieben ist. Diese Rechtsgrundlage bestimmt den Beratungsansatz und sollte das beraterische Handeln und das Selbstverständnis der Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen prägen. Beratung im Kontext sozialer Arbeit ist deshalb im ethischen Sinne eine anwaltliche Beratung. Diese, aus der Verfassung der Bundesrepublik abgeleitete Rechtlichkeit als Normstandpunkt sozialer Arbeit und ihrer Beratung beantwortet zugleich, mit welchen Methoden der Gesprächsführung Beratung im Kontext sozialer Arbeit stattfinden soll. Sie ist kein Anwendungsgebiet der Psychotherapie. Eine psychotherapeutische Betrachtung der Klientele und ihrer Lebensverläufe, wie es z.B. personenzentrierter Ansatz, systemischer Ansatz und psychoanalytische Beratung nahelegen, ist erst angezeigt, wenn sich Hinweise verdichten, dass die Ratsuchenden sich zu ihrem Leben und seinen Entwicklungsaufgaben primär hilflos verhalten und sich Lebensschwierigkeiten trotz Reflexion und Hilfe wiederholen und zu massiven Krisen und/oder Gefährdungen wie Obdachlosigkeit, Überschuldung, Vernachlässigung von Kindern oder dauerhafter Armut und Arbeitslosigkeit führen. Im Regelfall ist davon auszugehen, dass Probleme und Lebensschwierigkeiten, die im Kontext sozialer Arbeit beraten werden, aus sozialer Ungleichheit verbunden mit Erfahrungsarmut herrühren und die Ratsuchenden zum Gebrauch praktischer Vernunft in der Lage sind.

2 Beratung im Kontext sozialer Arbeit und die Entwicklung des Rechtsstaates

Das Rechtsstaatsverständnis sozialer Arbeit hat in den 1960er-Jahren zur Neubestimmung ihrer Beratung geführt. Während bis zum Ende der 1950er-Jahre fürsorglich-lenkende Beratungsverständnisse verbunden mit deutlich autoritären und eugenischen Haltungen durch die langen Schatten des Nationalsozialismus und autoritärer politischer Verhältnisse weit verbreitet waren, wurde in den 1960er-Jahren im Kontext der Epoche der inneren Reformen (Borowski 1998) eine moderne Sozialpädagogik in der Bundesrepublik Deutschland aufgebaut, die nicht nur auf obrigkeitliche Deutungsmuster verzichten wollte, sondern sich ebenfalls kritisch mit den verbreiteten klinischen Ansätzen in der Beratung im Rahmen sozialer Arbeit auseinandersetzte (Frommann 2008; Thiersch 1992). Die in der Sozialen Arbeit verbreitete Praxis der 1950er- und 1960er-Jahre soziale Ungleichheit psychopathologisch und klinisch zu deuten, ist von Hans Thiersch und Anne Frommann in den 1970er-Jahren deutlich als unangemessene Therapeutisierung zurückgewiesen worden (Frommann et al. 1976).

Die Neubestimmung der sozialpädagogischen Beratung erfolgte im Zuge der Akademisierung Sozialer Arbeit durch Klaus Mollenhauer (Mollenhauer und Müller 1965) schon in den 1960er-Jahren. Mollenhauer erklärte Beratung neben Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit zur vierten Methode sozialer Arbeit. Er verstand sie als kommunikativen Resonanzboden mit dem Ziel, die Suche der Klientinnen und Klienten nach für sie richtigen Entscheidungen zu unterstützen. Diese Form der Beratung schien Mollenhauer mit den Prinzipien sozialer Demokratie besonders vereinbar und versprach ein Ende der lenkenden, obrigkeitlichen Fürsorgepraxis aus der Vor- und Nachkriegszeit. Der Sozialstaat baute die Beratung in der Epoche der inneren Reformen mithilfe der sich professionalisierenden Sozialen Arbeit aus. In der Strafrechtsreform 1969 mit dem Format der Bewährungshilfe und Resozialisierung, in der Bildungsreform seit 1970 mit dem Format der Schullaufbahnberatung, in der Psychiatriereform mit dem Format der Sozialpsychiatrie seit Mitte der 1970er-Jahre und mit der Reform der Jugendhilfe konnte Beratung sich als eine zentrale Methode sozialer Arbeit platzieren und verdrängte schließlich Formate wie Gemeinwesenarbeit oder Gruppenarbeit (Gröning 2011, 2016).

Gleichzeitig unterscheidet sich die Beratung im Kontext sozialer Arbeit von der psychologischen Beratung oder der reinen Leistungsberatung, die auch von Verwaltungsfachangestellten oder Sozialfachwirtinnen und -wirten ausgeübt wird und vorwiegend Information, Auskunft sowie ggf. Wegweiserfunktion enthält. Obwohl der Institutionsbezug sozialpädagogischer Beratung ähnlich ist wie jener der Sozialberatung, ist ihr Theoriebezug komplexer. Institutionell gilt zunächst, dass sozialpädagogische Beratung und Sozialberatung in institutionellen Kontexten stattfinden, die deutlich von amtlichen Strukturen, Hierarchien und bürokratischen Organisationskulturen geprägt sind. Sozialpädagogische Beratung darf deshalb nicht nur von ihrem Professionsideal her bestimmt werden, sondern muss ihre institutionellen Kontexte und die hohe Bedeutung des Rechts als relevante Disziplin für die Beratung in der sozialen Arbeit anerkennen.

3 Sozialberatung, sozialpädagogische Beratung und Rechtsverständnis 

„Jeder hat Anspruch auf Beratung über seine Rechte und Pflichten nach diesem Gesetzbuch. Zuständig für die Beratung sind die Leistungsträger, denen gegenüber die Rechte geltend zu machen oder die Pflichten zu erfüllen sind“ (§ 14 SGB I, Beratung).

Die Rechtswissenschaftler Schulin und Gebler (1992) sprechen von der Sozialberatung, die der § 14 SGB I beschreibt, als wichtige Form der sozialen Hilfe und nennen als Gegenstand der Sozialberatung erstens die allgemeine Verfahrensberatung, zweitens die soziale Rechts- und Verfahrensberatung und drittens die Beratung als Lebenshilfe die Formate, die unter dem Dach der sozialgesetzlich geregelten Sozialberatung gefasst werden sollen (Schulin und Gebler 1992, S. 35). Die Autoren definieren eine gute Verfahrensberatung als umfassende Erörterung des Anliegens, nennen zudem das Ebnen der Wege und die Hilfe bei der sachgemäßen Beantragung von Hilfen als Kern der Sozialberatung im Rechtsstaat (Schulin und Gebler 1992, S. 35). Sie weisen darauf hin, dass die Beratung im Sinne des Verwaltungsverfahrensgesetzes nach § 25 VwVfG nur einen Mindeststandard darstelle, der rechtsstaatliches Handeln auszeichne, da die Ratsuchenden dem Verfahren sonst hilflos gegenüberstünden. Eine gute Sozialberatung ginge aber weiter. Es bestehe ein umfassender Aufklärungsanspruch, der nicht nur das gesamte Verfahren beträfe, sondern den Fall, das heißt die Sozialberatung geht über die einzelnen Behörden hinaus. Der Ratsuchende müsse an die richtige Behörde weitervermittelt werden, damit das Ziel, Leistungen des Sozialgesetzes zu erhalten, erreicht werden könne (Schulin und Gebler 1992, S. 36).

„Beratung erfüllt hier in erster Linie die Funktion der Aufklärung über Rechte und Pflichten des ratsuchenden Bürgers, die deshalb eine so große Rolle spielt, weil die Vielfalt und Unübersichtlichkeit sozialrechtlicher Regelungen dem Bürger eine Orientierung ohne fremde Hilfe in den meisten Fällen unmöglich machen“ (Schulin und Gebler 1992, S. 36).

Schulin und Gebler (1992) nennen die Beratung auch eine Lebenshilfe und skizzieren so die rechtsstaatlichen Grundsätze und Intentionen, auf denen ein sozialpädagogischer Beratungsbegriff dann aufsetzt. Bei der sozialpädagogischen Beratung geht es nicht nur um Vermittlung an die richtige Stelle und Verfahrensbegleitung, sondern die Beratung wird selbst zum entscheidenden rechts- und sozialstaatlichen Instrument, indem sie die „Entscheidungsfähigkeit und Entscheidungswilligkeit des ratsuchenden Bürgers stärkt, zu eigenverantwortlichem Handeln befähigt und entsprechende Anstöße vermittelt“ (Schulin und Gebler 1992, S. 37). Ziele der Beratung, wie Stärkung der Entscheidungsfähigkeit und Entscheidungswilligkeit, erfordern eine sozialtheoretische Fundierung der Beratung so wie sie z.B. von Mollenhauer (1965), Hornstein (1977), Sprey (1968) begonnen wurde (zur Rezeption auch Gröning 2011, S. 31–50).

4 Der sozialpädagogische Beziehungsraum und der Beratungsprozess in der Sozialen Arbeit

In den 1960er-Jahren wurde der Beziehungsraum (Setting) für die sozialpädagogische Beratung aus der kritischen Theorie heraus formuliert. Prominent ist der Standpunkt, Beratung als aufklärendes Verfahren zu betrachten und den Aufklärungsbegriff nicht technisch, sondern im Sinne Kants als Hilfe zur Mündigkeit zu verstehen. So begründet Thea Sprey (1968) die Beratung aus der (jugendlichen) Erfahrungsarmut und der Bedeutung der Geburtlichkeit (Natalität) im Sinne Hannah Arendts (dazu auch Lütkehaus 2006) für die Identität von jungen Menschen. Sie haben den Willen, einen Neuanfang zu setzen, die Umstände ihrer Existenz und ihres Lebensverlaufes zu verstehen und über die Horizonte der Familie hinausgehen (Gröning 2016). Dies ist nach Sprey (1968) die typische Krise des Jugendalters. Den Beratungsprozess beschreibt sie erstens als erfahrungsorientierte Ordnungshilfe (Sortieren der Probleme), zweitens als reflexionsorientierte Ordnungshilfe (Probleme zu Ende denken, sich das eigene Leben als Ganzes und als sinnhaften Lebenslauf vorstellen zu können sowie der „freie Blick auf das Selbst“, ohne die Delegationen und Erwartungen anderer). Drittens nennt Sprey (1968) die Entscheidungsförderung und viertens das fördernde Beistehen – womit ein Beziehungsraum in der sozialpädagogischen Beratung sowie ein Beratungsprozessmodell skizziert ist. Klaus Mollenhauer (1965) stellt in diesem Sinne Beratung als aufklärendes Verfahren in den Mittelpunkt seiner Argumentation. Bei ihm ist der Aspekt der Gesellschaftskritik in der Beratung besonders ausgeprägt. Beratung ist bei Mollenhauer wie bei Sprey die Vorbereitung einer Entscheidung. Die Beraterin oder der Berater solle zuhören und aus vielleicht besserer Übersicht eine Antwort geben und Möglichkeiten aufzeigen. Der pädagogische Sinn der Beratung liege darin, dass sie die Selbstfähigkeiten, die Produktivität, die Rationalität und die Fantasie der/s Ratsuchenden anspricht. Die entscheidende Funktion der Beratung sei, dass kritische Aufklärung in dem Sinne stattfinden könne, sich selbst objektiver zu betrachten. Als Entwicklung einer sozialpädagogischen Theorie haben sich anschließend an diese, aus der allgemeinen Pädagogik und Sozialpädagogik stammenden Grundsätze der Beratung, der Lebenslageansatz (Neurath 1931; Weisser 1978) und der Lebensweltansatz (Thiersch 1992) für die Beratung in der Sozialen Arbeit platziert, mittels derer ein spezieller sozialpädagogischer Beziehungsraum und ein reflexives Prozessmodell eröffnet wurden. 

5 Lebenswelt und Lebenslage

„Lebenslagen repräsentieren gesellschaftlich definierte, fördernde und behindernde Lebensumstände und Ressourcen zur Lebensgestaltung und Lebensbewältigung. Diese Ressourcen liegen für die von bestimmten Lebenslagen betroffenen Personen und Gruppen in Lebensbedingungen, die sich als Lebensumgebungen (z.B. Architektur, natürliche Umwelt), Lebensorte (Gesellschaften, Kulturen, Religionen …), Lebensbereiche (Familie, Freunde, Arbeitsplatz …), Lebensentwürfe (Ideologien …), und Lebensmittel (Recht, Einkommen, Status …), konkretisieren“ (Niepel 1989, S. 185 zit n. Nestmann 1997, S. 24).

Der Begriff der Lebenslage geht zurück auf den Volkswirtschaftswissenschaftler Otto Neurath (1931). Er entwickelte einen ersten theoretischen Entwurf der Lebenslage als einem qualitativen Begriff sozialer Ungleichheit: Neben dem Einkommen werden die Wohnverhältnisse, Lage und Ausstattung von Wohnungen, Gesundheit und der Zugang zu sowie die Qualität von medizinischer Versorgung einbezogen sowie schließlich der Zugang zu Bildungsgütern als Faktoren und Indikatoren der Lebenslage aufgeführt. Auch das Freizeitverhalten, also das Verbringen seiner persönlichen Zeit und die dazu gehörigen Ressourcen wie ein Garten oder Zugang zu Sport und Bewegung und entsprechenden Freizeiteinrichtungen, gehören zur Lebenslage. Neurath schlug vor, zur Erfassung der sozialen Lage der Bevölkerung Lebenslagekataster zu erstellen. Lebenslageanalysen sind Vergleichsanalysen. Die Daten der einzelnen Faktoren der Lebenslage werden gemessen am Durchschnitt der Bevölkerung. Auf diese Weise kann der Zugang zu Ressourcen ermittelt werden. Hans Weisser (1978) hat in den 1970er-Jahren die Entwürfe und Ansätze Neuraths weitergeführt. Heute spielt der Lebenslagebegriff in der sozialpädagogischen Armutsforschung eine wichtige Rolle und wird vor allem von August Chassé (2010) vertreten. Weisser kam es in den 1970er-Jahren darauf an, den Lebenslagebegriff auszuweiten und in Zusammenhang mit Ressourcen für die Lebensbewältigung zu bringen, die bei ihm auch innere Ressourcen sind. Zur Lebenslage zählte er auch die innere Realität, das psychische Befinden, die Einstellung zum Leben und umgekehrt den Grad der Verelendung. Dabei wird zwischen Verarmung, Verelendung, zwischen gefährdeten Lebenslagen und prekären Lebensverhältnissen unterschieden.

Die große Bedeutung der inneren Realität, die Frage des Denkens und der Einstellungen zum Leben werden besonders vom Konzept der Lebenswelt berücksichtigt. Die Lebenswelttheorie ist eine phänomenologische Theorie, die auf den Philosophen Edmund Husserl zurückgeht und sich mit der Besonderheit des Denkens, mit der zeitlichen, kulturellen und örtlichen Gebundenheit der Einstellungen und Erfahrungen befasst. Lebenswelt bezeichnet zentral den alltäglichen Sinnhorizont eines Menschen, den Rahmen, in dem sich sein Alltag, sein Denken, sein Erleben bewegt. Die Lebenswelt hat auf diese Weise eine Leitfaden- und Bodenfunktion (Husserl 1936). Für Husserl nimmt jede Erkenntnis ihren Ausgang auf dem Boden der Lebenswelt. Insofern kann man in der Beratung nicht einfach aufklären, ohne sich mit seinen Deutungen und Interpretationen an die Horizonte der Lebenswelt anzuschließen und wenn möglich, Teil der Lebenswelt einer Klientin oder eines Klienten zu werden. Das Lebensweltkonzept kann in strukturale und subjektive Strömungen differenziert werden. Vor allem die Theorie sozialer Milieus, die Feldtheorie und die Lebenslagetheorie gehören zu den strukturalen Ansätzen. Diese versuchen, das Lebensweltkonzept objektivierbar zu machen. Zu den subjektiven, für die sozialpädagogische Beratung bedeutsamen Ansätzen gehört die Biografie- und Lebenslaufforschung (Fillipp 1981; Rosenthal 1995), die Habitushermeneutik in der Tradition von Pierre Bourdieu (1997) und die phänomenologisch begründete Gesprächsführung in der Tradition von Carl Rogers (1972). Von aktueller Bedeutung sind zudem Anforderungen an Kultur- und Geschlechtersensibilität in der sozialpädagogischen Beratung (Gröning et al. 2015).

6 Lebensweltliches alltägliches Denken

Alfred Schütz (1932), ein Schüler Husserls, untersuchte Strukturen der Lebenswelt und legte den Grundstein einer für die Sozialpädagogik und ihre Beratung entwickelten Theorie des Alltags und des Milieus, die dann von Hans Thiersch (1978) ausgebaut und weitergeführt wurde. Das Verstehen eines Menschen setzt dabei die Fähigkeit voraus, sich seinen Alltag vorstellen zu können. Das Handeln des Menschen in seinem Alltag wird von Schütz als weder logisch noch ökonomisch angesehen. Im Gegensatz zur Theorie des Homo oeconomicus, der Lehre vom utilitaristisch und zweckrational kalkulierend handelnden Mensch in der Tradition des Ökonomen Gary Becker (1982), sei das reale lebensweltliche Handeln vor allem sinnhaft, das heißt von den Horizonten der Lebenswelt, also Milieu, historische Zeit, Lebensgeschichte und entsprechenden Erfahrungen mitbestimmt. Jede Handlung eines Menschen sei als Ergebnis bisheriger Erfahrungen zu verstehen. Die Erfahrungen werden in bewusste Sinnzusammenhänge geordnet oder sie werden durch Abwehrmechanismen (Freud 1936) unbewusst und wachsen zu einer Erfahrungswelt im Alltag zusammen. Die Erfahrungswelt hat eine räumliche, zeitliche und soziale Struktur. Ein Mensch verfügt über ein bestimmtes Wissen, welches er als bedeutsam für sich erachtet. An diesem Wissen orientiert er sich. Die Erfahrungen in der Lebenswelt verfestigen sich zu Denkweisen und Alltagssichten. Sie werden typisiert und vor dem Hintergrund bereits gemachter Erfahrungen geordnet und bewertet. Erfahrungen werden deshalb hinsichtlich ihrer Vertrautheit, Bestimmtheit und erst später in Bezug auf Glaubwürdigkeit und Widerspruchslosigkeit anhand des jeweiligen lebensweltlichen Wissensvorrates geprüft. Die Beratung folgt zunächst dem Prinzip der Vertrautheit der Lebenswelt, das heißt das freie Erzählen des Ratsuchenden spielt nach der Klärung des Rahmens der Beratung eine wichtige Rolle. Dieses freie Erzählen schafft jene Vertrautheit, die für die anschließende Reflexion der Erfahrungen eine wichtige Basis darstellt.

Beratung richtet sich sodann auf das Denken hinsichtlich Widerspruchslosigkeit und Glaubwürdigkeit. Sie beginnt reflexiv zu werden (dazu auch Dewey 1951). Um das Denken von Menschen rekonstruieren und damit verstehen zu können, haben sich seit den 1970er-Jahren im Umfeld der Theorie sozialer Arbeit zwei Ansätze platziert, die als qualitative interpretative Forschungsmethoden entwickelt wurden, jedoch sehr gut für die Verwendung im Kontext der Beratung geeignet sind. Dies sind zum einen der ältere Deutungsmusteransatz (Oevermann 1973), zum zweiten die dokumentarische Methode und der hierin entwickelte Begriff des Orientierungsrahmens (Bohnsack 2007) zur Beschreibung des erfahrungsbezogenen Denkens innerhalb bestimmter sozialer Erfahrungsräume. Beide sind für eine Theorie des Verstehens in der Beratung grundsätzlich verwendungsfähig. Ihre Stärke liegt darin, dass es sich bei diesen Methoden um Zugänge zum Verstehen der Lebenswelt handelt, die von psychotherapeutischen Methoden nicht berücksichtigt werden. Allerdings ist hier Forschungsbedarf zu konstatieren. Deutungsmuster beschreiben Alltagsideologien und sehr feststehende Überzeugungen, die die Lebensführung, die Erziehung der Kinder, die alltäglich geltenden Normen und die Sichtweise auf die eigenen Probleme betreffen. Routinen, Gewohnheiten, Familientraditionen werden als innere Orientierungen genutzt und strukturieren das Handeln. Deutungsmuster und Orientierungsrahmen werden zumeist schon in einem ausführlichen Erstgespräch erfahrbar und können mithilfe interpretativer Forschungsmethoden nachvollzogen werden (dazu auch Becker-Lenz und Lüscher 2012; Gröning 2016). Da Fälle in der Sozialen Arbeit die Tendenz haben, sich über mehrere Jahre zu erstrecken, wird die Durchführung einer Deutungsmusterinterpretation oder einer objektiven Hermeneutik wissenschaftlich empfohlen (Becker-Lenz und Lüscher 2012).

7 Verstehen

Verstehen kann als seelischer Vorgang und Eintreten in eine Resonanzbeziehung qualifiziert werden. Empathie, Identifizierung, Mimesis und Resonanz sind Schlüsselbegriffe im Verstehensprozess und zeigen an, dass es sich dabei um etwas zutiefst Menschliches handelt, was sich mit technischen Mitteln nicht herstellen lässt. Verstehen wird zweitens als gegenseitige, in einer Beziehung aufgehobene Rekonstruktion von Erfahrung und Weltinterpretationen kategorisiert. Und schließlich kann man auch eine Maschine verstehen, das heißt auf der Basis mechanischer Kausalitäten. Im Sinne dieser Dreiteilung des Verstehensbegriffs sagt Bongaerts (2010), dass das Verstehen eines Menschen sowohl auf Beobachtung und Interpretation als auch auf Identifikation und seelischer Zustimmung beruhen kann.

Unabhängig von meiner eigenen Zustimmung, muss ich aber beim Verstehen einen inneren Raum in mir erschaffen, in dem sich das Erzählte und die Person des Anderen in mir abbilden kann. In diesem Sinn hat Verstehen immer etwas mit Regression zu tun, mit Teilnahme, Betrachtung, Faszination und Begegnung. Um etwas zu verstehen, muss ich eine Fantasie zu dem, was ich verstehen will, entwickeln können. Eine allein auf Beobachtung basierende Haltung reicht für diese Form des Verstehens nicht aus. Es handelt sich um die menschliche Fähigkeit, mich mit dem anderen ähnlich zu machen, um eine Mimesis (Hörster und Müller 1996, S. 629). Hörster und Müller nennen diese Fähigkeit zum „Sich-Ähnlich-machen“, das mimetische Vermögen und den Anfang jedes pädagogischen Handelns. Heute wird in der Bindungstheorie (Bowlby 1995) das Sich-Ähnlich-machen als wesentliche seelische Voraussetzung der Mutter angesehen, ihr Kind am Leben zu erhalten. Wir sprechen vom Akt des Spiegelns und damit verwandt des Haltens bei Winnicott (Neubaur 1987) und des Auffangens (Containing bei Bion 2002, 1963). Alle drei Fähigkeiten gehören zum seelischen Verstehen (Gröning 2013). 

8 Das Arbeitsbündnis

Wenn das zentrale Beratungsziel im Kontext sozialer Arbeit, wie erläutert, in der Förderung von Mündigkeit der Ratsuchenden liegt, gehört die Kontraktierung der Beratung konstitutiv zum Beratungsprozess dazu und ist ihre wichtigste Institution. Die Kontraktierung von Beratung transzendiert den amtlichen Einfluss auf die Beratung. Der Kontrakt soll Beratende und Ratsuchende zu gleichen Partnerinnen und Partnern machen und dem Ratsuchenden damit Ängste, Schamgefühle und infantile Gefühle nehmen. Im Mittelpunkt des Beratungskontraktes steht das Vertrauen, weshalb der Berater/die Beraterin sich als Anwalt ihrer Klientele verstehen sollte, was auch ausschließt, dass Beraterinnen und Berater sich gegenüber ihrem Klientel naiv verhalten. Der Kontrakt ist demnach keine Vereinbarung über Geben und Nehmen, Rechte und Pflichten, kein Instrument der Disziplinierung und Kontrolle wie dies derzeit im Umfeld von amtlichen Beratungsprozessen stattfindet. Der Kontrakt soll in erster Linie der rechtsstaatlichen Ethik folgen. In zweiter Linie soll er Übertragungen und vor allem am Anfang der Beratung wirkungsmächtige Mechanismen wie Projektionen, Regression und Übertragungen auffangen. Der Beratungskontrakt nimmt Rücksicht auf die Verletzungsoffenheit von Klientinnen/​Klienten und Ratsuchenden und regelt zudem das Verhältnis von Nähe und Distanz. Inhalte des Kontraktes sind innere und äußere Dimensionen der Beratung. Was ist der Beratungsgegenstand, was die Ziele? Welches ist das Beratungssetting, wie ist zu kommunizieren, wenn Gegenstand und Setting sich verändern? Wie entsteht Vertrauen in der Beratung, was müssen Beraterinnen und Berater tun, damit Ratsuchende ihnen vertrauen können. Wie kann man mit Störungen im Beratungsprozess umgehen? Selbstverständlich können im Kontrakt auch äußere Bedingungen der Beratung wie Zeiten und Fristen für Absagen von Terminen festgelegt werden.

In der Sozialpädagogik spricht Burghard Müller (1985, S. 119) vom Arbeitsbündnis, welches er als „working consensus“ bezeichnet. Im Sinne der Anwaltlichkeit erteilt die Klientin oder der Klient der Beraterin oder dem Berater ein Mandat. Die Klientin oder der Klient braucht die Hilfe der Beraterin oder des Beraters und beide treten in eine Koproduktionsbeziehung. Die Interdependenz der Beziehung, die für jede soziale Dienstleistung konstitutiv ist, wird in einem Kontrakt festgehalten, welcher als äußerer und innerer Rahmen verstanden werden kann. Vor allem der innere Rahmen setzt auf die Vernunft der Klientin oder des Klienten, auf ihren oder seinen Willen zur Mündigkeit. Ein freiwillig und vernünftig zustande gekommener Kontrakt mündet in einen Konsens über die Beratung (Müller 1985, S. 118). Müller zeigt auf, dass „systematisch verstellte Beziehungen“ den Anforderungen an Kontrakt und Arbeitsbündnis nicht gerecht werden können. Das Arbeitsbündnis ist deshalb eine Kontraktethik, die von der Anerkennung des/der Ratsuchenden als Rechtsperson geprägt ist (hierzu auch Gröning 2012, S. 38 ff.).

9 Die beraterische Haltung – Vertrauen und Takt

Jeder Beratung wohnt ein Moment der Kunst inne, in deren Mittelpunkt das Vertrauen der Klientin oder des Klienten und die Entstehung eines besonderen ethischen und kreativen Raumes steht. Die Fähigkeit zur Herstellung des Vertrauens wurzelt im Takt und in der professionellen Rollenbewusstheit des Beraters oder der Beraterin sowie in ihrer Fähigkeit, den Ratsuchenden seelisch zu sehen. Ein Beratungsprozessmodell, das auf Vertrauen aufbaut, verfügt über eine Kontraktethik und über die Fähigkeit der Beratenden, ein inneres Arbeitsbündnis herzustellen sowie haltende, entgiftende, ordnende und entscheidungsfördernde Interventionen zu platzieren. Eng mit dem Vertrauen verbunden ist der Takt. Jakob Muth (1967) diskutierte den Takt als Haltung von Rücksicht auf die Verletzlichkeit, die Bedürftigkeit und Beschämbarkeit des Ratsuchenden. Takt ist hier nicht nur das Bemühen, einer Person Gutes zu tun, sondern bestünde aus Zurückhaltung und jenem Feingefühl, die es dem anderen ermöglicht, sich zu öffnen (Muth 1967, S. 15). Die Zurückhaltung, so Muth, sei deshalb bedeutsam, weil sie auf ein Nichtmanipulieren des anderen abziele (Muth 1967, S. 22). Takt stehe im Gegensatz zur Aufdringlichkeit, zum Veränderungswillen und zur Aggressivität. Takt äußert sich bei Muth in der Verbindlichkeit der Sprache, in ungekünsteltem Verhalten, in der Vermeidung der Verletzung des anderen und in der Wahrung der Distanz.

„Um jeden Menschen“, schreibt Georg Simmel in seiner Soziologie der Distinktion, „liegt eine ideelle Sphäre, in die man nicht eindringen kann, ohne den Persönlichkeitswert des Individuums zu zerteilen. Einen solchen Bezirk legt die Ehre um den Menschen“ (Simmel 1986, S. 265). Mit diesem Kommentar zur Distinktion hat Simmel die Bedeutung des Taktes beschrieben und den Takt als Gegenstück zur Scham, dem wohl „giftigsten Störungsmoment“ in der Beratung beschrieben.

10 Die beraterische Haltung – Umgang mit Scham

Scham wird von Norbert Elias im zweiten Band seines „Prozess der Zivilisation“ (1976, S. 394 ff) als Reaktion auf Bloßstellung verstanden. Menschen sind verletzungsoffen, sagt auch Heinrich Popitz (1992) in „Phänomene der Macht“ und genau deshalb seien wir als verletzungsoffene Wesen beschämbar. Das Sich-Schämen ist bei Elias (1976) eine Grunderfahrung. Max Scheler (1957, S. 91) spricht in Bezug auf die seelische Scham davon, dass sich Beschämung gegen uns als geistig-seelische und verletzungsoffene Person richtet, als Person, die ein Bewusstsein von sich hat und entsprechend fühlt. Da die Erfahrung der Scham sich auf die gesamte Existenz bezieht, wird angenommen, dass sie ein frühes Gefühl ist, welches in der vorsprachlichen Entwicklung beginnt. Die Entwicklungslinie der Scham beginnt bei der Seelenscham im Säuglingsalter, die entsteht, wenn es dem Kind nicht gelingt, in seinen Bezugspersonen Gesten der Zustimmung und Anerkennung hervorzurufen, sie geht in der analen Phase über in die Körperscham, wenn die unreinen Körperregionen die besondere Aufmerksamkeit in der Erziehung erhalten und das Kind lernt, diese als niedrigen Teil seines Ichs zu verstehen. Schließlich können auf der Ebene der Entwicklungsaufgabe „Initiative“ (Erikson 1982) Schamgefühle wegen der eigenen Triebhandlungen genannt werden. Die soziale Scham entsteht hingegen, wenn soziale Unterlegenheit wahrgenommen wird, also später im Lebenslauf.

Zu unterscheiden ist demnach schamtheoretisch zwischen einer Körperscham, einer sozialen Scham (Neckel 1991, 2006) und einer seelischen Scham (Gröning 2014). In Beratungssituationen, vor allem am Anfang, spielt die seelische Scham eine große Rolle, wenn es für die oder den Ratsuchenden darum geht, in der Beraterin oder im Berater Zustimmung und positive Resonanz zu erzeugen. Eine sehr frustrierende und beschämende Erfahrung dürfte es sein, wenn die Beraterin oder der Berater keinen Zugang zur inneren Realität der Klientin oder des Klienten findet, wenn sie oder er sie oder ihn einfach nicht verstehen kann. Dabei ist das Verstehen nicht nur im Sinne eines mimetischen Verstehens also eines reaktiven sich ähnlich Machens gemeint, genauso wenig, wie eine Diagnose oder Analyse die Scham begrenzen können (vgl. zur Theorie des Verstehens auch die Kategorien von Bongaerts 2010). Diese beiden Formen des Verstehens, das miteinander Verstehen also die Mimesis und das Analysieren dürften in der Praxis der Beratung sehr häufig vorkommen, das für den Beratungsprozess eigentlich wichtige Verstehen ist indessen tatsächlich das Verstehen in Form von Sinnrekonstruktionen und das Erfassen sowohl eines strukturalen als auch eines latenten Sinns in der Beratung. Hinzu kommt eine Dimension des seelischen Verstehens, die Thomas Auchter (2000) das Halten genannt hat und deren Bedeutung er als zentral annimmt. Diese gemeinsame Bewegung des Sinnverstehens von strukturalem, subjektivem und latentem Sinn verbunden mit Ermutigung und Takt dürfte einen wichtigen Teil der Beratungskunst beschreiben. Und sie ist das Gegenmittel zur seelischen Scham.

Scham ist bei Scheler „das Seelenkleid“ (1957, S. 86) und auch Leon Wurmser (1993) nennt die Scham die Hüterin der Würde. Die seelische Scham ist nach Wurmser die früheste Form der Scham, die zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr beginnt und im Kontext des Spiegelstadiums im Sinne Winnicotts ihre Wurzeln hat. Im Mittelpunkt der seelischen Scham steht der Liebeswert, so Wurmser, der davon spricht, dass eine primäre und sehr frühe Scham dort entsteht, wo es nicht gelingt, im Anderen Gefühle der seelischen Aufmerksamkeit, der Zustimmung und der Achtung zu entwickeln. Ein sehr massives Beispiel zum Verhältnis von Scham und Schuld haben Micha Hilgers und Till Bastian in einem Artikel über Kain und Abel aufgeführt. Nach Auffassung beider Autoren ist es die Seelenscham, die Unmöglichkeit für Kain, in Jahwe Zustimmung für sein Opfer und seine Person zu wecken, die zum Auslöser eines vernichtenden Neides gegenüber Abel wird. Bastian und Hilgers interpretieren die Kain- und Abel-Geschichte neu. Sie übernehmen die Perspektive Kains. Die Zurücksetzung durch Jahwe, seine Abwendung, das heißt das vernichtende Urteil gegenüber Kain, löst bei diesem Hass und Aggression aus. Als absolute Autorität nimmt Jahwe für sich das Recht in Anspruch zurückzusetzen und vorzuziehen. Die emotionale Zustimmung durch die Autorität wird in der Geschichte von Kain und Abel zum zentralen Punkt sich würdig und als Person zu erleben. Die Verweigerung dieser Zustimmung ist nicht nur eine Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung, sondern auch ein Auslöser für eine Schamregression. Die Schamregression wird durch das Gefühl hervorgerufen, ausgestoßen zu sein aus der Gruppe und nicht anerkannt von der Autorität.

11 Haltende Kommunikation

Ratbedürftige und ratsuchende Menschen befinden sich in einem seelischen Spannungszustand, den Beraterinnen und Berater am besten verändern, wenn sie sich empathisch verhalten. Die Beraterin oder der Berater muss ein Gespür dafür haben, in welchem Affektzustand die Klientin oder der Klient sich bewegt, Wut, Angst, Verwirrung müssen mitgefühlt und nachvollzogen werden können. Empathie bedeutet, in das Leben der Person einzutreten und keine Urteile zu fällen, keine Gefühle aufzudecken und nicht zu konfrontieren, das wäre zu bedrohlich. Das Spiegeln sei eine Art Beiseite-Legen der eigenen Person und deshalb besonders schwierig. Rogers geht aber davon aus, dass es vor allem die Erfahrung des Verstehens und Übereinstimmens ist, die zur inneren Freiheit der Klientin oder des Klienten, zur Katharsis und zum Lernen führt. Empathie richtet sich auf die innere Welt der Klientin oder des Klienten, ihr bzw. sein Selbstbild, Weltbild, Menschenbild, wie es sich ihr oder ihm darstellt und bestimmend ist für ihr/sein Fühlen, Wahrnehmen und Erleben. Dazu gehört die Bereitschaft der Beraterin oder des Beraters, die Welt der Klientin oder des Klienten nicht nur zu erspüren, sondern auch zu antworten. Was sie oder er verstanden hat, wird zurückgespiegelt. Dies ist der Kern des helfenden und befreienden Dialogs.

12 Umgang mit Verstrickungen und Krisen

In der sozialpädagogischen Beratung kommt es immer wieder zu Krisensituationen. Kennzeichen für eine Krise sind meist an der Beraterin oder am Berater selbst zu merken (Devereux 1967). Beraterinnen und Berater sind auf einmal hoch involviert, verstricken sich mit der Klientin oder dem Klienten und wissen häufig nicht, ob sie die Beratung fortsetzen oder die Klientin bzw. den Klienten in eine Therapie weiterverweisen sollen. Mit diesen klinischen Aspekten der sozialpädagogischen Beratung hat sich der Psychoanalytiker Helmut Junker (1978) schon früh befasst, die er aber leider für die gesamte sozialpädagogische Beratung generalisiert und nicht auf die Krisenintervention begrenzt. Er versteht die sozialpädagogische Beratung wie Rogers deshalb eher als einen therapeutischen Raum, was heute so nicht mehr anerkannt wird. In besonderen Beratungssituationen ist es für die sozialpädagogische Beratung jedoch unerlässlich, ein Konzept für den Umgang mit „schwierigen Klienten“ und solchen in Krisensituationen bereitzuhalten. Das psychoanalytische Beratungsmodell ist durchgängig beziehungsreflexiv. Es kann für die Klientin bzw. den Klienten keinen Rat geben, sondern nur einen Prozess, den Junker beschreibt als: Verstehen – Identifizieren – Kontakt – Empathie – Rationalität. Ziel der Beratung sei nicht das Lösen von Problemen, sondern ein verändertes Verhältnis zu sich selbst. Bei Junker erhält die jeweilige psychische Struktur der Beraterin oder des Beraters und der Klientin bzw. des Klienten eine zentrale Bedeutung. Er versteht Beratung als die Wiederholung der frühen Beziehungsmuster und interpretiert diese als Dynamik zwischen Beraterin/​Berater und neurotischer Klientin bzw. neurotischem Klienten. Zur Dynamik in der Beratung gehört auf Seiten der Klientin bzw. des Klienten dann die Entwertung, die Sturheit, das Besserwissen, die Flucht, die Vermeidung etc. Maßgabe ist:

  • die Klientin oder den Klienten sprechen zu lassen,
  • Angebote zum Kontaktabbruch nicht anzunehmen,
  • Entwertungen nicht zu akzeptieren,
  • Konflikte zu akzeptieren und Konflikte ernst zu nehmen,
  • Konflikte durchzuarbeiten und das Ich der Klientin oder des Klienten vor ihren bzw. seinen Über-Ich-Attacken zu schützen, das heißt Hoffnung und Ermutigung auszusprechen,
  • erst spät das Realitätsprinzip aufzuzeigen und Wege aufzuzeigen, um zu praktischen kleinschrittigen Lösungen zu kommen,
  • auf Druck zu verzichten.

Im Umgang mit den beraterischen Krisen gelten vor allem jene Prinzipien der Gesprächsführung, die den Klienten/die Klientin stabilisieren und orientieren, das sind die Formen des seelischen Verstehens wie Zustimmung, Ermutigung, Spiegeln und Anerkennung. In der Krisenintervention ist zudem eine Problemanalyse, eine gemeinsame Problemdefinition und eine Problemhierarchie zu erstellen. Eine Krise äußert sich durch eine starke Polarisierung der Wahrnehmung. Es existiert häufig nur noch schwarz und weiß, die Welt wird als bedrohlich, verfolgend und böse wahrgenommen. Für eine solche Beratung ist es auch angezeigt das Setting so zu ändern, dass für die Klientin oder den Klienten eine Entwicklung möglich ist, z.B. Begleitung der Klientin oder des Klienten zu anderen Stellen, Vermittlung von Gesprächen, Abarbeiten von Sachproblemen.

13 Abschied und Perspektive

Auch die sozialpädagogische Beratung sollte mit einer Abschlussreflexion und einem Abschlussritual beendet werden. Diese Abschlussreflexion beinhaltet die Bewertung der Beratung durch die oder den Ratsuchenden und sollte kommunikativ und nicht im Sinne einer Evaluation oder Kundenbefragung ablaufen. Der oder dem Ratsuchenden ist Gelegenheit zu geben, zu erklären, was in der Beratung gut und was weniger gut für sie/ihn war, was er oder sie mitnimmt und welche Bedeutung die Beratungserfahrung für ihn oder sie als Ganzes hatte. Kommt die oder der Ratsuchende nicht und wird Beratung abgebrochen, so ist es ein Weg, eine nachgehende telefonische Abschlusssitzung durchzuführen, in dem diese Fragen erörtert werden. Auch ein Brief und eine Nachricht der Beraterin oder des Beraters sind vielfach wertvoll. Das Abschiedsritual sollte aus Wertschätzung und Anerkennung für die Leistungen der oder des Ratsuchenden während der Beratung bestehen. Es geht darum, etwas zu sagen, was die Persönlichkeit und das Problem der oder des Ratsuchenden und ihre oder seine Bedeutung angemessen beschreibt. Ein weiterer wichtiger Punkt im Abschluss einer sozialpädagogischen Beratung ist die Frage danach, wie es weiter geht und ob es eine Rückkehr zur Beratung geben kann sowie weitere Hilfen und Möglichkeiten zu erörtern.

14 Quellenangaben

Auchter, Thomas, 2000. Das Halten und seine Bedeutung in der allgemeinen und der psychotherapeutischen Entwicklung. In: Wege zum Menschen: Zeitschrift für Seelsorge und Beratung, heilendes und soziales Handeln. 52, S. 464–476. ISSN 0043-2040

Becker, Gary S., 1982. Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens. Tübingen: Mohr. ISBN 978-3-16-943022-2

Becker-Lenz, Roland und Daniel Lüscher, 2012. Der Nutzen der objektiv hermeneutischen Diagnostik in der Sozialen Arbeit. In: Neue Praxis: Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik. 42(5), S. 475–492. ISSN 0342-9857

Bion, Wilfred, 1963. Lernen aus Erfahrung. Stuttgart: Klett

Bion, Wilfred, 2002. Eine Theorie des Denkens. In: Elizabeth Bott-Spillius, Hrsg. Melanie Klein heute: Entwicklungen in Theorie und Praxis. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 225–235. ISBN 978-3-608-95985-7

Bohnsack, Ralf, 2007. Dokumentarische Methode und praxeologische Wissenssoziologie. In: Rainer Schützeichel, Hrsg. Handbuch Wissenssoziologie und Wissensforschung. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, S. 180–190. ISBN 978-3-7445-1619-8

Bongaerts, Gregor, 2010. Über das verstehen. In: Katharina Gröning und Cornelia Hoffmann, Hrsg. Studienbrief Forschungsmethoden im Weiterbildenden Masterstudiengang Supervision und Beratung. Bielefeld, S. 9–29

Borowski, Peter, 1998. Sozialliberale Koalition und innere Reform. In: Bundeszentrale für politische Bildung, Hrsg. Informationen zur politischen Bildung: Heft: Zeiten des Wandels. Nr. 258, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 31–40.

Bourdieu, Pierre, 1997. Der Tote packt den Lebenden Schriften zur Politik und Kultur. Hamburg: VSA-Verlag. ISBN 978-3-87975-622-3

Bowlby, John, 1995. Elternbindung und Persönlichkeitsentwicklung: Therapeutische Aspekte der Bindungstheorie. Heidelberg: Dexter. ISBN 978-3-929224-01-6

Chassé, Karl August, 2010. Unterschichten in Deutschland: Materialien zu einer kritischen Debatte. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. ISBN 978-3-531-92140-2

Devereux, Georges, 1967. Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Dewey, John, 1951. Wie wir denken. Zürich: Morgarten-Verlag

Elias, Norbert, 1976. Der Prozess der Zivilisation. 2. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag. ISBN 978-3-518-27759-1

Erikson Erik H., 1982. Identität und Lebenszyklus: Drei Aufsätze. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-27616-7

Fillipp, Sigrun Heide, 1981. Kritische Lebensereignisse. München: Urban und Schwarzenberg. ISBN 978-3-541-09921-4

Freud, Anna, 1964 [1936]. Das Ich und die Abwehrmechanismen. München: Kindler

Frommann, Anne, 2008. Menschlichkeit als Methode: Sozialpädagogische und biografische Texte. Mössingen-Talheim: Talheimer. ISBN 978-3-89376-127-2

Frommann, Anne, Dieter Schramm und Hans Thiersch, 1976. Sozialpädagogische Beratung. In: Zeitschrift für Pädagogik. 22(5), S. 715–741. ISSN 0044-3247

Gröning, Katharina, 2011. Pädagogische Beratung: Konzepte und Positionen. 2., aktualisierte und überarbeitete Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften/​Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden. ISBN 978-3-531-14874-8

Gröning, Katharina, 2012. Beratungskunst. In: Annemarie Bauer, Katharina Gröning, Cornelia Hoffmann und Anne-Christin Kunstmann, Hrsg. Grundwissen pädagogische Beratung. Göttingen: UTB, S. 37–48. ISBN 978-3-8252-3744-8 [Rezension bei socialnet]

Gröning, Katharina, 2013. Supervision. Gießen: Psychosozial-Verlag. ISBN 978-3-8379-2232-5 [Rezension bei socialnet]

Gröning, Katharina, 2014. Entweihung und Scham: Grenzsituationen in der Pflege alter Menschen. 6., Auflage. Frankfurt am Main: Mabuse. ISBN 978-3-86321-187-5

Gröning, Katharina, 2016. Sozialwissenschaftlich fundierte Beratung in Pädagogik, Supervision und Sozialer Arbeit. Gießen. Psychosozial-Verlag. ISBN 978-3-8379-2508-1 [Rezension bei socialnet]

Gröning, Katharina, Anne-Christin Kunstmann und Cornelia Neumann, Hrsg. 2015. Geschlechtersensible Beratung. Gießen: Psychosozial-Verlag. ISBN 978-3-8379-2435-0

Hornstein, Walter, 1977. Beratung in der Erziehung – Ansatzpunkte, Voraussetzungen, Möglichkeiten – eine Einführung. In: Walter Hornstein, Rainer Bastine, Helmut Junker und Christian Wulf, Hrsg. Beratung in der Erziehung. Band 1. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag, S. 21–60. ISBN 978-3-436-02455-0

Hörster, Reinhard und Burkhard Müller, 1996. Zur Struktur sozialpädagogischer Kompetenz: Oder: Wo bleibt das Pädagogische der Sozialpädagogik? In: Arno Combe und Werner Helsper, Hrsg. Pädagogische Professionalität. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 614–648. ISBN 978-3-518-28830-6

Husserl, Edmund, 1962 [1936]. Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie. Den Haag: Nijhoff

Junker, Helmut, 1978. Das Beratungsgespräch. München: Kösel-Verlag. ISBN 978-3-466-30068-6

Lütkehaus, Ludger, 2006. Natalität: Philosophie der Geburt. Zug/Schweiz: Graue Edition. ISBN 978-3-906336-47-3

Mollenhauer, Klaus und Carl Wolfgang Müller, 1965. Das pädagogische Phänomen Beratung. In: Klaus Mollenhauer und Carl Wolfgang Müller. Führung und Beratung in pädagogischer Sicht. Heidelberg: Quelle & Meyer, S. 25–41

Muth, Jakob, 1967. Pädagogischer Takt: Monographie einer aktuellen Form erzieherischen und didaktischen Handelns. 2., durchges. Auflage. Heidelberg: Quelle & Meyer

Müller, Burkhard, 1985. Die Last der großen Hoffnungen: methodisches Handeln und Selbstkontrolle in sozialen Berufen. Weinheim: Juventa. ISBN 978-3-7799-0659-9

Neckel, Sighard, 1991. Status und Scham: Zur symbolischen Reproduktion sozialer Ungleichheit. Frankfurt am Main: Campus-Verl. ISBN 978-3-593-34576-5

Neckel, Sighard, 2006. Scham und Schamsituationen aus soziologischer Sicht. In: Forum Supervision. 14(2), S. 37–50. ISSN 0942-0045

Nestmann, Frank, 1997. Beratung: Bausteine für eine interdisziplinäre Wissenschaft und Praxis. Tübingen: Dt. Ges. für Verhaltenstherapie. ISBN 978-3-87159-133-4

Neubaur, Caroline, 1987. Übergänge, Spiel und Realität in der Psychoanalyse Donald W. Winnicotts. Frankfurt am Main: Athenäum. ISBN 978-3-610-00743-0

Neurath, Otto, 1931. Empirische Soziologie. Wien: Springer Verlag

Niepel, T., 1989. Soziale Ökologie und soziale Arbeit [Diplomarbeit]. Bielefeld: Universität Bielefeld, Fakultät für Pädagogik

Oevermann, Ulrich, 2001. Zur Analyse der Struktur von sozialen Deutungsmustern. In: Sozialer Sinn. 2(1), S. 3–33. ISSN 1439-9326

Popitz, Heinrich, 1992. Phänomene der Macht. 2., stark erw. Auflage. Tübingen: Mohr. ISBN 978-3-16-145897-2

Rogers, Carl R., 1972. Die nicht-direktive Beratung: Counseling and psychotherapy. München: Kindler. ISBN 978-3-463-00535-5

Rosenthal, Gabriele, 1995. Erzählte und erlebte Lebensgeschichte. Frankfurt am Main: Campus-Verlag. ISBN 978-3-593-35291-6

Scheler, Max, 1957. Über Scham und Schamgefühl. Schriften aus dem Nachlass, Band 1. Bern, Francke

Schulin, Bertram und Olaf Gebler, 1992. Rechtliche Probleme des Beratungswesens. In: Vierteljahresschrift für Sozialrecht 10(1), S. 33–70. ISSN 0941-861X

Schütz, Alfred, 1974 [1932]. Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt: Eine Einführung in die verstehende Soziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-07692-7

Simmel, Georg, 1986 [1901]. Zur Psychologie der Scham. In: Georg Simmel. Schriften zur Soziologie. Hrsg. u. eingeleitet von Heinz-Jürgen Dahme und Otthein Rammstedt. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 151–158. ISBN 978-3-518-28034-8

Sprey, Thea., 1968. Beraten und Rat geben in der Erziehung. Weinheim: Beltz-Verlag

Thiersch, Hans, 1978. Alltagshandeln und Sozialpädagogik. In: Neue Praxis. 8, S. 6–25. ISSN 0342-9857

Thiersch, Hans, 1992. Lebensweltliche Sozialpädagogik. Weinheim: Beltz-Verlag

Weisser, Gerhard, 1978. Beiträge zur Gesellschaftspolitik: philosoph. Vorfragen, beratende Sozialwiss., soziale Sicherung, Mitbestimmung, Verteilungs- u. Vermögenspolitik, Ordnungspolitik, bes. Einzelwirtschaftspolitik. Göttingen: Schwartz. ISBN 978-3-509-01033-6

Wurmser, Léon, 1987. Flucht vor dem Gewissen. Berlin: Springer. ISBN 978-3-540-17733-3

Autorin
Prof. Dr. Katharina Gröning
Mailformular

Es gibt 1 Lexikonartikel von Katharina Gröning.


Zitiervorschlag
Gröning, Katharina, 2020. Beratung (Soziale Arbeit) [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 17.07.2020 [Zugriff am: 04.08.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Beratung-Soziale-Arbeit

Urheberrecht
Dieser Lexikonartikel ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion des Lexikons für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Autorin

Prof. Dr. Katharina Gröning
Mailformular

veröffentlicht am 17.07.2020

Legende

Link zu Lexikonartikel
Link zu Lexikonartikel in Arbeit
Sprung zu Quellenangaben und Literaturhinweisen

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!